Herr, mach' uns frei!

Part 18

Chapter 183,515 wordsPublic domain

Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen. Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger.

Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons, -- der Marschall Ney.

Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde, spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.

Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der sächsischen Königsstadt sichtlich.

So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.

Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges Fünkchen ersterben lassen.

Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen drohte.

Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und erfüllte zuletzt Aller Herzen.

Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.

Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.

* * * * *

In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, sondern auch in tiefster Seele guthießen.

Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.

Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden. Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht, die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.

Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf dem Wetzstein scharf geschliffen.

Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten, erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran, während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.

Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das war die liebe Jugend von Rehefeld.

Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße, ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.

Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte, sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.

Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.

Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.

Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog, genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst nach Freiheit war gestillt worden.

Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!

18. Kapitel.

Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.

Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse, die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten. Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand Schatten und erquickende Kühle spendete.

Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht. Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne, über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt, so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden Wandersmann freundlich grüßte.

Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen, dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten, Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur aufgehört zu leben.

Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand. Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch der saubere und unverschuldete Hof zufallen.

Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren, sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von Fliegen umschwärmt wird.

Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem. Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.

Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen Bevorzugten erhört haben.

So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen. Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen, wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die, noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand -- also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.

Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb diesen Werbungen.

Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern. Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.

Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll, und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen Zunge übernehmen.

Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch immer Frieden und Eintracht -- -- --

Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.

Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding, das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.

Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald wieder von neuem.

Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und wollte um jeden Preis fröhlich sein.

Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer, daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten, wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte. Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des alten Honigmanns.

Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er verkehrt.

Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich durch seinen Namen.

Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- --

Armer Emil!

Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie einen zu erhören beschloß.

Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.

Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er nichts wußte.

In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.