Part 10
»Meinst du?« fragte Mama aufatmend, »mir war, als wenn er ganz aussetzen thät. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber Öl an die Finger. -- Und dann die Hände -- auch reiben -- da zuckts und druckts bis in die Fingerspitzen. Ah -- ah.« Mama stöhnte.
Isolde rieb und tröstete.
»Die Angst! die Angst! -- ach Isolde! So was kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl.«
»'s ist ja keins mehr da, du weißt ja.«
»Dann laß es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel.«
Isolde ging, um es einem der Mädchen zu übergeben. Auf dem Vorsaal hörte sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.
Das Zimmermädchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der Thür.
»Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,« sagte sie.
Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte Isolde gehört. »Möchte wissen,« rief er, »wie oft ichs noch wiederholen muß, daß ich keinen andern Schinken mag. Ich dächte Isolde, du thätest dir auch kein Bein ausreißen, wenn du den Dienstboten ein bissel besser auf die Finger passen thät'st!«
Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung an. Er wollte eben die Thüre wieder schließen. »Übrigens wo warst du gestern Abend?« fragte er barsch.
Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schloß die Thüre heftig. Als Isolde endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrängt und aufgehalten hatte, frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Händen zog, hörte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.
Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewöhnlich im Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor der vollen männlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel Wohlbefinden lag.
Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Straße und trieb sie wie mit einer Peitsche an.
* * * * *
Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.
Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.
Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.
»Wie?« fragte Isolde verwirrt. »Ich will hin,« sagte sie.
»Heut könnens auch hin,« meinte die Person, die geöffnet hatte. »Aber ich möchts Ihna net raten.«
* * * * *
In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.
Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fensterscheiben mit weißer Ölfarbe verstrichen.
Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden -- dort um den Tisch, da standen sie dicht gedrängt.
Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff. Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.
Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.
Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.
Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes. Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen Gräßlichen, was da geschah.
Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller Weib-Verachtung.
Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschöpf hatte dazu herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Körper predigte vom Leiden des Weibes, von seinem Opfer.
Die Weißbeschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kräfte, strammer Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?
>Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!< dachte Isolde, >wie stehst du doch über allem, bist größer als alles!<
Sie hätte sterben mögen vor Ekel und Entsetzen, wäre dies stille Gesicht nicht gewesen.
Der zerrissene, unverhüllte Körper, der hier vor frechen kalten Blicken lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib, das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.
Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den Niederen, den Erniedrigten gehörte.
Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib dort!
Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen Gesichtern.
Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.
Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte fühlte sie in sich selbst.
Sie preßte die Hände an ihre Brust.
Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz entrückt.
Es war ihr, als hörte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit Entrüstung aussprechen. >Es wird mich einer oder der andre wohl kennen<, dachte sie kühl.
Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, -- unüberwindlich, groß durch Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst.
Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.
Das lallende, unbewußte, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.
Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz, das war das Begeisternde -- das Lebendige, die große Hoffnung.
Als vier Fäuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht hätte verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas völlig Abgethanes und das Kind auf den Körper der Mutter fallen ließen, und der flache Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerärmsten gehört und den sie den »Nasentetscher« nennen, darüber gelegt wurde, da war die Tragödie zu Ende.
In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. -- -- Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, -- bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.
Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchströmten Luft.
Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.
Sie aber lebte!
* * * * *
Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen können.
In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen Sich-hin-und-her-bewegen.
Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.
Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!
Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser große Wille, dies Sich-opfern-wollen!
* * * * *
Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.
Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine stattliche Persönlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt, ein zufriedener Prophet.
Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.
»Déesse! Extravaganzen! Du bist -- da -- heut gesehen worden, bestes Kind!«
Isolde blickte ihren Vater mit großen Augen an.
»Karln ist es mitgeteilt worden. Déesse! -- Kind!«
Eine Würde sondergleichen ging von der mächtigen Persönlichkeit aus.
Isolde erwiderte mit keinem Wort.
Der Vater schwieg auch.
Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.
»Sag mal, Kind,« begann er wieder, »was ging das dich eigentlich an? Wie kommst du darauf? Weißt du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverständlich, wie du darauf gekommen bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch ......« Doktor Frey sprach nicht aus.
»Weißt du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann -- kein Pensionsmädel, braucht keine Governeß.
