Part 19
Gegen die Philosophen und ihre „Ideen“ war er gleichfalls sehr mißtrauisch. Schiller hatte ihn zuerst durch sein wüstes Jugenddrama abgestoßen; als dann der Dichter der ‚Räuber‘ auch noch Kantianer wurde, empfand ihn Goethe erst recht als Geistes-Gegenfüßler, mit dem ein Verkehr unmöglich sei. Aber ihr beiderseitiges Suchen nach großen Anschauungen mußte sie dennoch zusammenführen. Sie hörten in Jena einmal einen naturwissenschaftlichen Vortrag; beim Hinausgehen kamen sie in ein Gespräch, wobei Schiller bemerkte, daß eine so zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den +Laien+ nicht anmuten könne. Goethe horchte auf. Auch dem +Eingeweihten+ bleibe diese zerstückelte Art vielleicht unheimlich, war seine Antwort, und vielleicht könne man es auch anders machen. Man brauche nicht die Natur gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern könne sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darstellen. Schiller sah ihn ungläubig an, denn Dergleichen glaubte er den Philosophen vorbehalten, zu denen doch Goethe nicht gehören wollte. So schritten sie weiter, bis an Schillers Haus, bis in sein Zimmer, und dort trug dann Goethe die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor, indem er mit manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze vor Schillers Augen entstehen ließ. Dieser hörte mit lebhafter Teilnahme zu; aber als Goethe geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist keine Erfahrung, Das ist eine Idee!“ Nun stutzte Goethe, einigermaßen verdrießlich. Sein alter Groll gegen die Philosophierei wollte sich wieder regen, aber er nahm sich zusammen und antwortete: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.“ Und die nächsten Tage trug er sich mit der Frage: Wenn er Das für eine Idee hält, was ich als Erfahrung anspreche, so muß doch zwischen beiden eine Vermittelung sein? --
So begann ein zehnjähriger Umgang: Beide waren Lehrer und Schüler; Goethe entwickelte die philosophischen Anlagen, die seine Natur enthielt, und eignete sich noch recht ansehnliche Kenntnisse auf diesem Gebiete an.
Aber 1829 konnte er jedoch ohne viel Übertreibung zu Eckermann sagen: „Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten; der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.“
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[Sidenote: Irrtum]
Das fruchtbarste Lernen ist die Überwindung des eigenen Irrtums. Wer keinen Irrtum eingestehen will, kann ein großer Gelehrter sein, aber er ist kein großer Lerner. Wer sich des Irrtums schämt, Der sträubt sich, ihn zu erkennen und zuzugeben; d. h. er sträubt sich vor einem besten innerlichen Gewinn. Da Jedermann irrt, da die Weisesten geirrt haben, so haben wir keinen Grund, unsern Irrtum als etwas Schändliches zu empfinden.
Wenn wir Dasjenige aussprechen, was wir im Augenblick für wahr halten, so bezeichnen wir eine Stufe der allgemeinen Kultur und unserer besonderen. Ob ich mich selbst [berichtige] oder durch Andere zurechtweisen lasse, ist für die Sache selbst gleichviel; je geschwinder es geschieht, desto besser.
„Irrend lernt man!“ rief Goethe seinem Sohne August zu, als Dieser Einkäufe bei Frankfurter Antiquaren machen sollte und sich vor dem Betrogenwerden fürchtete. Und als Frau Grüner in Eger klagte, ihr Mann, den Goethe mit mineralogischen Neigungen angesteckt hatte, bringe so viele gemeine Steine mit nach Hause, neben den wenigen schönen, und verkratze die Tischplatten damit, da erwiderte Goethe: „Machen Sie sich nichts daraus! Ich habe auch manche Fuhre zur Verbesserung der Wege wieder hinausgeschafft. Die Sache läutert sich und macht uns Vergnügen, wenn wir eines Besseren belehrt werden.“
Schon 1804 sprach Goethe in einem Briefe an Eichstädt den kühnen Gedanken aus, daß man sogar am offenbaren Irrtum Wohlgefallen haben dürfe:
Bei strenger Prüfung meines eigenen und fremden Ganges in Leben und Kunst fand ich oft, daß Das, was man mit Recht ein falsches Streben nennen kann, für das Individuum ein ganz unentbehrlicher Umweg zum Ziele sei. Jede Rückkehr vom Irrtum bildet mächtig den Menschen im Einzelnen und Ganzen aus, so daß man wohl begreifen kann, wie dem Herzensforscher ein reuiger Sünder lieber sein kann als neunundneunzig Gerechte. Ja, man strebt oft mit Bewußtsein zu einem scheinbar falschen Ziel, wie der Fährmann gegen den Fluß arbeitet, da ihm doch nur darum zu tun ist, gerade auf dem entgegengesetzten Ufer anzulanden.
