Granada in Flammen

Part 14

Chapter 143,770 wordsPublic domain

In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle der Gedanken über sie. Ein leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen. Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen -- hinüberschiffen -- den Vater wiedersehen -- und doch -- lauerte nicht die eifersüchtige Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta -- dieser Don Pedro de Solar --

Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer, ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben, seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag, da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und Antworten, die ihm die Brust --

Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit. Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz unverschleiert zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre dunklen Augen spielen ließen.

Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein.

Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit die Arme.

„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine Verwirrung.

„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus der Lässigkeit zu lösen.

„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“

„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust.

„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr.

„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen -- oh, wie heißt das große Gefäß?“

„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören --“

„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn.

„Es +ist+ -- Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte der Graf betreten.

Der Schleier barg ihr Erröten. „Und was weiter, Feta?“

„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott, Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage antworten: ich glaube.“

Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“

„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu unterrichten.“

Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte überströmt.“

„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das Herz.“

Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über. „Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“

„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh.

Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern, behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren. Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster Liebesfreude formt.

„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“ fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend.

„Ihr dürft es.“

„Und noch eines --“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh -- was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der Name seine Züge zerriß.

„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner Brust lag es wie Blei.

„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“

„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab.

Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst ihn -- nicht -- frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor einem Sprung.

„Seid Ihr von Sinnen?“

Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer. Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner Eifersucht an den Leib.

Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija -- fragt mich -- nicht mehr -- nach dem Abencerragen. Sein Name -- ist -- Gift.“ Schmerzhaft stöhnte er es hervor.

In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch mehr reizte. „Doch deshalb bleibt es eben, wie es ist. Eswers Auge ist drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst wie --“

„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen.

Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und fauchte mich in eine Ecke.“

Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen? Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir -- und ich -- o, o!“ sie zuckte zusammen, „-- ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder.

Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach, ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr gelöstes Haar.

Reija hob schnell den verweinten Kopf. „So sag’ es schnell.“

„Schems hosna, schöne Sonne, es müßte dich der pflücken, den du liebst.“

Da knallte ein Wangenschlag. Aber durch Reijas Tränen blitzte ein Lächeln.

Saffana aber sagte ungerührt und hart: „In mir weint kein Schmerz um einen Mann. Sie sind alle zusammen nicht eine Träne wert.“

Zwanzigstes Kapitel

Scharenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen gewinnen, so und so viele täglich.

Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.

An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge, Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn, Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen, überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.

Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das Jesuskind im Arm.

„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben ihr stand.

„Es ist auch Euer Name -- Maria,“ sagte er gepreßt.

„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria -- ich werde sie oft verwechseln.“

Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob, trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die Reija befangen über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte, schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.

Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten. Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel, und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte. Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können? Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes --?

Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende, kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick der Mutter, deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden, halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte, sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.

Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar. Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen -- und alles fiel aufs Knie und der Gesang schwieg -- dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch -- sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie deutlich die Priesterworte: ~Domine, non sum dignus~ -- diese klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.

Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte man von nun an noch häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.

Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.

Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte sie: „Maria heiße ich nun für alle -- Maria Calabreña -- auch für dich, Feta.“

„Gefällt es Euch nicht so?“

Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge. War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem Doppelleben beistehen?

Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“

Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das: ~Domine non sum dignus~?“

Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja -- ich bin nicht würdig -- daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.

„Ich will besser -- Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm heftigen Schmerz.

„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter meinem Nährvater.“

Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an den Wachen vorbei die Treppe hinauf.

Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu: „Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm. Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in die kalte Wintereinsamkeit.

Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“ Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“

Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür, schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich hervor, wusch sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.

Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte. Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“

Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen, so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze, die einen betörenden Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?

Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit, die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er erstehen.

„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden Einfalt.

Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe. Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere Arbeit gehabt.

Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“

Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“

Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“

Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle, welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht auf jeden Fall selig werden?“