Part 7
Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfaß Wein oder Syrup gestürzt ist. Es muß im Überfluß mit dem Erstickungstod kämpfen.
»Ist denn der Onkel tot?« fragte Isolde.
»Mausetot,« sagte Doktor Frey.
Da kam es wie ein Luftstrom über ihn und er konnte wieder atmen.
Er wurde wieder er selbst.
Der tödliche Geldblutdurst, der wie ein häßlicher Krampf ihn überfallen hatte, ließ einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.
»Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann!« sagte er mit der bekannten und berühmten Doktor Frey'schen Prophetenstimme. »Mama hat geerbt.«
* * * * *
»Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!«
So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem Begräbnis ihres Bruders nach München zurückkehrte. Er trug eine Trauerbinde.
Die Mädchen hatte er ins allererste Konfektionsgeschäft geschickt und ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem »ff« wie er sagte.
Und wie die beiden im Zimmer geschäftig hin- und wiedergingen, um für Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen altmodischen, verbrauchten Möbeln ein zartes Rauschen und Knistern, so eine intime flüsternde Harmonie zu spüren, die die Bewegungen der beiden jungen Geschöpfe umgab.
Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte andächtig auf das süße, seidige, zarte Schürfen, das von den beiden Bamsen ausging.
»^Frou-Frou^,« sagte er.
Wie geschmeidig sahen die jungen Körper in den stumpfen seidenunterfütterten schwarzen Kleidern aus.
Donnerstag! das war 'was andres, als was die Alte mit der »Störminna« fertig bekam! Er fühlte sich gehoben und war stolz auf seine Vaterschaft.
Zwei gute Partien im Haus!
»Ja, Bamsen,« sagte er, »heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter.«
Er sprach im Prophetenton und schien großartiger Laune zu sein, dampfte und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas Mächtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt zu eng für ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.
»Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!«
Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermüdet von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz saß.
Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Geschäft gemacht. Es war ihr etwas hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.
»Hennenhirn!« sagte Doktor Frey und befühlte den starkgeleimten schwarzen Krepp.
»Daß i net lach!« sagte er.
Zum Begräbnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist, ließ er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm berühren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der Welt muß so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.
»Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals sogar.«
Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von einem Sterbefall die Rede ist.
»Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er im Tod -- du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er ganz erschrecklich.«
»Verschon' uns, Alte,« sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die Schulter. Er war sehr gnädiger Stimmung und schenkte seiner Frau eigenhändig, zum größten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee ein, stellte sich aber so ungeschickt an, daß er den meisten Kaffee auf das Tischtuch brachte.
Marie wollte etwas des großen Fleckes halber thun.
Die Mutter wehrte ihr aber.
Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlthäte, als ob sie ihn gern sähe, als sollte alles so bleiben, wie es war, wie er es zu thun für gut befunden hatte.
In Mamas Benehmen lag etwas verschämt Verlegnes. Tausendmal getreten und einmal dann in die Wangen gekniffen -- ihr war das Weinen nah.
»Ja, -- so viel Geld!« sagte sie gedankenlos »-- so viel Geld! -- Und was in den Häusern steckt!« da kam sie wieder zu sich.
Später, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn beiseite und faßte ihn zaghaft am Ärmel seines Flausrocks, um ihm etwas zu sagen.
Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.
»Ein komischer Mensch,« sagte sie.
»Wer denn?«
»Der selige Bruder. -- Weißt du, was er sagte, daß er Marie und Isolde extra bedacht hat? >Deine Mädel sollen gute Partien werden, die sind viel zu schön, um arm zu sein.< Na ja, das ist ja zu verstehen. Dann aber sagte er, was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen Menschen, wie mein seliger Bruder war.
Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, daß mir's wohl thut, wenn ich zwei schöne Mädel sicher auf die Füße stellen kann.«
»Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein,« sagte Doktor Frey ungeduldig.
»So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen!« meinte Mama. »Wieso denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre Männer? -- Da müßten ja alle ......« Mama hatte sich unbedingt in ihrem Gedankengang verwirrt. »Ich meine,« sagte sie, »es ist doch alles ganz gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, -- ein Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?«
»I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge.«
»Ich hab's eben nicht verstanden. Ich weiß schon, es giebt etwas wie liederliche Mädchen,« sie errötete; »aber das ist gesetzlich, nicht wahr, das muß doch so sein?