Hat der arme Junge Unglück gehabt -- laß deine Finger davon. Laß ihn! Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, daß es ihm angenehm war von deiner Anwesenheit -- dort -- zu hören? Junge Leute untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. -- Was für ein Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erzählt wird?«
»Ja, -- weißt du, Isolde, das ist denn doch zu toll!« das war Karl, der das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerfällig, empört. Die Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gerötet. »Fahr du nur so fort mit deinen Überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!« Er trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit voller Gewalt ins Schloß.
»Ein ander Mal laß ihn ungeschoren,« sagte Doktor Frey. »Kein Mensch hätte von der Affaire gehört. Nicht eine Stunde wär der Frieden gestört, -- und nun! Du weißt, daß ich Ärger im Haus nicht ertragen kann.«
Mama machte die Thür vorsichtig auf. »Ach Gott -- was ist denn?«
Isolde steht bleich, in sich zusammengefaßt, wie eine Weltdame, die in einer leichten Unterhaltung gestört wird.
»Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert -- etwas ganz Alltägliches.«
11.
Sie hatte so in sich selbst verschlossen gelebt -- in ihrer Arbeit.
Sie hatte gewissermaßen nicht für ihre eigene Person erstrebt, was sie nun anfing, zu besitzen.
Das Weib in ihr war es, was sich mühte, was rang, was ein Ziel verfolgte, was tief erregt bei jedem Mißlingen verzweifelte, was aufjauchzte bei jedem Gelingen.
Sie wollte den Begriff Weib in sich selbst umwerten, umgestalten. Erlöser-Seligkeit und Schmerzen standen ihrer Seele nach.
Weltfremd, jahrelang nur von einem fanatischen Arbeitsgeist besessen, war ihr vieles jetzt so neu.
Wie mit wunden Nerven hatte sie seit jener Nacht vor fünf Jahren das Weib-sein empfunden. Das Geschöpf zweiter Klasse sein, das Ausgeschlossen-sein von allem geistig Lebendigen, das Stehengebliebene, Unentwickelte -- nur Körperliche.
Es war so etwas Trauriges -- um das Weib ...
Sie arbeitete fanatisch, sprach aber zu keinem von ihrer Arbeit -- kein Wort über Kunst! Taktlos -- albern von einem Weib. Wozu? Einfach lächerlich!
Wo sie hinblickte, traf sie auf eine schmähliche Kränkung.
Jedes Buch, das sie aufschlug, bestätigte was sie empfand.
Begeisterte sie sich an einem großen Geist der Vergangenheit, mußte sie vergessen und darüber hinwegsehen, daß dieser Geist nicht über die Erde gegangen war, ohne daß er dem Weib ein neues Schandmal aufgedrückt hatte. -- Wie ein Fluch traf sie es, als sie auch durchschaut hatte, daß Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlöser, Leidensüberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte -- ausgeschlossen aus ihrem ureigensten Reich der Leidensüberwindung und Erkenntnis des Leidens.
Wohin sie sah, Schmach!
Sie litt unter der scharfen Einsicht in ihrer Lage -- der Lage des Weibes.
Wie ein leidenschaftlicher -- verzweifelter Fanatismus ergriff sie es oft.
Ihre Seele war so eine freie und frohe. Stolz, ausgelassen, freiheitstrunken wäre sie gern gewesen -- wenn sie nicht immer alles gesehen und durchschaut hätte.
Wie Peitschenhiebe fuhr es oft über sie hin.
Sie konnte nicht so dumpf leben wie die andern -- so breit, behaglich, angebetet und verachtet. Das stille, starre Totengesicht mit dem Zug der Weltüberwindung, der Schmerzüberwindung verließ sie jetzt seit Wochen nicht. -- Sie wollte und mußte dies Antlitz in sich schaffen. --
Sie wollte etwas bilden. -- Das Antlitz des Weibes.
In dieser Zeit hörte sie zum ersten Mal mit Bewußtsein von der unglaublich wunderlichsten Sklavenbewegung.
Das Weib begann zu revoltieren, das Weib, das, so lang es Menschen auf Erden giebt, sich geduckt hatte. Das unüberschaubare Zeiten sich hatte treten und mißhandeln lassen, das wie ein hungriges Raubtier seit Jahrtausenden was es wollte, erlistet und erschlichen hatte.
In einer kleinen Provinzstadt, in einer Kochschule war ein sonniger Saal mit Tannenguirlanden und frischen Laubgewinden, Blumensträußen und Fähnchen dekoriert. Da kamen die Frauen zusammen.
Isolde trat etwas spät, von der Reise ermüdet, in den Saal ein, als schon alle versammelt waren.
Eine heiße, sonnige Luft.
Das welkende Laub strömte betäubend duftend seine Säfte aus. So etwas Mattes, wie Herbstgeruch in der schwülen Luft.
Kleiderstoffe, ein ganzes Feld von Hüten aller Arten und Formen. --
Häßlich, wie jede Menschenansammlung, eine Anhäufung von Lappen, die alles Menschliche versteckt, etwas Formloses, Totes, Trocknes.
Diese vielen Frauen, in ihren vielen Kleidern, bedrückten und verstimmten Isolde.
Aus all dem Wust die kleinen, welken, dummen, vom Leben angekränkelten Mondchen, die menschlichen Gesichter.
Was für ein Angefaultes, Angefressenes ist so eine Menschenmenge! -- so etwas Trauriges, Schauriges, kümmerlich Verdecktes.
Vor weißverhangenen, sonnenbeschienenen Vorhängen saßen die Frauen vom Vorstand, kräftige Matronen; ein schmaler, langer Tisch vor ihnen. Die weißen, blendenden Vorhänge hinter ihnen ließen sie wie kompakte, schwarze Schatten erscheinen.
Die Versammlung wurde in würdiger Form geleitet.
Ein Präsident konnte den Reichstag nicht vortrefflicher eröffnen.
Aus der Menge erhob sich hin und wieder aufgefordert eine und sprach, mit einem befangenen Stimmchen, von ungeheuren Dingen, unter denen die Menschheit seufzt.
Sie faßte diese Dinge bei einem kleinen Zipfel und zeigte ihn wie ein winziges Pröbchen von einem ganz wunderbaren, riesigen Stoff, in den ungeheure Gestalten, geheimnisvolle, mächtige Muster eingewirkt sind.
* * * * *
Isolde kannte ein altes Kloster in Südtirol, das hoch auf einem Felsen liegt, ein Kloster zur ewigen Anbetung.
Sie hatte einen Winter mit ihrer Mutter in Südtirol zugebracht und am Allerseelentag war sie zu diesem Kloster in der Dämmerung hinaufgestiegen.
Weißverhangener Himmel, als wollte schon Schnee kommen; Regen rieselte, und Nebel stiegen dicht aus dem Thal auf und schieden das Kloster zur ewigen Anbetung von aller Welt ab, so daß es von keinem Auge mehr gesehen wurde. Geheimnisvoll, wie eine Gralsburg, schimmerte, wenn der Nebel ein wenig riß, ein Turm, eine Fensterreihe, wie mitten aus Wolken.
Eine unsagbare Einsamkeit war da oben -- eine herzbeklemmende, bange Einsamkeit.
Und hoch vom Felsen, aus der kleinen, im tiefen Nebel verborgenen uralten Klosterkirche heraus kamen zwei Stimmchen, wie im unendlichen Raume schwebend -- so traurig, so weltverlassen. So körperlos mystisch, so übermenschlich weh sangen die Stimmchen am Allerseelentag vom Tod und vom Leiden der Welt.
Dieselben Stimmchen, im Raume schwebend, drangen jetzt wieder zu ihr, rührend, weltfremd, schmerzbeladen, ihre Seele bedrängend. Dazu parlamentarische Würde und Sicherheit, ein ganz wunderliches Gemisch. So etwas Strammes, als hätten die mächtigen dunkeln Schatten der Frauen am Vorstandstisch, vor dem grellen Hintergrund, Boden unter den Füßen und könnten auf eignem Grund sich regen, so etwas Gesetzmäßiges, Wichtiges, als wären die Gesetze schon da, um besser, menschenwürdiger zu leben.
Dazu der Saal mit den Guirlanden und Fähnchen! so unbeholfen sicher. Ein ganz eigner banger Eindruck.
In Isoldens Seele war das reine Totenangesicht wie eingebrannt. Das Gesicht, das mit seinem Ausdruck des Großgewordenen durch Leiden, wie eine Sonne alle lebendigen, befriedigten Gesichter überstrahlte. Es wurde ihr hier schwerer an dies Gesicht zu glauben, als irgendwo sonst.
