Part 18
Das Beobachten unterwegs hat Goethe zu einer wahren Kunst ausgebildet. Er schalt wohl zuweilen auf das Reisen, weil es so sehr zerstreue und verwirre, neue Bedürfnisse errege und andere Fragen beantworte, als man stelle; aber er verstand es doch, vielerlei mit nach Haus zu bringen. Er legte sich stets Aktenfaszikel an, in denen er außer seinen eigenen Notizen Zeitungen, Theaterzettel, Preislisten der Märkte, Rechnungen der Gasthöfe und dergleichen zusammentrug. Sein Auge war auf das Sehen des Eigenartigen außerordentlich eingeübt, weil er sich sein ganzes Leben des Zeichnens befleißigte. Er mochte sein Landschaften-Zeichnen, da er es zu hohen Leistungen nicht brachte, wohl als einen bloßen Zeitvertreib entschuldigen, das für ihn Dasselbe sei wie für Andere das Tabakrauchen, aber zu anderen Zeiten rühmte er es als vortreffliches Bildungsmittel. „Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit“, und: „Meine eigenen Versuche im Zeichnen haben mir doch den großen Vorteil gebracht, die Naturgegenstände schärfer aufzufassen; ich kann mir ihre verschiedensten Formen jeden Augenblick mit Bestimmtheit zurückrufen.“ Das half ihm dann auch wieder, die Malereien Anderer richtig zu werten. Er sah es sofort, wenn ein Maler die Natur nicht kannte, wenn er z. B. einen Baum in eine Umgebung brachte, die in der Wirklichkeit zu einem Baume dieser Art und dieses Wachstums nicht vorkommt.
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[Sidenote: Reisebeschreiber]
Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten, sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Seit Sterne seine berühmte ‚Empfindsame Reise‘ herausgegeben hatte, waren alle Reisebeschreibungen in der Hauptsache den Gefühlen, Ansichten und kleinen Erlebnissen der Reisenden gewidmet. Zuweilen artete Das zu recht eitlem Prangen mit dem lieben Ich aus, z. B. bei Kotzebue. Über dessen Berichte aus seinem Leben spottete Goethe einmal scharf:
Ich bin gewiß, wenn einer von uns im Frühling über die Wiesen von Oberweimar herauf nach Belvedere geht daß ihm tausendmal Merkwürdigeres in der Natur zum Wiedererzählen oder zum Aufzeichnen in sein Tagebuch begegnet, als dem Kotzebue auf seiner ganzen Reise bis an’s Ende der Welt zugestoßen ist. Kommt er wohin, so läßt ihn Himmel und Erde, Luft und Wasser, Tier- und Pflanzenreich völlig unbekümmert; überall findet er nur sich selbst, sein Wirken und sein Treiben wieder; und wenn er in Tobolsk wäre, so ist man gewiß damit beschäftigt, entweder seine Stücke zu übersetzen, einzustudieren, zu spielen.
Goethe dagegen hatte längst die Maxime ergriffen, sich bei Reisen und ihren Beschreibungen „so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in sich aufzunehmen.“ Diesen Grundsatz befolgte er z. B., als er dem römischen Karneval beiwohnte. Durch die mündliche Schilderung dieses Karnevals und durch seine im Druck erschienene Beschreibung hat er vielen Lesern und Zuhörern Freude gemacht. Und dabei gestand er dem Engländer Robinson: „Nichts kann langweiliger sein als dieser Karneval! Ich habe meine Beschreibung wirklich nur gemacht, um davon loszukommen. Meine Wohnung lag am Korso; ich stand auf dem Balkon und schrieb Alles auf, was ich sah. Nicht die kleinste Kleinigkeit habe ich hinzugedichtet.“
Ein einfaches Mittel, aus den persönlichen Schranken zur Sachlichkeit zu gelangen, ist: die Wahrnehmungen und Auffassungen Anderer zu benutzen. Gern nahm Goethe auf einem Ausfluge einen Knaben mit, teils um dessen Freude mitzugenießen, teils um die Dinge gewissermaßen von zwei Seiten zugleich zu sehen. Als er 1796 eine neue Reise nach Italien vorhatte, hätte er gern seinen früheren Zögling Fritz v. Stein zum Begleiter gehabt; Dieser mußte jedoch seine Verhinderung anzeigen, und nun erwiderte Goethe:
Ich verliere dabei sehr viel, denn da ich schon in früherer Zeit so gern und mit so vielem Nutzen durch Dein Organ sah, so würde es mir jetzt auf alle Weise wünschenswert sein, da Du gebildet und in Vergleichung der Dinge durch viele Kenntnisse geübt bist, ich hingegen älter und einseitiger werde.
