Part 19
Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe -- den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder Christian zufallen würde.
Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden anzubringen.
Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.
Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht auf dem Lindengute.
Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch dazu ermutigt.
Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.
Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme, und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still. Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen. Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.
Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.
Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried erhalten.
Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren eckig und unbeholfen.
Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.
Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.
So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.
Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen. Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht, was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.
Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.
Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.
Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen. Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig zu.
Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh, einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses, unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.
Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen, vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete ihm Schmerz.
Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken. Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?
Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen, dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.
Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten damit vernichten konnte.
Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und die Gläser tanzten.
19. Kapitel.
Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter.
Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch berührten sie nicht.
Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging, stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten, anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen. Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem Tone zu fragen:
»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«
»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe, warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?«
Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel. Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem Lächeln scheinbar achtlos hin:
»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --«
Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß brach.
»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:
»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!«
Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.
Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme, hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem Davongehenden nach.
»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch, »ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«
* * * * *
Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen. Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren erzeugt hatte.
Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten gelegt.
Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide, daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.
Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm. Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine schauerliche Musik aufspielten.
Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang. Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame, las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien. Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu durchdringen.
»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser Stimme, die in dem Sturm fast unterging.
Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.
»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?«
»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte, der Verrat üben will.«
Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte. Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach:
»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein Verräter im Dorfe?«
»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle. Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen, wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man sicher vor den Sandhaufen.«
Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt sagte er lebhaft:
»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.«
»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken daheim.«
»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.«
»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt, »so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.«
»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen, aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn, Gottfried, was da am besten zu tun ist?«
Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen Schmerz verspüre.
»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried.
Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck:
»Nein, es gibt keinen andern!«
Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf dem Ast zurück.
»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu.