Part 12
Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar. Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit, dies alles zu überdenken.“
„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, das größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und fällt unserm Glauben zu.“
Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie wagten nicht, seine Größe zu ermessen.
Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals nicht anders.“
Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des Riesenschatzes willen Gnade üben -- da warf sich der glaubenswütige Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes mußte es aufs neue durchwühlen.
„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu haben? Und zudem --“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster -- „Spanien braucht Geld, und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld lassen.“
Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder Auswanderung!“
„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die leicht gewonnene Königin.
„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer -- nach der Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder --“
„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor.
Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder --?“
„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“
„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der Maure baue auf ein Königswort.“
Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich. „Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens! Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt. Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort. Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen können, denn wer könnte Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem ersten Diener Gottes die Hand.
„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“
Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen Schlacht.
Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen. Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte seine Tatkraft bewundern.
Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz, das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue, dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des Ketzergerichts lag.
Siebzehntes Kapitel
Graf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf niedrigen Strohschemeln saßen.
„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“
Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“
Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren möge.“
Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt -- Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem andern übertragen sollen.
Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört. Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte: „Was ist der Sinn dieser Botschaft?“
„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt sich ihrer verführten Seelen.“
„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund.
Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir. „Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken möge -- was läßt er uns durch die Posaune sagen?“
Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen: „Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“
Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände, von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten sie nach den verborgenen Waffen.
Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn heraufführen aus den Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta -- gepriesen sei der Herr, auch wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“
Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen?
Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du, Almama, -- Osmar Ben Akbet -- blühender Zweig des Irak, du mein Moadh Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben -- Granada verlassen!“
„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen wieder zu den Waffen!“
„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal.
Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird. Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“
„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler.
Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles geriet aufs neue in Aufruhr.
Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe vor Schmerz über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund.
Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun keuchend an den Grafen: „Und -- was wollt Ihr -- von mir?“
„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr sollt in vornehmer Haft --“
„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener --? Ist das der Sinn?“ Er zuckte zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird. Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt, was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen, in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta übelnehmen. Es ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“
Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der Schönheit, der Musik und der Dichtkunst -- da greift das Schicksal hart in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen? Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“
Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird ihr Zimmer neben dem Euren haben.“
Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“
„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“
„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt euch mit der Antwort.“
„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“
Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen, dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten. In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des Königs, Männer von Alcala und Toledo.“
„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“
„Bis zum ersten Tag des März muß Granada +einen+ Glauben haben.“
„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott, und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr und auferstanden ist -- ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“
Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem Santon.
Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers. Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach dem schönen Unheilsboten.
„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre Fingerspitzen spielten in der Luft.
„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt.
„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren voll unheimlicher Dunkelheit.
Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija erblaßte und zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“
„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“
„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir greift.“
Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend zum Grafen. „Vergebt ihr.“
Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle. „Ich soll -- nicht -- Saffana haben -- und keine Perlen -- Smaragde -- Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“
„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz der Eitelkeit.
„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“ schluchzte sie jämmerlich.
„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“
Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen.
Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien, Wehklagen, Rufen -- jetzt mußte sie --
Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie. Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana.
In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See. Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts trieb alle Herzen in Verzweiflung.
Achtzehntes Kapitel
Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und -- mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel, ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht, ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der Besessenheit? fragte er sich bang.
Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.
Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der Genil und der Darro schwollen an.
Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen, ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht. Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten -- Monfis nannte man sie --, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen, beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.
Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit. Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden, arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.
Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu grollen.