Und doch -- in den weltfremden, weltverlassenen Stimmchen zitterten Laute, so rührend und lallend sie auch klangen, in denen das ganz Tiefe, das große Wollen lag -- das Wollen, das sich Bahn bricht, sei es wie es sei.
* * * * *
Isolde träumte, während die kompakten Schatten Bericht erstatteten, was in Sache der Frauen in diesem Jahr geschehen und nicht geschehen war. Gut bürgerliche Vereinsbefriedigung lag währenddem über ihnen.
Isolde träumte, daß sie aufgestanden und an den Tisch vor den gelben Sonnenhintergrund getreten wäre und in die Blendung hinein und zu den mächtigen, dunkeln Schatten gesprochen hätte:
»Würdige Frauen, laßt doch eure Barmherzigkeit jung sein!
Jung und stark.
Laßt sie nicht alte ausgekrochne, ausgeschlichne Geleise schleichen.
Thut doch etwas ganz Erstaunliches! Etwas, worüber die Welt in Lachen ausbricht, in Zorn und Wut. Weil ihr zu trotten versucht, wie der Mann trottet, so schwer und bedächtig -- glaubt ihr, ihr habt es schon erreicht, was ihr wollt -- oder werdet's erreichen? -- O weh, etwas Altes!«
Aber das klagende Stimmchen im Raum ist noch so jung.
»Ich beschwöre euch, thut etwas Königliches, etwas Freies! Nichts Althergebrachtes. Nichts Kluges -- nichts Vernünftiges -- laßt die That der Frau wie eine lang verschüttete, eingeengte Quelle mächtig rücksichtslos hervorsprudeln -- thut etwas, das davon zeugt, daß ihr den großen Willen habt, den weltüberwindenden Willen. Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken. Bereitet dem jungen starken Weib ein Nest.
Ein eignes Nest mitten in der harten, frechen Welt. Baut eine uneinnehmbare Veste aus eurem Willen. Ohne daß ein Funke von Verachtung in eurem Blick aufsteigt, laßt in unangetasteter Reinheit das junge Weib ein Kind ihr eigen nennen dürfen. -- Ein Kind und Arbeit! Gebt ihnen Arbeit, bei der ihnen die Seele weit wird, und ein Kind, das ihnen das Herz froh macht. Seht ihr -- ich gebe euch den großen Willen -- nehmt ihn!
Laßt sie nicht in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie ein Raubtier verlangen.
Macht etwas Ganzes aus ihr!
Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken und laßt ihnen nichts geschehn!
Schützt sie, und sie sind geschützt, sagt, sie sind ehrbar -- und sie sind ehrbar.
Schlagt ihn, er hat keinen Freund!
Aber hat er einen Freund, wer will den Menschen dann berühren? Wer kann ihm ernstlich schaden?
Des Menschen Wille schafft die Welt! Weshalb dem jungen Weib nicht ein Nest, worin es werden kann, was es werden will und werden muß, wenn es einmal mit beiden Lungen frei atmen kann, wie ein Geschöpf Gottes und beides hat, ein Kind und Arbeit. Und aus diesem kleinen Nest wird eine neue starke Menschheit kommen -- allen zum Trotz, die eine Menschheit von Sklaven und Haustieren wollen.
Achtung wird das Weib unter der Sonne genießen.
Lachen und jubeln wirds!
Die ungeheure Gesetzeslast und die Mißachtung hat die Frau mit einem leichten Fußtritt bei Seite geschoben wie durch ein Wunder, und wieder wie durch ein Wunder ist sie nun frei geworden -- und sieht, daß sie nie gefangen war.
Streicht ihr über die verwirrten Augen mit sanften, klugen, wollenden Mutterhänden! und breitet die großen Flügel aus wie Glucken.«
So hatte Isolde, im Stuhl zurückgelehnt, thöricht geträumt, gerade als die würdigen Frauen am Vorstandstisch die Frage aufwarfen: »Soll die Frau den Titel des Mannes führen oder nicht?«
Und dann kam wieder eine andre sehr vernünftige, untadelhafte Frage -- sehr korrekt.
Isolden war es zu Mute, als müßte draußen ein dunkles, starkes Gewitter ausbrechen.
