Halbtier: Roman

Part 6

Chapter 63,731 wordsPublic domain

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Käuze. Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und geschwollene Hände, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen, in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte aßen und lobten diese Art sich zu ernähren ganz außerordentlich. Der Frau jedoch schien sie miserabel zu bekommen. Die größte Marter aber, die sie sich auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer, sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, daß diese zwei allerliebsten, dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmädchens dem »Brüderchen« Gesellschaft leisteten, so außerordentliche Fähigkeiten in sich verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, daß diese beiden Knaben wiedergeboren waren als Adepten, daß sie schon keimende Adepten seien.

Auch in »Brüderchen« ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau Lu zu: das wunderbar schauende Kind, »weihevoller« zu erziehen. Das heißt, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wären entsetzt gewesen, hätten sie gesehen, daß das nette Dienstmädchen beiden ein paar Tüchtige auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hörten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heißen beide, betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschändung zurück und sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein paar wohlgemeinte Kläpse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.

»Na, hören Sie mal,« sagte Doktor Frey, »Ihre Bamsen thun sich aber leicht!«

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und köstlichen englischen Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, daß er wiederum nicht wußte, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schönsten Clematis zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

»Lassen Sie! lassen Sie!« bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit dem tiefen, treuherzigen Blick, »erschrecken Sie sie nicht.«

»Ja, um Himmels Willen!« Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

»Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau notiert sich ihre Versehen,« begann der Professor, »und dann teilen wir Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.«

»Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen, daß sie die Blumen in Ruh lassen sollen.«

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

»Ja, das werde ich,« sagte der Professor ruhig.

»Lassen Sie mich, liebster Herr Professor,« bat die Komtesse flehend, »ich bitte Sie.«

»Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen sich ein »Blank« schaffen, eine absolut stille Fläche in der Seele. Sie wissen ja.«

Die Komtesse saß schon und konzentrierte sich.

»Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin,« sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstäblich in sich selbst, erhob sich dann in ihrer ganzen imposanten Länge, schritt mit starren Augen auf die Adepten zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht. Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheißen noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der »biologische Mensch«, wie er hier genannt wurde, und ging eben so konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaßen ganz unauffällig, hatte auch ganz wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltäglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weißer Magie, wie andre Leute von Konzert und Gott weiß von was und waren sich absolut nicht mehr bewußt, daß ihre Gespräche doch nicht ganz unauffällig waren. Sie dilettierten in allen möglichen occulten Dingen und befanden sich sehr wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr kühl war und sagte: »Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?«

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit beschäftigt, ein Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaßen mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang in der ihrigen.

»Was für eine eigentümliche Hand; ich muß ihre Linien einmal prüfen.«

Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.

»Unverschämt,« dachte die Governeß. »Natürlich, jede Gelegenheit nimmt so ein Mann, so ein >^brute^< wahr.« Alle Männer erschienen ihr gleichmäßig sehr verdächtig. Das Weib hielt sie für unsäglich rein. Aber jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr wohl verstanden, -- o, sie durchschaute!

* * * * *

Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

»Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lächerlich aus, wenn man nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles andre.«

»Sie wollen ja gar nichts,« sagte Frau Lu, »sie spielen.«

»Mögen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut, das »Sichselbstaufgeben«, das »^Tat wam asi^« der alten Inder, das »das bist du«! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein wollen.«

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand. »Danke Ihnen,« sagte sie, »Sie haben recht.«

In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-, Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz eigentümliche Stimmung über die Gäste gekommen. Frau Lus guter Philosoph hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken, und hörten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer, einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen ließ diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr Künstler, als daß er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen Persönlichkeit nicht empfunden hätte, trotzdem er, seiner Natur nach, weder Frau Lu, noch deren Mann je näher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hörte mit großen Augen zu. Sie war bleich. In der Abenddämmerung hatte die weiße, zarte Gestalt, etwas so Unbestimmtes, Weiches.

Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewußtes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lächeln um seine Lippen, ein verächtliches Lächeln.

Ihm ist's, als fühlte und sähe er die Gedanken unter der jungen Stirn; ihm ist's, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren Gliedern.

Sie muß wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben -- ein Schauer nach dem andern muß sie durchfahren.

Er hat als Künstler und Mensch über das Problem »Weib« nachgesonnen, als Künstler hat er es auf seine Weise gelöst.

Er ist müde und gelangweilt vom Weib.

>Entsetzlich,< denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, >das Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-stürzen-wollen, dies Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann, aber so unsäglich dumpf, unbewußt, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen dies langweilige, aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.

Wie sie sich hindrängen, wie eine dumpfe Herde -- ekelhaft!

Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat es dem Unfreien, dem Dulden näher gestellt als den Mann -- und es hat seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das was es leiden muß, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden! Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend etwas, ein Horn, ein Giftzahn -- dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wäre Fräulein Isolde Ladenmädel, würde ich sie zu meiner Geliebten machen. Weshalb nicht? -- und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem würde -- vielleicht zu kunstsinnig -- kunstsinnige Weiber! -- gräßlich! --

Wie selten hat ein Künstler die Freude am schönen Weib.

Hier wär sie, die Freude.

Schade!<

Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wölkchen seiner Cigarette von sich.

Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.

Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugehören. Sie war ganz in sich verstummt.

Das große Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.

Ja, das ist das Größte auf Erden, ein Weib sein -- sich opfern.

Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.

Das aber wußte er nicht, daß unter den Frauen auch freie Geschöpfe leben, freier als je ein Mann frei ist, mächtige Seelen, Seelen, die dem großen Zug der Natur, die in ihre Geschöpfe nur den Trieb zum Fressen legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind, lieben, wie sie lieben -- und sich grenzenlos opfern, als stammten sie aus einer Welt mit anderen Gesetzen.

6.

Ein uraltes Märchen giebt es:

Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf daß er von der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie bloß, wie sie zur Welt geboren war, nackt in ihrer großen Schönheit, wie sie geduldig dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn retten.

Da erbarmte sich seine Seele.

* * * * *

In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Märchen, die ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren war, in ihrer großen Schönheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Henry Mengersen saß ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.

Große Stille im Raum.

Draußen Juliwärme, Julisonne, ungeheure Laubmassen, schneeweißleuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel -- heiliger, warmer Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann, arbeitend wie an einer Offenbarung.

Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erlösen -- aber er wagt es nicht.

Was denn? -- Was kann die nächste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitmaß -- heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!

Er stellt sich kühl vor, daß sie ein bezahltes Modell sei -- und es gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, -- ein so rührendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn geküßt.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem Märchen vom armen Heinrich gekommen.

Märchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief träumend und der große reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr ausschütten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Schönheit war ihr Körper. Ein Geschenk, eine herrliche Erfahrung.

>Dem Schöpfer Dank, daß das Mädchen so leichtsinnig war, daß sie ihrer großen Schönheit froh werden wollte, und daß sie ihn gewinnen wollte -- alles beiseite werfend.

Unerhört raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rührende Gestalt, dieser Ausdruck des völlig bleichen Gesichts!<

Als Künstler nahm er das Eigentümliche ihres Wesens bereitwillig auf, als Mensch fühlte er sich davon fast abgestoßen. Er sah als Mensch tiefer.

Er empfand das Märchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rücksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht, wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher Unantastbarkeit? ...

Lächerlich!

Nicht verblüffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

Er blickte über alles Äußere hinweg, in die eitle, beutegierige Weibesseele hinein.

* * * * *

Im alten Märchen heißt es:

»Da erbarmte sich seine Seele.«

* * * * *

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa versäumt hatte in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem Künstlerempfinden. Seine große Kühle und Vorsicht ist ganz etwas für sich. Als Künstler kann er leidenschaftlich, warm, groß sein. Er ist sich dessen auch vollkommen bewußt. Er hat sehr viel über sich selbst nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewissermaßen wie ein Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere es zu irgend einem Sport thun, genau so kühl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf das Sorgfältigste. --

Und wer im geringsten auf eins dieser Dinge störend einwirkt, den belehrt er.

Er hat gefunden, daß die kühle Belehrung eine ganz außerordentliche Waffe sei -- eine verblüffende Waffe. -- Kühl, ganz kühl belehren.

Es giebt für den andern in gewissen Momenten nichts Beschämenderes.

Ja und während der Arbeit, als er nicht wußte, wie jetzt enden, wie ein ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers möglich sei, so daß er sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen hätte, sonderte sich in ihm schon der Belehrungsstoff ab -- wie das Gift in einem Giftzahn.

Der tödliche Biß aber erfolgte nicht.

Es war nicht nötig.

Unauffällig, still, ernst, wie sie gekommen, ging sie wieder.

Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus Verlegenheit zärtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem weißen Kleid durch den Garten gehen, ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen, stumm gegangen.

* * * * *

Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach München abgereist.

* * * * *

Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen Kegelabend.

»Wo kommst denn du her?« sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer Schwester öffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft drängt es sich hier wie erstickend in die Lungen.

»Ist was geschehn?« fragte Marie, »was fällt dir denn ein? Jesus, statt froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?«

»Ich will heim,« sagte Isolde.

»Bist du triste?« fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, goß ihr Thee auf, deckte den Tisch zum Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner Mutter.

»Ist dir doch was?« wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war Isolde von Kindheit an geflüchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gewöhnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemüt in ihre stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlüpfen der jungen Geschöpfe, die gegenseitige Wärme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Schädels wegen. Von seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und hätte auch nicht gewußt, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer -- nicht um die Welt!

»Geh, bleib nur wo du bist,« sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit großen Augen nieder, ließ das Licht brennen und starrte vor sich hin.

Was für ein Weh stieg in ihrer Brust auf -- so fremd, so nagend.

Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte -- nagte -- nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele -- ein schreckliches, tötliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das ......

Sie fand keine Worte, keine Gedanken -- aber sie litt.

Sie fühlt, als grübe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem Herzen.

»Du Mensch aller Menschen hast es verlangt!« und wie damals legte sie die Hände wie im Gebet zusammen und blickte auf den Schädel. »Du hast es verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen soll.«

Sie flüsterte wie in großer Schmerzensnot.

»Du wirst kommen -- und du wirst mich nicht wieder verlassen!«

>Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, sehr -- sehr schlau,< würde der Schädel denken, hätte er das Glück, Henry Mengersens Hirn in seiner Höhle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllte sie.

»Hätte er mich doch geküßt -- geküßt!« ein tiefer Seufzer wie ein Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

»Nun weiß ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er -- alles kann er. Was für ein Mensch ist er! -- und auch besser als ich!«

Ein zorniges empörtes Gefühl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos -- und so unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Träume.

Sie stand auf einer Bühne und sollte singen und wußte nichts von dem, was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon gehört.

Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als müßte es so sein -- und doch war etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei -- als müßte es doch wieder nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorüber in seinem weißen Flanellanzug, so unantastbar vollendet gekleidet -- und lächelte nachsichtig -- da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug -- und es war ihr, als hätte das Lächeln sie gebrandmarkt, ja, als hätte er in Wirklichkeit so gelächelt.

Sie hob die Hände zum Schädel auf. »Du liebst mich -- ich bin dir das Liebste auf der Welt -- wie du mir. Dann ist alles gut. Du hättest ja sonst auch nicht bitten können.«

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und über ihrem Körper, wie etwas, was sie ersticken wollte.

* * * * *

Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

»Du, das ist für dich gekommen,« sagte Marie. »Von wem wohl?«

Isolde saß auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zügen. Und ihr war, als flöge ein mächtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit ausgebreiteten Flügeln an sie angedrängt hatte, von ihr ab. Sie konnte nicht sprechen. Sie blickte nur mit großen, weitgeöffneten Augen.

»Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; -- ich hab schon geschaut. Der Dienstmann hat's für Fräulein >Isolde Frey< gebracht. >Isolde< hat er gesagt. -- Für dich. -- Von wem nur?«

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Schoß, ihre beiden Hände lagen wie zitternd liebkosend über den Rosen. Sie saß regungslos.

»Rosen,« sagte sie langsam. »Rosen!«

»Das sind mindestens für fünfzig Mark welche,« meinte Marie, »so ein Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du weißt's!«

Isolde schüttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden über sie hin.

»Nun ist alles gut.«

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr eigenes Selbst ganz reingebadet, schön, und ohne jede Schmach -- -- und gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Gläser und Vasen füllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: »Wenn sie doch nicht welken würden. Weißt du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und Sommer, dann säh' unser Zimmer wie ein Garten aus.«

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.

* * * * *

Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen höchst merkwürdigen Tag. Kein Familienglied vergaß ihn je.

Um halb zwei Uhr saßen Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das Mädchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen Zeitschrift, einen Geschäftsbrief, eine Rechnung, die Ankündigung eines neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, daß kein Bräutigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: »Ist Nachricht von Mama da?« --

>Das, wenn die Mutter wüßt',< dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief öffnete, mit welcher Hast!

Und heute? Was war denn das?

Kaum, daß er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein Stöhnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.

»Vater!«

Die Augen waren ihm aus den Höhlen getreten. Er sah mit einem mal erdrückend groß und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenlöffeln innegehalten und starrten auf ihn.

Er stöhnte wieder und wieder, als könne er keine Luft bekommen. Seine Farbe wurde beängstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerfällig im Zimmer auf und nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich über die Stirn.

»Vater?« fragte Marie ängstlich.

Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

»Schwär reich!« kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

So sieht das Glück aus!

Die Kinder starrten.

Sie wußten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und sein Körper waren wie von einem Krampf gepackt.