Halbtier: Roman

Part 5

Chapter 53,811 wordsPublic domain

In ihm war ein neues Werk entstanden. Nach einer matten, schaffensunlustigen Zeit, die erste lebendige Stunde.

Vorsichtig wie ein Jäger, schlich er näher. Er wollte, mußte sie sehen, wie sie saß, stand oder was sie that während dieses tollen, lärmenden Gesanges.

-- Und da sah er sie vor sich in ihrem grauen Lodenkleid; die Arme über den Kopf gefaltet, stand sie an einen Buchenstamm gelehnt und wie hypnotisiert von ihren eigenen Tönen.

In nächster Nähe gellten sie ihm schrill in die Ohren.

Ja, das war etwas Urweltliches; und so etwas lief in modernen Kleidern umher, ließ sich höhere Tochter nennen, benahm sich ganz ehrbar, wie andere auch. -- Wie sie dastand! -- Die verkörperte Liebes- und Lebenssehnsucht. So, in dieser Gefühlssituation hatte er das Weib noch nie gesehn. Das war ihm neu.

* * * * *

Er war selbst überrascht, als er ihren Namen rief, wie ihm der Name »Isolde« laut über die Lippen kam.

Da zerriß der Gesang wie mit einem Sprung. Als hätte eine Kugel sie getroffen, zuckte sie zusammen.

Er sah in ein ganz erbleichtes, starres Angesicht. Kein Wort kam von ihren Lippen, kein Lächeln. -- Sie schaute fassungslos.

Und er?

Als wäre er mit einem leichtsinnigen Sprung mitten in einen Wasserstrudel hineingesprungen.

»Isolde!« Was war ihm eingefallen! Dieser verhexte Name! Einen andern hätte er nie gerufen. Aber: »Isolde! -- Isolde!«

Wie einen Liebeswonneschrei, solch einen Namen zu tragen!

»Isolde!« sagte er noch einmal; aber tonlos.

Da kam Bewegung in sie.

Aus ihren Augen leuchtete ein ganz seliger Glanz -- etwas so traumhaft Seliges. Wie von etwas ganz Unfaßbarem aus dem Schlaf geweckt, stand sie vor ihm; hilflos, rührend, wie vernichtet -- und wieder wie eben erst zum Leben erwacht.

Nie hatte er solch eine träumerische Verwirrung auf einem Gesicht gesehen.

Ja, und er, der so vielfach Gelangweilte, Abgekühlte war selbst erregt und verwirrt.

Was hatte er da angerichtet!

Da stand sie und bot ihm ihre Liebe auf eine so süße, kinderhafte Art, so unverhüllt, so durchsichtig, so widerstandslos ......

Ja, da war etwas was ihn ergriff.

Er mußte den Arm um ihre Schulter legen, mußte sie an sich ziehen. »Das ist doch nicht möglich?« sagte sie bebend.

Und ein Thränenstrom brach aus ihren Augen, so heftig, -- so glückselig wild.

Im Nu war der Regenschauer über ihr Gesicht hingegangen und sie sah ihn mit leuchtenden Augen fragend an.

Der große, forschende Blick irritierte ihn wie ein Sonnenstrahl. Ihr Kopf ruhte jetzt an seiner Brust. Da mußte er an Arthur Wendland denken:

>Ihren Kopf an meiner Brust und ich grinse über sie hinweg.<

Ihm war zu Mute wie einem reichen, satten Menschen, dem ein anderer mit fanatischer Wonne sein einziges Besitztum, nach dem er gar kein besonderes Verlangen trägt, zu Füßen legt.

Er fühlte sich unendlich belastet. Dieses zitternde vor Seligkeit hinsterbende Geschöpf im Arme, das von ihm alles forderte, das ihm unbewußt alles bot, bedrängte ihn.

Was sollte er thun?

Sie war sein, das fühlte er. Sie hatte sich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben.

Sie glaubte an ihn.

Jetzt sah sie zu ihm auf.

Diese Augen -- diese fordernden, glaubenden Augen!

»Daß du mich liebst!« sagte sie tief träumend wie von Glück übergossen.

