Part 14
Soviel Goethe auch den menschlichen Körper studierte, so hütete er sich doch, in die Aufgaben des Arztes einzugreifen. Zwar schrieb er einmal an Meyer: „Man ist übel daran, daß man den Ärzten nicht recht vertraut und doch ohne sie sich gar nicht zu helfen weiß.“ Aber er lobte doch seine Ärzte gern. Der Satz, daß die Ärzte unseres Lebens Dauer um keinen Tag verlängern können, gehörte zu seinem religiösen Glauben; „wir leben, so lange es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer Unterschied, ob wir jämmerlich wie arme Hunde leben, oder wohl und frisch, und darauf vermag ein kluger Arzt viel.“ So sprach er 1827, und drei Jahre später, als er sich beständig wohl befand: „Daß ich mich jetzt so gut halte, verdanke ich Vogel; Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen.“ ~Dr.~ Vogel aber erzählte von ihm:
Die echten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch; er war ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die Krankheit und verstand sehr viel davon.
Ein wenig neigte er zu Dem, was wir jetzt als Naturheilmethode kennen; in einem Briefe aus Lauchstädt (1805) rühmt er zuerst „das auf Starkens Anraten“ gebrauchte „Tusch-Bad“ und das auf Reils Empfehlung genommene Eger-Wasser. Er fährt dann fort:
An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen; er beobachtete meine Übel vierzehn Tage, ohne ein Rezept zu verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte. Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen Gebrechen haben will und versichert, Das werde sich alles ohne großen medizinischen Aufwand wiederherstellen.
Schon vorher war ihm als Hauptkur das Reiten empfohlen, und er hatte selber bestätigt, daß es ihm gut gehe, solange er täglich reite. Ebenso wußte Goethe, daß in den Bädern, die er regelmäßig im Sommer besuchte, nicht nur von ihren Quellen heilende Kraft ausging, sondern mehr noch von dem erfrischenden, geselligen Leben in der Natur, von der größeren Vertraulichkeit und Unvorsichtigkeit im Umgange mit ihr. „Übrigens mutet man sich hier viel mehr zu als zu Hause“ heißt es in einem Karlsbader Briefe an Christiane.
Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.
Es ist kaum nötig zu sagen, daß er als alter Herr die jungen Leute zu frischer Betätigung ermunterte und ihre neuen Übungen mit Vergnügen sah. Der badische Forstmeister v. Drais erfand 1817 eine Laufmaschine, die aus zwei hintereinander angebrachten Rädern und einem darüber befestigten Sitzbalken bestand; man konnte darauf fahren, wenn man sie durch Laufen in Bewegung gesetzt hatte oder wenn es bergab ging; Goethe sah im Januar 1818 Jenaischen Studenten zu, die sich im „Paradiese“ an der Saale auf solchen Laufrädern versuchten. Wichtiger war das Turnen, das gleich nach den Befreiungskriegen aufkam. Goethe sprach 1817 einmal den jungen Krummacher an, des Parabeldichters Sohn, als Dieser mit der schwarz-rot-goldenen Mütze vom Turnplatze kam, und er sagte:
Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen jede Verweichlichung.
Es war ihm dann sehr schmerzlich, daß Turnen und Politik miteinander verquickt, daß deswegen die Turnanstalten von den Regierungen sehr eingeschränkt oder verboten wurden.
Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft.
Die gleiche Gesinnung hat Goethe in seinen alten Tagen oft ausgesprochen. Er schalt auf die Engbrüstigen und die Brillenträger. Die frischen jungen Engländer gefielen ihm viel besser als die jungen Deutschen. Er billigte es keineswegs, daß von den künftigen Beamten so viele theoretische Kenntnisse verlangt wurden, bei deren Aneignung die jungen Leute vor der Zeit körperlich und geistig geschwächt wurden. „Es fehlt ihnen die nötige geistige, wie körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist.“
„Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht“ meinte er ein andermal, „unsere Zustände sind viel zu künstlich und kompliziert ... Man sollte oft wünschen, auf einer der Südsee-Inseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack durchaus rein zu genießen.“
[22] An Trapp, 28. Juli 1770.
[23] Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher leicht verwachsen.
[24] Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an sich nur die +Fähigkeit+, zu leben und zu empfinden, besitzt, +wirklich+ lebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist. Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.
[25] Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B. das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte die Tuberkulose zu heilen sucht.“ -- --
Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen, wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 -- Zeichnung von Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 -- Schattenrisse in Ayrers Sammlung -- Vorder- und Seitenansicht von May 1779 -- Juel 1779 -- Büsten von Klauer -- Angelika Kauffmann 1787/88 -- Lips 1791 -- Bury 1800 -- Jagemann 1817. Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.
[26] Venetianische Epigramme 1799.
XII.
Die Mahlzeiten und der Wein.
Goethe wuchs in einer Stadt auf, wo ein reichliches Essen an der Tagesordnung war: Frankfurt liegt in einem gesegneten Lande, und als ein Handels-Mittelpunkt hatte es die Mittel, seine Bürger auch mit den Erzeugnissen fremder Gegenden zu ernähren. Ob Wolfgang Goethe schon in seinen jungen Jahren im Essen und Trinken ein rechter Frankfurter war, wissen wir nicht. Als er im Sommer 1774 mit seinem Freunde Lavater reiste, fragte Dieser in den Wirtshäusern, wo man hielt, nach Himbeer-Essig, während Goethe überall sein Glas Wein trank, und als sie eines Morgens um Sieben zwischen Neuwied und Andernach in einem Kahne fuhren, vermerkte Lavater in seinem Tagebuche, Goethe verzehre jetzt schon sein Butterbrot „wie ein Wolf“ und sehe sich nach dem übrigen eingepackten Essen um. Im Übrigen ist uns ein starkes Essen oder Trinken Goethes, ein Wertlegen auf die Mahlzeiten erst nach seiner Heimkehr aus Italien, nach seiner Verbindung mit Christiane Vulpius bezeugt.
[Sidenote: Die Tafel im Goethe-Hause]
Danach allerdings war es das allgemeine Zeugnis seiner Gäste, daß er eine recht gute Tafel führe. Einige erzählen, daß sie bei ihm neue Speisen vorgesetzt bekamen, mit denen sie noch nicht umzugehen wußten, z. B. Kaviar oder Artischocken; Andere bewunderten seine Geschicklichkeit im Zerlegen des Bratens oder Geflügels oder seine allgemeine Kochverständigkeit oder seinen vortrefflichen Appetit. „Auch frisset er entsetzlich“ schrieb der karikierende Jean Paul einem Freunde. „Auf den Küchenzettel, den er gewöhnlich selbst angab, hatte die Anwesenheit von Gästen besonderen Einfluß“ berichtet der Maler Ernst Förster 1821.
Es gab außer der Suppe gewöhnlich drei, höchstens vier Schüsseln: Fleisch mit Gemüse (er aß sehr gern ein nach italienischer Kochkunst bereitetes Stuffato), dann gab es Fisch (Forellen liebte er zumeist), Braten (zumeist Geflügel oder Wild) und, wie er erklärte: wegen der Damen, eine Mehlspeise (Karlsbader Strudl). Er selbst zog der süßen Speise ein Stück englischen oder Schweizer Käse vor.
„Es war ungemein splendid: Gänseleberpastete, Hasen und dergleichen Gerichte“ bezeugt schon 1809 der Sprachforscher Wilhelm Grimm, und ebenso wunderte sich 1828 dessen hessischer Landsmann, der Baumeister Johann Heinrich Wolff, über die vielen guten Gerichte und über Goethes Leistungsfähigkeit im Essen und Trinken. „Unter anderem verzehrte er eine ungeheure Portion Gänsebraten und trank eine ganze Flasche Rotwein dazu.“ Im selben Jahr imponierte er auf der Dornburg einigen Studenten, als er ihnen den Salat eigenhändig zubereitete und dabei versicherte, er habe selber einen neuen Salat aus eingemachten Gurken erfunden.
„Man aß nach damaliger Zeit gut, nach jetziger einfach“ erzählte Jenny v. Gustedt 1885, als sie sich an die Mahlzeiten in Goethes Hause erinnerte.
Erst in den letzten Jahren hatte er einen Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne Ottiliens [seiner Schwiegertochter] Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen Talente und sagte wohl scherzend: Ich hatte mir so eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans in’s Haus!
Dieser Übergang von einer untauglichen Köchin zu einem Koch, dem jungen Straube, steht in Goethes Tagebuch unter dem 10. Februar 1831 mit einem merkwürdigen Zusatze.
Vulpius[27] entließ die Köchin mit billiger Entschädigung. Von dieser Last befreit, konnt’ ich an bedeutende Arbeiten gehen; ich kann hoffen, die Epoche werde fruchtbringend sein.
