Part 11
Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt -- -- nein. Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut zu werden.
Isolde denkt, wie Mama sich früher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie eine Magd, die fürs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.
Sie kann sich nicht eines besonders liebenswürdigen Ausdruckes erinnern, den der Vater je an Mama gewendet hätte.
>Na Alte<, so ganz gedankenlos hingesagt -- das hört sie in der Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei -- so von oben herab.
Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer Eltern.
»Ah« -- Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hände von sich. >Triste! ... Gott behüte einem vor so etwas.<
Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: -- müde gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.
Isolde hat das Gefühl, sie möchte zu ihr hingehen und sie küssen und streicheln; dann fängt aber Mama immer zu klagen an um alles Mögliche -- und auch darum, daß sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.
Isolde weiß das schon.
Es ist für Mama nicht gut, zärtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit nichts mehr anfangen.
Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.
Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist's mit Papa auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.
Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber entsetzt waren.
Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa, gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im Betragen.
Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der Vielbegehrte.
Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.
Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur wartend, -- auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie -- lang, lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief nicht eher ein, bis der Vater kam.
Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht haben?
Schrecklich.
Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll -- Nachttier-haft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?
Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.
Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte -- zog seine Uhr -- »Neune schon!«
Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend außer der Familienfeier etwas vor.
Natürlich.
Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der Abendzeitung zum so und so vielten Mal und versank wieder in dem weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf vergraben, die Blicke gedankenlos über das Zeitungsblatt hinschweifend. Mit der Spitze seines Fußes klopfte er ungeduldig im Takt auf das Parkett.
So ein harter trockner Ton.
Isolde wurde ganz nervös davon.
Mama sagt: »Heut kommt Papa aber spät. Das Abendessen wird uns verderben.«
Dann saßen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.
»Karl, klopf nicht so mit dem Fuß auf,« bat Isolde.
Draußen an der Hausthür schellte es auf eine eigentümliche Weise.
»Das ist Papa nicht,« sagt Isolde.
Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berührt.
»Nein, das ist Papa nicht,« sagt Mama auch. »Bewahre.«
»Na, und dreiviertel auf zehn wär's jetzt glücklich.« Karl war sehr ungeduldig geworden.
* * * * *
Da that sich die Thür auf. Das Zimmermädchen erschien in blendend weißer, festtäglicher Schürze. »Nun,« -- Isolde wollte weiter fragen, da sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.
Sie fragten jetzt alle drei beunruhigt: »Nun? Was denn? Was ist denn?«
Das starre, erdfahle Gesicht über der weißen Schürze veränderte sich nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen Ton hervor.
»Nun,« fragte Karl, »was ist denn eigentlich los?«
Und da kam es -- in abgerissenen, unklaren Worten:
Dem Herrn war was passiert.
Alle drei hatten sich von den Stühlen erhoben und standen und starrten im ersten Augenblick.
Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewußtsein aufnehmen, das Leben soll behaglich sein, gleichmäßig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen Überraschungen, das empört, das lähmt.
Da drangen Geräusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde Schritte.
Karl stürzte zur Thür.
Bebend, flüsternd sagte Isolde etwas und faßte heftig nach der Hand des Mädchens.
Die starrte ohne Erwiederung -- aber der Druck ihrer Hand sagte alles.
Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich -- nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.
Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen.
Karl hatte das Zimmer verlassen.
Die Thür war angelehnt geblieben, die Schritte draußen drangen jetzt deutlicher schwer in den Salon.
»Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden?« fragte das Mädchen.
Mama ging jetzt, auf Isolde gestützt, zur Thür hinaus. Es lag etwas Hausfräuliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschäftiges -- ihre alte Weise. Es gab für sie zu thun. Es mußte für einen Gast gesorgt werden.
Drei Männer hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr hielten den schlaff herabhängenden Arm des Toten gefaßt.
Die Hand des Toten hielt ein mit weißem Wollpelz überzogenes Schäfchen mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.
»Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden,« sagte Mama langsam, völlig klanglos.
Karl stand verblüfft, der Schreck und der Schmerz ließen seine Züge merkwürdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.
Die drei Männer folgten Frau Doktor Frey und Isolde.
Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefaßt und blickte in das bläuliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Körper, der einer großen, schweren Masse glich.
Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrücken, etwas von einem »bösen heiligen Christ« -- das klang schaurig, wie die Stimme aus einem alten Märchen.
Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen aller übrigen Personen ab.
Das Hausgesinde war so außer sich, daß ein lautes Schluchzen und Heulen den Raum erfüllte.
Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblüffte in den Zügen.
Isolde war vor Entsetzen ganz überwältigt, wich keinen Schritt von ihrer Mutter -- nicht mehr sie zu stützen, um von ihr gestützt zu werden. Und da war über Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor dem Isolde vor Jahren sich so gefürchtet hatte.
Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht empfangen, wenn er zu ihr zurückgekehrt war, ohne daß ihr von seiner Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehört hätte, als jetzt. Sein Körper war zu ihr zurückgekehrt -- sein für sie toter Körper, nicht anders als heute -- nein -- nicht anders.
Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren Erfahrung.
Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als Arzt vorstellte, versuchte das weiße Wollschaf aus der Hand des Toten zu lösen. Es war ein so ganz unmöglicher Anblick, die gelbe Totenhand um das lächerliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert, wie der Mensch die lächerlichen Dinge des Lebens umklammert hält.
Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhängsel zu befreien.
»Lassen Sie doch,« sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.
Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewissermaßen als mit dem männlichen Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand geflüsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Würden, der augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.
Isolde lag erschüttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hände vergraben.
Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den dieser vor dem Ausgehen über den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte, stumpf und unbewußt beiseite. Darauf goß er ein halbgefülltes Wasserglas gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. Seine Züge verloren für keinen Augenblick das Verblüffte.
Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand des Toten sanft in die Höhe und versuchte den starren Fingern das Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht. Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.
Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurück und blickte auf.
Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rührendes Gesicht, auf das der Schmerz oder sonst ein Gefühl, einen Jugendhauch gelegt hatte.
Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen sollte, die ihr nicht über die Lippen wollten, von sündhaften, schweren Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, -- die Worte fehlten noch. Wie hilfesuchend blickte sie auf Karl und Isolde.
»Laßt es ihn nicht entgelten,« sagte sie leise bittend, -- »der Vater hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bübchen.«
Sie zeigte auf das kleine Schäfchen wie zur Erläuterung.
So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hände legten sich ihr bei ihrer großen Bitte wie zum Gebet zusammen.
Isolde stürzte mit einem Strom von Thränen zu ihr hin und schlang die Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.
Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines Gold -- ganz ausgeglüht. -- Weltfremd.
Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; -- aber stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden, durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt, in der alle Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.
Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama. Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.
Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so vornehm.
Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!
Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse, erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten Mama verschüttet und begraben war.
13.
Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.
Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.
Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.
Marie stand ihr so viel näher als Isolde. Marie war das Weib, das die Wege ging, die sie selbst gegangen war.
Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen. »Das ist nu ma' so, ja, siehst du -- das ist nu ma' so.« Das konnte sie immer von Mama hören, wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu klagen oder zu erzählen.
Mama wußte alles immer schon im voraus.
Sie sah gewissermaßen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.
Die Extasen hatten bei Mama nie eine große Rolle gespielt.
Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwächezustände, kranke Kinder, Geldsorgen, große Müdigkeit -- weiter war ihr nicht viel in der Erinnerung hängen geblieben.
Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich -- und das sagte sie auch Marien oftmals -- und das kam davon, daß Marie doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein müßte. Marie war eben auch Papas Tochter. Beide Töchter hatten leider etwas so Aufrührerisches, wenn gleich Marie nicht annähernd wie ihre jüngere Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut, das thut er.
Dafür ist er das Haupt der Familie.
Ja und das sagte denn Mama ihr tüchtig.
Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so recht hatte.
In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnsüchtiges. Eine Mutter von fünf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!
Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.
Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwägerin, Pauline, die in Ludwigshöhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Töchtern so geworden wär'. So drall und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts. Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prächtigen Ammen und Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, -- ein ganzes Regiment Weiber war da immer im Haus. Und diese Wäsche! Und wie im Hause gegessen wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann auch Respekt.
Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Töchtern.
* * * * *
Dies Jahr gab es einen warmen, schönen April.
Es hatte sich oben in Ludwigshöhe in einer Nacht über die Wälder wie zarter, grüner Nebel niedergelassen. Der war wie von den Wäldern eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rötlichen, knospenden Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter grüner Blättertröpfchen.
Ein Leuchten ging von diesem jungen Grün aus, ein durchsichtiges, unsäglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grünes, helles Bad tauchen ließ, die armen, rußigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.
Ja, es wurde da oben jetzt schön. Die prächtigen Waldgärten mit ihrem knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Blätterdecke unter den Bäumen, aus der das frische Leben in tausendfältiger Gestalt brach. Hier ein Himmelsschlüssel, ein zerschlissenes dürres Eichenblatt um den Stengel, dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stück Laubdecke in die Höhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.
In Gebers Garten blüht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und Enden.
Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blühte zwischen den kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. --
Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefüllte Kirschbäume gepflanzt, die blühten, als wollten sie sich in ungezählten tausend und abertausend rosigen Blumenbüscheln auflösen; und Apfelbäume, die ihre ersten Knospen jugendsicher trugen.
Aus dem grünen Gras schauten weiße Narzissen und allerhand altmodische Bauernblumen, blaue Träubchen und Goldlack.
Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz nicht, den Frau Lu ihrem Stück Land gegeben hatte; aber in ihrer Art sind sie prächtige Besitztümer, groß und schattig.
* * * * *
Isolde war, weil Marie es brennend wünschte, auf einige Tage hinauf zu ihr nach Ludwigshöhe gekommen.
Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines Zimmer in dem Gartenhäuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.
Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich thun ließ.
Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrückte und erregte. Sie konnte das unermüdliche Werben ihrer Schwester um sein Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Länge nicht ertragen.
Quälend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie ließ es sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die Sachverständige zu spielen.
»Henry rück es doch so -- siehst du, hier fällt das Licht nicht gut darauf. -- -- Und das ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin was einem zu Herzen geht. --
Ich hab dir doch gesagt daß die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht hübsch aussieht -- nun findet es Isolde auch -- siehst du.«
Sie rückte etwas an einer Staffelei -- sie machte ihn aufmerksam, dies oder jenes zu zeigen.
Und jedesmal traf sie derselbe spöttische Blick, sie kühl in ihre Grenzen zurückweisend.
Über Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekränkt, so überaus demütig.
Isolde wußte sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein Gefühl von Haß gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.
In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, daß Marie schwerfälliger in der Art sich auszudrücken geworden war, auch ihr gegenüber.
Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen, mit der Schwester weiter leben zu wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentümlich fremd gegenüber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von Kinderwäsche, klagte endlos über ihr letztes Wochenbett und lobte ihre Schwägerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.
Henry hatte immer gewünscht, daß Marie sich ihrer Schwägerin anschließen möchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoßen.
Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwägerin, wie es schien, mancherlei profitiert. Man aß dies Jahr ganz vortrefflich bei Mengersens. Paulinens Hand war überall zu spüren, ein barscherer Ton schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die Leibwäsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriöser geworden.
* * * * *
Kurz ehe das jüngste Kind bei Mengersens geboren worden war, hatte es eine wunderliche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.
Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden Blick Mengersens nicht demütig, traurig verstummt, sondern in lautes unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Füßen gefallen, hatte verzweifelt seine Hände gefaßt und diese Hände heftig geküßt und dabei geschluchzt: »Verstoß mich nicht, -- ich bin doch auch ein Mensch!« Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.
Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.
Was wollten sie denn?
Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten Angelegenheiten war er unendlich überdrüssig geworden.
Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit einer Fliege.
Henry Mengersen wußte gar nicht, was er ihr antworten sollte. Er wollte sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen:
»Marie,« sprach er, »was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen, -- so sag's. -- Aber dies ewige Nörgeln!«
Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrückter Erregung: »Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Künstlerehe, und in einer Ehe überhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele zuwider -- einfach unerträglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause, daß ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus nötig, daß du dasselbe, was ich sage, noch einmal verdünnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, daß du deshalb wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie soll ich sagen, -- die tierischen Funktionen im Leben zu erfüllen. -- Nun, so erfüllt sie.
Jeder das Seine.
Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gäbe, mitzureden oder mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in ein Vermögen?
Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berühmter Männer versäumen es gewöhnlich, darüber nachzudenken.
Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu erziehen, du stehst deinem Hausstand erträglich vor, läßt mich bei jeder Gelegenheit aber unter deinen Nachlässigkeiten leiden. Erfülle deine Pflichten und laß alles Übrige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich einmal verstanden, Marie?«
Er sah in ein bleiches, thränenloses Gesicht.
»Ja,« sagte sie.
In diesem Augenblick klammerte sich ihre verachtete Seele an die Liebe zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter des Herzens überwuchs.
* * * * *
Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehörigkeit zu ihrem berühmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor »der Fliege«, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu erfreuen.
Der Einfluß der Schwägerin Pauline begann zu regieren.
Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrückt, was ihm nicht paßt. Aber vorzügliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wäsche, geputzte Kinder, ein schwerfälliger Ernst -- und das Kleinste war zur Wichtigkeit erhoben.
Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Händen unermüdlich gefleht hatte: >Nimm mich mit, laß mich nicht verschmachten<, war verstummt. Diese arme, bittende Seele drängte sich nicht mehr an ihn heran. Ob er das wohl bemerkte?
Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Schoß und klagte es ihnen leise in die Öhrchen, was ihr gethan worden war.
Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fühlte nur eine große Müdigkeit und Stumpfheit in ihrer Schwester, ähnlich der Müdigkeit und Stumpfheit, die sie in Mama empfand. >Triste<! dachte Isolde wieder, >Triste! Gott bewahr einen vor so etwas.<
Sie war dieses Frühjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch nie.
Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so bedeutungslos, so unnötig erscheinen ließ.
Und was für ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie -- ja -- das nannte sie »Leben«, was sie da that.
Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.
Ihr lieber Freund, Lus »Guter« ja, der liebte ihre Seele, dem gegenüber durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares Verhältnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthätig bis in die innersten Nerven.
An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fühlte sie sich als freies, vollgültiges Geschöpf.
Hier wagte sie zu hoffen, daß sie in ihrer Kunst nach Großem streben dürfe.
»Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine Welt!«
Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.
Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glühend, um die Seele von Schmach zu reinigen.