Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Part 9

Chapter 93,854 wordsPublic domain

»Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als der Herr von Hünefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfürst von Brandenburg hat unterschreiben müssen. Sie sollen ihm alle seine wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, daß --«

»Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?«

»Daß, daß -- es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hält,« stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus der Fassung gekommen war. Er vergaß es, den Faden des Weltgeschehens weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und hätte nun gern etwas von Haus und Hof gehört. Doch der Magister war damit nicht zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach. Er brummelte: »So, so, mit den Wissenschaften hält's der Junker Adrian. Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwählt. Heirat und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am besten.«

Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte. »Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein linschen.«

»Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage --«

»Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren für uns, Er verwelschter Dummkopf,« schrie der Magister. »Und nun kommt, wir gehen und melden, daß der Junker Anton zur Hochzeit kommt, so ist es doch richtig?«

»Ich meine halt, nein,« murmelte Nikolaus. »Er kommt nit, hat in der großen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen!« --

13. Kapitel.

Ein wenig später konnte Nikolaus Rabe, der Heimgekehrte, seinen Bericht erstatten. Der gute Magister hatte dabei viel Grund zu knurren und zu schelten, denn im Eifer purzelten recht viele fremde Wörter dem Manne aus dem Mund. Er redete ein wunderliches Mischmasch durcheinander. Die Charreards hörten nicht darauf, Herr Anthoine strahlte, aber über Sophia Christines klares Gesicht flogen Schatten. Nikolaus sagte nicht, daß der Junker die Heimat vergessen hätte, aber ihr Ohr hörte das Verborgene und in ihrem Herzen rann die Tränenquelle.

»Zwei von den Charreards in Paris, das ist recht,« rief Herr Anthoine. »Paß auf, herzliebe Frau, unser Anthoine bringt dort den Namen Charreard wieder zu Ehren.« Da sah der Mann in seiner Freude doch das wehe Lächeln um den Mund der Frau zucken und er sagte: »Da dir unser Sohn Dracksdorf doch wirklich lieb ist wie ein Sohn, mußt du eben denken, Teuerste, zwei Kinder dort, zwei Kinder hier, eine gerechte Verteilung.«

Ach, es war nicht so, wie es der Herr de Charreard sagte. Die Frau trug alle vier Kinder im Herzen, auch den Schwiegersohn, dessen Verlassenheit sie einst in ihrem jungen Glück so tief gerührt hatte. Der Oberst de St. Laurent dagegen war ihr fremd, und um dieser Fremdheit willen dachte sie mit immer wacher Sorge an Louison. Zwei Kinder hier, zwei Kinder fern. Frau Sophia Christine dachte in diesen Tagen manchmal an die Glucke mit den zehn Küchlein, die sie alle an ihrem Einzugstag schützend umfangen hatte. Daß doch eine Menschenmutter ihre Kinder nicht immer so bei sich haben kann.

Aber freilich, Jeannettchens junges Glück stand wie eine Sonne über dem Hause. Einmal zog eine Wolke darüber, die Herzogin Marie von Jena starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.

Es war im August. Ein paar Wochen später fuhr die kleine Prinzessin Elisabeth Marie von Jena nach Pösen, sie wollte, ehe sie an den Hof des Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide getan, das glich die Tochter unbewußt in zärtlicher Liebe aus. Sie war so selten in Pösen gewesen und hatte doch das Gefühl, heimzukommen, als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen sah. Und zum großen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt -- wie einst Frau Sophia Christine.

Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging in die Kapelle, kroch die Hühnerstiege hinan, wußte, wo alles stand und lag; wie ein Märchen von Sonne und Glück war ihr alles, von dem ihr Freund Anthoine ihr einst erzählt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt forderte sie, während ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal saßen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten. Jeannettchen erschrak über dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu Fuß nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmöglich. Und wie sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte, kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als hätte ihn das Wünschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es. Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht näher und war dann höchst verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: »Komm Er her! Ich habe einen Auftrag für Ihn!«

Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase und fragte: »Zieht Er in den Türkenkrieg?«

»Ist ja keiner,« antwortete der Bauer erstaunt, und über dem Erstaunen vergaß er die Höflichkeit.

