Part 22
»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt, manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?
Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden Kerzenscheine:
Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und wirbelndem Tanz!
Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten Menschen erziehen wirst.
Franziska.
Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und -- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.
Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf dumpf aufschlägt.
Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen, dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«
Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.
»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen könnte -- --«
Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.
»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen: es gibt einen Gott?«
Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen, tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten. Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende Augen trafen -- -- --
Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein paar Schritte zur Seite.
»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist Dir der Appetit zum beten vergangen?«
Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.
»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«
Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier zersprengen wollte.
22. Kapitel.
Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt, denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen geschmückt.
Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.
»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend, Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«
»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?«
»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein, daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor Ungeduld bald gestorben bin.«
»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe einräume.«
»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten, sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!«
»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,« sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm haben.«
Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem Milchgesicht ruhen.
»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.«
»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der Kaiser!«.«
Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung, dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende kleine Erzählung:
»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze Schlachtengefilde überblicken.
Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.
In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.
In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte, langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen.
Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald: das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.
Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten. Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen, je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen.
Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme:
»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!«
Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem Gewehrfeuer verfolgt wurden.
Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen Schnee lag.
Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.
Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.
Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber. Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme.
In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!
Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an: wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze Reihen nieder: -- wir senkten den Blick zu Boden und marschierten weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung.
An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich abzurechnen!
Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte fürchterliche Erbitterung.
Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber _diesem_ Ansturm war ihre Kraft nicht gewachsen!«
Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr er mit großem Nachdruck fort:
»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und weiterkämpfen konnten.
Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen. Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.
In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit, die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen. Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben schonungslos auf die Fliehenden ein.