Das Erkennen eines eigenen Irrtums oder einer eigenen Schwäche macht uns namentlich auch duldsam und freundlich gegen andere Irrende. „Eigener Fehler erhält Demut und billigen Sinn“ steht von Goethes Hand im Stammbuche seines Schülers Fritz v. Stein.
Trotzdem gibt Goethe zu, daß es nicht so ganz leicht sei, sich von einem Irrtum zu trennen; „Man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat.“
Aber es bleibt doch dabei: der Fehler nützt uns erst, wenn wir ihn erkennen.
[35] Bedeutende Fördernis d. e. g. W. 1823.
[36] Paul Heyse. -- Mehrere Freunde klagten sogar, daß Goethe sich naturwissenschaftliche oder künstlerische Merkwürdigkeiten von ihnen angeeignet habe, die sie nicht als Geschenk gemeint hatten. Sich selbst bereichern wollte er nicht, denn der Geldwert seines Museums kam ihm selten in den Sinn: erst 1831 dachte er einmal daran, es an die Großherzogin Marie zu verkaufen; vielmehr waren diese Sammlungen, die jedem Liebhaber zugänglich waren, ein Opfer von ihm für die Gemeinschaft. In seinem Testamente von 1831 erklärte er, daß er seit 60 Jahren wenigstens 100 Dukaten jährlich (960 M.) für den Ankauf von Kunstwerken und Seltenheiten verwandt habe.
XV.
Kampf und Glück
[Sidenote: Glücklich und unglücklich]
„Von mir sagen die Leute, der Fluch Kains läge auf mir,“ schreibt der vierundzwanzigjährige Goethe an seinen Freund Kestner, und ein andermal drückt er Dasselbe in althellenischem Bilde aus, indem er sich zu des Tantalus Geschlecht rechnet. „Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich werden“ schrieb 1779 seine Freundin Johanna Fahlmer an Fritz Jacobi. „Er ist ein sehr unglücklicher Mensch“ urteilte 1791 der deutsch-dänische Bischof Münter über den zweiundvierzigjährigen Goethe, „muß beständig mit sich selbst in Unfrieden leben.“
Später sagten scharfe Beobachter: Goethe sehe aus wie Einer, der großen Kummer in sich verarbeitet habe. Aber allmählich entstand der Glaube, daß Goethe ein Schoßkind des Glückes gewesen sei: ihm habe das Leben so heiter gelacht wie nur irgend einem Sterblichen.
Den gewöhnlichen Kampf um’s Dasein, der die Meisten von uns zeitlebens beschäftigt, hat Goethe allerdings nicht kämpfen müssen; ernste Sorgen um Einkommen und Auskommen hat er sich nie zu machen brauchen; zu hohem Ansehen und Rang kam er schon in recht jungen Jahren; Freunde und Freundinnen erwarb sich der schöne und begabte Mann ohne viel Mühe. Aber tausend Quellen von Leid und Not fließen auch noch auf solchen Bevorzugten zu, und es muß ein tapferer Schwimmer sein, der ihre Fluten teilen und das Ufer erreichen will, zu dem er strebt.
