Part 9
Was er Schönes hat, verschweigt er vor mir. Nichts was er denkt, sagt er mir. Wir sind ganz getrennt.«
Sie klagt rührend in die Erde hinein.
Das alles hörte und sah Isolde im Geiste wieder vor sich, so lebhaft, so ergreifend, wie eben erst geschehen.
Sie sah sich selbst, wie sie unbeweglich neben ihrer Schwester kniete.
Und was Marie sprach, schluchzte sie immer noch wie in die Erde hinein: »Ein ganz einsamer Mensch ist nicht einsam, aber ich bin so einsam!
Glaubst du, daß er Mitleid mit mir hat?
Nein sag ich dir! Gar nicht -- keine Spur.
Es muß halt so sein, denkt er. Das ist ganz in der Ordnung so. Dafür ist sie eine Frau. Er denkt ich brauche nichts andres -- essen, trinken -- und sein Weib sein.
Ach was sich so ein Mann denkt -- so ein fremder Mann. Und dann glaubt er, daß er unsinnig geduldig zu mir ist, wenn er mich einmal anhört. Aber seinem Gesicht seh ich's an. -- Er ist immer schon mit allem fertig. Einfach meint er, das gehört so mit dazu, daß ich klage.
Siehst du, daß ich nun wieder Mutter werde: das ist so eine Schmach -- so ein Elend für Leib und Seele.
Ein Wort, wenn er mir aus seiner Seele gäbe -- dann trüg' ich alles -- alles -- auch den Tod -- auch alles Leidenmüssen.
Die Hände würde ich ihm küssen, wenn er mit mir sprechen würde, wie mit einem Freund. Alles ertrüg' ich -- alles.
Nein, -- und ich hab's mal versucht -- mehrmals. -- Nie mehr Ide -- nie mehr!
Wenn er nicht selbst kommt -- ich kann nicht wieder kommen --«
Ihr Körper war von wilden, leidenschaftlichen Thränenfluten erschüttert und gepeinigt.
»Siehst du Ide -- die Mutter -- der Mutter ists gerade so gegangen! Du hast mal gesagt, du glaubst sie wäre dumm --
Ach Ide -- nein! Dumm nicht -- verprügelt -- abgestorben. -- Geschlagen hat er sie nicht -- -- aber doch verprügelt -- mit Worten -- mit Gedanken. So eine ewige Mißachtung ist wie ein grauer Regentag. Dabei stirbt die Seele.
Ich fühl's -- ich werde wie Mama.
Was er nur glaubt das ich bin?
Ob er glaubt, daß ich mich wohl fühle?
Ob er überhaupt einmal über mich nachdenkt? -- -- -- Ich weiß nicht!«
Sie war ratlos.
Isolde kniete damals in wahrer Todesangst neben ihr und hielt ihre festgeballte kleine Hand in der ihren.
Und wie Isolde ihre von Weinen ganz entstellte Schwester ins Haus zurückgeführt hatte, kam Mengersen eben aus seinem Atelier.
Er trug, wie immer im Haus, einen weißen Flanellanzug.
Man sah ihm an, er hatte mit Glück gearbeitet und befand sich geistig und körperlich außerordentlich wohl, blies behaglich die blauen Wölkchen seiner Cigarette in die Luft, da bemerkte er die beiden Schwestern.
»Was ist geschehn, Marie?« fragte er kurz. »Hast du dich wieder gehen lassen? Du sollst ja nicht, bedenke doch deine Lage, und verschone mich etwas, wenn es dir möglich ist, mit diesen Launen. Ein wenig kannst du dich ja wohl zusammennehmen.«
Er war unangenehm berührt. Isoldens Besuche bei ihrer Schwester mochten ihm auch fatal sein. Sie fühlte, daß sie ihn irritierte.
Ihm gegenüber hatte sich bei ihr ein ganz sonderbarer Ton herausgebildet, der ihrer Natur fremd war, eine leichte, kühle Ironie.
Dem Schädel, ihrem einstigen Symbol, hatte sie nicht ohne Sinn eine goldne Narrenkappe aufgesetzt und nicht umsonst den Lorbeerkranz.
Henry Mengersens Kunst war und blieb ihr das Anbetungswürdige, das Große, das sie liebte. Die Liebe zu diesem Inbegriff von Kunst hatte sie zur Künstlerin gemacht. Eine Anerkennung von ihm war ihr heute noch von höchstem Wert und er konnte sie ihr auch nicht versagen. Sie hatte es erreicht: Er anerkannte ihr Talent und ihren Fleiß und das Ziel, das sie wollte.
