Part 20
»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist gräßlich!«
Damit verschwand er in der Dunkelheit.
Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht in der Kammer.
* * * * *
Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von zehntausend Teufeln!
In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf, und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung.
Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer hatte aufgehört zu schnarchen. --
* * * * *
Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell, und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.
Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot.
Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte. Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder.
Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick, der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte sich ab.
Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem Lindengute.
20. Kapitel.
Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen Soldaten es getan hatten.
Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.
Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.
Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man ihre Vorposten bei Göhren erkennen.
Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im Dorfe einen längeren Halt zu machen.
Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen, kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten, und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck, der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war. In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.
Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm manches Belagerers abgeprallt war.
Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen der verbündeten Truppen hineinzutragen.
In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die letzten Vorbereitungen getroffen wurden.
Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.
So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.
Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen, daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.
Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte, ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien, geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war, nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.
Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.
Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug, Johann war niemandes Feind!
Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.
Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf gewachsen.
Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich in sein Glas.
Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten, hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre, wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut.
Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, der noch immer keine Anstalten zu gehen machte.
»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, das Du morgen Mittag wieder essen wirst?«
Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem Ernst an und fragte:
»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst leisten?«
»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint. Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.«
Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem:
»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?«
»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden, dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe für sie bereitstehen wird.«
»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das Vaterland garnichts tut?«
Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß der Bauch fest am Holze lag und antwortete:
»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke. Aber jetzt geh heim, Johann!«
Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte, daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof.
21. Kapitel.
Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen schwebten graue Dunststreifen.
Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne.
Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten.
Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem Erschienenen und schrie:
»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum hineinfegen in Dein flammiges Element?«
Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als wolle er seine Worte zur Tat machen.
Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus.
So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde und setzte sich zugleich nieder.
Noch immer laut lachend rief er:
»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt, mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir, Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe totgeschlagen.«
Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken. Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden Spahn und zündete sie an.
»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an.
»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte mit einem Anflug von bewußtem Stolz.
Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:
»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«
»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das, was er zu tun entschlossen war.
Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte er:
»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund, oder ein ausgemachter Narr!«
Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch, daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht argwöhnisch zu machen.
»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?«
»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt, he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde seiner Seele lesen.
Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise vor sich hin und versetzte:
»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«
Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut auf.
»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere. Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.«
»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen »warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern. Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«
»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«
Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von neuem und recht geheimnisvoll:
»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit sitzt der Teufel!«
»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau, und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du jedenfalls aus der Seele.«
»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich hiernach noch einen Knecht nennen?«