Auch Goethe hatte tausendfach zu ringen: um körperliche und geistige Gesundheit, um häusliches Wohlbefinden, um ein gutes Verhältnis zu den Menschen, die ihn nah und fern umgaben. Bei seiner großen Weichheit und Empfindlichkeit trafen ihn die Krankheits- und Todesfälle und sonstige Nöte in seiner Freundschaft außerordentlich schwer. Sein ehemaliger Hausgenosse Heinrich Meyer wußte von den sehr starken Ausbrüchen des Schmerzes zu erzählen, denen sich Goethe beim Tode seiner Kinder hingab: daß er sich laut weinend auf der Erde gewälzt habe. Wir wissen, daß Niemand wagte, ihm Schillers Tod zu sagen; ebenso war es, als Ernestine Vulpius, eine Schwester seiner Frau, der Schwindsucht erlegen war. Als ihm dann der einzige übrig gebliebene Sohn auch noch in’s dunkle Land vorausging, seufzte der Greis: „Es scheint, als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man sei nicht aus Nerven, Venen, Arterien und anderen daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht zusammengeflochten.“ So empfand er also das allgemeine menschliche Schicksal tief. Welche besonderen Leiden aber der geniale, nach höchsten Erkenntnissen strebende Forscher trägt, hat uns Goethe im ‚Faust‘ offenbart; an eben solche Leiden dachte der genannte Bischof Münter, als er von Goethes Unglück sprach: „Alles arbeitet in seinem Kopf und drängt ihn zur Tätigkeit, und doch will er sein Amt nicht abwarten ... Hat Botanik, Anatomie, Kunst studiert, Alles wieder liegen lassen und arbeitet nun über die Theorie der Farben.“ Und Schopenhauer belehrt uns:
Die bloßen +Talent+männer kommen stets zur rechten Zeit; denn, wie sie vom Geiste ihrer Zeit angeregt und von dem Bedürfnis derselben hervorgerufen werden, so sind sie auch gerade nur fähig, Diesem zu genügen. Sie greifen daher ein in den fortschreitenden Bildungsgang ihrer Zeitgenossen oder in die schrittweise Förderung einer speziellen Wissenschaft; dafür wird ihnen Lohn und Beifall.
Das +Genie+ hingegen trifft in seine Zeit wie ein Komet in die Planetenbahnen, deren wohlgeregelter und übersehbarer Ordnung sein völlig exzentrischer Lauf fremd ist. Demnach kann es nicht eingreifen in den vorgefundenen regelmäßigen Bildungsgang der Zeit, sondern wirft seine Werke weit hinaus in die vorliegende Bahn, auf welcher die Zeit solche erst einzuholen hat. Daher steht das Genie in seinem Treiben und Leisten meistens mit seiner Zeit im Widerspruch und Kampf.
Aus innerster Seele hat Goethe diesen Kampf und diese Einsamkeit des genialen oder auch nur des eigenartigen Menschen in seinen Dichtungen manches Mal dargestellt. Was hat nicht Tasso zu tragen, weil sich die Welt in ihm anders spiegelt als in regelrechten Hofleuten und fürstlichen Personen! Die Kühnsten der goethischen Helden ballen in ihrer Verzweiflung sogar gegen den Himmel die Faust. „Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet je des Geängsteten?“ So ruft Prometheus, und nicht weniger bitter ist das Mitleid, mit dem Mephistopheles die Jubelhymnen der Erzengel in seiner Weise abschließt: „Von Stern und Welten weiß ich nichts zu sagen; ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen ... Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen!“ Werther erschießt sich, Faust führt die Giftschale an den Mund, und ihr Dichter bekennt:
Daß die Symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als unnatürlichen Krankheit [des Lebensekels] auch einmal mein Innerstes durchrast haben, daran läßt ‚Werther‘ wohl Niemand zweifeln. Ich weiß recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen, sowie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.
So schrieb er 1812, als sich Zelters Stiefsohn das Leben genommen hatte, und vier Jahre später, als er den ‚Werther‘ selber wieder gelesen:
Da begreift man denn nun nicht, wie es ein Mensch noch vierzig Jahre in einer Welt hat aushalten können, die ihm in früher Jugend schon so absurd vorkam.
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[Sidenote: Schicksal des Eigenartigen]
So wenig wertvoll also erschien auch diesem Bevorzugten das Leben. Das Verbleiben darin konnte er nur durch einen geheimnisvollen Lebensdrang erklären, der unser Sonderwesen erst völlig ausgebildet und danach völlig verbraucht sehen will, ehe er die Auflösung des Leibes, seines Werkzeuges, zuläßt.
Ein Teil des Rätsels löst sich dadurch, daß Jeder etwas Eigenes in sich hat, das er auszubilden gedenkt, indem er es immerfort wirken läßt. Dieses wunderliche Wesen hat uns nun tagtäglich zum besten, und so wird man alt, ohne daß man weiß: wie und warum. Beseh’ ich es recht genau, so ist es ganz allein das Talent, das in mir steckt, was mir durch alle die Zustände durchhilft, die mir nicht gemäß sind und in die ich mich durch falsche Richtung, Zufall und Verschränkung verwickelt sehe.
