Granada in Flammen

Part 24

Chapter 243,707 wordsPublic domain

Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten Religion erhaben, lobte auch die Art der Moslims, vor Gott auf dem Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich, mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des Inquisitoriats von Cordoba.“

Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos. Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab, seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“

„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie einst die Rotte Korah.“

„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“

Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg.

„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid, das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. Aber wie sagte Innozenz? Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden. Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“

„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig aus.

„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“

Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts -- aber ich erkenne, daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll. Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott, dessen Reichsverweser Teufel sind.“

Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über das Papier.

„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“ sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador[3] anerkennen?“

[3] Abogador = Rechtsanwalt.

Der Graf schüttelte den Kopf.

„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, daß das Böse von Euch genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“

„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“

„Schreibt das nieder, Pater Diego.“

„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres Propheten, ehe sie Christin wurde.“

„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons.

Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie -- ist zurückgekehrt -- zum alten Glauben?“

„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg dahin als Ketzerin bemächtigt.“

„Sie -- ist --?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den Priester an.

Dieser nickte sein entsetzliches Ja.

„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz -- Menschlichkeit -- alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft jedes Herz mit Wonnen erfüllt -- zerrissen ihre Brust, die nur für Liebe schlug -- von Priesterhänden geknickt -- o Henker -- blutsaugende Henker!“

Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn ihr die Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es, Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel, dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht in alle Lande fliegt!“

Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“

Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen. Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein Strom müder Gedanken -- Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran, Jesus, Tanz -- alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres. Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt heiser die Tür.

Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“

„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich gehorsam einer der Dominikaner.

„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito? Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“

Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von der Folter abzusehen wäre.“

„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche nickten.

„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen einem Bekenntnis.“

„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“

In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den ‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual.

Dreiunddreißigstes Kapitel

In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers. Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten. Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer, Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch -- so sieht der Ort aus, wo jetzt ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten die Getreue vertrieben.

Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht, nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.

Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.

Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde, funkelnde Schwerter -- Gottes goldne Engel steigen herab -- Engel -- Engel --“

Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon. Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.

„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels. Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“

Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.

„Ob Ihr beichten wollt?“

„Mann -- o Mann Gottes -- was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr Leid heraus.

„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken, unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe, schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.

„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu schonen --“

„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen lassen.“

Sie schrak zusammen. „Das -- könnte er -- wieder tun?“

Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.

Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr -- mit dem Grafen -- gemacht? Habt Erbarmen mit mir -- Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“

„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“

„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.

Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele. Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie Ihr.“

„So ändert unser Schicksal.“

„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt nicht gern vor der Öffentlichkeit.“

„Und deshalb, Priester -- müssen wir -- unschuldig leiden?“ Sie warf mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.

„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“

„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“

„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber -- es treibt mich noch ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem Schatz Eures Vaters sprechen soll.“

„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt wurde.“

„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den Schlüssel zu dem Geheimnis.“

„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“

„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“

„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.

„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle schlecht um den Grafen de Mora.“

„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.

„Er wird um das Geheimnis wissen --“

„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.

„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“

„Ihr wollt ihn --? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie glühende Lava aus ihren Augen.

Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen, und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“

„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.

„Er wird nicht lange widerstehen können.“

Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis verrate, ist er -- frei?“

„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern, sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“

„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer, um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“

„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu wirken vermag.“

„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.

„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den Tücken des Ungläubigen.“

„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird -- helft mir, guter, lieber Pater -- versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden Blicken lag.

„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.

Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das erlösende Wort kommen sollte.

„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“

„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt auf die Brust.

„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel, in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden, denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“

„Henker -- das alles -- um Christi willen?“

„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen --“

Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel -- was soll ich dir geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus? Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“

Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück, dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht, Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund der Verruchtheit. Sein keuchender Atem jagte wie Glutwind über ihre angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus -- „mit diesem deinem Leib speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der Liebe!“

„Rasender -- wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.

„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“

„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“

Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada -- mit jedem deiner Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den andern überquillt -- o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener Liebesnächte -- diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust, blutend von der Hingabe an ihn -- reich’ mir den letzten Rest, den deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und brennenden Wünschen -- sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen, was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat, ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen, ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche begehren --“

„O Mensch -- Tier -- Sohn der Nacht und der Verdammnis -- wofür hältst du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.

„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann. Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro liegen die einsamen Nonnenzellen der Büßerinnen in Fels gehauen. Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt bleiben.“

Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie brennende Pfeile. „Satan -- fürchtest du denn nicht meinen anklagenden Schrei vor dem heiligen Tribunal?“

Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten -- Weib, du kennst unsre Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen. Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen Geist der Wahnsinn zerstückelt.“

Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren Nacken wehen. „Ich -- will -- dir -- meinen Leib -- morgen -- geben --“

„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter -- hab keine Angst -- die Wache hält am fernen Ende des Korridors --“

„Und wenn ich dir alles gebe -- ist Don Pedro -- frei?“

Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.

Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte auf. „Gib mir den Brief!“

„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“

Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten, keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib -- gib -- sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke! Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“

Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.

„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen --“

„Würger -- mich foltern lassen -- eine Königstochter?“

„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine Brüste vor uns dampfen.“