Granada in Flammen

Part 22

Chapter 223,705 wordsPublic domain

„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in seiner ganzen Nachsichtigkeit -- ja, über die Hostie sprach er nicht mit Euch?“

„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding --“

„Sagte er: unscheinbares Ding?“

„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“

„Er bezweifelte es wohl?“

„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn --“

„Also er nannte die Hostie unscheinbar -- ja, ja, machte ein merkwürdiges Gesicht dazu -- schüttelte wohl gar den Kopf --“

„O nicht doch -- wie sollte er?“ -- Sie lächelte.

„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal --“

„Ja, einmal -- da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“

„Ganz recht -- da schüttelte er den Kopf -- das unscheinbare Ding -- ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal darüber weiterreden.“

Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.

„Ja.“

Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie schon irgendeine Ausflucht suchen.

„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“

Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und Kerzengeruch woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe! Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den rosigen Abend hinein.

Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten. Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña. Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher Verzweiflungsschrei zerbrach.

Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der Tür.

Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego, die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles. Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte hinaus.

Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen. Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch wußte, daß er damit der Kirche und dem König einen Dienst erwies. Der Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte. Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.

Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Leid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.

Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften, ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise aufgeschlagenen Vorhang, stand der kostbare Diwan des Königskindes, ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt. Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder -- es war das Zeichen, daß sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige, schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden zu sein.

Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten, während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.

Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe Schleier, wo keine sein sollen.“

Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“

„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, der keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen Namen führt.“

Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar -- wir haben viel von dir gesprochen --“

Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die Christenlehre?“

Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir -- ich soll es nicht sagen -- und doch beengt es mir die Brust. Wir sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich manches deiner Worte auf.“

Der Graf blickte dunkel und nachdenklich vor sich hin. „Sonderbar.“

Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro -- nun bist du traurig geworden. Oh, wie lieb’ ich dich -- und doch weiß ich, du wirst mich verfluchen --“

„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein.

Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der Graf erfahren -- und dann -- sie seufzte in sich hinein.

Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen, leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre, soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln --“

Sie wollte aufjubeln -- aber im nächsten Augenblick lief schon wieder der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das Brautbett zum Grab wird?“

„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim. Und wenn alle mich verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir die Wege weisen.“

Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem Herzen findet --“

Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein Schutzengel.“

„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“

„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst zu retten.

Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich -- oh, sieh mir in die Augen -- es bleibt nur eines noch -- des Glückes Erfüllung und Krönung --“

Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und leise: „Dein Wille -- kröne -- unsere Liebe -- Gott wird die Stunde segnen.“

„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung an den sein, den du liebst --“

Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will den Zambra tanzen.“

Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen, warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre -- und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab.

Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht in wunderbarem Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht. Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere, das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von Yemen --

In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der Sternenhöhe -- ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine -- dann das Geräusch des Vorhangs -- und nun schlug Don Pedro den seinen auf.

Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen, die bei jeder Bewegung rot und grün blitzten. Nun aber stand sie reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart.

Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus. Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte, dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert, schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf, und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier. Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte -- vor ihm lagen dunkle Matten der Wollust -- Flammen wühlten in seinem Gebein -- er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner ganzen Schönheit in den knisternden Samt.

Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen.

Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die Schleier um ihre Schönheit legt.

„Nun wirst du fern sein“ -- schluchzt sie schmerzvoll --, „der Mond der Liebe erlischt -- aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah macht.“

„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro.

„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“

Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf.

Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber ringenden Leib.

Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des Leids zerbrach ihren Gebetswillen.

Dreißigstes Kapitel

Die spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen, seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den Kampf, auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner.

Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen Anschlags. --

Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen. Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen.

„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet sein unter Palmen am Meer!“

Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die Seele der Herrin warf.

Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber.

Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen meldeten. Nun mußte er auch kommen!

Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum König gerufen worden sein.“

„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf. Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken. Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang, gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben. Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück.

Da -- Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein.

Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s!

Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere -- sein Freund --“

„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle.

Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana bemerkt. „Doña Maria -- verzeiht -- Don Pedro -- kann nicht zu Euch kommen --“ Er würgt an den Worten.

„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst.

„Faßt Euch -- noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende zu, sie zu stützen.

Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können.

Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist -- in den Händen -- der Inquisition.“

Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin.

Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel, zu sich.

Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten wir den Myrtenhof passiert, traten vier Alguaciles auf uns zu und verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“

„Ihr habt es -- dulden -- können --?“

Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“

„Weshalb hat man ihn verhaftet?“

„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“

Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm --“

„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn geführt haben.“

Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den Wolken und Sternen“ -- ihr Auge füllte sich mit Entsetzen -- „wenn ich selbst -- ohne es zu wollen -- der fürchterliche Leon -- aber das ist ja Wahnsinn -- ich habe doch nichts gesagt -- er nichts getan -- es müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn -- o Rojas, Rojas -- das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir -- oh, wenn ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“

„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein -- er wird sich lösen --“

„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie hervor.

„O Gott, seid vorsichtig -- die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“

„Ich will zur Königin -- sie ist gut und edel --“

„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten, würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“

„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“

Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“

„Er -- und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.

„Ich muß eilen -- man wird seine Zimmer durchsuchen -- lebt wohl, Doña Maria, und Gott stärke Euch!“

Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte, die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der Gebetssammlung.

Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter -- der Vogel Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als Unheilskünder im Sold hält.“

Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt? Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.