Er drückte sie fester, inniger an sich. >Armes Ding<, dachte er, >müßte ich jetzt nicht der Vorsichtige, Bedenkliche sein, wärst du -- -- was du bist -- einfach ein verliebtes Mädel ...<

Er schloß sie fest, fest an sich. Sie erschauerte tief. Er empfand es. Er drückte einen Kuß auf ihre halb geöffneten Lippen.

Sie schloß die Augen.

»Du, Mensch aller Menschen!« flüsterte sie wie damals als sie vor dem Schädel lag.

»Wie, mein Herz?«

Sie antwortete nicht. Sie war wie erstarrt.

Mit einem Mal kam Leben in sie. Sie hob den Kopf, machte sich zaghaft und rührend sanft aus seinen Armen los und erzählte ihm von ihm selbst -- von jenem Tag als sie zuerst seine Kunst verstanden hatte.

»Ja,« sagte sie, »es war als wäre das alles mein eigen, von mir selbst geschaffen, was du schaffst -- mehr könnte ich es nicht lieben, mehr könnte es mir auch nicht sein: So wie ich dich, versteht dich kein Mensch. Weißt du, ich bin gar nichts. Ich kann nichts; -- ich weiß nichts -- man hat mich nichts gelehrt. Aber deine Kunst wohnt seit jenem Tag in mir. Sie ist mein Bestes, mein Einziges, das Gute in mir. Weißt du, ich sehe die Welt, wie du sie siehst.

Ich thue alles mit dir.

Und deshalb liebe ich dich auch so sehr,« sagte sie einfach.

Er hatte da ein wunderbares Abenteuer.

Wie sie sich selbst betrog! Liebte seine Kunst! Er lächelte, nahm ihr Köpfchen und strich mit der Hand über das lockige Haar.

»So ein krauses Köpfchen.«

Sie sah ihn ernst an. »Was ich dir sage, ist was ich weiß.«

Ihre Augen hatten etwas unergründlich, leidenschaftlich Ernstes.

Da kam ihm ein Gedanke. »Isolde,« -- sagte er und wieder goß dieser Name seinen Zauber über ihn. »Sag mir, willst du mir etwas zu Liebe thun?«

»Ja,« sagte sie.

Er blickte sie forschend an. »Du standest vorhin so an dem Baum, die Hände über dem Kopf und sangst. Willst du mir so ein einziges Mal stehen, daß ich dich zeichnen kann?«

»Ja,« sagte sie. »Sogleich wenn du willst.«

Sie war ganz bereit.

Da schloß er sie wieder in die Arme, fest, innig, ganz gerührt. -- Und er flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr.

Sie lag einen Augenblick darauf matt, wie verwundet, schwer in seinem Arm.

Es war ihm, als sei sie nicht bei Bewußtsein.

»Isolde,« flüsterte er.

Sie hob sich, sah ihn ruhig ernst an und sagte: »Ja wenn ich dir wahrhaftig damit helfen kann.«

Jetzt reichte sie ihm die Hand. Sie sagte nichts; aber er fühlte, er sollte jetzt gehen.

Es war etwas Ermattetes in ihr. Er war besorgt, sie könnte sich nicht auf den Füßen halten, aber sie stand ruhig und bleich und sah ihn an.

»Du kommst also zu mir, Isolde, in der ersten Stunde, in der es uns möglich ist.«

Ihre Augen sagten es ihm zu. Sonst war sie ganz unbeweglich.

Er ging, und zwar in wunderlicher Erregung; machte einen weiten Gang um ruhig zu werden.

Hier hieß es, Vernunft beieinander halten. Das war ja eine ganz gefährliche Geschichte, die in den Rahmen seiner gewohnten Liebesabenteuer nicht passen wollte.

>Sie wird doch nicht!< dachte er erschreckt, als er sich das erste Wiederbegegnen mit Isolde in der Gesellschaft ausmalte. >Sie wird in ihrer Naivität sich doch nicht als Braut betrachten! So eine höhere Tochter in ihrer Weltfremdheit weiß nichts als Verlobung und Heirat und Heirat und Verlobung. Wie ihr das beibringen?<

Zuerst meinte er, er wollte sich an diesem Abend zurückziehen, um sie nicht in Versuchung zu führen, ihn und sich zu kompromittieren. Dann verwarf er diesen Plan. Es war besser sie im Auge zu behalten. Und so geschah es.

