Granada in Flammen

Part 23

Chapter 233,544 wordsPublic domain

Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana eilte der Herrin nach und fand sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab. Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie sich aus der Lähmung.

Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.

„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.

Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.

Einunddreißigstes Kapitel

Im Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich aneinander vorbei.

Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen -- der Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen heim und der Tag wird zu einer Qual, die ihre Messer in die Seele der Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort, das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei.

Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die letzten Gestalten.

Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand fühlt sich an wie lebendiger Alabaster.

Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was -- habt -- Ihr -- getan --?“ Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf -- ist -- unschuldig.“

„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen -- doch mit jenen des Glaubens -- nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und es ist verständlich, Doña Maria -- aber wie konntet Ihr Euer Herz an einen Ketzer hängen?“

Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er -- ein Ketzer?“

Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen Worte stempeln ihn dazu.“

„Mei --?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff nach dem Herzen.

„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“

„Eure -- Fragen -- oh, die Sinne brechen mir -- Eure Fragen? -- Was für Fragen?“

Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.

„Das -- soll ich -- gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“

„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure Aussage noch an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr, was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä: Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der Gerechten.“

Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch, Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott, an Christus, an die heilige Jungfrau -- er hat nie mit den Propheten übereingestimmt --“

„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“

Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das -- ist -- ja -- nicht -- wahr -- das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern klang es: „Das -- habt -- Ihr gesagt -- Priester --“

Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“

„Ich weiß -- hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder --“

„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache, aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge teilt.“

„Ihr habt eine Liebende vor Euch -- seht meine verweinten Augen -- mein zerbrochenes Herz -- ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters vergraben sind --“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin -- „alles soll Euch gehören, wenn Ihr uns --“

„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors? Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden ist!“

„Ihr glaubt doch nicht --“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.

„Ein leeres Blatt -- sonderbar -- wo liegt der Schlüssel zu dem Geheimnis?“

„Ich allein besitze ihn.“

„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“

„Sobald Don Pedro frei ist.“

„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf schüttelnd.

Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem Peiniger hin.

„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“

„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben. Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken umwarf.“

„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.

„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir. Ach, guter, ehrwürdiger Pater -- er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis gebracht?“

„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte den Namen seines Anklägers.“

„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten Isa?“

Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“

Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ Euch doch nichts getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben --“

„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“

„Es waren Säulen, die mich stützen konnten -- ach, Pater, Pater --, ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem Herzen reißt.“

„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert Euch!“

„Ich fasse ihn nicht -- so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht -- laßt mich doch nur erst Wurzel fassen.“

„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“

„Sie ist groß und gütig -- aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn zu befreien.“

Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest. „Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“

„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“

„Ihr kennt kaum ihre Namen -- das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.

„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert mir den Kopf -- das Herz --.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.

„Richtet Euch auf -- an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.

Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines Vaters teuerm Leben -- laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds --“

Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“

Wieder flog das Rohr über das Papier.

„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben steht --“

„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“

„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott -- siebenfaches Elend ist mein Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust -- aber Ihr seid schuld daran -- Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen -- ja, Ihr zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --“

„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de Calabreña in den Kerker der Inquisition!“

Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens.

Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung plötzlich in seinen brennenden Jubel?

„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen Ketzerin vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte glichen einem Bekenntnis.

Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden, die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten.

„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte Pater Collades.

„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ -- er dämpfte die Stimme und sein Herz klopfte gewaltig --, „wir haben das Mittel der Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich, entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz verrammeln.“

„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“ sagte der Fiskal augenzwinkernd.

„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung seiner Missetat.

Zweiunddreißigstes Kapitel

In einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand die Aufschrift der Inquisition: ~Exurge Domine; judica causam tuam, capite nobis vulpes~. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten Stockwerk, standen die Truhen mit den Anklageakten. Durch einen engen Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne?

An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu besorgen hatte.

Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel, die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben war.

Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten Stirn, es prägte sich in dem scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende Kraft als störend empfunden hätten.

In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen. Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt.

Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen, weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“

Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart geworden. Als er den Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen.

Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“

„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches Mädchen verteidigt.“

Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab, ihr Herren.“

Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt.

„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs.

„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr hören werdet.“

„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf.

„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“

„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die Eidfinger.

Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden.

„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“

„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag --?“

„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor.

„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“

„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“

„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen würde?“

„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“

Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das -- kann -- nicht -- sein. Den Erdenrest verbrennen --?“

„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr getaufte Doña Maria de Calabreña.“

Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise. „Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“

„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen seid.“

Der Graf nickte stumm.

„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und das Ave-Maria.“

Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung seines gläubigen Herzens.

„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor.

„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet, daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom Glauben gewichen bin.“

„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“

„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“

„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“

„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig.

„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“

„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe.

„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse Äußerungen --“

Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den Menschen, der mich verleumdet hat.“

Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da. Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht haben. Ich will ihre Namen wissen.“

Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“

„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“

„Bekennet!“

„Sagt, was ich getan haben soll.“

„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des Grafen Brust.

„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“

„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“

„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora.

„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“

„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe -- wozu zwingt ihr mich, ihr Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“

„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr braucht sie nur zu bestätigen.“

„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“

„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“

Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit Schaudern von ihm ab.“

Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen.

„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“

Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte. Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“

Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des Inquisiten.

Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada, wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen --“

Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr -- wahnsinnig? Oder bin ich es?“