So stark drückte der Vollender des ‚Faust‘ es aus, daß seine Leistung von einer guten Zubereitung der Speisen und von der hausväterlichen Zufriedenheit mit der Bewirtung der Gäste und Hausgenossen abhänge.
Aber wir dürfen die Rolle der Tafelfreuden in Goethes Leben nicht überschätzen: er entbehrte sie ebenso leicht, wie er sie gern genoß. Zu Mittag aß er auch deshalb stark, weil es fast die letzte Mahlzeit des langen Tages war. Denn Kaffee, auf den er von jungen Jahren an viel gescholten, bot er wohl den Gästen an, trank ihn aber nicht mit. Nur als Greis trank er frühmorgens Milchkaffee; in früheren Zeiten hatte er Wassersuppe oder Schokolade vorgezogen. Abends hatte er eine dem englischen Fünf-Uhr-Tee entsprechende leichte Mahlzeit; er nahm dann Wein und ein Franzbrot zu sich. Da der Tee zu stark auf ihn wirkte, trank er auch bei Schiller statt dessen Punsch, den er sich aus Arrak und einer Zitrone selber bereitete. Das war sein Abschluß; in späterer Stunde ließ er wohl für Riemer, Eckermann, oder wer sonst da war, decken; „er saß dabei, schenkte ein, putzte die Lichter und plauderte, rührte aber keinen Bissen an.“ Felix Mendelssohn hebt es 1821 als eine Merkwürdigkeit hervor, daß Goethe mit ihm zu Abend aß. Selbst wenn er eine Einladung für den Abend annahm, fügte er wohl hinzu: „Erlauben Sie zugleich mit gastlicher Freimütigkeit zu eröffnen, daß ich niemals gewohnt war, zur Nacht zu speisen.“ (So 1814 in Frankfurt an Simon Moritz v. Bethmann.)
[Sidenote: Reichlich und ärmlich]
Wenn Goethe allein war, da war von vielen Gängen keine Rede. Im Gartenhause aß er, was Frau v. Stein gerade geschickt hatte, oder ließ sich von seinem Diener einen Eierkuchen backen; manchmal, wenn nichts da war, ging er auch hungrig zu Bett. Später hat er namentlich in seiner jenaischen Zuflucht erbärmliche Kost oft wochenlang ausgehalten. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich vier, fünf Tage bloß von Zervelatwurst und rotem Wein gelebt;“ solche Klagen bekam Christiane von Jena aus oft zu hören.
Ich bitte Dich also auf’s allerinständigste, mir mit jedem Botentage etwas gutes Gebratenes, einen Schöpsenbraten, Kapaun, ja einen Truthahn zu schicken, es mag kosten, was es wolle, damit wir nur zum Frühstück, zum Abendessen, und wenn es zu Mittag gar zu schlecht ist, irgend etwas haben, was sich nicht vom Schweine herschreibt.
Einmal schreibt er befriedigter:
Die Götzen kocht nicht übel; nur, weil sie im Ofen kocht, sind die Sachen wohl einmal rauchrigt.
[Sidenote: Lieblingsspeisen]
Eine andere Aufwärterin, die Schloßkastellanin Trabitius, konnte wohl einen Eierkuchen gut bereiten, aber bei dem Salat dazu fehlte schon ein brauchbares Öl; Das war in ganz Jena nicht zu haben. Es mutet uns seltsam an, wie knapp damals manche gute Speise war oder daß kleine Geschenke an Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst zwischen Jena und Weimar, zwischen Goethes, Schillers, Knebels und Anderen ausgetauscht wurden; daß sich in früherer Zeit Goethe und Charlotte v. Stein mit Küchengütern beschenkten, daß Goethe sogar die Herzogin Luise aus Italien mit Kaffeebohnen bedachte. Auch aus seinem eigenen Hause in