Part 8
»Sehr einfach,« sagte Mengersen, »ich habe mir alles überlegt: Meine künftige Frau muß wohlhabend sein, jung, schön, anspruchslos. Diese Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich zu überzeugen.«
»Ich halte Isolde durchaus nicht für anspruchslos, lieber Henry,« sagte Mistreß Wendland. »Isolde ist ein Rassegeschöpf, die sind an und für sich ......«
»Die andere aber halte ich für vollkommen anspruchslos,« unterbrach Henry Mengersen. »Die ist ganz, was ich suche.«
»Die andre?« fragte Mrs. Wendland verwundert.
»Und weshalb nicht?« meinte er scharf und dachte: >Hat Isolde geplaudert?<
Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.
»Isolde ist bei weitem interessanter.«
»Mag sein. Beste Mary, -- eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig, mitempfindend, nachempfindend -- Gott weiß, was noch! Alle Achtung! Nein -- nicht um die Welt! Und außerdem ist Fräulein Isolde auch in anderer Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr?« Er lächelte fein und kühl. »Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut thun wird, wenn sie sieht, daß man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich glaube, diese Erfahrung ist außerordentlich wichtig für das Mädchen.«
Mrs. Wendland lächelte: »Also aus erzieherischen Gründen wollen Sie Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein ganz reizender Ehemann werden. ^Cold as charity^ -- kalt wie die Barmherzigkeit, man sagt. O, ich möchte mich nicht mit Ihnen heiraten, lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.
Ach und nun werden Sie also philiströs; ein Mann, was hat gelebt, wie du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!
Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.
Sie machen immerhin ein ganz gutes Geschäft.«
Henry Mengersen dachte: >O, meine gute Mistreß, -- also doch nicht ganz angenehm überrascht?<
»Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen läßt?« fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem amüsierten Ausdruck. »Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon.«
Henry Mengersen küßte ihre Hand.
»Du bist schon ganz in der philiströsen Maske eines keuschen, würdigen, deutschen Bräutigams, mit seinem gut bürgerlich schlechten Gewissen. -- Du bist mir nun langweilig!
Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen nicht zu lächeln, Henry.
Nein, weil nun eine große, langweilige Lügengeschichte angeht, wie bei allen Männern. Bei dich lächelt es mich noch mehr, als bei den andern, weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!
Für Sie, Henry, wünschte ich, Sie hätten Isolde gewählt. Vor ihr hätten Sie müssen doch ein wenig ^gêne^ haben. Sie könnten mit ihr nicht so ganz ^sans façon^ sein.
Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wünsche Glück zu dieser Dudelsackehe.
Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda.«
* * * * *
Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.
Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas andres.
Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich vor.
Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem ihm eigentlich solch' eine weltfremde, höhere Tochter ein sehr unheimliches Ding war.
Er überschüttete sie mit Zartheit.
Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mußte das solch' einem Geschöpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!
Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.
Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je für sich hätte thun können; dazu seine tadellose Wäsche, die vornehme Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.
Er mußte auf so ein Ding wirken, ohne daß er sich im geringsten anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm begegnete.
Nie hatte das blonde Mädchen einen vertrauenerweckenderen Menschen gesehn.
Die instinktive Sorge, daß der Mann brutal, roh in seiner Übermacht ihr gegenübertreten könnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren noch so kindlich, so ganz vom Äußeren hingenommen. Wie Blasphemie wäre ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke, da schämte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre Ungewandtheit nannte, ihrer Hände. Man sah ihnen das fleißige Schaffen im Hause an. Es waren reine, junge, kräftige Mädchenhände, aber nicht blütenweiß und die Nägel waren kurz gehalten.
Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand dieser Mann über ihr!
Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von Glück, Stolz, Überraschung und Verwirrung.
Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen geschrieben, auch Isolden nicht, -- und nun war sie Braut, die Braut eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben hätte.
8.
Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.
Sie kam von Berlin zurück, eingehüllt in ihre große, tiefe Liebe wie in eine Wolke von Sehnsucht.
Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die Tradition will, und verkündete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.
Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein großes Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.
Nicht Zeit zu einem Schrei!
Da war's geschehn.
Da hatte sie ihr Teil.
Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.
Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.
Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst -- ein Nichts.
Da war kein Körper, der irgend etwas galt.
Ihre Hände hielten sich zwar, -- aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und hörte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein -- endlos -- endlos.
Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fühlte sie, wie sie in das Zimmer trat und hörte sprechen und sah dies und das.
Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne hörte sie den Vater ungeduldig schelten.
»Was zum Teufel ist denn das?«
Doktor Frey stand mitten in dem weiß und goldenen Salon mit den frisch gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorhängen.
»Das ist die reinste Verrücktheit!«
Er sperrte ganz verblüfft Augen und Mund auf.
»Stellst du dir vor, Alte, ich laß mein gutes Geld von dir zum Fenster hinauswerfen? Läßt die gekündigte Wohnung neu herrichten! Daß i net lach!«
Er war in großer Wut.
»Gekündigt hast du?« -- fragte Mama ganz betreten und zittrig. »I du meine Güte, davon weiß ich ja garnichts!«
Doktor Frey riß die Thür zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort stand.
»So -- na! -- Merkwürdig!«
Er war einigermaßen beruhigt.
»Freilich ist gekündigt. Glaubst du etwa, ich bleib' in dem Loch? Und was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?«
Nun kam ein Sündenregister.
Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.
»Daß i net lach! Daß i net lach! Das war auch besonders nötig, daß eine von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen ... Nun, ich werd' euch auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!«
* * * * *
Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schloß sie die Thür und warf sich auf den Fußboden.
Draußen schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.
Langgestreckt lag Isolde; -- ein Schwindel erfaßte sie.
So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!
Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester -- da griff sie mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.
Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und biß in den Fuß des Bettes, und verbiß sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode kämpft.
Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Schädel darauf. Da hockte sie sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Schädel in Verzweiflung in die leeren Augenhöhlen und starrte und vergaß die Zeit.
Sie wollte denken -- aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.
Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; -- dann sang sie weiter übermütig lustig.
Wie that das?
* * * * *
Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach München begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mühe, weil doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.
Marie war hingebend weich und selig.
Henry Mengersen schien der Situation völlig gewachsen zu sein. Er hatte allerdings erwartet, daß Isolde sich mit »Kopfschmerzen« entschuldigt haben würde.
Nun war sie doch da, eine freche, kleine Bestie -- und hatte einen ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.
Er aber war gerüstet auf alle Fälle; umsonst hatte er sich nicht einen Giftzahn wachsen lassen. Von einem Mädchen, das sich erniedrigt hatte wie Isolde -- und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglückt. Die Ruhe war nur Maske. O, er ließ sich nicht täuschen; er kannte diese Sorte.
Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenüber, und Isolde würde ihn kennen lernen.
* * * * *
Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein am Fenster.
Die Hängelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um diesen Lichtkern war eine weiche Dämmerung.
Isolde sah ihm ruhig in die Augen.
»Eine Bitte, Fräulein Isolde,« sagte er eisig; »über das, was zwischen uns vorgegangen ist, kein Wort -- nicht wahr? Es gilt das Lebensglück Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien Sie meiner ganz sicher -- ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen gegenüber aussprechen.«
Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte, fuhr er leise zurück. Nicht mehr Isolde, das rührende, liebende Mädchen, -- ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenüber. Und aus ihrem Mund tönten ruhige Worte:
»Ich empfand Ihre Kunst -- ich liebte sie -- ich that es. Ich will es auf offenem Markt sagen.
Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken können, daß ein großer Künstler schmutzig ist. -- Ist es so -- so gehören Sie zum Haufen.«
Isolde wendete ihm den Rücken.
Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblüfft.
* * * * *
Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.
Doktor Frey war schließlich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.
Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund gleichgültig, wen so ein Mädel kriegt. Dem Weib gegenüber ist so ziemlich einer wie der andere.
Eine Gans, so ein Mädel! -- könnte jetzt das schönste Leben haben und giebt ihr gutes Geld und ihre Schönheit einem Esel in die Hand, der sie doch nur auslacht.
Doktor Frey war ganz gerührt. Auf seine »Bamsen« hielt er etwas. Er reichte Mengersen die Hand über den Tisch, hob sein Glas und sagte weinselig:
»Daß du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!«
Mengersen schüttelte würdig die Rechte seines künftigen Schwiegervaters und küßte seiner Braut ritterlich und zart die Hand.
* * * * *
Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.
Maries ruhige, sanfte Atemzüge berührten hin und wieder ihr Bewußtsein.