Wie hatte sie diese Jahre gearbeitet! Als sollte sie sich mit der Arbeit rein waschen von aller Schmach, die ihrer Seele anhaftete.
Nur das konnte heilen und reinigen. Und hätte er ihr zu Füßen gelegen und um Verzeihung gefleht -- nichts -- nichts hätte das geholfen.
Aber, daß er sie anerkennen müßte!
* * * * *
Asketisch hatte sie diese Jahre gelebt, als gäbe es für sie keine Jugend, keine Schönheit und keinen Reichtum.
Daheim, in dem luxuriös ausgestatteten Haus ihrer Eltern, in der Leopoldstraße, bewohnte sie ein kleines, unscheinbares Zimmer, schlief auf einem harten Feldbett, Winter und Sommer bei offenem Fenster, badete täglich kalt, litt nichts Weichliches -- nichts Zärtliches in ihrer Umgebung; bei Wetter und Wind machte sie weite Gänge.
In ihr war das Gefühl lebendig: die Schmach abwaschen! die Schmach, die er ihr angethan, rein werden, stark werden, arbeiten, erreichen, Mensch werden.
Daß sie so schön war, freute sie.
Wie sie ihre eigne Schönheit verstand und liebte!
Und sie wurde reiner und reiner. Ihre Seele wußte nichts mehr von Schmach -- von eigner Schmach.
Ein solches Gefühl von Starksein, von Schönsein, von Können, von Macht erfüllte sie jetzt oft.
>Ja, das glaub ich,< dachte sie hin und wieder. >Ihr möchtet mich einfangen, einkasteln. Einer möchte mich selbst besitzen, meine Schönheit, mein Vermögen und damit schalten und walten nach Gutdünken.
Daß i net lach!<
Das alles ging ihr jetzt durch den Sinn, als sie in ihrem hohen, weiten Atelier auf- und niederwandelte.
Was war aus ihr geworden in diesen Jahren -- etwas so Freies.
So, wie in eine andre Luft, war sie gekommen.
Zum ersticken, wenn sie an ihre Schwester dachte, an ihre Mutter.
Die Nacht, in der sie still wie eine Tote in ihrem Bett gelegen hatte, war unvergessen, war eingebrannt in ihr Bewußtsein.
In ihrem innersten Sein bedeutete es nichts, daß es ihr selbst wohl erging.
Sie gehörte doch zu denen, die tief unter dem Begriff Mensch stehen, zu den Körpern ohne Geisteskraft, die beschimpft, mißachtet, ohne Menschenwürde leben, zu der dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.
Sie stand jetzt vor dem Tisch, auf welchem die zwei Briefe lagen, einer, der heute gekommen war und ein anderer, der seit drei Wochen hier schon gelegen hatte.
Sie nahm den älteren Brief in die Hand und las ihn wieder.
Von ihrer Schwester Marie aus Berlin ist er, die schreibt ihr nach der Geburt eines Kindes.
Ein wirrer, mit Bleistift gekritzelter Brief:
»Ide, Todesqual, vierundzwanzig Stunden lang -- wie jedes Mal, von Anfang bis zu Ende entsetzlich.
Nur mein Wille, meine armen Kinder nicht zu verlassen, erhielt mich am Leben. Nicht chloroformiert, weil Kind sonst absterben -- -- schon angegriffen.
Sonst alles in Ordnung. Henry an Vater geschrieben. Denk an mich.
Einsam! Einsam!
Weißt noch?
Ade.«
O ja, sie wußte!
Sie wußte auch, was Henry, Schwager »Weißröckchen«, wie sie ihn nannte, geschrieben hatte:
»Alles vortrefflich! Das kleine Ungeheuer ist, was man so einen »prächtigen Jungen« nennt! Schwere Entbindung, wie wir das nun einmal in der Gewohnheit haben. Marie befindet sich nach ihren Strapazen jetzt mehr als gut. Der Arzt ist außerordentlich zufrieden. Nicht die geringste Ursache zu Besorgnis.«
Und der heutige Brief. Isolde hatte ihn schon mehrmals gelesen. Sie überflog jetzt noch einmal diese und jene Stelle:
»Mein Mann reist jetzt, weil er ästhetisch gequält ist. Der Herr Wöchner leidet schmerzlich darunter, daß ich meine Mutterpflichten an dem Jüngsten erfülle, -- noch schmerzlicher aber darunter, daß ihm jetzt so viel unpoetische Dinge unverhüllt entgegentreten.