»Er kommt aber. Seine Liebden, mein gnädiger Herr Oheim, haben es gesagt! Ja, vielleicht kommen die Türken gar hierher, wissen kann man es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz schnell muß er aber kommen.«

Nikolaus starrte das Prinzeßchen mit immer runderen Augen an. Elisabeth Marie tat, als wäre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von Jena ins Leutratal und als müßten sich alle Menschen treffen wie etwa Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. »Ich zieh aber nit in den Krieg, die Frau will's nit.«

»Sie muß wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?« Elisabeth sah ganz böse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit die Arme steif herunterhängen ließ und den Brief nicht nahm, brach sie in Tränen aus und rief: »Helf Er mir doch. Ich muß dem Junker Anthoine schreiben, er muß mir helfen, sonst -- sonst muß ich Liebden, den Herrn Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.«

Das war freilich eine schlimme Sache.

Jeannettchen sah bekümmert drein. Sie riet. »Wir schicken dem Bruder den Brief.«

»Wohin, wo ist er?«

Ja, wo war Anthoine? Noch in Paris? Niemand wußte es, aber Nikolaus meinte: »Ich schätze, er wird noch dort sein.«

Da nahm Jeannettchen den Brief vorläufig an sich und versprach ihn bei guter Gelegenheit an den Bruder zu senden. Freilich war dies der kleinen Prinzessin nur halb recht, die hatte gemeint, Nikolaus Rabe würde schnurstracks in die weite Welt reiten und den Brief ihrem guten Kameraden Anthoine geben. Wo er den zu finden hatte, wäre dann des Nikolaus Sache gewesen, da das Prinzeßchen nur ein paarmal nach Porstendorf, dem Gute ihrer Mutter, und einmal nach Weimar gereist war, meinte es, das Reisen in der weiten Welt herum sei nicht so schwer.

Der Bauer sah wohl den Kummer, und der bedrückte ihn schwer, auch lag ihm der nahe Türkenkrieg auf dem Herzen. Er ging mit gesenktem Kopf heim und war dann wortkarg, ließ den Magister und seine Frau reden und sagte nur plötzlich aus tiefem Nachsinnen heraus: »Parbleu, gegen die Türken ziehen, das -- wär' schon was.«

»Niklas,« schrie die Frau erschrocken, »du denkst doch wieder an en Krieg.«

»Armes Weib,« knurrte der Mann, und dann schwieg er sich an diesem Abend aus. --

Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte heiße Tränen beim Abschied von Pösen, und Frau Sophia Christine hielt das Kind der Frau, die ihr so viel Herzeleid zugefügt hatte, in ihren Armen, als wäre es ihr eigenes Kind. Ein tiefes Erbarmen war in ihr mit dem Waislein, und sie antwortete innig: »Gott gebe es,« als die Prinzessin von einem Wiedersehen sprach. --

Eine Weile nach dem Besuch war es still im Tal, doch dann tönte Hochzeitsjubel auf. Und alle nahmen daran teil, die Dorfleute, die Rabes; der Magister Albertinus versuchte sogar ein sinniges Hochzeitslied zu dichten, aber mit dem Reimen wollte es ihm nicht recht gelingen. Doch ein Hochzeitsgedicht gehörte zur Hochzeit, und da alle von dem guten Magister eines erwarteten, saß er stöhnend und schwitzend am grünen Kachelofen der Wohnstube mit den Leuten vom Rabenhofe und dichtete. Es wollte nicht gehen. Dreimal sagte er: »O holde Jungfer Braut --« dann war seine Kunst zu Ende. »Was reimt sich in aller Welt nur auf Braut?« rief er.

»Sauerkraut,« brummte Nikolaus, der immer stiller wurde in dieser Zeit.

»Traut,« redete seine Frau sanft dazwischen.

»Ich hab's,« schrie der Magister:

»O holde Jungfer Braut, Bald wirst du angetraut Dem Manne deiner Wahl -- Wahl -- Wahl«

»Qual!« schrie Nikolaus.

»Quatsch,« knurrte der Magister und dichtete dann doch:

»Das ist dir keine Qual. Du schönen Lilien gleiche --«

»Jetzt gibt's wieder eine Sau!« rief der Nikolaus.

