Part 24
Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet, um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang leidenschaftlich die Arme um seinen Hals.
»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin, daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte.
Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«
»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.«
Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun, die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster nieder.
»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei. Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.
Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand. Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein schrecklicher Traum die Ursache.«
»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien, oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige Sand begierig aufsaugt.«
»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt zuweilen gar kein freundliches Bild.«
Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!«
Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die Lippen auf Marias reine Stirn.
Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange.
»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet. Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, -- gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!«
Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust und sprach ihr begütigende Trostworte zu.
»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern Bund angefleht werde.«
»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:
»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch einmal!«
Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten Küssen.
* * * * *
Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.
Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars Platz genommen hatten.
Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten, und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte.
Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad Hartmann.
Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib!
Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar aus die Predigt.
Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er, daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand.
Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen nicht müßig bleiben wollten.
Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe.
Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor Reinerz seine Predigt.
Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen.
Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten, und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!
Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen. Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende, aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten, aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen wurden!
Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten. Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten, und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_«
Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --«
Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.
24. Kapitel.
Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages den Angehörigen gewidmet sein sollte.
Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt. Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte. Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde versuchen, hier nach Silber zu graben.
Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe beisammen.
Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung. Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken von Mund zu Mund.
Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein richtiges Bergwerk zu werden.
Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft, und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde, meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen seien.
Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch, was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.
Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er, gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden, daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.
Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht seinen Namen erhalten.
Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es, in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.
* * * * *
Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.
Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.
Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen, über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf der Hut sein würden.
Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran, aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter Lehnhardt erkannte.
Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.