Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie
Part 10
Anthoine wurde totenblaß, er blieb stumm, ging stumm durch eine schmale Gasse, die nach dem Schottentor zuführte, und murmelte endlich: »Hier!« Ein unansehnliches Haus nahm die Freunde auf, die Treppen waren ausgetreten und schmutzig, hinter einer Türe weinte jemand laut, und Adrian Rudolph staunte über das armselige Quartier des Freundes. Vielleicht hatte der ihn darum nicht mitnehmen wollen. Und warum lebte er so, war er mittellos? So arm waren doch die Charreards nicht mehr.
Bis unter das Dach hinauf stieg Anthoine de Charreard. Oben rief er: »Ich bin's,« wollte noch etwas hinzufügen, da wurde rasch die Türe aufgerissen und ganz im hellen Licht stand ein schlanker, bleicher Knabe.
Adrian erschrak. »Louison!« rief er und wiederholte ganz bestürzt: »Louison!«
Louison de St. Laurent, die Jugendgefährtin, stand vor ihm. Glut und Blässe liefen über das schmale Gesichtchen. Sie wollte des Freundes Namen nennen, aber nur ein zitterndes Lallen kam über ihre Lippen. Sie streckte wie hilfeflehend die Arme aus, ein kurzes, heiseres Aufschluchzen entrang sich ihr, dann taumelte sie, sank auf einen Stuhl, der Kopf schlug hart auf die Tischplatte auf, und plötzlich rutschte sie von der Bank herab, sie war ohnmächtig geworden.
Die Freunde nahmen sie, hoben sie auf das schmale Bett und Anthoine goß ihr etwas Wein ein, rieb ihr die Schläfen und rief ängstlich ihren Namen. Da schlug Louison endlich die Augen auf, unnatürlich groß glänzten sie in dem mageren, bleichen Gesichtchen. Die strahlend schöne Hofjungfer der Herzogin Marie war das nicht mehr.
Und nun bekam Adrian Rudolph die ganze trauervolle Geschichte zu hören. Von den Unglücksjahren, die Louison in Paris an der Seite des eitlen, kaltherzigen Mannes verlebt hatte, von ihrer Flucht, und wie sie beide sich wochenlang in Regensburg hatten verborgen halten müssen, wie sie dann doch hatten heimwärts ziehen wollen, aber in einer Herberge, nahe der Heimat, durch Zufall erfahren hatten, daß Louison verfolgt würde und in Verhaft genommen werden sollte.
Da waren sie beide, wie sie es zuerst gewollt, nach Wien gezogen. Vierzehn Tage später hatten sie in einer belagerten Stadt fast ohne Mittel gesessen. Es war ein kümmerliches Leben, das sie führten, voll Angst vor Entdeckung, weil Louison zwei Tage nach ihrer Ankunft den Obersten de St. Laurent auf der Gasse erblickt hatte. Sie war unerkannt geblieben, aber seitdem hatte sie sich nicht wieder hinausgetraut, und sie verbrachte die vielen Stunden, in denen Anthoine fern sein mußte, einsam in der heißen Kammer.
»Der Oberst de St. Laurent ist nicht mehr hier,« sagte Adrian. »Ich habe es zufällig gestern erfahren, er wäre in das polnische Hauptquartier gezogen, kurz nach des Kaisers Flucht.«
»Er ist ein Verräter,« sagte Louison hart.