Einen jungen Musiker Christian Lobe, der von Weimar nach Berlin ging, forderte er auf, ihm über das dortige Theater zu berichten, aber, damit der Bericht sachlich werde, nach einem Schema: Stück -- Dichter -- Schauspieler -- Aufnahme im Publikum -- Wirkung auf mich -- Wirkung auf die Nachbarn und Bekannten: A., B., C. usw.
Diese Sachlichkeit verlangte er immer. Sobald er merkte, daß Jemand ihn beeinflussen, von vornherein die Dinge in der erwünschten Beleuchtung erscheinen lassen wollte, konnte er ihn wohl andonnern: „Die Sache! die Sache; wie ist Die?“ -- So wollte er es haben, wie Sulpiz Boisserée es machte, als er den alten Meister wieder zur Gotik zurückbekehren wollte: statt irgendwie dafür zu schwärmen oder nach Art eines Anwalts Beweise beizubringen, legte Boisserée ruhig eine sprechende Zeichnung nach der andern vor, bis sich Goethe gefangen erklärte.
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[Sidenote: Sachlichkeit]
Goethe war sich Dessen bewußt, wieviel er diesem fleißigen und sachlichen Betrachten verdankte. Als er nach Italien reiste, schreibt er an die Freundin Charlotte v. Stein:
Wie glücklich mich meine Art, die Welt anzusehen, macht, ist unsäglich, und was ich täglich lerne! Und wie mir doch fast keine Existenz ein Rätsel ist! Es spricht eben Alles zu mir und zeigt sich mir an.
So aus Regensburg am 4. September 1786. Und einige Wochen danach wiederholt er in Vicenza seine Freude, daß er falsche Ansprüche der Reisenden überwunden habe.
Jeder denkt doch eigentlich für sein Geld auf der Reise zu +genießen+. Er erwartet aber die Gegenstände, von denen er so Vieles hat reden hören, nicht zu finden, wie der Himmel und die Umstände wollen, sondern so rein, wie sie in seiner Imagination stehen: und fast Nichts findet er so, fast Nichts kann er so genießen! Hier ist was zerstört -- hier was angekleckt -- hier stinkt’s -- hier raucht’s -- hier ist Schmutz usw. So in den Wirtshäusern, mit den Menschen usw.
Der Genuß auf einer Reise ist, wenn man ihn rein haben will, ein abstrakter Genuß. Ich muß die Unbequemlichkeiten, Widerwärtigkeiten, Das, was mit mir nicht stimmt, was ich nicht erwarte: Alles muß ich bei Seite bringen, in dem Kunstwerk nur den Gedanken des Künstlers, die erste Ausführung, das Leben der ersten Zeit, da das Werk entstand, heraussuchen und es wieder rein in meine Seele bringen, abgeschieden von Allem, was die Zeit, der Alles unterworfen ist, und der Wechsel der Dinge darauf gewirkt haben. Dann hab’ ich einen reinen, bleibenden Genuß, und um dessentwillen bin ich gereist, nicht um des augenblicklichen Wohlseins oder Spaßes willen. Mit der Betrachtung und dem Genuß der Natur ist’s eben Das. Trifft’s dann aber auch einmal zusammen, daß Alles paßt, dann ist’s ein großes Geschenk! Ich habe solche Augenblicke gehabt.