Dieser Realitäts- und Wahrheitsfanatiker kann nämlich absolut nicht die Wirklichkeit vertragen.
Und da ich noch vollkommen erschöpft bin, sehr wenig außer Bett sein darf, so kann ich mich nicht mehr als gnädig verhüllende Wolken zwischen ihn und die Wirklichkeit schieben.
Körperschwäche und Ammendienst halten mich von allem zurück. Die einzige Person, die um mich besorgt war, mußte leider sehr bald zurück. Sie war anderweitig engagiert. Die biß für mich etwas Ruhe heraus.
Schade, daß du wegen der armen Mama nicht zu mir kommen durftest. Welcher Trost wäre mir das gewesen!
Seitdem die Wartfrau fort ist, werde ich wieder als »Nützlichkeitstier« von allen behandelt. Wenn ich mich auch kaum bewegen kann vor Schwäche, muß ich doch mindestens ein Kind warten und häufig noch eins dazu beaufsichtigen.
Dann kommt der Gatte und schimpft, daß immer Kinder bei mir sind und klagt den Himmel an, daß er Familienvater ist, dann versuche ich einige seiner Schmerzen zu lindern, bis die meinen zu stark werden. So vergehn im Wechsel meiner Pein die Tage. Ich halte mich an meinen alten Trost: die Zeit steht nicht still. Also muß ein Wechsel kommen.
Henry hat recht, -- so komisch es klingt -- eine Frau, die ein Kind erwartet, sollte nicht im Hause bleiben. Er ist so sehr empfindlich darin. Es beleidigt seinen Schönheitssinn, mich in diesem Zustand zu sehn. Es ist ihm unerträglich. Ich weiß das. Zuerst erschien es mir ein grausamer Wahnsinn, wie er es sagte; -- mir war, als thäte sich ein Abgrund vor mir auf.
Er sprach es so ganz naiv aus, als Künstler, weißt du.
Aber wie alles nun einmal ist, hat er von seinem Standpunkt ganz recht.
Wundert mich, daß es nicht ein solches Gesetz giebt. Für die Frau wäre es im Grunde auch besser.
Meine Ide, schreib mir doch recht bald einen lieben, langen Brief.
Mich verlangt stürmisch danach, denn ganz inwendig sitzt bei mir etwas Heißes -- Feuchtes. Das sollst du fortwischen, du hast den Zauber der Liebe, du kannst es.
Vergiß mich ja nicht, Ide! Von dir kommt mein Leben. Was meine Seele auf Erden hat, hat sie von dir! Einzig von dir. Mit dir wachs' ich und denk' ich. Du hältst mich. Laß mich nicht ganz fallen.«
10.
Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.
Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.
Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.
Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.
Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!
Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.
Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl auf Erden wurde.
Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.
Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: »Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.«
Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigshöhe von einem großen Kinde geführt.
Nachdem sie so weltentrückt bei einander gesessen und eine Stunde erlebt hatten, wie sie schöner und reiner auf Erden nicht zu denken ist -- Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer geleuchtet -- da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne aufgetaucht und einer Kanne holländischen Kakao. Schlagsahne und Kakao gab es da oben immer in der größten Seligkeit und auch wenn sie Kummer hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging. Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich; jedenfalls für sie die bequemste Form, ihre strahlende Wärme auf ihn zu richten.
Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.
Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und fragte: »Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles gut?«
»Es ist alles gut,« sagte er dann.
»Verzeih,« sie durfte nicht fragen. »Ist dir auch ein bisserl wohl? Und das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie nach einem Spaziergang? -- so wie neu? Was?
Weißt du, du mußt mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel froher.«
Sie lebte immer in der großen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.
Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so erfüllt von allem Guten.
Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel, Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.
Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.
Mama schlief schon, der Vater war auswärts.
Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.
Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.
Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.
Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.
Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.
Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!
Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.
Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde -- den sie lieben würde. Sie war bereit.
Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts mehr.
Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen -- und ihr Können! -- und die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.
Ein Jubel in ihr!
Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.
Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, -- jetzt!
Ihr Leben sollte reich und schön werden.
Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! -- sich opfern!
»Ja, ja,« sagte sie leise, »nur anders. Noch größer muß das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewußter.«
Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.
Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von diesem Briefe auf -- etwas sie Überschauerndes, Sonderbares.