Es schien aber helle, grelle Julisonne, kein Wölkchen am Himmel. Schwüle, erdrückende Schwüle im Saal. Die Laubguirlanden strömten ihre Säfte aus.
Es duftete nach sterbendem Laub und heißen Körpern, eine einschläfernde Atmosphäre.
Und doch stieg aus dieser drückenden Atmosphäre etwas Starkes, Lebendiges auf. Für eine feine Seele voller Weltliebe war es auch zu spüren.
Aber was ein Sturm sein sollte, war noch ein kleiner, spitzer Luftzug wie aus einer Fensterritze.
12.
Es war in diesem selben Jahr, Weihnachts-Heiligerabend. --
Der Zusammenschlag aller Herzen, alter und junger, trauriger und fröhlicher, durchzieht wie ein mächtiger Strom die Stadt, liegt wie ein leuchtender Nebel über den Häusern, klingt von den Türmen in vollen, schweren Tönen, hallt in den Schritten der Menschen, die durch die Straßen eilen.
Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!
Der großen Weihnachtsstimmung kann kein Herz entfliehen und wenn es sich in seinem Weh bis in den dumpfsten, tiefsten Keller vergrübe. Es müßte mit hinein in den Zusammenschlag.
Da fühlt ihr's einmal: das »All-Eine«. Das Zusammenfließen der Seelen, das Empfinden, Früchte an einem Baum zu sein.
In allen Heimstätten feiern sie Weihnachten.
Aus den Fenstern der Häuser an der Leopoldstraße strahlt es festlich in die Nacht hinaus, glänzen die lichtvollen Weihnachtsbäume wie Sterneninseln.
Draußen leichter, schon hart getretener Schnee und doch ein milder Winterabend, zwischen Gefrieren und Tauen. Die hohen, kahlen Pappeln ragen schattenhaft zart in den blanken Sternenhimmel hinein.
Stadtgeräusche klingen heut anders als sonst, so scheint es jedem. Die Pferdebahn kommt so eilig, weihnachtlich daher. Die Droschken fahren, als führen sie irgend eine Überraschung zu irgend einem Ziel.
Ja, lebendiger ist alles, als sonst und heimlicher.
Einer scheint dem andern noch bekannt. Man freut sich mit denen, die sich freuen können und freuen. Das fremde Leid greift zum Herzen und nicht nur an die Nerven, und auch nicht nur zum Herzen, nein, bis in den Geldbeutel hinein, der tiefer und unzugänglicher beim menschlichen Geschöpf sitzt als Herz und Nieren.
Ja, ein schöner Abend, ein sehr merkwürdiger Abend, der Abend der Weihnachts-Heiligennacht.
Bei Doktor Freys waren sie auch in Feststimmung und Festerwartung.
Die Mutter, Isolde und Bruder Karl sitzen im Salon und warten auf den Vater, um im Speisezimmer den Weihnachtsbaum anzuzünden und dann während des Lichterglanzes ein kleines, festliches Abendessen miteinander zu verzehren -- und Frau Doktor Frey ihr Haferschleimsüppchen.
Um den Weihnachtsbaum stehen von Tüchern verdeckte Tische mit Geschenken.
Es ist alles bereit. --
Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit gewichen. -- Der große schöne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft mischt sich mit dem frühlingszarten Atem von Maiglöckchen, Hyazinthen und Tulpen, die in einer schönen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, auf dem großen Tisch im Salon unter der Hängelampe stehen und ihr zu früh erwecktes Leben in die heiße Zimmerluft ausströmen, statt in hellen Maiensonnenschein hinein.
Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar glänzende Fäden über einen Tannenstrauß mit Rosen, oder ordnet etwas an den Geschenken. Die Ausschmückung des Zimmers zu Weihnachten ist immer ihr Werk gewesen.
Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon -- komisch fremd.
Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein können. Wie kennen sie jede Äußerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!
Sie kennen sich bis zum Überdruß, das heißt: jedes die Larve des andern.
So sitzen sie und hängen ihren Gedanken nach.
Was weiß Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas innerem Leben?
Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die Gestalt, das müde Gesicht mit dem leidenden, etwas stumpfen Ausdruck. In Mamas Gesicht ist etwas Ausgelöschtes.
Wer hat das ausgelöscht?
Das Leben?