Weißt du, dir kann ich's ja sagen, daß ich davon überhaupt etwas weiß.«
»Ungeniert,« sagte Doktor Frey lachend.
»Meint er denn die?« fragte Mama.
»Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird er etwas bedenklicher Natur geworden sein -- ein Schwärmer, so etwas.
Sancta Simplicitas.
So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Daß i net lach!
Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann's net finden!
Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach' dir halt keine Sorgen.«
»Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn groß anderes gethan haben als andre anständige Männer? Wenn es auf den Tod hinausgeht, werden die Leut' halt ängstlich!«
7.
Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.
Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blühten noch in den Gläsern.
Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey'schen Wohnung.
Mama hatte im Koupé wahrhaft kühne Pläne geschmiedet; auch Mama waren die Flügel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der Bedrängnis gekommen war, aus Bedrängnissen, die von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glückes froh werden.
Es war ihr Geld -- ja -- das war es doch? Der Bruder hatte es ihr vermacht -- doch ihr?
Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdünken thun. Wie gut, daß er jetzt nicht daheim war.
In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten Probleme gewälzt: >Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn' ich's am besten? Heut nehm' ich um ein Bröckel weniger, dann reicht der Rest morgen noch halbwegs -- und übermorgen -- da schöpf' ich's von der Suppe.<
Und die unheimlichen Kunststücke mit Fleisch und Butter, daß alles ausreiche. -- Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats, wenn das Geld trotz alles Quälens und Marterns nirgends mehr langte; -- und die ewige Unzufriedenheit, daß nichts gut genug war -- und das Schuldbewußtsein, die Angst, wenn sie antreten mußte, um das Wirtschaftsgeld zu erbitten -- auch wenn es pünktlich um die vorgesetzte Stunde war -- er war doch immer entrüstet. Wie eine Verbrecherin, eine Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen müssen -- ein Mal wie das andre Mal.
Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich -- immer dieselbe Operation.
Ach, wie sie alles dessen müde geworden war -- schon längst -- längst müde, wie ausgesogen.
Als junges Mädchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte abgeschrieben und schöne Aussprüche. Davon war nie mehr die Rede gewesen.
Nach jeder Wäsche Gebirge morschen Leinenzeugs und von früh morgens an das Sinnen und Kämpfen, daß es zum Mittagessen lange, und daß mit den lächerlichsten Mitteln etwas Anständiges auf den Tisch komme.
Kaum war gegessen, hieß es: »Und was zum Abendessen für all' die Leut?«
Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! -- Immer derselbe Schreck -- immer dieselbe Aufregung. Plötzlich waren von allen Seiten die Rechnungen wie losgelassen.
Das Mädchen brachte sie kühl mit heim, vom Bäcker, vom Metzger, von Gott weiß wem!
Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Stoß in die Nerven. Woher nehmen? -- Wie kann denn das wieder zusammenkommen!
Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.
Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.
Welche Sorgen!
Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit getriebenes Tier.
Das ohne Kraft und Mut sein. Das Überbürdete!
Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmäßig von Anfang bis zu Ende.
Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhäufung, der sie widerstandslos matt in größter Schwäche gegenüberstand!
Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher Übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor Ratlosigkeit geweint! -- Und das alles Tag für Tag -- nie ein Aufatmen, nie, daß die Seele sich ihrer selbst einmal bewußt geworden wäre -- nie eine Erholung -- nie eine Anerkennung.
Geistig wie tot und körperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre lang ......
Ein Tier! ein armes, armes Tier!
Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.
Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt hatte -- wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!
Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet; dann war es ihr gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben heißt, was Denken heißt, was Menschsein heißt.
* * * * *
Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.
Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bösem Gewissen versetzt war, dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genießen.
»Und ich thu es eben! -- Ich thu es!«
Sie that es.
Ihre Speisekammer ließ sie weißen und ging in den Konsumverein mit ihrem alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorräte zu kaufen. -- Vorräte!
Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.
Sie wählte und wählte, von diesem und jenem -- vom Besten -- und sann wie ein Kind:
»Was noch? Was noch?«
Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus eröffnen.