So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!
Eine Frauenschrift -- eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.
»Ein Bettelbrief,« sagte sie sich und öffnete ihn:
»Liebes, hochgeehrtes Fräulein!« las sie.
»Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal unser Geschäft besucht.
Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstraße schaffen.
Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!
Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.
Ach daß er's zuläßt, daß ich dort niederkommen soll! so nackt und bloß vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! -- Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.
Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes Fräulein.«
Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: »Fragen Sie nur nach dem blonden Mädchen aus Aussee.«
Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme, zitternde Hände sie faßten und zur Thüre drängten, so empfand sie's:
»Geh -- geh -- ach geh doch!«
Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so weh, so hilflos, hilfesuchend.
Und sie ging.
Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um. Ihr Käppchen stülpte sie auf.
Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstraße schaute sie noch einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht. Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die Fensterflügel standen offen.
Er hatte die Hausthür wohl gehen hören, war ans Fenster getreten und mußte sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach, rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lächeln machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er könnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.
Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen, nächtlichen Straßen; im langsamen Trab ging es vorwärts. Ihr Herz klopfte der fremden Not entgegen.
Vor einem Hause in der Buttermelcherstraße ließ sie halten. Die rote Laterne einer Hebamme leuchtete dort.
Auf Isoldens Läuten öffnete sich die Hausthür und eine starke Person in einem verschabten Prinzeßmorgenkleid, das sie mit einer ordinären Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Straße hinaus.
Isolde fragte nach dem Mädchen.
Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mädchen mit der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?
»Wohnt nicht mehr hier?« fragte Isolde enttäuscht.
»Ich habe sie heut in die Sonnenstraße gebracht, gnädiges Fräulein. Da ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins muß oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mädchen, -- wie das so ist, -- sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der Bescherung. Da soll die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten gedrückt. Wissens Fräulein -- verzeihens; wir sind doch auch net da, um alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstraße. Möcht wissen für wen sonsten, wenn net für die!«
Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das unglückliche Mädchen loszuwerden und anzubringen.
»Ich zahl für sie,« sagte Isolde. »Holen Sie sie wieder zu sich. Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.«
Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hände sich an sie legten und sie rührend drängten.
»Ein paar Stunden, wanns früher gekommen wären. Jetzt glaub i net. -- I mein mal net.«
»Ich zahl für sie,« wiederholte Isolde noch einmal. »Mein Name ist Isolde Frey.«
Da stutzte die Frau eigentümlich.
»Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehört habe?«
»Ja, Frey, Leopoldstraße.«
Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schloß die Hausthür, die noch ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fußboden neben sich hin und sagte: »Also vom Herrn Bruder geschickt?«
»Von meinem Bruder?« fragte Isolde verständnislos.
»Herr Studiosus Karl Frey?« fragte die Frau noch einmal.
»Das ist mein Bruder.«
»No also! Und der ist auch der Vater von dem Mädchen seinem Kind. So weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was auf sich hält. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz jungen Herren die sind a Kreuz für'n Mädel.«
Isolde war in der größten Verwirrung. »Ich fahr zu ihr, ich bring sie!« sagte sie heftig. »Kommen Sie nach.« Sie drückte der Hebamme zehn Mark in die Hand. »Alles wird gezahlt.«
* * * * *
Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.
»Unmöglich!« sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. -- »Unmöglich -- unmöglich!«
Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.
Dies blonde, joviale Gesicht -- das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit, die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die Mutter und sie selbst!
Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.
Und seine plumpen Fäuste hatten sich von solch' einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!
Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das »zu spät«.
»Die müssens schon jetzt hierlassen.«
Isolde stand ratlos.
Die Thüre wurde geschlossen.
Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mußte gehen, ihre eigenen Füße gebrauchen, um weiter zu kommen.
Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschöpf. Weil sie arm war, mußte sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mußte sie mit dem Einzigen, was sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.
Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert, vielleicht belächelt. Welche Einsamkeit!
Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein Kind gebar.
In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schläfen hämmerte es vor Empörung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.
Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen »Leben« nennen: Ekel!
Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann fragen: »Wie ist das Böse nur auf unsre gute Welt gekommen!«
Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu öffnen, dadurch daß er das Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!
* * * * *
Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter gerufen, die sich nicht wohl befand.
Es gab da zu trösten und zu ermutigen.
Die Mutter litt oft an einer plötzlichen nervösen Herzschwäche und war dann in tausend Ängsten um ihr Leben.
»Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!«
»Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?«