Daß Goethe stets bemüht war, sein Inneres vor fremden Anforderungen nach Möglichkeit zu beschützen oder davon wieder freizumachen, und wie ernst und treu er sich um die höchste Ausbildung seiner Persönlichkeit bemühte, haben wir in manchen Einzelheiten gesehen; einen deutlichsten Ausdruck fand dies Bestreben um die Mitte seines Lebens durch die Flucht nach Italien. Alles Befreien unserer Persönlichkeit, alle Entfaltung unserer besonderen Kräfte, alles Offenbaren unserer Begabung durch Taten oder Werke, alles Herausstellen von Leistungen, die unser Gepräge haben, stimmt uns nun aber glücklich.
Volk und Knecht und Überwinder, Sie gestehen jederzeit: Höchstes Glück der Erdenkinder Sei nur die Persönlichkeit.
So hatte Goethe bei allen Leiden, die ihn als eine eigenartige und zugleich sehr zarte Persönlichkeit trafen, in seiner ziemlich freien Stellung und in der dadurch gegebenen Möglichkeit freier, persönlicher Arbeit eine unversiegliche Quelle des Glücks. Besonders mußte ihn auch sein beständiges Lernen erheitern, denn das Lernen ist, was im Zeitalter der Zwangsschulen nicht Jedermann weiß, eine Ursache des Wohlbefindens und muß es sein, da es eine Ausdehnung und Bereicherung unserer Persönlichkeit, ein inneres Besitzergreifen der Welt bedeutet. „Das einzige reine Glück“, lehrt Schopenhauer,
welchem weder Leiden, noch Bedürfnis vorhergeht, noch auch Reue, Leiden, Leere, Überdruß notwendig folgt, ist das +reine willensfreie Erkennen+ (die ästhetische Kontemplation) ...
[Sidenote: Quellen des Glücks]
In der +Kindheit+ verhalten wir uns viel mehr +erkennend+ als wollend. Gerade hierauf beruht jene Glückseligkeit des ersten Viertels unseres Lebens, infolge welcher es nachher wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig Anregung des Willens; der größere Teil unseres Wesens geht demnach im +Erkennen+ auf, und zwar in dem Erkennen, das im stillen an den individuellen Dingen und Vorgängen die Grundtypen, die Ideen, das Wesen des Lebens selbst aufzufassen beschäftigt ist. Hieraus entspringt die Poesie und Seligkeit der Kinderjahre.
Der geniale Mensch ist dem Kinde verwandt -- Goethe ist bei Lebzeiten oft ein großes Kind genannt worden -- und bedarf nicht erst der Mahnung: „So ihr nicht werdet wie die Kinder ...“ „Der gewöhnliche Mensch“ sagt wiederum Schopenhauer,
diese Fabrikware der Natur ist einer völlig uninteressierten Betrachtung der Dinge, welches die eigentliche Beschaulichkeit ist, nicht -- wenigstens nicht anhaltend -- fähig. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Dinge nur insofern, als sie irgend eine, wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen +Willen+ haben. Der Geniale dagegen verweilt bei der Betrachtung des Lebens selbst, strebt, die +Idee+ jedes Dinges zu erfassen, nicht dessen Relationen zu andern Dingen und zum Willen. Während dem gewöhnlichen Menschen sein Erkenntnisvermögen die Laterne ist, die seinen Weg beleuchtet, ist es dem Genialen die Sonne, welche die Welt offenbar macht ...
Der Normalmensch ist gänzlich auf das +Sein+ verwiesen, das Genie hingegen lebt und webt im +Erkennen+. Daraus folgt, da alle Dinge herrlich zu +sehen+, aber schrecklich zu +sein+, daß auf dem Leben der gewöhnlichen Leute ein dumpfer, trüber, einförmiger +Ernst+ liegt, während auf der Stirn des Genies eine Heiterkeit eigener Art glänzt.
Schopenhauer hatte bei diesen Ausführungen Goethe, den er persönlich kannte, im Auge. Und der Kanzler v. Müller, der die Erlebnisse des alten Goethe am nächsten sah, sagt geradezu, daß er jedes Unglück durch das Erkennen zu überwinden trachtete.