»Was gibt's?«

»Na, halt 'ne Sau, so nannten wir's, wenn einem was fehlschlug.«

»Er ist 'n Schafskopf,« sagte der Magister unwirsch. »Meine Verse sind keine Säue. Er muß sich besser halten in seiner Rede. Paßt auf, jetzt kommt's:

»Einem Engel aus dem Himmelreiche Gleichst du mit deinen Purpurwangen, Die wie die schönen roten Rosen prangen, Und deiner Augen Himmelsblau --«

»Dunderwetter, das hab' ich noch nit gewußt, daß unser Jungfer Jeannettchen blaue Augen hat; braun sind sie, braun.«

»Meinetwegen braun, obgleich das bei der edlen Dichtkunst gleich ist, wie die Augen in Wirklichkeit aussehen. Also:

»Und deinen Augen, wie Nüsse sind sie so braun, Schenket heute ein edler Junker sein allertiefstes Herzenvertraun.«

»Ich mein halt doch, das wär' wieder eine Sau gewesen,« brummelte der Bauer vor sich hin, aber der Magister war jetzt in das Dichten gut hineingekommen, er reimte, als ob er über einen steilrölligen Berg lief. Hoppla hopp, da war ein Reim! Da gab es eine Zeile, die kurz war wie der kürzeste Tag im Jahr, und eine, die zwei Meilen mehr hatte. Den Magister kümmerte es nicht, und die Hochzeitsgäste nahmen keinen Anstoß daran. Sie waren alle mit dem Hochzeitsgedicht zufrieden. Jeannettchen hörte vor lauter Rührung nichts, der Herr von Dracksdorf dachte nur: »Besser hätt' ich's nicht gekonnt,« und Frau Sophia Christine und ihr Mann dachten, trotz des feinen Schneeschleiers, der schon über dem Tale ruhte, doch an den Tag ihres Einzugs, an sommerliche Schöne und blühende Linden. Und als der gute Magister vortrug:

»Es weilen die teuersten Geschwister ferne Und verlebten doch mit uns den Freudentag sehr gerne,«

da rollten Tränen über das Gesicht der Mutter. Die Hände der Gatten fanden sich, und ihre Gedanken flogen auf sanften Schwingen zu den beiden hin.

Nach Paris.

Für Sophia Christine war es eine unheimliche fremde Stadt, Herr de Charreard dachte an Glanz und Sonne, dachte an den Hof des prächtigsten Königs. Dort war sein Sohn, ein Charreard war wieder in Paris. Er erhoffte Großes von dem Dortsein, erhoffte neuen Glanz für das Geschlecht der Charreards.

Aber Anthoine war, während seine Schwester Jeannette seinem Freunde angetraut wurde, gar nicht mehr in Paris. Wenige Tage vorher hatte er verbittert, angewidert von dem Höflingstreiben, von der blassen, schönen Louison Abschied genommen. Er wollte nach Wien zu Adrian Rudolph, er wollte wirklich dort warten, bis die Türken den Krieg begannen.

Man raunte viel davon. Louison selbst hatte es dem Bruder gesagt, hatte von dem gesprochen, was der Oberst de St. Laurent in einer Stunde der Trunkenheit ihr verraten. König Ludwig suchte die Türken zum Kriege gegen das Reich zu hetzen. Er spielte ein bitterböses Spiel. Dies eine Wort hatte Anthoine herausgerissen aus dem Taumel, in dem er gelebt. Freunde seines Hauses hatten sich seiner angenommen. Fest hatte sich an Fest gereiht, der junge Mann hatte darüber das stille Heimattal, die Eltern, alles vergessen -- bis Louison ihn geweckt hatte. Du mußt fort! Ihr Erinnern war harte Mahnung gewesen.

Zu was war er denn ausgezogen aus seiner Heimat?

Die Welt wollte er sehen, gegen Frankreich, für den Kurfürsten von Brandenburg kämpfen, und dann hatte er kaum etwas von Krieg erlebt, hatte vergessen, daß er Mannestaten hatte tun wollen, er hatte sich von seinem Obersten getrennt, seinen Abschied verlangt und das Anerbieten seines Schwagers, nach Frankreich zu kommen, angenommen.

Und nun schickte Louison selbst ihn weg. Anthoine grübelte, während er nach Freiburg reiste, darüber nach, warum Louison so seltsam verändert gewesen war, seit Wochen schon.

Von dem tiefen Leid, in dem seine schöne Schwester lebte, wußte er nichts. Er ahnte nicht, daß sein Schwager ein feiler Unterhändler und Spion war, einer, der gegen das Reich hetzte.