»Das sagte der, der es mir erzählte, auch, man hat ihm offenbar hier mißtraut.«
Wie ein schwerer Stein war der Name des Mannes zwischen die drei gefallen. Sie saßen stumm da, starrten auf den Boden nieder, hörten das Dröhnen der Geschütze, die gegen die belagerte Stadt gerichtet waren, und auf einmal sagte Louison leise: »Wären wir doch alle in Pösen!«
»Ach ja, daheim im stillen Friedenstal.«
»Oder auf der Leuchtenburg,« murmelte Adrian Rudolph. Er dachte an den weiten, fernen Blick über das liebliche Gelände, und eine unbändige Sehnsucht dort zu sein, erfaßte ihn. Unwillkürlich packte er die Hände der Geschwister und so saßen die drei Heimatgenossen still in der fremden, belagerten Stadt zusammen, bis Anthoine ihrer Sehnsucht wieder Ausdruck gab: »Wenn wir jetzt durch den Wald reiten könnten!«
»Ja, am Rabenhof vorbei, wo mag der Niklas sein? Und Jeannettchen, wie geht es ihr?«
»Sie ist Heinrich von Dracksdorfs Frau?«
Adrian Rudolph nickte. »Das war die letzte Nachricht, die ich bekam. Er hat das beste Teil erwählt.«
Sie schwiegen wieder. Hinter dem niedrigen Dachfenster flammte jetzt roter Schein auf. In einer der Vorstädte brannte ein Haus. Die Geschütze dröhnten. Trommelwirbel tönte auf der Gasse, Trompetensignale wurden gegeben. Louison de St. Laurent sah sich auf einmal wieder auf Niklas' Knien sitzen, hörte ihn von seinen Kriegsfahrten erzählen, und sie sagte leise den oft gehörten Reim:
»Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen. Weh Reich und Armen ohn alles Erbarmen.«
»Wir müssen zusammen bleiben, wir drei Thüringer!« rief Adrian.
»Ja, zusammen, das ist mehr Schutz für Louison, wenn --« Anthoine de Charreard sprach das Wort nicht aus, das furchtbare Wort: »Wenn Wien fällt«; aber die beiden andern hörten es aus dem Dröhnen draußen heraus, in das sich jäh ein lautes Klagegeschrei mischte. Ein Schauer durchrann sie. Wenn die Stadt fiel -- wenn --!
Zwei Kinder im Weltgetriebe verloren! --
Frau Sophia Christine saß just um diese Zeit unter der Linde und ihre Gedanken suchten die Kinder, und sie wußte doch nicht, in welcher Not sie steckten. Wußte nicht, daß wie einst der Vater ihnen in harten Anfangsjahren geholfen hatte, jetzt der Sohn Adrian Rudolph den beiden verirrten Kindern aus dem Leutratale die Hand reichte. Adrian wohnte in einer stillen Gasse bei einer Witwe in einem kleinen Hause, und er übernahm es, seiner Wirtin Louisons Verkleidung zu erklären. Die Frau war verschwiegen, die nahm auch wirklich die blasse Louison bei sich auf. Sie tat es mütterlich und gut, und da hatte die arme, schöne Louison zum ersten Male seit langer Zeit eine rechte Heimat. Waren die Freunde draußen, dann hockten die Frauen zusammen, warfen ihre bange Sorge, ihr Zittern und Zagen einander zu, und jede fand so ein wenig Trost an der andern.
Heiß und schwer gingen die Tage dahin.
Der August wurde von dem September abgelöst. Dichter und dichter umschloß der furchtbare Feind die bedrängte Stadt. In den Kirchen lagen zu allen Tag- und Nachtzeiten die verzagten Beter auf den Knien: »Gott hilf, Gott hilf!« tönte ihr Rufen.
Ein Tag im September ging dahin, noch einer, wieder einer, die Angst wuchs und wuchs, und die Not dazu.
Wieder ein Tag vorbei, noch einer.
Am 10. September flog die Burgbastei in die Luft.
In der Nacht stiegen vom Stephansturm Raketen zum Nachthimmel empor. Ein letzter Ruf an die Truppen draußen: Helft uns! Der Graf von Starhemberg verlor den Mut nicht.
An diesem Abend aßen Frau Reindl und Louison den letzten Bissen Brot. Leer die Schränke, die Bäcker hatten kein Brot mehr. Hunger lief durch die Stadt. Die beiden Frauen kauerten zusammen in einem Stubenwinkel, hörten das immer lautere Schießen und bangten um die Freunde, die draußen im Kampfe standen.
Der elfte September verging; die Not wuchs.
Am zwölften September schwoll das Geschützfeuer mehr und mehr an, um Wien tobte eine ungeheure Schlacht.
Anthoine und Adrian waren nicht heimgekommen, wo waren sie? Lebten sie noch?