Denn ihm war es Bedürfnis, von jedem noch so heterogenen Zustande einen deutlichen Begriff zu gewinnen, und die unglaubliche Fertigkeit, mit der er jedes Ereignis, jeden persönlichen Zustand in einen +Begriff+ zu verwandeln wußte, ist wohl als das Hauptfundament seiner praktischen Lebensweisheit anzusehen, hat sicher am meisten beigetragen, ihn, den von Natur so Leidenschaftlichen, so leicht und tief Erregbaren, unter allen Katastrophen des Geschicks im ruhigen Gleichgewicht zu erhalten. Indem er stets das geschehene Einzelne sofort an einen höheren allgemeinen Gesichtspunkt knüpfte, in irgend eine erschöpfende Formel aufzulösen suchte, streifte er ihm das Befremdliche oder persönlich Verletzende ab und vermochte nun, es in der Form naturmäßiger Gesetzlichkeit ruhig zu betrachten, ja als ein Geschichtliches, gleichsam nur zur Erweiterung seiner Begriffe Erscheinendes, zu neutralisieren. Wie oft hörte ich ihn äußern: „Das mag nun werden, wie es will, den Begriff davon habe ich weg; es ist ein wunderlicher komplizierter Zustand, aber er ist mir doch völlig klar.“ So gewöhnte er sich denn immer mehr, Alles, was im nähern und weitern Kreise um ihn vorging, als Symbol, ja sich selbst nur als geschichtliche Person zu betrachten, ohne darum an liebevoll persönlicher Teilnahme für Freunde und Gleichgesinnte abzunehmen.
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[Sidenote: Erkennen und arbeiten]
Im Jahre 1817 rühmte Knebel seinen alten Freund gegen Frau v. Schiller mit diesen Worten:
Er hat sich ein Reich der Kenntnisse und Wissenschaften erschaffen, worin er sich immer zu beschäftigen weiß, und seine fast unerschöpfliche Produktivität sichert seinen Geist vor äußern Anfällen des Schicksals.
Damals war Goethe durch den Tod seiner Frau einsamer geworden und hatte auch noch die etwas gewaltsame Trennung vom Theater zu verwinden. Nach dem allerletzten Schlage, der ihn traf, nach Augusts Tode oder Untergange, schrieb Goethe selber:
In solchen Epochen fühl’ ich erst recht den Wert eines allgemeinen Wissens, verbunden mit einer besonderen Teilnahme an dem Guten und Schönen, das die unendlich mannigfaltige Welterscheinung uns darbietet.
Damit meinte er kein untätiges Betrachten. Vielmehr war angestrengtes +Arbeiten+ ein Hausmittel Goethes, um über schmerzliche Erlebnisse hinwegzukommen. Besonders nach dem Tode eines Nahestehenden fragte er, „was uns zu erhalten und zu leisten übrig bleibt.“ „Das Außenbleiben meines Sohnes“ schreibt er an Zelter, als August an der Pyramide des Cestius begraben war,
das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich, auf mehr als eine Weise, sehr heftig und widerwärtig; ich griff daher zu einer Arbeit, die mich ganz absorbieren sollte. Der vierte Band meines ‚Lebens‘ lag, über zehn Jahre, in Schematen und teilweiser Ausführung, ruhig aufbewahrt, ohne daß ich gewagt hätte, die Arbeit wieder vorzunehmen. Nun griff ich sie mit Gewalt an, und es gelang so weit, daß der Band gedruckt werden könnte ... Plötzlich riß ein Gefäß in der Lunge, und der Blutauswurf war so stark, daß, wäre nicht gleich und kunstgemäße Hilfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ~ultima linea rerum~ sich würde hingezogen haben.
Aber auch in gewöhnlichen Zeiten nutzte Goethe das Arbeiten und Lernen als Mittel zum Wohlbefinden aus. „Vielleicht waren die Marienbader Zeiten [die Sommer 1820-22] die glücklichsten des goethischen Alters“ urteilt ein guter Kenner[37], und bezeichnend ist, daß dieser Kenner in der begründenden Fortsetzung lauter Lerngelegenheiten aufführt.
