Herr, mach' uns frei!

Part 23

Chapter 233,625 wordsPublic domain

Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in der eisigen Flut.

Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht.

Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -- die Adler vor den Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren, und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb.

Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben.

Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde wie ein Gott erschien, in den Bügeln und begann mit weithin schallender Stimme zu sprechen. Er nannte uns die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von Marengo, er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde aus, bis er seine zündende Ansprache mit den Worten schloß: Grenadiere der Alten Garde, ich bin zufrieden mit Euch!

Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den Arm um den Schaft und küßte den alten Sergeanten, der das Siegeszeichen trug, auf die Wange.

Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die eiserne Disziplin; die Größe des Augenblicks riß alle hin. Tränen entstürzten den Augen der Männer, und der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: Es lebe der Kaiser.

Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die treue Untertanen ihrem Fürsten, Soldaten anderer Nationen ihrem Führer darbringen, nicht verglichen werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. Jeder der Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz gehörte und daß er sich willig für ihn in Stücke hauen lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle Seelenzwinger galt uns alles: Heimat, Familie, -- Gott!

Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen auf die immer wieder in laute Rufe ausbrechenden Bataillone. Dann wandte er langsam das Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht endenwollenden Huldigungen begleitet, hinüber zu den Vierecken der jungen Garde.

Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte Gardist mit gehobener Stimme, »das ist der Kaiser!«

Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand noch immer sprachlos. Das eben Gehörte hatte ihn so mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft über seine Gefühle noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er sich von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit einem gewaltigen Ruck los und rief erregt aus, während sein schlanker Körper bebte:

»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!«

Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und großen Erstaunens sah der Gardist offenen Mundes auf den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf und sprach mißbilligend:

»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!«

»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein, ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!«

»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und für den Ruhm Frankreichs!«

»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten, glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof, und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen.

Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen, da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen und Klingen an: -- der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«

Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem Anflug von Weichheit:

»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß, um es nicht mehr zu sehen, -- -- es möchte mir die Freude am Kriege vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein Greuel ist?«

Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er seufzte tief auf.

Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er:

»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben.

Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne. Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause, denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe.

Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser stilles Tal. Dreihundert Franken zahlt der Franzosenkaiser jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf zu lesen, der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. Im Nu war mein Plan gefaßt. So hoch war gerade die Summe, die der böse Gläubiger erhalten mußte. Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich, von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich ließ mich anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. Heimlich bei Nacht und Nebel verließ ich das Dorf, um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu machen. Vor wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht.

Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue den Krieg, aber ich durfte ihn nicht meiden. Gott wollte es so!«

Während der letzten Worte des Jünglings hatte sich auf dem schmalen Wege, der zum Turm führte, den Schildwachen ein Mann genähert, der ganz plötzlich aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er vor ihnen.

»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die Wolken den Mond etwas frei lassen, fahren wir ab.«

»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann mit argwöhnischen Augen betrachtend.

»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, »ich bin ja einer der Fuhrleute. Dort der Kräutlein ist mein Vater.«

»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. »Ich kenne doch den Kräutlein schon länger als zehn Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er einen Sohn besitze.«

»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im Bayrischen ist wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der Sprecher. Und wie er sah, daß der Gardist ihn noch immer ungläubig betrachtete, fügte er mit angstgepreßter Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich selig werden will und bei dem Andenken an meine -- unglückliche Mutter!«

»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers Amtes ist.« Bei diesen Worten streifte er den Lederriemen ab, an dem der Schlüssel um seinen Hals hing und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig den schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete die Tür ein Stück und tat einen Schritt vorwärts.

In diesem Augenblick senkte der Gardist das Bajonett und forderte die Parole.

Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, -- das wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein Schädel drohte zu zerspringen.

Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer, siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es zu flimmern.

Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte, als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze, gähnende Finsternis hinein.

Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem darein.

»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.«

»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann, wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.«

Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit angstvollen Augen an:

»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig sprechen!«

»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen Kaisers künden.«

Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit, Kommit!

Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte mit belegter Stimme:

»Das ist der Totenvogel!«

Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern. Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht mit lauter Stimme:

»-- -- -- ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an. Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens -- -- --!«

»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr zurückkehren -- --«

In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.

Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm, der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, -- -- alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen.

Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen Besen alles hinweggefegt hätte.

23. Kapitel.

Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das Bild der Verwüstung.

Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden. Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde, und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse. Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.

Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet, anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob!

Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen.

Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer Entfernung vom Dorfe stehen sollten.

Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen. Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der Davonziehenden stattfinden.

* * * * *

Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband, als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen? Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten?

Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten. Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch wunderlich ums Herz.

Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen, kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach, und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges, tapferes Mädchen.

Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen Schritten den Weg nach dem Schlosse ein.

Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen.

Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen, die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im Dorfe in diesen Tagen so oft sangen:

Eng im Glanz des Mondenschein Hielt die Liebste er umschlungen, Leis zu ihren Schelmerein Hat Frau Nachtigall gesungen.

Stehe still, o Wonnezeit, Holde Zeit der Lust und Freude! Doch wie schnell weicht Seligkeit, Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.

Starr im Glanz des Mondenschein Ruht er auf dem Feld der Ehre, Leis vom Aug’ des Mägdelein Löst sich eine blut’ge Zähre.

Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im Bann.

In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende, geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck. Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach Seelenstärke begehrte.