Part 21
»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,« antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken, die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen, wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend dahinfließen.
Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der Straßen!«
»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«
»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem, der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«
»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig, »daß -- -- --«
»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«
Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem Munde. Dann begann er wieder:
»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!
Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s bisweilen auch. Merk auf, Bursche!
Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen, von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.
Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben würden.
Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen, so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte. Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die flache Klinge auf seine Arme niederfallen.
Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang. Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die Bäuerin, sie herunterzulassen.
Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.
Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch hinein.
Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt. Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.
Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger, und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.
Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht, -- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.
Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.
Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«
Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe, ruhig zu bleiben.
Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden, daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter Stimme:
»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung, mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten einzuschlagen!«
Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden, geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele zum Schweigen brachte.
Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich hin.
»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige Streiche vollführt.«
Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei.
Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße, und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet.
Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden Feuers hefteten.
»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses. Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.«
Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er:
»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser läßt sich nicht spotten!«
Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm gewichen, als er herausbrach:
»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen Sekunden fuhr er beruhigter fort:
»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen, und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund! Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er jahrelang sterben!
Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig, wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte.
Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt, das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele verdrängte.
Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.
Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die Liebe.«
Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte herüber, die gewechselt wurden.
»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.
Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:
»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.
Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm und mir verstohlen zuraunte:
»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«
Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß. Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.
Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.
Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt, wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.
Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.
Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei meinen Lieben.
Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst, daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab.
Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um Gotteswillen, mein einziges Kind!««
Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:
»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig, aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem Retter riefe ...!
»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück, Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.
Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast erstarrt vor Kälte.
Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.