Auf der Hin- und Rückreise hielt er sich immer länger im alten historischen Eger auf. Auf seinen mineralogischen Fahrten durchquerte er neue Strecken des Landes. Einzelne Ausflüge führten u. a. nach Franzensbad, Liebenstein, Dölitz, Hartenberg, Falkenau, Seeberg, Schönberg, Waldsassen, Redwitz, Elbogen. Seine meteorologischen Studien fanden Förderung im Stifte Tepl. Alle sozialen und nationalökonomischen Einrichtungen studiert er; er läßt sich im Erzgebirge das neu eingeführte Spitzenklöppeln zeigen, beobachtet die Glasfabrikation, interessiert sich für Schleifsteine, für Maschinen zum Zügeln der Ochsen, für böhmische Pflüge; er wohnt dem Unterricht und der Prämienverteilung im Gymnasium zu Eger bei, sieht Schulbücher und Chrestomathien durch, läßt sich über den Geist wie über Einzelheiten der Verwaltung und Regierung aufklären; alles Altertümliche und Eigenständige fällt ihm auf, z. B. die Organisation der künischen Freibauern im Südwesten von Pilsen, die eine Art von Selbstregiment führen.
Man sieht Goethe in seinen Eigentümlichkeiten nie deutlicher, als wenn man seinen Bericht über die Kampagne in Frankreich liest. Der König von Preußen, der Herzog von Braunschweig, sein eigener Herzog, alle die Offiziere und Soldaten um ihn herum kämpfen mit den Franzosen und mit den noch gefährlicheren Unbilden eines unaufhörlichen Regenwetters. Goethe befindet sich mitten in diesem Kampf und Erleiden, aber sein Geist richtet sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Eine weiße Topfscherbe, die in eine Quelle geworfen war und nun aus der Tiefe herauf die schönsten Farben zeigt, beschäftigt ihn tagelang, wochenlang. Als Verdun bombardiert wird, geht er abends mit einem Fürsten von Reuß hinter den Weinbergsmauern, die sie vor den Kugeln der Belagerten schützen, auf und ab; der Fürst fragt nach des Dichters letzten Arbeiten, und Goethe spricht stundenlang von der weißen Scherbe und von seinen sonstigen optischen Studien. Sie reden die Nacht hindurch, denn der Fürst wird von Goethes Ausführungen ergriffen; sie wärmen sich bei einbrechendem Morgen an einem Biwakfeuer der Österreicher und reden weiter über die Wunder der Natur. Und als Goethe vierzehn Tage später immer noch mit den Kriegsgenossen dem ärgsten Regen und tausend Unbequemlichkeiten ausgesetzt war, dachte er auch immer noch an seine Quelle und die Blau- und Violettfarben der Scherbe.
Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die Zeltdecke gewährte wenig Schutz. Glückselig aber Der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte! Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel (des Herzogs Schreiber) in’s gebrochene Konzept und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitze ich noch mit allen Merkmalen des Regenwetters.
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[Sidenote: Die Scherbe im Wasser]
Alle Übel haben ein anderes Gesicht, je nachdem wir uns zu Zeit und Ewigkeit, zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verhalten. Goethe rät uns Zweierlei, was sich nicht sogleich zusammenreimen will: Lebe im Augenblick! Lebe in der Ewigkeit! Eine Brücke zwischen beiden Begriffen schlägt er, wenn er Eckermann zuruft: „Halten Sie immer an der Gegenwart fest! Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“ Räumlich drückte er denselben Gedanken gern durch lateinische Sprichwörter aus: „~Hic est aut nusquam quod quaerimus~“, „~Hic Rhodus, hic salta!~“ Verdeutscht und verzeitlicht im ‚Wilhelm Meister‘: „Hier oder nirgends ist Amerika!“
Er warnt also vor jeder Beschädigung und Geringschätzung der Gegenwart durch die Vergangenheit oder durch die Zukunft und will Ähnliches sagen wie Christi Mahnungen: „Laßt die Toten ihre Toten begraben! Sorget nicht für den anderen Morgen!“ Weil die Menschen die Gegenwart nicht zu würdigen, zu beleben wüßten, schmachteten sie so nach einer besseren Zukunft, kokettierten sie so mit der Vergangenheit, sagte er zum Kanzler, als von romantischen und sentimentalen Gedichten, von Proben der ihm verhaßten „Lazarettpoesie“ die Rede war. Demselben Freunde riet er, sich nicht durch Reue und schmerzliche Rückblicke die Stunde zu verderben:
Keine Rekriminationen, keine Vorwürfe über Vergangenes, nun doch nicht zu Änderndes! Jeder Tag bestehe für sich! Wie kann man leben, wenn man nicht jeden Abend sich und Andern ein Absolutorium erteilt!