Granada in Flammen

Part 25

Chapter 253,677 wordsPublic domain

Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.

Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt nichts übrig als die Folter -- gemeine Augen werden sich an deiner entkleideten Schönheit weiden -- oh, es ist nicht auszudenken, Perle meines Herzens --.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe -- der die heilige Martina zerreißen sollte -- küßte ihr die Füße -- laß mich die deinen küssen -- komm -- komm -- das Eis deiner Tugend soll das Feuer meiner Leidenschaft schmelzen -- Delila!“

In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.

Da weiten sich ihre Augen -- gräßliche Gedanken springen sie wie Hyänen an -- in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn -- wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut -- da wird ihr Fuß zur Waffe, er hebt sich empor -- schleudert sich auf die Natter -- „Delila über dir!“

Leon taumelt -- fällt -- und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas Arme nach dem Strick -- werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers -- mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht -- „Meduse -- Me--du--se --“ Dann Stille -- herzmarternde Stille. Endlos rinnt die Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu schmerzen -- die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke zersprengen will -- ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein Tau zusammen --

Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen -- sie greift langsam nach dem Körper -- sein Gesicht ist verzerrt, um den wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn sonst, die Augen sind gläsern starr -- der Anblick schauert in ihr Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht -- du hast einen Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib -- du darfst sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten Sukuums entgegen -- der Scheitan reißt ihm die Glieder ab -- er war ein Fethin, ein Verführer -- ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.

Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde füllen und Granada -- nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet erstarrt.

Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf -- die heilige Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten -- oh, wenn christlicher Haß auf ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr glauben als der Lebendigen.

Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.

Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen, langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich mählich, ihr Körper wächst -- sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.

Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija weist ihm furchtlos den Freibrief.

Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt er kurz.

„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“

Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren. Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators. Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen. Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch -- Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln -- fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.

Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts -- da tauchen die Zinnen der Alcazaba auf -- sie ist am Ziel -- wie ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden -- hinter ihrer Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen, geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken -- sie hat noch die Kraft, mit den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.

Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet -- erschrickt -- er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln -- da starrt er in das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“ Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.

Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege -- wie bist du heraus?“

Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen entdeckt. „Wo sollen wir hin?“

„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du -- rafft alles Geld zusammen -- ein paar Geschmeide --“

In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten, turbanähnlichen Tuch umhüllt. So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim, gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber. Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.

Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei, hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden. Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.

Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben -- gelblichrotes Gestein -- der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten die Rosse -- es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen? Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines Menschen. Wie viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf -- die Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues -- was half der Mord dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!

Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert, allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta, eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.

Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle, gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen. Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf der Rosse. Reija hängt nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.

An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann ansteigender, bestaubter Weg -- durch die blühende Gartenpracht von Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden Pferde -- jetzt -- o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta! Ihr Maurendörfer Haus an Haus -- Cañor da oben! Reija hat noch die Kraft, den Jubelruf in sich zu hören -- dann bringt sie mit schwachem Zügelruck das Tier zum Stehen -- die Sinne schwinden ihr -- sie fällt in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.

Vierunddreißigstes Kapitel

Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim, der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr zu Ohr.

Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast des Ximenes -- der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen --, nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen, hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!

Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas steigt.

Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen, einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer, der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser Gebein jagen.

In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs, herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die Schreckensbotschaft.

Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“

Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen. Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer Auferstehung des Mönchsleibes.

Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche, wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.

„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau, verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher, als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“

Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser hier dazu riet.

„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch gewisse Forderungen des Dominikaners --“

„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.

Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner liebte die Frauen -- es ist kein Geheimnis mehr --“

Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ -- er drängte hastig an den König heran --, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte? Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken? Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der Königin.

Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott geschändet. Lucero komme! Doch -- wenn sich Boabdil regt?“

„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“

„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.

„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen. Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben. Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora, ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten in Heil.“

„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.

„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten, wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern, auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu unterdrücken --“

„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.

„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam, hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen, sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden --“

Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die Granden vergessen können? Ximenes!“

„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind. Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“

Isabella erbleichte. „Ximenes -- rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender seine Grausamkeit vergessen.