Granada in Flammen

Part 11

Chapter 113,755 wordsPublic domain

„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht auf -- und da -- o daß ich es noch einmal sehen könnte! -- da wirft der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze -- die Waffen sinken zu Boden -- der Graf -- Gott gebe ihm Gärten und Paläste und tränke seine Herden! -- der Graf läßt durch Reiter eine Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei Söhne reiten durch die lebendige Gasse -- und der Graf ruft: ‚Diese meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf -- Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für sein Leben.“

„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den schönen Lippen.

„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador -- ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf, er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“

In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt auf dem Untergrund des dunklen Samts.

Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“

Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“

Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“

„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen. „Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“

„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.

Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein Weib an.“

Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt, stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“

„Freilich -- damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie gefällt er dir, Tau der Wüste?“

Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. Es war so schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“

Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie die Sklavin.

„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“

„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn herum aber sah ich Flammen.“

„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“

„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel -- da erwachte ich und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“

„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“

„Aber was soll die Flamme um ihn?“

„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“

Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum. Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl -- sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er einem den Koran gebracht?“

Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch wenn er stirbt.“

Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl schöner als der Graf.“

„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das Echo. Aber das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel ihres Gefühls zu lösen.

„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh zurück.

Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“

Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.

In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.

Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs, keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar, sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift. Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein glücklicher Falter nahte.

Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen, ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern, wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser von Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen, ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.

Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an ihr bebte.

„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.

„Was ist es mit ihr?“

„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“

Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.

Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand. „Das Gewand!“

Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin ein jemenitisches Liebeslied summte.

Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine Riesensphinx dalag.

Sechzehntes Kapitel

Die Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus. Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach Sevilla.

Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche Licht zu einem Fünklein zusammen.

Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König --“

„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin stürzend.

Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“

Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter --! O warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt einen eifernden Erzbischof.“

„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.

Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl. „Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie Könige aus sich selbst sein!“

Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis! Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“

„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse Vergangenheit seines Vaters.“

„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella auf.

Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit Eifer --“

„-- und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“

Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“

Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar, Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten. Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick --“

Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen gebären sich dann von selbst.“

Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er sich aufrecht.

„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng verfurchtem Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen, gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch, ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst zu tun?“

„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig. Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf, damit meine Könige besser schlafen können.“

Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns schmerzen,“ sagte sie weich.

„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“

„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten -- und Ihr verbrennt die Bücher ihres Glaubens!“

„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut. Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen Medizinen in mir sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in der eigenen Tat erblicken.“

„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.

Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr, ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen. Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds fortgepflanzt.“

„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu --“

„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste, ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf --“

„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon --?“

„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz. Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft. Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets meinem Rat williger das Ohr geliehen -- o sprecht für mich!“

Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges Schwert, Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren, aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“

„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.

„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken aber bleibt unberührt.“

Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken überwachen.“

„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns anklagen sollte. Leon ist allzu streng --“

„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt? Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der Kirche --“

„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert: die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch, drängst du die Mauren übers Meer.“

„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“

„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der König.

„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten: Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“

„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis. „Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr schürt. Es könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“

Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“

Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe, bürgt Ihr mir für den Erfolg?“

Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch der gefährlichste -- gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die Seele des Aufruhrs.“

„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.

Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.

Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten, der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein Schwert zu klopfen.“

„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich nicht --“

Der König reckte sich. „Was soll die Drohung?“

„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch, weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen geht der Weg zur Macht.“

„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt.

„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“

Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich, ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt, dankt morgen einem andern.“

Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz. Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe. Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen. Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten --“ Und in Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“

Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können unbedenklich für nichtig erklärt werden.“

Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando Verträge brach?“

Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen nennen dies Undankbarkeit. König Pedro ermordete mit eigner Hand den Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“

Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was die Ahnen gesündigt?“

Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“

„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“

„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen. „Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge verwirkt?“

„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“

Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph. „Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“

Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr -- habt --?“

„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen, man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag, den friedlichen, gebrochen.“