Wenn man in alten Tagen Goethes Genialität rühmte, führte er sie wohl auf seine erworbene Sachlichkeit zurück:
Ich lasse die Gegenstände ruhig auf mich einwirken, beobachte dann diese Wirkung und bemühe mich, sie treu und unverfälscht wiederzugeben. Dies ist das ganze Geheimnis was man Genialität zu nennen beliebt.
So sagte er zum Kanzler v. Müller, und ähnlich zum Prinzenerzieher Soret:
Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun als zuzugreifen und Das zu ernten, was Andere für mich gesäet hatten.
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[Sidenote: Das stärkste Bedürfnis]
Da wir in Goethe zuerst und vornehmlich den +Dichter+ sehen, so will es uns schwer in den Sinn, daß das poetische Schaffen und alles Betätigen überhaupt Goethes stärkster Trieb nicht war, daß seine „Werke“ mehr nur als eine +Folge+ seiner eigentlichen Leidenschaft, des +eindringenden Beschauens+, angesehen werden müssen. Er las einmal folgende Zeilen über sich: „Zeigt nicht jedes Blatt, daß er ein weit höheres Bedürfnis fühlt, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als seine Gedanken poetisch auszusprechen?“ Dies ungewöhnliche Urteil setzte ihn in Verwunderung; es erschien ihm aber richtig, und er wollte nur hinzugesetzt haben: „als sprechend, überliefernd, lehrend oder handelnd sich zu äußern.“
Wenn der Ofen geheizt wird, erwärmt er das Zimmer; was der Schriftsteller lernt, wird alsbald weitergegeben.
Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte.
So sprach er zu Eckermann, und er konnte hinzufügen:
Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt und genützt; aber es war nicht Zweck, sondern ganz notwendige Folge.
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[Sidenote: Der Sammler]
Wie sehr Goethe durch bloßes Sehen und Hören, namentlich durch bloßes Sehen, lernte, können wir Heutigen, die wir unser Wissen meist vom Papier her erlangen oder vom Auswendiglernen für die Schule zurückbehielten, uns nur schwer vorstellen. Eine Folge dieser Art des Lernens ist die besondere goethische Sprache. „Ich habe die Gegenstände ruhig auf mich einwirken lassen“ antwortete er selber, als man ihn nach der Ursache seines schönen Stils fragte.
Um die ihn belehrenden Gegenstände nach Wunsch sehen zu können, wurde er ein großer Sammler; von allen Reisen brachte er Schönes und Merkwürdiges heim; mit andern Sammlern tauschte er Entbehrliches aus; die Freunde regte er zur Beihilfe an, und auch Fremde wußten, daß ein Geschenk dieser Art das sicherste Mittel war, ihm Freude zu bereiten und ein freundliches Wort von ihm zu erhalten. Öffentliche Museen gab es noch sehr wenige; es lag selbst dem Landmanne, der beim Pflügen etwas Seltsames fand, der Gedanke nahe, es Goethen zu schicken. Der Dichter selber aber fahndete beständig auf wertvolle Büsten, Gemmen, Münzen, Medaillen, Kupferstiche u. dgl.
So ward zum Pantheon dies enge Haus Und schmückte sich mit Götterbildern aus. Gemächer. Säle, Winkelchen und Gänge -- Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge.[36]
Allein seine Mineraliensammlung umfaßte mehr als 18000 Stücke!