Louison de St. Laurent hatte ihrem Bruder eine Herberge in Freiburg angeraten, dort sollte er eine Botschaft von ihr erwarten. In dem düstern Hause, das im Münsterschatten lag, ruhte sich Anthoine drei Tage von der Reise aus. Am dritten Tag klopfte es an seine Türe und auf seinen Anruf hin tat die sich auf und ein junger Bursche in dunkler unauffälliger Kleidung trat ein.

»Was will Er?«

Der Bursche schwieg und sah ihn an.

»Was will Er?« schrie der Junker ungeduldig.

Da sagte eine seltsam vertraute Stimme: »Ich bringe Botschaft von --«

»Louison!«

Bruder und Schwester standen sich gegenüber. Aber nicht mehr die schöne Louison in hoher Fontange mit Mouches auf Wangen und Kinn, ein blasser, schlanker Knabe mit Augen, aus denen tiefer Schmerz redete, stand vor Anthoine.

»Ich bin geflohen!« --

»Mein Himmel, warum? Und allein?«

Da sagte Louison de St. Laurent dem Bruder, daß ihr Gatte ein Spion sei. »Er reist nach Wien,« berichtete sie, »dort will er Verräter werben, Wien in des Sultans Hände spielen. Der Türken Unterhändler, oh über diese Schmach! Der alte Julien hat mir zur Flucht geholfen, er ist nach Köln zu seiner Tochter gezogen.«

»Und jetzt?«

»Ich zieh mit dir -- meinetwegen auch nach Wien. Wohin sollte ich sonst? Heim kann ich nicht, ich muß mich verbergen, wenn man mich findet, steckt man mich in ein Kloster.«

»In ein Kloster?«

»Der Oberst de St. Laurent ist Katholik geworden, weil er sonst seinen hohen Posten nicht bekommen hätte. Ich sollte zum Übertritt gezwungen werden. Und dich wollten sie auch bekehren, darum die Freundschaft, darum wurdest du verwöhnt, darum trieb ich dich fort!«

»Oh Louison!«

»Es ist so, Anthoine. Wir hätten in der Heimat bleiben sollen, daheim in unserm Friedenstal.«

»Ich bringe dich heim!«

»Ich kann nicht, Bruder. Man wird mich dort zuerst suchen und man wird keine Schonung kennen. Komm in die Welt hinaus, ich bin dein Reitknecht, nimm mich mit. Du bist mein einziger Schutz.«

»Ich verlasse dich nicht.«

Und am nächsten Morgen ritten die Kinder aus dem Leutratal in die weite, unbekannte Welt hinaus. --

Nach Weihnachten kam die Kunde von beider Verschwinden nach Pösen. Der Oberst de St. Laurent sandte Boten, wollte seine Frau zurückholen lassen.

Jeannette von Dracksdorf war just zum ersten Besuch mit ihrem Manne da, als die beiden Herren in Pösen einritten. Sie traten herrisch und anmaßend auf, hatten eine Begleitung vom Hof in Weimar und verlangten Louisons Herausgabe. Dann, als sie merkten, die bestürzten Eltern wußten nichts von der Tochter Verbleib, wurden sie vertraulicher und erzählten. Der Junker Anthoine habe es plötzlich mit dem Heimweh bekommen und sei nach Deutschland gereist. Ein paar Tage später sei Madame de St. Laurent spurlos verschwunden. Niemand wisse, wohin, mit ihr zugleich sei der alte Julien, ein früherer Diener des Herrn de Charreard, verschwunden. Man habe geforscht und gefragt und nur herausbekommen, daß sich beide wohl nach Deutschland gewendet hätten.

Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe.

Sophia Christine brach fast zusammen vor Leid.

Herr de Charreard wollte im ersten Ansturm des Unmutes selbst nach Paris reisen, selbst nachforschen, aber da warnte ihn einer der fremden Herren. Man wäre jetzt auf die Hugenotten nicht gut zu sprechen dort. Und da erfuhr Herr Anthoine von dem Übertritt seines Schwiegersohnes.

Er stutzte. Er war kein Frömmler und Eiferer, wäre auch ein guter Katholik gewesen, aber ein Wechsel der Religion ohne inneren Zwang und um äußerer Vorteile willen, das war ihm tief verächtlich. Und Louison, war sie nicht sein Kind, mußte sie nicht denken wie er!

War sie darum geflohen? Was hatte sie dazu getrieben, welch großes Leid war über sie gekommen?