Ganz allein saß sie lange Zeit mitten unter ihren Schätzen und ein Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als wäre sie nach schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschöpft so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und hört den schweren, stechenden, klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hört ihn -- und hört ihn -- und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit und daß sie nun ......
Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr an Zinsen -- Steuern nennt sie's -- geben wird.
Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.
»Das hat einmal ausgegeben!« Da lächelt sie -- lächelt -- lächelt.
Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als die ganze Erbschaft und das ganze Erträgnis der fabelhaften Berliner Häuser.
Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich geworden.
Und sie sitzt und träumt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert sich.
Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt -- recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewußtsein gekommen?
Sehr deutlich nie.
Alles dumpf, ganz dumpf.
Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.
So einsam wie in ihrer seelenertötenden langen Ehe, so ohne jedes Verständnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre große Weibesqual und Arbeit und Mühseligkeit -- so einsam war sie auch jetzt in ihrer Befriedigung.
Einsam, ganz für sich -- in sich selbst verkrochen -- eine kleine, bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.
Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das Nachttier, dessen Dasein allen ein Rätsel ist, dessen Dasein niemand kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.
* * * * *
Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was sie thun wollte.
Es mußte durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.
Die alten abgenutzten Küchenmöbel ließ sie himmelblau streichen, die ganze Küche rosig tünchen.
All' ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre Häupter.
Die Flickwäsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der Flickerin auf Tod und Leben.
Den Salon ließ sie mit einer weiß und goldigen Tapete neu herrichten. Die Thüren wurden auch in Weiß und Gold gestrichen.
Die Leute sollten Augen machen!
An die alten Vorhänge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz außer sich.
Am andern Morgen wurden die Vorhänge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie selbst stand auf der Leiter.
Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wäre das an Plage gewöhnte Weib nie gekommen.
Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama seit Jahren sich ersehnt hatte.
Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.
_Er_ brachte erst den Reichtum mit heim.
Ob Mama sich vorstellte, daß dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen vor der Thüre abgeladen werden würde?
Jedenfalls dachte sie: >Um Gottes Willen, wohin damit?<
Sie wußte schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all dergleichen ging, wie gesagt, bös bei ihr durcheinander.
Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte _er_, -- und von höheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.
* * * * *
Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen, allerlei ganz außerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den verschiedensten Gegenständen, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.
In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so namenlos gelitten!
Hier konzentrierte sich alles.
Die Schneiderin saß auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag. Mamas und der Mädchen alte Kleider wurden hergerichtet.
Wertvolle Besätze und Gott weiß was kaufte sie, um den alten schlecht sitzenden Plunder wieder aufzustutzen ......
Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der thät, wenn er König würde.
Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmäßig den Magen und hatte an Migräne greulich zu leiden.
Die beiden Söhne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven Art, Einkäufe ohne Geld zu machen.
* * * * *
Tief in der Nacht erscholl ein Läuten durch das stille Haus. >Der Vater!< dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren außerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.
Inzwischen läutete es auf eine unaufhörliche, nervenerregende Weise.
»Um Gotteswillen, was ist geschehen!« Das sagte die Mama wohl zwanzig Mal, während sie im Dunkeln tappte und suchte und die Läuterei kein Ende nahm.
»Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!
So kann es nur läuten, wenn ein Unglück geschehen ist, so läutet kein vernünftiger Mensch!«
Sie tappten und tappten.
Endlich!
Wie im Fieber, zähneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.
Bebend, mit zitternden Gliedern, schloß sie auf, öffnete die Thür, -- da fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf voran, total bezecht.
»Herr des Himmels!«
Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich störrisch und lärmend wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich hätte von ihm vorstellen können.
Mama mußte ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.
Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.
»Daß nur derweilen niemand kommt!«
Dann versuchten sie es mit vereinten Kräften.
»Na, Alte,« brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen versuchte, »vorsichtig, vorsichtig!«
Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen Ekel vor ihm. Sie weinte.
»So nimm ihn doch,« sagte Mama.
»Hennenhirn!« brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig -- hatte keine Ecken und Auswüchse.
»Weibsvolk, albernes!«
Marie weinte bitterlich.
»Dös, wenn der Vater wüßt', wie ihr euch anstellt!«
»Karl!« wimmerte Mama weinerlich.
Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund spitzte sich. Darauf täschelte er seiner Schwester ins Gesicht.
