Part 13
Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten, beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen. Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf sich dem schrecklichen Reinigungswillen.
Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.
Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft, die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu werden.
Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge. Man spricht in den Miradores davon.“
Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“
„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede. Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst der Gefangene einer Gefangenen.“
„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.
„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen? Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet wissen.“
Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte er doch verraten. „Es ist wahr -- ich habe ihr weh getan -- sie hat ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie längst im liebenden Schutz Castros.“
„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf der Hut.“
Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“
Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“ Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest mich da und sprichst kein Wort zu -- diesem.“ Er stellte ihr den Freund lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für dich.“
Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der Herbstnebel die Landschaft.
„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“
Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.
„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der Lustigkeit, des Gesanges.“
Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien vorwärts kam.
Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“
„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.
„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“
„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann man dich erringen?“
Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38. Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will Saffana an deine Liebe glauben.“
Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern durch: „Du kommst mir nicht an.“
„So küsse ich die Augen.“
Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen spricht, ist kein Kußheld.“
Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben. „Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und böser Dschinnen Neid erfahren.“
Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.
„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“
„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“
Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.
„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen geben, du aller Blüten süßester Honig du!“
„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“ lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber will Tränen haben.“
„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.
Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin getan, daß sie so leiden muß?“
„Du liebst sie?“
„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan, ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben? Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht lieben?“
Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“
„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser Königskind sieht.“
„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.
„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht. „Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.
Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.
Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte sie Schläge empfangen.
In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.
Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum daß er damit begonnen, trat der Graf ein.
„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“
„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.
„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern zu tun.“
„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte seine Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen führe?“
Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab? „Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem Imam zu.
Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott verherrlichen möge?“
„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe nehmen?“
Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“
„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen sehen in Malaga.“
Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“
„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen Tiger zu schicken.“
„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“
„Aber es werden Euch Mauern umengen --“
„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll -- ewig --?“
„Man will sicher sein vor Euch.“
Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes Väterchen!“
Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, hinauf und hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt mich -- hier -- mit diesem Kinde --“
„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“
Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.
„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei. Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete. Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“
„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den bläulichweißen Mönchslippen.
„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“
„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“
„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen treiben. Sei duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“
Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“
Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will -- versuchen -- die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust, ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des Grafen lehnen.
Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam, als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden, kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste Augenblick konnte den Greis umwerfen.
Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr die entscheidenden Worte des Mädchens.
Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören, und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“
Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner Seite weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt dann statt einer Seele zwei gewonnen.“
„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt. „Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“
Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“
Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“
Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.
Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er flüsternd das Salve Regina vor sich hin.
Neunzehntes Kapitel
Kaum waren sie allein, griff der Imam nach den matt herabhängenden Armen des bleichen Königskindes. Wortlos streichelte er darüber hin.
Reija bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.
„Kaaba -- Mihrab -- Koran -- aus dem Herzen geworfen!“ lispelte der Greis.
Das Mädchen warf das Haupt empor. Das starre Bronzegesicht belebte sich. „Weißt du, für wen ich Christin werde? Mit der frommen Gebärde, mit allem, was sichtbar ist an den Nasranije? Für dich, Väterchen!“ Sie legte das Wort wie ein kostbares Geschenk vor ihn hin.
Die schmerzdurchtränkten Augen starrten sie an. „Was -- soll -- das?“
„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich sammeln. Ich wiegle sie auf --“
„Seele der Blumen -- bist du auf die Irrwurz --?“
„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den Kampfzorn der Berber an.“
Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus -- mit diesen Händen willst du Ketten -- welch ein Dschin ist in dich gefahren? Du meine Hossané!“
„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln soll.“
Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille -- du Riesin an Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel durch die Straßen jagen?“
Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein! Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn -- Ximenes -- Leon -- oder besser --“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es ist erst ein Saatkorn in mir -- es muß keimen -- zur Blüte werden. Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll nicht aus einem Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“
„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren wandern aus -- die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen Schutz --“
„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen -- ich bin bei dir! Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen Brand.“
Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht -- oh, es ist nicht das Feuer deines Vaters -- es ist die Leidenschaftlichkeit deiner Mutter --“
„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück. Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben. Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren, wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte sie scheu-ehrfürchtig.
Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“
„Und -- du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens. „Du würdest -- keine Duldung üben -- wenn ich --“ Sie stockte verlegen.
In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie sollte ich dich verdammen, wenn du einmal -- ach, es ist ja nicht auszudenken -- o du Taube der Ziergärten -- Mondschein der Sommernacht du -- sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird auch die Winkel deines Herzens durchschauen --“
„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein, durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz darin zurückbleiben.“
Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten, dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen, daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest, löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“
Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege.