Goethes Lebenskunst

Part 13

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Ein andermal schrieb Goethe einem starken Geiste sogar die Kraft zu, den Körper zu einer zweiten Jugend zu zwingen. Er sprach am 11. März 1828 mit Eckermann über einige bekannte alte Herren, denen im hohen Alter die nötige Willenskraft und jugendliche Beweglichkeit im Betriebe der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte nicht zu fehlen schienen.

Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben eine +wiederholte Pubertät+, während andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie[24] nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben; vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.

Eine andere Art, wie der Geist auf den Körper einwirkt, berühren wir mit den Worten Leidenschaft und Ruhe, Lebenslust und Verbitterung. Goethe kannte Weltschmerz und Leidenschaftlichkeit an sich selber nur zu gut, aber gegen beide kämpfte er beständig an. Als 1830 Karl Augusts Witwe gestorben war, deren stets sich gleich bleibendes Wesen er oft lobte, kam er gegen Eckermann und Soret auf die berühmte Ninon de l’Enclos zu sprechen und pries ihren Gleichmut und ihre Lebenslust ohne verzehrende Leidenschaftlichkeit; bekanntlich blieb jene Ninon bis in ihr achtzigstes Jahr so jugendlich schön, daß sie Liebhaber anzog und beglückte.

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[Sidenote: Verweichlichung im Elternhause]

Goethes Dienst an seiner Gesundheit ging also namentlich aus der von ihm gewollten Herrschaft des Geistes über den Körper hervor; zu diesem Dienst gehörten namentlich: Frühaufstehen, Bewegung und Abhärtung.

Im Hause des Kaiserlichen Rats Goethe wurden die Kinder verweichlicht; ihr Vater dachte fast nur an die geistige und gelehrte Erziehung. Kornelia Goethe verpimpelte, so daß sie als junge Frau vor jedem Winde oder Regen sich ängstlich im Hause hielt und auch bei der Arbeit nie kräftig zuzugreifen wagte. Auch ihr Bruder Wolfgang wurde vor dem abhärtenden Leben der Knaben, das sich auf den Straßen abspielt, behütet und war nie Das, was man unter einem richtigen Jungen versteht. Er wandelte also mit sechzehn Jahren als ein zarter Gelehrter herum. Dann als Student begann er mit der Abhärtung, und zwar unter dem Einfluß Rousseaus und mit arger Übertreibung. Daher rührte zum Teil seine Leipziger Krankheit; kalt Baden, hartes, schlecht bedecktes Lager nennt er selber unter den unvernünftig angewendeten Mitteln, der Natur nahe zu kommen.

In Straßburg fühlte er sich nach den langen Krankheitswochen, die er im Vaterhause eben ertragen hatte, als ein Genesender; aber eine zurückgebliebene übermäßige seelische Reizbarkeit brachte ihn oft aus dem Gleichgewicht.

Ein starker Schall war mir zuwider; krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu; besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätte zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und Alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfière in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des ältern ~Dr.~ Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohnes in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß Nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungen der Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahnungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen, und was hiermit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war.

[Sidenote: Schulung des Körpers]

In körperlichen Übungen war Goethe mit zwanzig Jahren noch sehr zurückgeblieben, schon weil er das Landleben nicht kennen gelernt hatte. Er konnte nicht schwimmen oder rudern oder ein Boot lenken, auch nicht Schlittschuh laufen. Wir wissen von keiner erheblichen Fußwanderung in seinen drei Leipziger Jahren und nur von einer einzigen kleinen Reise. Ehe er zur Universität gesandt wurde, hat er ein wenig Fechten und ein wenig Reiten gelernt. In Leipzig machte er ein paar Male den Sonntagsreiter. In Straßburg dagegen fing er an, größere Reisen zu Pferde zu machen. Und jetzt schaute er sich auch wirklich in dem Lande um, wohin ihn das Schicksal gesetzt hatte. „Die Straßburger sind leidenschaftliche Spaziergänger“ erzählt Goethe in seinen Erinnerungen; jedenfalls betrieb er selber jetzt das Spazieren, Herumstreifen und weite Wandern in viel höherem Maße als zuvor. Und Das setzte er fort, als er nach Abschluß seiner Studien wieder in der Vaterstadt lebte, jetzt als Rechtsanwalt und Dichter. Die Freunde in Darmstadt und im Rheingau nannten ihn geradezu den Wanderer, weil er in großen Fußmärschen die weitere Umgebung der Vaterstadt durchforschte und seine Geistesverwandten aufsuchte. Nach dem Wetter fragte er wenig; für den Straßenkot fand er die gelehrte Formel „Deukalions Flutschlamm“, und noch freundlicher klingt die andre Umschreibung:

Das ist Wasser, Das ist Erde Und der Sohn des Wassers und der Erde, Über den ich wandle Göttergleich!

Dies ganze Gedicht ‚Wanderers Sturmlied‘ ist ein Gesang der Abhärtung:

Wen du nicht verlässest, Genius, Nicht der Regen, nicht der Sturm Haucht ihm Schauer über’s Herz. Wen du nicht verlässest, Genius, Wird dem Regengewölk, Wird dem Schlossensturm Entgegen singen, Wie die Lerche, Du da droben.

Jetzt lernte er auch, ein Schifflein auf dem Flusse zu lenken, und namentlich wurde er ein sehr eifriger Schlittschuhläufer. Dabei spielte Klopstocks Begeisterung für dies gesundeste Vergnügen mit. Dieser angesehenste Dichter der damaligen Zeit ermahnte alle seine Freunde unter den deutschen Gelehrten und Schriftstellern zu einem frischeren Leben in freier Natur und pries ihnen unermüdlich das Baden und Schwimmen, Reiten und Eislaufen an: Dinge, die damals eigentlich gegen die Würde eines gelehrten Mannes gingen.

In Weimar traf Goethe auf einen achtzehnjährigen Fürsten, dessen Leidenschaft das Leben im Freien, das Reisen, Jagen und Hetzen war, der sich in weiten Bergwäldern hundertmal wohler fühlte als in prächtigen Zimmern und der als ein von Geburt Schwächlicher und Kränklicher nur durch Abhärtung und Wagemut ein +lebenswertes+ Leben gewinnen konnte. Goethe war bereits ruhiger und reifer, aber die gleiche Gesinnung, das gleiche Verlangen trug auch er in der Brust -- die Egmont-Gesinnung -- und so stärkten sich der Fürst und sein neuer Freund aneinander. Man kannte in Weimar das Schlittschuhlaufen noch nicht; Goethe und der Husaren-Rittmeister Friedrich v. Lichtenberg führten es jetzt ein, unterrichteten darin, und nun verbrachte Goethe viele Winterstunden unter den Eisläufern und Schlittenfahrern. Viel wichtiger aber war, daß ihn draußen im Ilmtal ein zum Verkauf ausgebotener Berggarten, in dem auch ein altes Häuschen stand, anlockte; er kaufte dies verwahrloste Besitztum, richtete es als seine Wohnung ein und hatte noch lange Zeit daran zu verbessern; z. B. baute er an der Südseite einen Altan vor seine Wohnzimmer. So ward er immer wieder veranlaßt, auch wenn ihn der eigene Wunsch nicht antrieb, sich im Freien zu bewegen.

[Sidenote: Abhärtung]

Er vertraute sich aber auch sonst wie ein Sohn der Mutter Natur an, lebte so viel, als irgend möglich, im Freien und betrieb so viele körperliche Übungen, wie irgend die Zeit erlaubte. In seinem achtundzwanzigsten Jahre erstieg er die Höhe seiner leiblichen Kraft und Gewandtheit. Sein Körper war sehr mager und sehr sehnig; die beständige Übung machte ihn immer geschmeidiger und ausdauernder. Am 23. April 1777 schrieb er als einzige Eintragung in sein Tagebuch: „Körperliche Übungen allerlei Art“, aber das ganze Jahr betrieb er solche körperlichen Übungen fleißig. Das Tanzen, Reiten, Wandern, Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislaufen, Schlittenfahren, Fechten, Kegeln, sie wechselten nach der Jahreszeit miteinander ab. Beim Kegeln ist an das Wurfspiel nach der ~Trou-Madame~ zu denken, die im ‚Stern‘ stand. Das Wandern war zumeist ein vergnügtes Herumstreifen mit Anderen, zuweilen ein einsames, scharfes Marschieren zu bestimmtem Ziele; z. B. ging er an einem Juli-Abend von halb Sechs bis halb Zehn nach Kochberg. Im Reiten brachte er es zu viel besseren Leistungen als früher: von Leipzig bis Weimar ritt er von früh halb Sieben bis mittags um Drei; von Eisenach bis Weimar von früh Fünf bis halb Zwölf, obwohl er eine starke Stunde in Erfurt beim Statthalter saß; von Kochberg bis Weimar in zwei Stunden fünf Minuten. Das machten ihm bei dem damaligen Zustande der Straßen nicht Viele nach! Auch junge Pferde zuzureiten, betrieb er als Vergnügen. Am 15. Mai begann er das Schwimmen zu erlernen, zunächst mit einem Schwimmwams und nur im Floßgraben.