Die schrie schluchzend auf.
Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.
Marie war ganz auseinander.
Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.
»Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!« wimmerte Mama.
»Recht geschäh's ihm!« meinte Marie; »das, wenn der Vater erfährt!«
Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so nach Hause gekommen.
Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen und bebte in Todesangst, daß Karl noch nicht daheim war.
Da kam er, das heißt, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen müssen.
Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.
Merkwürdigerweise nichts davon.
Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem höchsten Erstaunen, eine gewisse Rührung konstatieren müssen.
Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverständig.
Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.
So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis entfaltet.
Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.
Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.
Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin ausgebildet werden solle.
Den Familienrat pflogen Papa, der älteste Sohn und Karl, der kurz vordem die erste Weihe als vollwichtiger männlicher Mann empfangen hatte.
Alle drei beschlossen einmütig, daß Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermögen besaß und jeder nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.
All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie ihren dicken Sprößling die Treppe hinaufbugsierte.
Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu kochen.
Inzwischen beängstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf ihn Acht haben sollte, daß er mit der Lampe nichts anrichte.
Und wie ein heiliges Vermächtnis seiner Ahnen und Vorgänger, war diesem angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die Weibverachtung als das Nächstliegende erschienen. Die Schwester hatte in dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das paßte ihm nicht. Er fühlte den dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas wehrte, -- und machte Anstalt dazu.
Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, preßte ihren Kopf in das Polster und schluchzte angstvoll.
»Dumme Gans,« sagte Karl. »Ich, wenn jetzt ein Madel hab, -- beim ersten Mucks -- raus damit! -- Giebt ihrer genug, -- Gott Lob!«
Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, daß er sie anrühren könnte. Ihr war zu Mute, als wäre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.
»Mutter! Mutter!« schrie sie jetzt laut.
Da kam Mama hereingestürzt.
»Was ist denn?«
Karl lachte auf.
»So 'ne affektierte Gans!«
Die Mutter trat auf ihn zu mit der völlig gleichgültigen, abgestorbenen Miene, die sie zum großen Ärger ihres Gatten so unübertrefflich anzunehmen wußte.
Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wußte er nichts zu machen, die verstand er nicht.
Da war sie auch ihm über.
»Vorsichtig, Alte, vorsichtig!« lallte er und ließ sich auf Vaters breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.
Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz außer sich.
Das mußte man Mama lassen, ihre beiden Mädels hatte sie zu behüten verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere höhere Töchter auch.
Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie die große draußen.
Vor der kleinen, wie vor der großen Welt, hatte Mama sich wie mit ausgebreiteten Röcken gestellt.
Ob sie dachte, daß sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was sie dachte?
Kurzum, es war ihr einziges: »Daß die Mädels nur nichts erfahren!«
Vor ihren Töchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz abdrückte, keine Offenheit den Töchtern gegenüber.
Wie gern hätte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter gelegt, um da Verständnis und Trost zu finden.
Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.
Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter, ihre Mädels sollten »von nichts« etwas wissen; darein setzte sie gewissermaßen ihren Stolz.
Sie hatte auch »von nichts« etwas gewußt.
Dann waren die Überraschungen gekommen!
Weshalb das so sein mußte, wußte Mama nicht. Es war hübsch so -- und anständig. Alle Mädchen aus gutem Haus mußten so ins Leben hinausgehen.
Und dafür hatte sie das große Opfer gebracht, daß sie den Kindern fremd geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch etwas wußten -- sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem Gewissen sagen.
Ihre Mädchen hatte sie gut erzogen!
So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. »No -- no -- no -- no -- no!«
* * * * *
Mrs. Wendland hatte von dem großen Umschwung der Verhältnisse ihres Freundes Doktor Frey gehört. Sie wußte auch von dem Glück der beiden Mädchen, daß sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon sehen lassen. Die Mädchen würden jetzt die Auswahl haben.
Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.
Sie hatte sich im stillen immer gedacht: >Was sollen diese beiden Kinder mit ihrer großen Schönheit? Dummheiten -- Dinge werden geschehen.
Für arme Mädchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind schön.<
Sie hatte über Freys Glückswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen, der ihr wenige Tage darauf mitteilte, daß er eins dieser Mädchen zu heiraten beabsichtige.
Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.