Marie war so selig müde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert. Das große Glücksgefühl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.
Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in einer großen Betäubung.
Der Mond schien ins Zimmer, der Schädel schimmerte. Die Augenhöhlen glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.
Und in diese leeren Augenhöhlen mußte Isolde unverwandt sehen. Das war ganz was sie brauchte.
Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!
Es war ihr als wäre etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.
So tödlich war sie verwundet worden! Seele und Körper zugleich.
Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.
Und von einem beschimpfenden Schlag war sie so verwundet --
Der, den sie über alles liebte, den sie wie einen Gott in Anbetung liebte, hatte ihr den Schlag ins Gesicht versetzt.
Des feinen, klugen, großen Henry Mengersens Roheit hatte die allerzartesten Fäden ihres Daseins unheilbar verletzt und zerrissen.
Das war Isolde nicht mehr, das heißempfindende Kind, das Glück und Leid mit übersprudelnder Lebenskraft faßte und das Leben wie einen großen, blühenden Rosenstrauch an die Brust drücken wollte, ganz in Blüten versinkend.
Auf alles, was sie sah und was sie fühlte, starrte sie mit einem grenzenlosen Ekel. Gab es denn gar keine Möglichkeit zu zeigen, daß man rein ist!
Konnte sie denn nicht einfach sagen: »Da bin ich -- da!« --
Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefaßt, so einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.
Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefühl haftete an ihr noch nicht, das Gefühl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein -- ein Wesen, das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch fühlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.
Welcher Ekel faßte sie, welche Scham!
Welchen Blick that sie da!
Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Schönste gegeben, das Einzige, ihre Schönheit, die sie selbst liebte, die sie kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, großen Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch -- und als Weib.
Wahrhaftig nicht nur als Weib -- und auch als Weib; -- ja, sie hatte sich gesehnt, daß er sie küssen sollte, -- heiß, hinsterbend gesehnt.
Er hatte ihr ja gesagt, daß er sie liebte, -- oder hatte er nicht?
Gleichgültig, jetzt ganz gleichgültig!
Und doch und doch -- welche Leere!
Alles erloschen! -- einsam -- verlassen -- verstoßen -- getreten -- mißkannt -- mißachtet -- das Ärmste auf Erden!
Und beschmutzt -- ihre reine, frohe Seele! Sie wußte, daß ihre Seele den Körper umhüllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.
Wie ein Sturm ging es durch ihren Körper. Glaubte er, daß sie mit einem Wort erinnern würde? Glaubte er -- das?
Wie konnte er so schmutzig sein -- -- so dumm?
Ach, ein Ekel, eine unsäglich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick überschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib für ihn -- etwas Geistloses -- ohne Feinheit -- ohne Freiheit -- etwas so Brutales -- das nur Körper ist! --
Zum Sterben! -- ein Ekel zum Sterben!
Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte sehen lassen -- und die große Liebe gestand zu dem, was er schuf -- da hatte er so sonderbar gelächelt.
Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als hätte ein Tier ihm das gesagt -- ein freches, dummes Tier.
Grad so komisch und lächerlich war's ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt alles -- alles mit einem Male, wie hellsehend.
Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise geschätzt.
-- Und da dachte sie in fieberhafter Angst über »das Weib« nach.
Eine so heiße, heiße, brennende Angst stieg in ihr auf.
Was war denn das?
Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je gethan, war vom Manne gethan worden.
Nie war ihr das noch klar geworden, -- ganz neu starrte sie das an.
Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem man weiß.
Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.
Da lag sie wie gebrandmarkt.
Hatte er nicht recht?
Lächerlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit zu thun? Was ging sie die Kunst an?
Freilich mußte er lachen!
Ihr war, als sollte sie ersticken.
Und da fühlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese große Verachtung, die Stolz und Freudigkeit nimmt.
Was war sie? -- Zu wem gehörte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht, stolz und froh zu sein.
Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als wäre sie geschlagen.
Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu dürfen.
Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? -- Da fiel ihr allerhand ein, was sie damals garnicht verstanden.
Die also auch, die kannte all' die Gedanken, die so neu, so schmählich über sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, müßte die ja auch leiden.
Fühlten alle Weiber, wie sie jetzt fühlt? Und war denn das möglich, daß sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?
Und ihre Mutter? -- und -- ihre Freundinnen?
Ja, was war denn das?