Im Winter war der Eislauf schon ein allgemeines Vergnügen der Hofgesellschaft geworden. Auch die Herzogin zeigte sich als eine geschickte Schlittschuhläuferin; sonst ließen sich die Damen meist in Stuhlschlitten von den Kavalieren herumfahren. Der Herzog liebte es, auf dem Eise mit einigen Freunden fröhliche Tafel zu halten, und zuweilen wurde die Lust abends bei Fackeln, Laternen und Feuerwerk fortgesetzt, und die Musikanten spielten auf zum Fackeltanz. Unfälle erhöhten manchmal die Aufregung; Goethe selber brach am 17. Januar ein, kümmerte sich aber nicht um Schreck und nasse Kleider, ging abends auf die Redoute, am andern Morgen wieder auf’s Eis, aß dort mit dem Hofe, tollte weiter herum, bis er abends an der Tafel der Herzogin-Mutter plötzlich ohnmächtig hinsank. Die nächsten Tage aber war er wieder auf dem Eise. Wieland, der an den schönsten Sommerabenden den Mantel nicht zu Hause ließ, schalt auf solche gewaltsamen Abhärtungsversuche:

Goethe leidet zeither immer an Zahnschmerz comme un damné,

schrieb er im Oktober an Merck:

aber er macht’s auch danach mordiable. „Man muß die bestialische Natur brutalisieren“ pflegte der alte Mordiable v. Bassenheim zu Mainz zu sagen; Goethe und der Herzog sind auch von diesem Glauben, aber sie befinden sich meist so übel dabei, daß ich keine Versuchung kriege, ihr Proselyt zu werden.

[Sidenote: Erstarkung]

Ein neues Mittel der Abhärtung und der gewollten Verbindung mit der Natur war für Goethe der neue Altan: hier konnte er im Freien schlafen. Am 2. Mai war abends ein herrliches Gewitter, das den ganzen südlichen Himmel überleuchtete. Goethe sah vom Altan aus zu, obwohl die Frösche von der Ilm aus gar schrill den kommenden Regen ihm in die Ohren verkündeten. Schließlich wurde er müde, wickelte sich in seinen blauen Mantel, suchte sich ein Fleckchen, das der Regen nicht erreichen konnte, und schlummerte bei Blitz, Donner und Regen ein. Als er später das noch nicht abgekühlte Schlafzimmer aufsuchte, war’s ihm fatal in der Schwüle, und von nun an schlief er öfters entweder im Altanstübchen bei geöffneter Türe oder auf dem Altan selbst; einen Strohsack hatte er unter, seinen Mantel über sich. Und es war ihm die größte Augenlust, wenn er in der Nacht aufwachte und ein neues Stück Sternhimmel über ihm strahlte, oder wenn sich die erste Morgenhelle mit dem Mondschein zu einem seltsamen fahlen Lichte vermischte.[25]

[Sidenote: Körperliche Tüchtigkeit]