Weimar klagte Goethe 1794, dem Laster ~gulositas~ könne er sich nicht ergeben, „indem wir uns höchstens an einem guten Schöpsenbraten und einer leidlichen Knackwurst versündigen können“; er sei aber unglaublich lüstern nach den Leckerbissen, die es in Hamburg gebe: geräuchertes Rindfleisch, Rinds- und Schweinszungen, geräucherte „Aele“ und andere wunderbare Fische, fremden Käse usw. Als nachher die große Gastfreundschaft sich in Goethes Hause entfaltete, da mußte mancher Brief nach Hamburg, Bremen und Frankfurt gesandt werden, damit es an guten Gerichten nicht fehle. Von Bremen kam der französische, spanische und portugiesische Wein und von Speisen: Heringe, Neunaugen, Dorsche, Butter in halben Zentnern, während der Freund, der diese Dinge besorgte, aus Thüringen nur Pflaumenmus, getrocknetes Obst und Schwämme erhielt. Von Frankfurt wurde der deutsche Wein und feines Gebäck bezogen, auch Weintrauben, Artischocken und dergl.; von Hamburg Schinken und Fische, und Freund Zelter schickte jedes Jahr aus Berlin Teltower Rübchen. Was Goethe am liebsten aß, ist zum Teil schon gesagt: Wildpret, Geflügel, z. B. kaltes Rebhuhn zum Zehn-Uhr-Frühstück, von Fischen die Ilmforelle, von Gemüsen Blumenkohl und Spargel. Wie wir Anderen, behielt er manche Speisen der Kindheit in freundlichem Gedächtnis. 1830 gab es bei ihm einmal Kohlsalat mit warmer Brühe. „Das ist ein echt Frankfurter Essen“ sagte Goethe, „wie es meine Mutter mir so häufig gemacht hat.“ In seinen Bittschreiben an Christiane verriet er auch Appetit auf recht gute französische Bouillon, auf Kalbsfüße in Gelee, die nicht gar zu sauer wäre, auf Froschkeulen, auf Schokolade, bei der er aber zu andern Zeiten befürchtet, daß die Fabrikanten allerlei Dunkles zusammenmischen. Aus Torten und süßem Gebäck machte er sich nichts; dagegen war er ein großer Freund von Obst. Als sein August 1808 in Heidelberg studierte, beglückwünschte er ihn zu den Genüssen der Obst- und Traubenhügel, und als er selber in Italien war, freute er sich nicht wenig über das reichlichere Obst. „Mein eigentliches Wohlleben ist in Früchten“ schreibt er aus Oberitalien an Charlotte v. Stein, „Feigen esse ich den ganzen Tag; Du kannst denken, daß die Birnen hier gut sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.“ Und in Rom war sein Abendbrot oft ein Pfund Trauben, das er auf der Straße aß.
* * * * *
[Sidenote: Vorsicht gegen den Wein]
Als Goethe Student war, vertrödelte er manchen Tag mit Allotriis; er trank auch täglich Bier oder Wein, aber wenn ihm in Leipzig ein Merseburger Bier oder in Straßburg ein roter Wein schlecht bekam, so bemerkte er es auch und gab sie auf, und niemals trieb er mit dem Getränk und dem Zechen einen Kultus. Er gehörte keiner Gesellschaft an, die ihn zum Wirtshaustreiben nötigte. In Leipzig und Straßburg, wo er studierte, gab es kein Studentenleben. Ja, es ist uns aus seiner Jugend überhaupt kein Fall bekannt, wo er an einem Kommers nach studentischer Art teilgenommen hätte, und aus seinen späteren Jahren kennen wir einen einzigen solchen Abend, 1780, unter den Theaterfreunden, die oben auf Ettersburg spielten; der Präside war Franz v. Seckendorff.