Selbst die Staaten- und Fürstengeschichte sah er in seinen Stuben mit Augen: wenn er nämlich seine Medaillen und Münzen nach Ländern und Zeiten ordnete und betrachtete; z. B. konnte er jeden Papst seit dem fünfzehnten Jahrhundert vorweisen und wußte unzählige Einzelheiten über die Veranlassung der einzelnen Denkmünzen. Und oft konnten Kupferstiche herbeigeholt werden, die noch genauer die Länder und Zeiten anschaulich machten. Immer strebte Goethe zuerst nach dieser Erkenntnis durch die Augen; nachher erst rief er das belehrende Buch zur Hülfe. So nahm er einmal 1400 Schwefelpasten antiker Münzen vor. „Ich habe sie so lange angesehen“ schrieb er an Wilhelm v. Humboldt, „und von allen Seiten betrachtet, bis ich fremder Hülfe bedurfte: dann nahm ich Eckhels fürtreffliches Werk vor.“
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[Sidenote: Der Leser]
Da der Tag „grenzenlos lang ist“, so fand Goethe aber auch unzählige Stunden zum Lesen. Er hat einmal darüber gescherzt, wieviel Zeit und Mühe ihm das Lesenlernen gekostet habe und daß er kaum mit achtzig Jahren es richtig könne. Wir wissen, wie er im Februar 1828 die Biographie Napoleons von Walter Scott durcharbeitete. Nach jedem Kapitel fragte er sich, was er Neues empfangen, was ihm in die Erinnerung zurückgerufen ward; dann fügte er Selbsterlebtes zu Walter Scotts Berichten hinzu, so daß er bald selber nicht mehr wußte, was er im Buche gefunden und was er hineingetragen habe.
Genug, mir ist der lange, immer bedeutende und mitunter beschwerliche Zeitraum von 1789 an, wo nach meiner Rückkunft aus Italien der revolutionäre Alp mich zu drücken anfing, bis jetzt ganz klar, deutlich und zusammenhängend geworden; ich mag auch die Einzelheiten dieser Epoche jetzt wieder leiden, weil ich sie in einer gewissen Folge sehe. Hier hast Du also wieder ein Beispiel meiner egoistischen Leseweise; was ein Buch sei, bekümmert mich immer weniger; was es mir bringt, was es mir aufregt. Das ist die Hauptsache.
Das ist ganz im Einklang mit seiner Lehre: „Jedes gute Buch versteht und genießt Niemand, als der +supplieren+ kann. Wer etwas weiß, findet unendlich mehr, als der erst lernen will.“ Man muß freilich auch supplieren und dem Verfasser gelehrter Werke ebenso wie dem Künstler nachhelfen +wollen+! Goethes langjähriger Mitarbeiter Riemer urteilte von seinem Meister, er sei einer von den gutwilligen Lesern gewesen, die das Brot des Autors mit der Butter guten Willens überstreichen und so die Lücken zukleben, wenn sie nicht gar zu groß sind; dagegen habe Goethe von seinem Freunde Reinhard gesagt; „Der ißt das Brot trocken; da kann er freilich sonderbare Dinge erzählen von Dem, wie es ihm geschmeckt!“
[Sidenote: Das kluge Lesen]
Ein gewöhnlicher Fehler der Lesenden ist, daß sie bei Eintritt in ein neues geistiges Gebiet in falschem Stolze die Schülerbücher meiden und sogleich die höchsten Probleme erfassen möchten. „Ist Das nicht ein starker Beweis von Unwissenheit?“ fragte Soret, und Goethe antwortete; „Jawohl, mein Freund; ich bin auch der Ansicht; +daran+ erkennt man die Esel. Das sind die Spitzen ihrer Ohren!“
Die üblichste Verirrung der Lesenden ist jedoch ihr Bestreben oder Versuch, Alles zu lesen, was von altersher berühmt ist und wovon jetzt gerade die Leute reden oder was der Zufall vor die Augen schiebt.