Er behielt sie im Auge und sah an diesem Abend ein stilles, rührend schönes Kind, das in seinem duftigen Kleid einer großen, weißen, träumerischen Blume glich.

Er sah, wie sich Arthur Wendland um sie bemühte -- und wie sie nichts bemerkte, nichts sah und verstand, was um sie hervorging.

Schon bei seinem: »Guten Abend, Fräulein Isolde,« war er fürs erste wenigstens über ihr Betragen beruhigt.

An diesem Abend wurde verabredet, daß alle miteinander Frau Lu am nächsten Morgen nach Hause begleiten und erst am Abend zurückkehren sollten.

Als Henry Mengersen zu später Stunde seine ausführliche und sorgsame Nachttoilette machte, mochte seine Phantasie genug Beschäftigung haben.

Ob er wohl eine Ahnung davon hatte, welch süßes, reines, ganz entflammtes Herz heut an seiner Brust geschlagen?

5.

Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war unsäglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflächen, kühle Nebel, über dem Wasser schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den schönen Augen, dem kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen Tagen nicht viel näher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine blühende Reseda im Zimmer empfindet.

Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

»Eine berühmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in Szene setzt, -- Lu, wer wird dich in Szene setzen?«

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.

»Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.«

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

»Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,« sagte er. »Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen -- ausnahmsweise alle Achtung!«

Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: »Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die Hände auf seine Brust und sagt: O du großes Leid! Alle tragen dich und wissen nicht -- leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden -- und dieser unscheinbare Vogel weiß.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die läßt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders.«

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine große Herzenserregung gewesen. Jahrelang hatte es gewährt, bis sie wußte, daß sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewußtsein über sie gekommen. Sie waren einander unentbehrlich geworden -- und mußten sich trennen -- und wollten sich trennen.

Da, -- wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflösung hinein das Wort vom Einanderangehören sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an -- und Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermähr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen -- und eine Stimme kommt und spricht: »Bleibt beieinander. -- Ihr -- ihr dürft es und ihr könnt es. Ich wirke das Wunder.«

Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie glaubten -- und mit einer großen Lebenswonne glaubten.

-- Alles, was niedergehalten war, erwachte -- alle Sinne thaten die Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte, jauchzte in beider Herzen -- und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses bekommen.

Ja -- ja -- und: Ja -- ja -- ja -- und dabei blieb es.

Es geschah nichts.

Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spöttisch, so von oben herab, spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer -- und gellte von hartem Spott.

Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewußtsein und böses Gewissen wie mit scharfen, mißgestimmten, schrillen Glöckchen klangen -- eine Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen wollte.

Und so riß sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Füßen über mattes, müdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tödlich wurde, wie eine Peitsche sausend und zischend, auf das Höchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. -- Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende, selbstgepeinigte Stimme.

* * * * *

Über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht; langweilt, enttäuscht und empört.

Und die Zuschauer rächen sich, fallen selbst über die Geretteten her, um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreißen. Eine Sturmflut böser Nachrede, Verläumdung, Haß, Vernichtung ging über die Geretteten hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mächtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele -- -- aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, daß sie beieinander geblieben waren.

Lachen konnten sie über das was die Welt »Liebe« nennt, diese kleine civilisierte Liebe! Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die löwenstarke Liebe kennen gelernt, die königliche, über die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch immer entkam. --

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer großen Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen. Und wer etwa von ihnen wußte, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der seinen. -- Beide totkrank.

»Was sind wir doch für glückliche Menschen!« sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlösung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die zertretnen Herzen mußten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft schien es, daß es nicht zur Heilung käme -- aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben, wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, und das hatte sie gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese, das etwas Königliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich, das in einem wunderschönen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schöner und reicher. Aber die beiden kamen doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit herübergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit ihren Gästen, Frau Lu.

Eine köstliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll sommerlicher Gang durch stille Buchenwälder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des Hauses nicht, manöverierte er mit der ländlichen Suppenschüssel auf eine großartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch mit sich führend.