Wußten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?
Ihr zarter Körper wurde von einer tödlichen Erregung gemartert.
Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und gehörte zu der verachteten, dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.
Da lösten sich Thränen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thränen, die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.
9.
Isolde geht an einem blütenschweren Maienmorgen in ihrem Atelier gedankenvoll auf und nieder.
Das Atelier liegt in einem Garten still versteckt, ebenerdig.
Frischer, herber Laubgeruch strömt zu den Atelierfenstern herein, die in der großen Glasfläche weit geöffnet stehn.
Der blaue, leuchtende Himmel schaut durch das Oberlicht zu ihr nieder.
Schwalben ziehen ihre schrillen Sommertönchen im schnellen Flug wie feine, glitzernde Fäden über den blauen Ätherraum hin. Sie weben im Kreuz- und Querflug ein Netz von diesen süßen, spitzen Lauten. Ein Zug Tauben fliegt über das gläserne, kuppelförmige Dach. Die Flügelschwingungen hören sich so fein, so fließend an, so durchdringend frei, ohne jede Erdenschwere.
Isolde ist ganz in sich selbst versunken. Sie bewegt sich in dem starken, mächtigen Licht, in dem großen, kahlen Raum wie im Freien.
In ihrer Hand hält sie achtlos den Grabstichel.
Auf einem kleinen Tisch liegen zwei geöffnete Briefe.
Gipsabgüsse stehen längs der Wände, Abgüsse nach der Natur, Glieder, Häupter, Totenmasken.
Der Schädel, der Isolden durch fünf Jahre begleitet hat, ist das einzige im Raum, was gewissermaßen als Schmuck auffällt. Er trägt eine schimmernde Narrenkappe aus einem alten, köstlichen Goldstoff und darüber einen braunen Lorbeerkranz.
Sonst im ganzen Atelier kein Schmuck, weder ein Teppich, noch sonst ein Luxusgegenstand.
Unter der Kuppel, jetzt ganz von Licht übergossen, ein wunderlich fremdartiges Werk, eine sitzende Buddhastatue aus fleckenlosem Marmor:
Isoldens Werk.
Um den Sockel der meterhohen Gestalt stehen diese Worte:
Inbrünstig bin ich gewesen, Inbrünstig wie noch kein Andrer. Rauhsinnig bin ich gewesen, Rauhsinnig wie noch kein Andrer. Wehmütig bin ich gewesen, Wehmütig wie noch kein Andrer. Abgelöst bin ich gewesen. Abgelöst wie noch kein Andrer.
Und diesen Spruch einzugraben, war Isoldens Morgenwerk. Ja, und es war ihr gewesen, als läge in dem sonst geneigten Buddhahaupte der große Friede, -- der große Friede der Erkenntnis, der vornehme, ganz von mächtigem Menschengeist durchdrungene und gehaltene Friede, nicht der demütige, unselbständige.
Wie ein Jubel, wie eine erstickende Seligkeit war es über sie gekommen. Es schien ihr gelungen, was sie gewollt hatte.
In dem Buddhahaupte lag das Königliche, das ganz Souveräne, die große, seltene Menschenmajestät, die noch über dem Menschenschmerz steht, der das Größte auf Erden und über der Erde ist.
Du ungeheurer Todesschmerz, Leidens- und Lebensschmerz, du bist zu besiegen!
In Isoldens Augen waren heiße Thränen gestiegen. In Wahrheit, ihr erschien das Haupt das zu sein, was es sein sollte, wie sie es in langer leidenschaftlicher Hingebung ersehnt hatte.
Schien es ihr nur so -- oder war es wirklich so?
Im Augenblick -- jetzt in dieser Stunde war es so.
Sie glaubte, wenn sie auch im voraus wußte, daß sie wieder zweifeln würde.
Sie ging wie über der Erde schwebend in ihrem lichtvollen Raum auf und nieder.
Keine Schwere!
Und es hob sie, daß das Werk für diese beiden Menschen bestimmt sei -- für ihre liebsten Menschen auf Erden. Für ihn und sie! Daß sie das ihnen geben durfte und konnte.
Was waren ihr in diesen Jahren Helwig und Lu Geber geworden.
O, ihr lieben, wahren, einfachen Menschen! dachte sie.