Und am Abend Lärm und Geschrei auf den Gassen, aber kein Jammerrufen, Siegesfreude. Wien befreit! Gott sei gelobt!
Wieder verging eine Nacht, wieder dämmerte ein Tag draußen aus dem Dunkel herauf.
Adrian kam. Er brachte den Frauen ein kleines, kümmerliches Brot, sagte, Anthoine könne seinen Posten nicht verlassen.
Dann ging er und hatte scheue Augen. Es war aber so, er wußte nicht, wo der Freund war. Er hatte ihn aus den Augen verloren.
Und wieder Nacht und Tag. Noch einmal und noch einmal.
In Louisons Herzen schrie die Sorge um den Bruder, um den Freund, sie waren beide nicht wiedergekommen.
Sie ahnte nicht, daß Adrian den Kameraden suchte. In den überfüllten Spitälern, unter den Haufen Toter und Verwundeter. --
Zwischen der Stadt und dem Heer der Befreier kam es allgemach zum Verkehr. Soldaten drängten in die Gassen hinein, mit Freude, mit tausendfachem Danke begrüßt. Unter denen, die einritten, war auch der Oberst von Hünefeld, zur Begleitung hatte er sich seinen Reitknecht Nikolaus Rabe erkoren.
Der war wieder ganz Kriegsmann, nur im tiefsten Herzen, noch in einsamen Nachtstunden, glimmte die Sehnsucht nach dem Friedenstal. Doch beim Einreiten hatte er keine Heimatgedanken, bis er einen sah, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. »Dunderwetter, das war doch --«
»Junker, Junker!« schrie Nikolaus, und es fehlte nicht viel, so wäre er in seiner Herzensfreude vom Pferde gefallen. Der sich da mühsam kriechend hinschleppte, war Anthoine de Charreard.
Der horchte auf. Herrgott, die Stimme kannte er. Verwirrt sah er sich um. Drei Tage hatte er unter toten Türken gelegen, wo war er nun? Seine Sinne waren verwirrt.
Und dann taumelte er, schwankte, und Nikolaus hielt ihn auf einmal im Arm und sah, daß der Waffenrock mit Blut vollgesogen war.
»Niklas, du!« ächzte Anthoine, dem eine Erinnerung kam. Er klammerte sich an den alten Freund. »Du -- Louison!« Seine Stimme kreischte: »Louison!«
»Heiliges Kreuzwetter, wo ist unser Fräulein Louison?«
Anthoine glitt zu Boden. Der Oberst von Hünefeld, der erst etwas unwillig Nikolaus' Gebahren mit angesehen, nun aber den Junker erkannt hatte, kam herbei. »Charreard, Ihr seid es!«
»Niklas, du mußt mit -- mit -- mir reiten!«
Anthoine de Charreard vergingen die Sinne. Da hob ihn Nikolaus wie ein Kind empor und die beiden brachten den Ohnmächtigen in eine nahe gelegene Schänke.
Die war nun freilich bis auf den letzten Platz besetzt. Doch der Wirt sah wohl, diese Gäste konnte er nicht abweisen, und er öffnete ihnen eine kleine, schmale Stube, der einzige Raum, der für ihn und sein Gesinde noch frei war.
Etwas Feldscheren hatte Nikolaus schon gelernt in seinen Zügen kreuz und quer. Er fand, die Wunde wäre schlimm; immerhin könnte ein flotter Junker, wie seiner wäre, damit noch durchkommen.
Nach Stunden schlug Anthoine endlich die Augen auf; er sah sich um, verwirrt, Entsetzen lag im Blick und Miene, die beiden in der Kammer erkannte er nicht gleich, erst als Nikolaus gut und beruhigend zu sprechen anfing, hellten sich des Junkers Züge auf. »Niklas?« fragte er zögernd, und dann froher: »Niklas?«
»Gelle ja, da staunt der Junker, daß der alte Niklas hier mitten im Türkenkriege drinsitzt?«
»Louison!« Anthoine de Charreard versuchte sich aufzurichten. »Louison, oh Gott, und die Türken siegen -- Louison -- ich --« Seine Stimme kreischte wieder.