Manche Bemerkungen in Goethes Tagebüchern und Briefen zeigen uns, wie bewußt er solche körperlichen Übungen trieb. Kein Wunder also, daß er im Marschieren und Reiten bald Erstaunliches leistete! Einmal ritt er mit Karl August in acht Stunden von Leipzig nach Weimar, was bei dem damaligen Zustande der Straßen eine große Leistung war. Als es am 3. Mai 1776 in Ilmenau brannte, ritt Goethe hinauf, und am nächsten Tage schrieb er seinem Fürsten: „Ich bin keine sechs Stunden geritten, also wie sich’s gehört. Des Husars Pferd wollte nicht mehr fort gegen das Ende, und hinter Büchenloh auch meins nicht mehr.“ In der ersten weimarischen Zeit wurden alle Reisen zu Pferde gemacht; zumeist war der Herzog sein Gefährte, und Dieser liebte die allerschärfste Gangart. Am deutlichsten bewies Goethe Abhärtung und Wagemut durch seine Winterreisen in die Gebirge, die zu besuchen damals auch im Sommer gar nicht üblich war. Ende November 1777 ritt er von Weimar über den Ettersberg dem Harze zu, den er noch nicht kannte. Mitten im Schloßenwetter überkommt ihn reine Ruhe der Seele. Kein Unwetter, kein böser Weg, kein schlechtes Quartier schreckt ihn zurück. Am 10. Dezember bestieg er den Brocken, damals ein Heldenstück, das Jedermann, selbst der Förster im Torfhause, namentlich des dichten Nebels wegen, für unmöglich erklärte. Noch mehr wagte er 1779 in der Schweiz, als er im November mit Karl August in das Gebiet des Montblanc, der Furca und des Gotthard eindrang. Die Genfer Sofamenschen waren arg entrüstet, als sie von solchem Gott versuchenden Vorhaben hörten. Im Spätjahr 1792, bei der törichten Kampagne der deutschen Fürsten gegen die französischen Revolutionäre, bewies Goethe seine Strapazentüchtigkeit noch einmal mit bestem Humor. „Das Wetter war furchtbarer als je“ erzählt er selber,

die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen auf’s höchste; die Zelte durchnäßt, sonst kein Schirm, kein Obdach ... Konnte man sich auch unter einem Zelte bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgend einem Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein praktisches Hülfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern sei: ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie zusammenbrachen; dann setzte ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede Stelle, wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.

Wie die Herberge, so war damals auch die Nahrung oft die mangelhafteste.

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt ... Ich wußte nicht, was es heißen sollte, als ich meinen treuen Zögling, Diener und Gefährten von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, daß es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen Vorrat mitgebracht hatte. Ja, was mehr ist, ich habe aus den Fußtapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst zu stillen.

Als es noch schlimmer kam, als er nur auf einem Krankenwagen vorwärts kommen konnte, half wieder die Macht des Gemütes.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wußte ich von keiner Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem Zustande eine heilsame Maxime. Mir stellte sich, sobald die Gefahr groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, daß Menschen, die ein durchaus gefährliches Metier treiben, sich durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen.

[Sidenote: Strapazen]

Es kamen dann Jahre, wo er es sich bequemer machte; er brauchte dann Anlässe und Verführungen, ehe er seine Zimmer verließ. So bewegte er sich in alten Tagen wenig um der Bewegung willen, aber da das Aufsuchen von seltenen Gesteinen, die Vermehrung seines geologischen und mineralogischen Wissens ihm die größte Freude war, so kam er auch als Greis noch oft zu Fußwanderungen, zum Bergsteigen, zum Klettern, zum Beklopfen und Abschlagen der Steine in künstlichen Stellungen. Was manchem Andern die Jagd ist, eine Gelegenheit zur Erheiterung, Erfrischung, Anstrengung und Abhärtung, war ihm das Steinsuchen.

Bis in’s hohe Alter hinein zeigte er sich +gelegentlich+ wetterhart und bewegungslustig. Noch mit vierundsechzig Jahren erwähnt er in einem Briefe an Christiane, daß er am Tage vorher sechs Stunden zu Pferde gewesen und daß es ihm gut bekommen sei. Noch als Achtundsiebzigjähriger setzte er sich Ende September an der Straße nach Berka zum Frühstück auf die Ecke eines Steinhaufens, der vom Frühtau noch feucht war. Das mache ihm nichts, antwortete er ruhig dem besorgten Eckermann. Und immer wieder nahm er sich auch in seinen letzten Jahren vor, recht viel im Freien zu sein. Sie wollten jede Woche einen Tag zu einem großen Ausfluge anwenden, meinte er zu dem eben genannten Begleiter, und als er einige Tage später mit ihm an der Hottelstedter Ecke des Ettersberges stand, die wegen ihrer weiten Aussicht von Weimar und Erfurt aus gern aufgesucht wird, meinte er:

Wir wollen künftig öfter hierher kommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.