Und wie würde Lu sich freuen, wie würde es ihr warm ans Herz greifen, wenn sie die schönen, stillen Züge ihres Mannes und seine Seele im Buddhahaupte wiedererkennen würde?
Was alles hatte Isolde ihm zu danken! was für schöne, tiefe Stunden hatten sie zu dreien miteinander erlebt!
>O, ihr weltentrückten Menschen!< dachte Isolde, >in eurem schönen, stillen Heim -- auf eurer Insel der Seligen -- mitten in der schmutzigen Welt!<
Wie liebte sie diese beiden! Bei ihnen hatte sie menschenwürdig fühlen und denken gelernt.
Was mit ihnen zusammenhing, war so zweifelsohne!
Daß es etwas so Wahres gab, wie diese Leute!
Wie freute sie sich, beide in ihr Atelier zu führen und zu sagen: »Das danke ich euch! Dir danke ich es, du weiser, guter, abgeklärter Mann, der du so anders bist als andre, von niemandem draußen in der Welt verstanden, du stiller Großer du!«
* * * * *
Isolde ist schöner geworden, vornehm, streng im Stil. Sie neigt zu der Art Erscheinungen, wie Mrs. Wendland in ihrer ersten Jugend einst gewesen sein mochte, schlank, bleich, das mächtige, lockige Haar wie eine dunkle Wolke über der Stirn, tiefe Augen, über denen es wie ein Schleier liegt.
Ihre Art sich zu kleiden, ist völlig ungesucht; doch was diesen Körper berührt, wird vornehm.
Isolde ist heute in Feierstimmung. Sie denkt heut nicht mehr daran, etwas zu thun. Sie hört jetzt auf die Schwalben, die hoch oben am blauen Firmament mit ihren seidenen Tönen wie mit Fäden weben und wirken.
Da steht ihre Schwester Marie geistig ihr vor Augen.
Was für ein kleines Gesicht hat der arme Sammtaffe bekommen.
Das Sammtige, Volle ist von ihr geschwunden.
Isolde sieht sie vor sich, wie sie oben in Mengersens Sommervilla, die er sich in der Nachbarschaft von Gebers gebaut, in dem schönen Waldgarten mit einander spazieren gingen, hoch über dem Ufer der Isar.
Marie war damals Mutter ihres ersten Kindes, dessen Geburt ihr fast das Leben gekostet hatte. Seelisch und körperlich konnte sie sich davon lange nicht erholen. Ihr Kind gedieh, aber sie selbst hatte etwas wie vom Frost Getroffenes, etwas Mattes, Stilles, Banges.
Das Kind mochte ein halbes Jahr alt sein, als sie damals mit einander unter den dichtbelaubten Bäumen gingen. Da hatte sich Marie mit einemmal an Isolde geklammert und ihr etwas zugeflüstert, ein Geständnis -- ein so banges, schweres, daß sie wieder der Qual und dem Tod entgegenginge, und Isolde war von den fassungslosen, verzweifelten Thränen der Schwester naß am Hals geworden.
Die beiden jungen Geschöpfe hingen an einander und wagten sich nicht in die Augen zu sehen.
Marie weinte trostlos und Isolde wußte nicht, was sie sagen und fühlen sollte.
Es war so peinlich.
»Ide,« schluchzte Marie, »er kann mich doch gar nicht lieb haben! Wie kann er denn? Er weiß ja wie es war, wie entsetzlich! -- er weiß doch alles.
Ide, wenn das Liebe ist!«
Marie schrie wie entsetzt auf und warf sich ins Gras, und lag mit dem Gesicht an die Erde gedrückt, hörte und fühlte und sah nichts vor Weinen.
Isolde kniete neben ihr.
»Sterben, zu Tode gerissen und gemartert werden -- alles, wenn es sein muß! alle Qual -- alle Todesangst -- und alles -- alles -- alles! -- aber Ide, -- er ist ja nicht mein Freund!«
Diese arme wehe Stimme! Isolde hörte sie jetzt noch mit voller Deutlichkeit.
»Nichts bin ich ihm! Gar nichts! das, was ich ihm bin, haß' ich!
Ich weiß, ich bin dumm -- ich weiß! -- aber, wenn er mit mir spräche, ich würde es doch verstehen, schon weil ich ihn so lieb hab'. --
Ide, glaub mir, ich würde klug aus Liebe. -- Ganz gewiß -- ich weiß.