Dann waren Bewußtsein und Kraft weg, im Fieber lag der Junker und im Fieber wirrten sich Worte und Bilder zusammen. Heimat und Freunde, von allem redete er; aber immer wieder rief er klagend der Schwester Namen.
»Schätze, die ist hier,« sagte Nikolaus, »er hat Angst, sie wär den Türken in die Hände gefallen. Ei, du heiliges Dunderwetter, das wär eine Bescherung! Ich muß aber gehen und sie suchen.«
Dem Obersten von Hünefeld war es recht. Der streckte sich auf den Boden zum Schlafe aus, den Mantelsack unter dem Kopf, sagte, er würde schon mit dem Kranken fertig werden, und dann ging Nikolaus suchen. Er hatte es gesehen, Anthoine de Charreard gehörte zum Besatzungsheer, also suchte er Leute von ihnen auf, fragte, forschte, der vierte endlich gab ihm Bescheid, der deutete mit der Hand hinter sich und knurrte den protestantischen Brandenburger unwirsch an: »Dort steht einer, der weiß was von dem Leutnant de Charreard.«
»Dunderwetter,« schrie Niklas, »das ist ja --« und da drehte der andere sich um und beide schrien sich an, als wären sie stocktaub. Nikolaus hatte Adrian Rudolph gefunden.
Heißa, das gab ein Fragen und Redestehen hin und her. Adrian sagte: »Mitkommen!« und er zog den alten Kinderfreund mit sich durch Gassen und Gäßlein, und wenn der seinen Mund auftat und Louison sagte, dann gab ihm der junge Landsmann einen Stoß und schwieg zu allen Fragen. Er führte Nikolaus in seine Wohnung, dort weinten die beiden Frauen zusammen um den verlorenen Bruder, und auf einmal stand wie aus der Erde gewachsen der Nikolaus mitten im Zimmer und schrie verwundert: »Louison! Wollte sagen Madame de St. Laurent!«
Wieder einer aus der Heimat! Einer, der treu war wie Gold, einer, an den die blasse, junge Frau sich dankbar anschmiegte, als er vom Bruder erzählte, und der berichten konnte, wie er die Eltern verlassen hatte und das stille Tal.
Und noch etwas wußte Nikolaus, etwas, was Erlösung war und das dennoch Louison tief erschütterte. Der Oberst de St. Laurent war tot.
»Gefallen im ehrlichen Kampf, vielleicht doch kein Verräter!« dachte die junge Frau. Und sagte es leise, froh, daß sie dem Toten ein gutes Wort nachreden durfte. Aber des Nikolaus Augen waren zu ehrlich, die konnten nicht lügen, und sie las darinnen, es war anders gewesen. Sie schwieg aber und forschte nicht, nur dem Herrn Adrian erzählte es Nikolaus nachher, man hätte den Oberst als Verräter erschossen, Schande lag auf seinem Namen.
»Und du, Niklas, warum bist du wieder ausgezogen?« fragte Louison nach einer Weile.
»Weil ich ein Hornvieh war, mit Verlaub. Potz Dunderwetter, hab Weib, Kind, Haus und Hof daheim und vagiere in der Welt herum. Schätze aber, es war doch richtig, daß ich die Türken verjagen half. Nun ziehen wir aber heim. Sie wollen die Brandenburger nit, weil sie nit gut katholisch sein. Mir hat neulich unser Herr Oberst so lange ein Sprüchlein gesagt, bis ich es mir gemerkt habe, und das ist, weiß der Himmel, ein gut Wort und zeigt so recht der Menschen allerdümmste Dummheit.«
»Wie heißt denn das Wort?« fragte Adrian.
Ja, wie hieß es -- im Türkenkampf war dem Nikolaus das mühsam Erlernte flink wieder aus dem Gedächtnis hinausgefahren.