[Sidenote: In alten Tagen]

Im Greisenalter fuhr er gewöhnlich spazieren, aber so lange es ging, schritt er weite Wege zu Fuß, immer ohne Stock. Beim Gehen durch die Felder schlenderte er die beiden Hände fast überzwerch und berief sich dafür auf die Tiere, die ja auch die Vorderfüße überzwerch setzten.

An seinem Geburtstage 1831, als er zweiundachtzig Jahre vollendete, sehen wir ihn zum letzten Male als den „Wanderer.“ Es hatte ihn noch einmal nach Ilmenau gezogen. Am frühen Morgen fuhr er mit dem Berginspektor Mahr über Gabelbach auf den Gickelhahn. Auf dem Rondell erquickte er sich an der weiten Aussicht und gedachte der Gefährten, die einst mit ihm hier gestanden. „Dann“, so erzählte nachher sein Begleiter, „schritt er rüstig durch die auf der Kuppe des Berges ziemlich hochstehenden Heidelbeersträucher hindurch bis zu dem wohlbekannten zweistöckigen Jagdhause, welches aus Zimmerholz und Bretterbeschlag besteht. Eine steile Treppe führt in den oberen Teil; ich erbot mich, ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab.“

Was er suchte, war das am 6. September 1780 von ihm auf die südliche Innenwand des Jagdhäuschens geschriebene Gedicht: Über allen Wipfeln ist Ruh. „Er überlas die wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«“

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Er war zeitlebens ein Freund des frühen Morgens, in großem Gegensatz zu Schiller; bei der Lampe hat er selten gearbeitet; in der Regel ward seine Arbeit an dem recht langen Vormittage getan. Mit gutem Grunde lauten die ersten Verse in seinen gesammelten Gedichten:

Der Morgen kam: es scheuchten seine Tritte Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte Den Berg hinauf mit frischer Seele ging ...

Im Alter begann er den frühen Tag allerdings im Arbeitszimmer, aber in jungen Jahren holte er sich manches Mal zuerst einen Trunk Morgenluft aus der freien Natur:

In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen. Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern, Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten -- Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

[Sidenote: Stehen und gehen]

Daß er sich sehr gerade hielt, ist schon gesagt; die Schultern zog er straff zurück; oft empfahl er seine frühzeitig angenommene Gewohnheit, die Hände hinter dem Rücken zu vereinigen. Riemer berichtet, August Goethe habe nach Lehre und Vorbild des Vaters eine solche Haltung und Ausbildung des Körpers und besonders eine solche Breite und Ausbildung der Brust gewonnen, daß er den antiken Musterbildern eines Antonius oder Meleager gleich erschien und daß seine sonore Stimme den größten gefüllten Raum leicht durchdringen konnte.

Es hat kaum einen Geistesarbeiter gegeben, der so wenig +gesessen+ hat wie Goethe. Selbst im Zimmer saß er sehr wenig. Auch wenn er Gäste hatte, wußte er es einzurichten, daß sie bald in’s Stehen und Gehen kamen; er ging mit ihnen im Garten auf und ab oder stand mit ihnen in einer Fensternische oder im Zimmer vor seinen Kunstschätzen. Und ebenso brachte er seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten, seinen Briefwechsel usw. im Stehen und Gehen fertig, da ihm das Diktieren so sehr zur Natur geworden war wie uns Andern das Schreiben. Schon 1780 bemerkte er: „Was ich Guts finde an Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehn; sitzend bin ich zu nichts aufgelegt“ und beschloß, „darum das Diktieren weiter zu treiben.“ Auch die Hände konnte er schwer ruhig halten, darin im Alter noch den Knaben gleich. Er zog entweder das zusammengedrehte Taschentuch durch die Hand, oder drehte ein Papierstreifchen, oder knüpfte an Bindfäden, oder hantierte mit der Lichtputzschere. War er bei Frau Schopenhauer oder in Jena bei Frommanns oder Knebels in Gesellschaft geladen, so stellte man ihm einen Tisch mit Zeichengelegenheit hin, und oft begleitete er die Erzählung oder Vorlesung eines Andern mit raschen zugehörigen Bildern.

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[Sidenote: Ärzte, Radfahrer, Turner]