Trübe Tage kamen, Tage, an denen die Sorge im Haus auf dem Ehrenstuhl saß, die Sorge um die Kinder des Hauses, die sich in der Welt verloren hatten.

Louison de St. Laurent drohte Haft, wenn sie heimkam.

Und die Mutter zitterte vor dem Heimkommen und die Mutter ersehnte das Heimkommen.

Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe!

Sophia Christine wurde eine müde, stille Frau in diesen Wochen und ihr Mann vergaß das stolze Schloß an den Loireufern; er ersehnte nun auch nur noch das einsame Leutratal zur Heimat für seine Kinder.

Es ging den Eheleuten wie den Linden, unter denen sie am Einzugstage gestanden hatten: sie wurzelten fester zusammen, und wie die Lindenkronen ineinander verschlungen waren, so waren es ihre Gefühle und Gedanken. Es konnte einer nicht mehr ohne den andern sein. --

Der Winter schleppte sich träge dahin, und als endlich am Quellrand die ersten Schneeglöckchen ihre weißgrünen Spitzen heraussteckten, lief ein angstvolles Raunen durch das Land. Lauter wurde es, banger.

Der Türke kommt, der Türke zieht nach Wien, helf uns Gott!

Nikolaus Rabe schlief schlecht in diesen Nächten. Er träumte wilde, wirre Dinge, meinte die Trompeten wieder blasen zu hören:

Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen, Weh Reich und Armen, ohn alles Erbarmen!

Seine Frau sah trübe drein. Sie brachte oft den Buben zu ihm. Dann wurde des Mannes Blick scheu, er fürchtete sich vor seiner eigenen Weichheit. Aber dann wieder begann er plötzlich dies und das zu erzählen, und einmal kam der kleine Blondkopf angelaufen, stellte sich wichtig vor seine Mutter hin und sagte keck ein Sprüchlein: »Die Funken werden Flammen und brechen endlich aus, Sie lohen hoch zusammen und reißen Haus zu Haus!«

»Gotte, Junge, woher haste das?«

»Der Vater hat's mir beigebingt!« rief das Büblein stolz, es reckte sich und ging auf den Hof und seine Mutter hörte ihn mit getragener Stimme reden:

»Bet, Kinder, bet! Morge kommt der Schwed, Morge kommt der Oxestern, Der wird Euch das Bete lern.«

Die Bäuerin weinte bitterlich. Und in ihrer Herzensnot lief sie zur Gutsfrau nach Pösen und schüttete vor dieser Leidträgerin ihr Sorgensäcklein aus.

»Es hat ihn wieder gepackt, das Kriegswesen, er kann's niche lassen, Gnaden können drauf passe, der zieht noch gegen die Türken!«

Und Sophia Christine, die so viel Trost gegeben hatte, wußte diesmal nichts zu sagen. Sie ahnte es lange, der Nikolaus blieb nicht im Tal.

Und noch eine Woche voll Qual und Kampf. Ein verzweifeltes Ringen der Frau mit der immer stärker wachsenden Sehnsucht des Mannes; es war vergeblich. Als der Seidelbast blühte und die alte Windfahne auf dem Dach des Gutshauses sich mühte, von den Staren das wohltönige Pfeifen zu lernen, da nahm Nikolaus Rabe eines Morgens Abschied von Weib und Kind, nahm Abschied von dem Friedenstal, und er gab dabei dem guten Magister Albertinus recht, der ihn einen horndummen Esel nannte, aber er konnte nicht anders. Das Weltgeschehen lockte ihn hinaus.

»Sei nicht böse,« bat der Nikolaus sein Weib, »itze zieh ich zum letzten Male aus.«

»Und kommst niche wieder!«

»Wie es unserm Herrgott gefällt. Frau, heule nit, das ist mal so. Als Kind noch haben sie mich hineingetrieben in das wilde Wesen, das sitzt mir nun alleweil im Blute und ich komm nit los davon.«

Die Amseln flöteten, die Hecken prangten in grüner Seide, das Bächlein gluckste und rann, der Frühlingswind spielte sacht und zärtlich mit allem, mit der alten Wetterfahne und den jungen Zweigen, mit lockeren Dachschindeln und dem blonden Haar der Bäuerin. Wie schön war das kleine Tal. Dem Nikolaus brach fast das Herz, als er einsam dahinritt und das Haus, sein Heim, sein Glück, allmählich verschwanden, und doch -- er konnte nicht anders. Die Türken im Land, heißa, hussasa, das lockte und zog.