Es war schon gut, daß der Herr Adrian Rudolph ein gelehrter Herr war, der konnte dem Gestammle des alten Soldaten Wort und Rundung geben. Sie brachten schließlich alle beide das Sprüchlein zusammen, und die junge Louison und die alte Frau, die eine Katholikin war, nickten andächtig zu dem Verslein:
»Lutherisch, Päpstlich und Kalvinisch, diese Glauben alle drei, Sind vorhanden, doch ist Zweifel, wo das Christentum denn sei.«
»Ich weiß doch, wo's Christentum ist, die gnädige Frau Mutter in Pösen trägt's in ihrem Herzen, Gnaden der Herr Vater auch und meine liebe Hausfrau dazu. Und jetzt reite ich heim. Helf mir unser Herrgott, daß ich die Heimat noch einmal sehe!«
15. Kapitel.
So ganz schnell ging es mit dem Heimreiten nun freilich nicht. Es rann noch mancher Tag dahin, und der Frühling nahte sich schon. Die Brandenburger zogen freilich bald ab, aber der Oberst gab Nikolaus die Freiheit zu bleiben, und der blieb, bis Anthoine de Charreard soweit hergestellt war, daß man keine Gefahr mehr zu fürchten brauchte.
Dann ritt eines Tages Nikolaus Rabe heimwärts, in seinen Schutz gestellt war Louison de St. Laurent. Sie sollte bald heimkehren, wollten Bruder und Freund; und ihre Sehnsucht flog in das stille Tal.
Beim Abschiednehmen war es, da fiel dem Nikolaus noch rechtzeitig der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie Brieflein ein. Das hatte eine lange Reise gemacht, Nikolaus hatte es mit in den Türkenkrieg genommen und es in all dem wilden Wesen, über Wiederfinden und Heimkehrfreude, beinahe vergessen. Jetzo kam es nun doch an den, an den es gerichtet war. Ein Hilferuf war es an den Jugendfreund, sie zu schützen vor der Ehe mit dem verhaßten Vetter, dem Herzog Wilhelm Ernst zu Weimar.
Anthoine war tief betroffen, dies flehende Kinderbriefchen, ungelenk geschrieben, enthüllte ihm die treue Liebe des armen verwaisten Fürstenkindes. Was war aus dem Prinzeßchen geworden, trug es schon die Brautkrone?
»Ich schätze ja,« brummelte Nikolaus, »denn als ich fortzog, haben sie gemeint, die Eheberedung solle zum Herbst stattfinden, und am ersten November die Kopulation!«
Armes Prinzeßchen!
Der Junker Anthoine las den Brief wieder und wieder. Heimatluft strömte er aus, das bittende Brieflein gab ihm erst die rechte Erkenntnis, daß er sein bestes Glück nur in der Heimat finden würde. Es zog ihn in das Tal der Kindheit. Doch hatte er sich zu längerem Dienst verpflichtet und mußte bleiben. Herr Adrian Rudolph blieb auch, er wollte sich noch den Doktorhut erwerben, ehe er heimkehrte. So ritten denn Nikolaus und Louison allein der Heimat zu. Louison als Bursche, erst in einem Ort nahe der Heimat wollte sie sich wieder in eine sittsame Frau verwandeln. In der Verkleidung war sie sicherer.
Über dem stillen Leutratal hing noch einmal der Winter, er wollte noch seine Herrschaft zeigen. Weiß wieder Felder und Wiesen, weiß der Wald, träge rauschte das kleine Bächlein dahin, als an einem Tag um die Mittagsstunde zwei von unten her in das Leutratal einritten. Die junge Frau im Witwengewand, der Mann in kriegerischer Tracht. An einer Wegbiegung hielt Nikolaus sein Pferd an und brummte vergnügt vor sich hin: »Hier war's!«
»Ja, hier hast du uns gefunden. O guter, treuer Niklas du, nun hast du mich gar heimgeholt aus der wilden Welt!«
Die schlanke Frau drängte ihr Pferd an das des treuen Beschützers, und so ritten sie zusammen schweigend bergabwärts, sahen zuerst die Mühle im Grunde liegen und dann den Rabenhof. Ein blaues Wölkchen stieg aus dessen Schornstein zum schneeverhangenen Himmel empor.
»Die Frau kocht Mittag. Schätze, sie wird sich wundern über den Gast, der da ankommt. Aber vorerst bringe ich Euch heim, wir reiten leise vorbei,« sagte der Nikolaus.