Die Kneipszene im ‚Faust‘, die in der ersten Fassung noch derber lautete, zeigt uns, wie er schon als junger Mann das Völkchen beurteilte, von denen Mephisto sagt: „Merks! den Teufel vermuten die Kerls nie, so nah er ihnen immer ist.“ „Du Mastschwein!“ läßt er Faust zu Siebel in jener ersten Fassung sagen. Als Dreiundzwanziger wußte er bereits, daß wir die reinste Heiterkeit nur genießen, wenn wir frei vom Weine sind: „Die heiligen Götter gaben mir einen frohen Abend; ich hatte keinen Wein getrunken, mein Auge war ganz unbefangen über die Natur, ein schöner Abend!“ Als ihn in Frankfurt 1775 die jungen Grafen Stolberg besuchten und bei Tische in den poetischen Tyrannenhaß ausbrachen, in den sie mit ihren Freunden im Göttinger „Hain“ sich hineingedacht hatten, holte ‚Frau Aja‘ ihre besten Weine aus dem Keller: „Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt euch, aber alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!“ Begeistert griff Goethe das Wort seiner Mutter auf. „Jawohl, Tyrannenblut!“ rief er aus, „keinen größeren Tyrannen gibt es als Den, dessen Herzblut man euch vorsetzt. Labt euch daran, aber mäßig! Denn ihr müßt befürchten, daß er euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Weinstock ist der Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte; zum Patron sollten wir deshalb den heiligen Lykurgus, den Thrakier, wählen und verehren ... Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann, zugleich Heuchler, Schmeichler und Gewaltsamer. Die ersten Züge seines Blutes munden euch, aber ein Tropfen lockt den andern unaufhaltsam nach.“
Als Goethe nach Weimar kam, sagten die Leute allerdings bald: der Herzog werde sich totzechen, und sein Abgott, der junge Frankfurter Doktor, habe ihn dann auf dem Gewissen. Auch vom achtundzwanzigjährigen Goethe redete man in Berlin, von ihm sei nichts mehr zu erwarten, da er in kurzer Zeit vom Branntwein ruiniert sein werde. Daß der Fürst wie der Dichter mit höchsten Ehren ihr Fünfzigjahre-Jubiläum feiern würden, ahnte auch der würdige Klopstock nicht, als er einen wohlgemeinten Ermahnungsbrief an den Verführer Karl Augusts richtete. Auch Klopstock warnte: „Der Herzog wird, wenn er sich ferner bis zum Krankwerden betrinkt, anstatt, wie er sagt, seinen Körper dadurch zu stärken, erliegen und nicht lange leben.“
Aber sehr bald nach dieser tollen Einleitung sehen wir, wie der junge Goethe als fleißiger Staatsbeamter die verdrießlichsten Arbeiten übernimmt, und abends schreibt er vielleicht in sein Tagebuch: „Daß ich nur die Hälfte Wein trinke, ist mir sehr nützlich; seit ich den Kaffee gelassen, die heilsamste Diät.“ So im Januar 1779; am 7. August klingt es fast wie ein Gebet:
Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst viel im Wege stehn! Lasse uns von Morgen bis Abend das Gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Daß man nicht sei wie Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zuviel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!
In dieser Vorsicht gegen den Wein verharrte er diese ganzen arbeitsreichen Jahre. „Seit drei Tagen keinen Wein“ schreibt er am 1. April 1780. „Sich nun vor dem englischen Bier in acht nehmen. Wenn ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich.“ Im gleichen Monat schreibt er eines Abends sehr befriedigt: „War sehr ruhig und bestimmt .... Ich trinke fast keinen Wein. Und gewinne täglich mehr in Blick und Geschick zum tätigen Leben.“ Im Sommer 1780 kommt er im Tagebuch nochmals auf den Wein zurück: „Man könnte noch mehr, ja das Unglaubliche tun, wenn man mäßiger wäre;“ freilich kann hier auch andere Mäßigkeit gemeint sein. Und ähnlich klingt es noch 1786 aus Italien an die geliebte Freundin: „Ich lebe sehr mäßig; den roten Wein der hiesigen Gegend [Vicenza], schon von Tirol her, kann ich nicht vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser wie der heilige Ludwig.“ Das Jahr vorher hatte er seinem Freunde Jacobi im Scherz vorgeschlagen, er wolle ihm den Fritz v. Stein als Mann für sein Töchterchen erziehen: „Aber gib ihr nicht Punsch zu trinken und das andere Quarks! Halte sie unverdorben, wie ich den Buben, der an die reinste Diät gewöhnt ist.“
Da Goethes Dichten stets ein Widerschein seines Lebens war, so finden wir in seinen Versen aus der ersten Hälfte seines Lebens kaum ein Lob des Trinkens. Dagegen tadelt er durch Antonios Mund seinen Tasso, der die erste Pflicht des Menschen, „Speis’ und Trank zu wählen“, töricht erfüllt.
Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? Gewürze, süße Sachen, stark Getränke, Eins um das andere schlingt er hastig ein, Und dann beklagt er seinen trüben Sinn, Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen Und schilt auf die Natur und das Geschick!
Natürlich kann dem Tasso kein Arzt helfen, so lange er bei dieser schlechten Lebensweise bleibt. Schließlich rät der Arzt, was er gleich hätte raten sollen:
So trinkt denn Wasser! -- „Wasser? nimmermehr! Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner.“ -- So ist euch nicht zu helfen. -- „Und warum?“ -- Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr Und mehr mit jedem Tag euch quälen.
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Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben, Wie es uns schwere, wilde Träume gibt, Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
Das alles beweist einen tiefen Einblick des jungen Dichters in die Wirksamkeit der Rauschgetränke.
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[Sidenote: Verschiedene Zeugnisse]