So nah einer Großstadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu gründen.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.

»Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen,« sagte Mrs. Wendland. »Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.«

»Nein -- nein, er weiß schon,« sagte Frau Lu.

»Natürlich diese beide sind immer unter einander einverstanden. Wir wollten ihn doch überraschen.«

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

»Brüderchen!« rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen Bürschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmädchen gelaufen. Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit dem Köpfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.

»Brüderchen!« in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so etwas urkräftig Warmes, -- Frohes.

»Wie gehts dem Herrn?« fragte sie das Mädchen.

»Ganz wohl, gnädige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere Herrschaften da.«

»Natürlich,« sagte Mrs. Wendland, »man kann nie zu euch kommen, ohne so und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governeß?

Ist die Komtesse gekommen?«

»Ja, und das andere Fräulein ist auch dabei.«

»Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit.« Mrs. Wendland war ärgerlich.

»Ist Herr Meyer auch gekommen?« fragte Frau Lu lachend.

»Ja, auch,« das Mädchen lächelte bescheiden, wie es sich ein bessrer Dienstbote erlauben darf.

»Dann,« sagte Mrs. Wendland, »sind auch die Adepten da!«

Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben die Adepten.

»Lu,« sagte Mrs. Wendland, »ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht.«

Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bübchen trug, voraus.

»Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen können. Dein guter Mann sagt ihnen alles Beste und Höchste, was er weiß. Sie verstehen nicht -- und dann kommen die Geschichten.«

»Die Adepten sind ganz harmlose Leute,« meinte Frau Lu. »Ja, aber was thut das, ich weiß, es ist nicht gut.«

»Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann kokettieren, bis sie finden wird, daß sie sich kompromittiert hat, dann werden die beiden Vestalinnen, die Flamme und die Governeß, Lärm schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos für solche Menschen.

So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr >^j'y pense^<. Spricht er von ein Stuhlbein -- -- sie versteht von ihr Bein und ist empört --

O, diese älteren Jungfrauen mit ihr >^j'y pense^<!«

Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem Bogen.

Frau Lu begrüßte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry Mengersen, auch Isolde, die während des ganzen Wegs sehr stille war und gern zurückgeblieben wäre, wenn sie es hätte möglich machen können.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

»Wie schön!« sagte Isolde. »Wie entzückend!«

Es war das erste Mal, daß sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kräftige kleine Tannen und hin und wieder ein schöner hoher Baum. Der Waldboden: Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem Heideboden Rosenstöcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem großblumigen, mächtigen.

Um die hohen Tannenstämme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen und großen violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen -- es war ein entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und würzig.

Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hält noch immer das Bübchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet -- aber sie haben sich wieder. Sie sind beruhigt. -- Es ist nun gut. -- Sie ist wieder da. Das liegt in seinen Augen, noch als er die Fremden begrüßt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person geworden. Die Augen strahlen. Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan hätte. Da ist sie wieder in der Atmosphäre, in der es sich so tief, so rein atmen läßt.

»... Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu bemühen, Lu,« sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der schließt sich dem Mädchen an.

»Ja,« sagt Frau Lu, »wie lieb von dir.«

* * * * *

Unter einer großen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter, Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war für sie ein Verständnis möglich, trotzdem er im Gespräch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so ganz und gar, daß es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verständnis zu erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin, zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

»Sehen Sie, wie wunderbar das ist,« sagte er dann und wollte, der andre sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, für das gewissermaßen dies kleine Haus, in dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten, etwas Neues, Einfaches, Großes, und mochten noch Jahre hingehen, mit forschen, vergleichen, prüfen.

Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so mußten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wäre es lieber gewesen, er hätte nie mit einem Menschen über das gesprochen, was ihn unablässig beschäftigte; trotzdem er Anhänger gefunden hatte, prächtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig hingebenden, schönen Mannes, erregt wurde, die, Verständnis heuchelnd, eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich mißverstanden und mißdeutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin, dann löste ein Zufall ihr das mächtige Haar, sie hörte knieend zu, was ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war hingebend, fast demütig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche Mischung.

Jetzt, als sie alle um den großen Theetisch unter der Buche saßen, hörte sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.