In Louison quoll da eine große Angst empor vor dem Wiedersehen, dem Wiederfinden der Eltern. »Wir halten ein paar Schritte vorher und dann läßt du mich gehen, Niklas. Deine Frau darf auch nicht länger warten, und ich kann niemand, niemand vorher sehen.«
Nikolaus nickte. Er spürte Louisons Bangen nach, bangte er doch selbst, freilich, der blaue Rauch war verheißungsvoll, aber trotzdem --.
Er half Louison vom Pferd. Die schritt rasch am Hause vorbei. Drinnen erhob sich lautes Rufen, denn ein Bursch, der der Frau half, hatte die ungewohnte Erscheinung erblickt. Er schrie das ganze Haus zusammen, selbst der Magister kam ein wenig mühsam an einem Stock dahergehumpelt, und als sie alle den bestürzten Burschen fragten, wissen wollten, was er gesehen hatte, stand plötzlich der Nikolaus vor der Tür.
Da war das Verwundern groß, der Bursche aber flüsterte der Magd zu: »Ein Gespenst ist vor dem Bauern hergegangen.«
Nun war dieser junge Hannes aber noch in einem Alter, in dem die Stimme mal hell und tief klingt und ihrem Besitzer wie ein wild gewordener Gaul ausbricht, dies geschah hier, und klatsch hatte der Bursche eine Maulschelle, so ein rechtes kräftiges Mitbringsel aus dem Türkenkriege war's. »Dummer Bube, unsere Frau Louison ist niemalen ein Gespenst.«
»Die -- oh du lieber Gott!« Die Frau schlug die Hände zusammen und der Magister sah drein, als hätte der Nikolaus einen Sack voll Fremdwörter ausgepackt.
»Der Herr Oberst de St. Laurent ist im Türkenkriege gefallen, hab's mit meinen eigenen Augen gesehen,« knurrte Nikolaus, »und da verlangt es seiner Frau Witwe, heimzukehren. Na, was ist nun?« Patsch, war aller Klatsch von dem Kriegsmann totgetreten. Der aber nahm jetzt sein Weib in die Arme, sagte: »Freust dich nit? Und ist's ein Mädel oder ein Bube, was inzwischen angekommen ist?«
Es war ein Mädel, und freuen tat sich die Frau so recht, als sie begriff, der Mann wollte dableiben, daß sie laut weinte. Und danach besann sie sich und rief: Es gäbe leider, ach leider nur Klöße.
»Ist gut. Meinst du, die vermaledeiten Türken haben uns viel Zeit zum Klößekochen gelassen? Frau, Frau, nun bleib ich daheim, nun zieh ich nimmer aus. Schockschwerenot, mein Wort darauf!«
Während in dem kleinen Bauernhaus die Freude laut und kräftig ihre Stimme erhob, ging Louison de St. Laurent langsam dem Herrenhause zu. Sie sah es auftauchen im feinen Schneedunst, sah auch ein kleines Rauchwölkchen dem Schornstein entquellen, sah alle Fenster entlang, hörte Hundegebell, und langsamer, immer langsamer wurde ihr Schritt.
Lauter schlugen die beiden Hofhunde an. Da tat sich die Türe auf und ein ganz verhutzeltes, altes Weiblein steckte den Kopf heraus und sah da langsam eine den steilen Berg hinanschreiten -- eine fremde Frau! --
Die alte Röse hatte schwache Augen bekommen, aber eine Charreard erkannte sie doch noch, und auf einmal kam ihr die Jugendschnelle in die alten Füße zurück. Sie rannte den Berg hinab und keuchte: »Louison, oh du mein grundgütiger Heiland, es ist unsere Louison!«
Und der Freudenton, den die alte Röse anschlug, der klang durch das ganze Haus. Da hielt Frau Sophia Christine ihr heimgekehrtes Kind umschlungen und Herr Anthoine de Charreard, der längst kein feiner, müder Hofherr mehr war, sondern ein stattlicher, luftgebräunter Landmann, nahm die zierliche Frau und die zarte Tochter gleich beide in seine Arme. Er sah auch das Witwenkleid der Tochter mit der Mutter zugleich und beider Augen fragten: »Der Oberst de St. Laurent ist tot?« Weil Louison nicht die Schwere seiner Schuld wußte, klang ihre Stimme mild, sie dachte versöhnt an den Toten.