Man bildet sich vergebens ein, daß man allen literarischen Erscheinungen face machen [ihnen gegenüber Stellung nehmen] könnte. Es geht einmal nicht; man tappt in allen Jahrhunderten, in allen Weltteilen herum und ist doch nicht überall zu Hause, stumpft sich Sinn und Urteil ab, verliert Zeit und Kraft. Man liest Folianten und Quartanten durch und wird um nichts klüger, als wenn man alle Tage in der Bibel läse ....
Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. ...
Seit ich keine Zeitungen mehr lese, bin ich ordentlich wohler und geistesfreier. Man kümmert sich doch nur um Das, was Andere tun und treiben, und versäumt, was einem zunächst obliegt.
Nicht das Neuigkeits-Verschlingen, sondern das fleißige, treuliche Umgehen mit dem uns gemäßen Großen bildet uns in die Höhe. Wenn Goethe die Kupfer nach den berühmtesten italienischen Malern betrachtete, so bekannte sogar er:
Wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen.
Immer wieder Raffael zu betrachten, mahnte er auch Eckermann, damit er im Verkehr mit dem Besten bleibe und sich immerfort übe, die Gedanken eines hohen Menschen nachzudenken.
Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Allerbeste, und wenn Sie sich darin befestigen, haben Sie einen Maßstab für das Übrige.
So hielt er es auch mit den Dichtern. Bei Homer und den griechischen Dramatikern ging er immer wieder in die Schule; ja sogar von dem Romane ‚Daphnis und Chloe‘ des Longos urteilte er: „Man tut wohl, dies Gedicht alle Jahre einmal zu lesen und immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit auf’s neue zu empfinden.“ Ebenso konnte er über Shakespeare oder Byron urteilen, und wenn man wegen des Letzteren Einwendungen machte, so erwiderte er: „Alles Große bildet, nicht etwa bloß das entschieden Reine und Sittliche; an Byron ist auch seine Kühnheit, Keckheit, Grandiosität bildend.“ Von Molière bekannte er 1827: „Ich kenne und liebe ihn seit meiner Jugend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich im Verkehr des Vortrefflichen zu erhalten.“ Einmal meinte er: „Man sollte eigentlich immer nur Das lesen, was man bewundert,“ und an einem andern Tage: „Es kommt immer darauf an, daß Derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur gemäß sei. -- -- Überall lernt man nur von Dem, den man liebt.“
Ein sehr wertvoller Rat Goethes war schließlich:
Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heiteren Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann. Er gewöhne sich z. B., täglich in der Bibel oder im Homer zu lesen oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen oder gute Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran er sich gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür bleibe.
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[Sidenote: Der Lehrer]
Das Lernen und Unterrichten war zu Goethes Zeit viel freier, freiwilliger und ungeregelter als heute; Goethe nutzte diese schöne Freiheit auch dadurch aus, daß er zeitlebens ebenso Lehrer war wie Schüler. Schon als Kind verriet er seine lehrhafte Natur: als ihm 1759 ein sechsjähriges Brüderchen starb und er darüber nicht weinte, fragte ihn seine Mutter, ob er denn den kleinen Hermann Jakob nicht lieb gehabt habe; da eilte Wolfgang in seine Kammer, zerrte unter dem Bette eine Menge Papiere hervor, die er mit Lektionen und Geschichten vollgeschrieben hatte. „Dies alles hab ich gemacht, um es den Bruder zu lehren!“
Später belehrte er die Schwester und bald auch alle Freunde und Freundinnen, die sich ihm lernlustig nahten. Zuweilen auch Heranwachsende: die Schüler der Zeichenschule, seinen Pflegesohn Fritz v. Stein, seinen Sohn August, jugendliche Schauspieler und Schauspielerinnen, aus denen er eine Theaterschule bildete. Die verschiedensten Fächer lehrte er: Zeichnen, Malen, Englisch, Botanik, Farbenlehre, Anatomie, Deklamation, deutsche Literatur. Manches Jahr waren den Winter über die weimarischen Fürstinnen, ihre Hofdamen und nächsten Freundinnen, wie Charlotte v. Stein und Charlotte v. Schiller, seine Schülerinnen; sie kamen einmal die Woche, z. B. im Winter 1805/06 Mittwochs vormittags von elf bis ein Uhr, und Goethe hatte dann immer etwas für sie zum Vorzeigen zurechtgelegt und zum Vortragen überdacht. Er sprach frei nach Stichworten, manchmal mit der Hand über die Stirn fahrend, während er denkend redete. Fräulein v. Knebel berichtet einmal an ihren Bruder: „Er sprach so reich, reif und mild, daß ich wirklich noch nie so habe sprechen hören. Ich wünschte, er hätte die Rede aufgeschrieben; mich dünkt, sie allein müßte ihm den Ruhm eines seltenen Menschen machen.“ Mit gutem Grunde widmete Goethe seine ‚Farbenlehre‘ der Herzogin Luise und sein ‚Leben Hackerts‘ der Herzogin Amalie. Zu seinen fürstlichen Schülerinnen gehörte auch die junge kranke Kaiserin von Österreich, Maria Ludowika.