Die Türken raubten und sengten.

Herrgott, schütz' uns!

Je tiefer ins Land hinein der Nikolaus ritt, je lauter tönte das Angstrufen.

»Helf uns Gott! Der Türk' im Land, Not und Brand!«

Da vergaß der Nikolaus Rabe allmählich, daß er noch daheim im stillen Tal einen Hof, Weib und Kind hatte; als ein rechter Kriegsmann ritt er hinein in Kampf und Not.

14. Kapitel.

Die Türken lagen vor Wien.

Eine Welt zitterte. Von Süd nach Nord, von West nach Ost tönte das Klagen: »Der Türke vor Wien! Gott schütze uns!«

Der Kaiser war geflohen, die Hauptstadt stand verlassen. Wurde Wien genommen, dann war der Weg dem Feinde offen, dann --

Das war ein Sommer voll Sorge und Angst, selbst in dem stillen Thüringer Tälchen zitterten und zagten die Leute und sagten wohl: »Wenn der Türke erst kommt, dann --« Niemand wagte recht, das Grausen auszudenken.

Auch die Pest erhob sich da und dort, raffte Menschen hin, reckte sich unheimlich empor und in den Kirchen flehten die Menschen um Schutz vor Pestilenz und Türkennot.

In der großen allgemeinen Angst wurde Sophia Christine still. Sie vergrub ihr eigenes Leid in des Herzens tiefstem Grund, wurde wieder eine Trösterin der Armen und half, richtete auf, stärkte Mut und Glauben. --

Vor Wien zogen sich die Heere zusammen. Nikolaus Rabe ritt wieder mit dem brandenburgischen Herrn Obristen von Hünefeld; der hatte ihn zu eigenem Dienst angenommen. Den Oberst hatte er richtig gefunden, aber Anthoine de Charreard war nicht bei der Truppe. Er hatte seinen Abschied genommen für immer, grollte der v. Hünefeld.

Ein heißes Ringen hub an.

Vom Juli bis in den September hinein kamen immer neue Scharen gezogen, die Wien umschlossen. Die Stadt war nur schwach verteidigt und innen zagten und bangten die Bewohner. Wenn der Türke die Stadt eroberte, dann wehe den Bewohnern, unsäglich würde ihre Not sein.

An einem heißen Augusttag schritten am Stephansdom vorbei zwei, die mithalfen beim Verteidigungskampf, Anthoine de Charreard und sein Freund Adrian Rudolph. Sie kamen von der Wache draußen auf den Wällen, waren eben abgelöst worden, und Anthoine de Charreard sagte zu dem Jugendgespielen: »Ich geh mit dir heim!«

»Umgekehrt,« antwortete der, »heute geh ich mit zu dir. Meine Hausfrau liegt krank, ich will heute nacht in deinem Quartier schlafen.«

Ein Schatten flog über Anthoines Gesicht, ein verlegenes Zögern hemmte seinen Schritt.

Adrian sah es und lächelte spöttisch dazu. »Ich will nicht dein Geheimnis auskundschaften. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, gut. Leb wohl!«

Adrian wollte jäh um eine Gassenecke biegen, doch Anthoine hielt ihn fest. »Komm mit,« sagte er trotzig. »Es ist vielleicht besser! Mußt nicht so hitzig sein.«

Schweigend schritt dann einer neben dem andern her. Adrian Rudolph widerwillig. Er ärgerte sich über seine Aufdringlichkeit, wie er es nannte, auch über seinen raschen Zorn. Mochte doch der Junker Anthoine seine Geheimnisse vor dem Jugendfreund haben, was scherten die ihn. Mißmutig stapfte er neben dem Freunde einher, der ganz in tiefes Sinnen verloren ging. Eine tiefe Falte lag auf der Stirn, und die Augen, die früher so froh geblickt, hatten einen kummervollen Ausdruck.

Adrian fühlte, eine Last lag schwer auf des Freundes Seele. War es die Not der Stadt, die ihn so verstörte? Milder redete er zu dem Freund, vergaß den Groll über dessen Heimlichkeiten, er redete von der Gefahr, in der die Stadt sich befand. »Es wird furchtbar, wenn sie fällt.«