Und Anthoine, wo blieb der Sohn?
Louison erzählte, und in Frau Sophia Christines Herzen begann sacht die Freudenglocke zu schwingen.
Ein Kind heimgekehrt aus dem Weltgetriebe. Eins hatte die Heimat wiedergefunden, und des Sohnes Seele suchte sie.
Es war etwas wie im Evangelium des verlorenen Sohnes. Louisons Heimkehr war ein Fest, und als Jeannette nach drei Tagen kam, erregte ihr Besuch nur die stille immer gleiche Freude. Doch Jeannette von Dracksdorf spürte keine Eifersucht, ihre Freude jauchzte laut durch das Haus, und zum erstenmal in seiner Ehe wurde Heinrich Wilhelm ein wenig in den Winkel gestellt. Freilich um dann vorgeholt und ganz glänzend herausgestrichen zu werden vor der Schwester. --
Es dachte niemand daran, Louison de St. Laurent ob ihrer Flucht aus des Gatten Haus in Verhaft zu nehmen, und die Leute im Tal bürdeten der schönen Tochter der Charreards keine Schuld auf. Über das Tal hinaus aber ging Louisons Wünschen nicht. Nur als sie in Begleitung der Eltern dem alten Amtsschossen Rudolph auf der Leuchtenburg einen Besuch abstattete, um selbst Grüße und Botschaft Adrians zu überbringen, dachte sie mit einem leisen Schwingen ihrer jungen Seele: es müßte sich gut hausen auf der Burg.
Ein Jahr glitt dahin in stillem Frieden. Als es zum zweitenmal Frühling wurde, fuhr eines Tages eine in das Tor von Pösen ein, die nicht in das strenge Urteil der Hofgesellschaft über Louison de St. Laurent einstimmte. Es war die kleine Prinzessin Elisabeth Marie. Da saß die, um derentwillen Louison einst das Elternhaus hatte verlassen müssen, und schüttete vor der älteren Freundin ihres Herzens großes Leid aus. Die arme, kleine Prinzessin war so unglücklich wie es Louison einst gewesen.
Wer konnte helfen? Anthoine? Der war noch immer fern, und einer Schwester zu helfen ist leichter als einer Prinzessin.
Elisabeth reiste ab, getröstet und doch leidbeschwert. Anthoine blieb noch immer fern. Doch als die Linden blühten, ritten wieder zwei Heimkehrer durch das Leutratal, sie kamen von der Leuchtenburg, der ersten Rast in der Heimat. Der eine hatte sich noch in Wien den Doktorhut errungen, der andere war des Krieges müde und er trug schwer an dem Grausen, das er gesehen hatte.
Als sie beide am Rabenhaus anlangten, stand Nikolaus vor der Türe; breitbeinig, wohlhäbig, er hatte den Kriegsmann nun ganz in die Tiefe versenkt, war nur noch Familienvater und Bauer. Er erhob seine Stimme laut, als er die beiden sah. Wie Siegesruf klang es durch das stille Tal, und der Magister Albertinus, der im Hausgärtchen seinen Mittagsschlummer hielt, schrak zusammen. Aber bald verstand er das Freudenrufen und er kam so schnell er konnte herbei. Sein gutes, altes Gesicht strahlte. Anthoine war heimgekehrt, der, an dem sein Herz wie an einend Sohne hing.
»Der Herr Magister!« Anthoine sprang vom Pferd und begrüßte den alten Lehrer ehrfurchtsvoll, und der sagte still: »Nun kann mich der Herr zu sich nehmen, nun ich dich -- Euch --«
»Aber Magister, lieber, guter Herr Magister!«
»Dich gesehen habe.« Und dann drehte sich der Alte zu seinem treuen Hauswirt um und sagte strafend: »Hör' nur, Nikolaus, der Anton kommt heim und bringt kein verwelschtes Maul mit, wie du es alleweil getan hast.«
»Parbleu -- jemine, na ja Dunderwetter, ich gewöhn's mir ja noch ab.«