Goethe betont auch hier sein Streben nach eigenem Vorteil. „Ich hielt niemals einen Vortrag, ohne daß ich dabei gewonnen hätte“ erzählte er in der ‚Kampagne in Frankreich‘; „gewöhnlich gingen mir unter’m Sprechen neue Lichter auf.“ Und an Zelter schrieb er 1805 über die erwähnten Mittwochsvorträge: „Ich werde bei dieser Gelegenheit erst gewahr, was ich besitze und nicht besitze.“ Als die ‚Farbenlehre‘ nicht recht rücken wollte, meinte er zu Knebel: „Wenn ich genötigt wäre, diese Lehre nur zwei halbe Jahre öffentlich zu lesen, so wäre Alles getan. Aber die Gelehrsamkeit auf dem Papiere und zum Papiere hat gar zu wenig Reiz für mich.“
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[Sidenote: Verirrungen des Forschers]
Das beständige Lernen führt Manchen, selbst wenn er durch das Verwenden zum eigenen Vortrag Richtung behält, nur zur Vielwisserei, zum Ansammeln von Einzelheiten und Kleinigkeiten. „Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band!“ Goethe war zur Vielgelehrsamkeit nach Böttigers Art zu sehr Dichter, zu wenig Kleinigkeitsphilister. Er suchte stets im Einzelnen das Allgemeine, in der „zufälligen“ Erscheinung das Gesetz, im Wechselnden das Bleibende. „Wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen, und Keiner ordnet es; die Masse liegt da, und man schüttet zu; aber ich möchte es machen, daß man wie mit einem Griff hineingriffe und Alles klar würde.“ Die Natur läßt sich zwar ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen, aber dann und wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben Das war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit.
[Sidenote: Philosophie]
Andere wieder verlieren sich, um zu +großen+ Wahrheiten zu gelangen, in metaphysischen Phantasien, im Aufbauen philosophischer Systeme oder in okkultistischen Träumereien. Dazu war Goethe wieder zu sehr Naturforscher: Erfahrung, Beobachtung, Versuch sollten ihm zur Erkenntnis verhelfen. Vor dem Okkultismus hütete er sich, obwohl er manche seiner Lehren durchaus nicht leugnete.
Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserem Geiste in Verbindung steht. So viel ist wohl gewiß, daß in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die Zukunft gestattet ist.
Aber er mochte doch nie eine Somnambule sehen, auch dann nicht, als der Ruhm der Seherin von Prevorst seine Umgebung sehr beschäftigte. Er kannte die Gefahr solcher Studien. „Man wird selbst zum Traum, zur Niete, wenn man sich mit diesen Phantomen beschäftigt“ schrieb er schon 1788 an Herder, der, wie seine Gattin, recht abergläubisch war. Und 1830 meinte er auch zum Kanzler:
Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüberlaufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen; aber man ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin.