Goethes Lebenskunst

Part 12

Chapter 123,621 wordsPublic domain

Auf einer Reise nach Italien sollte und wollte er sich von Übeln und Fehlern befreien: in Rom erlöste der Tod den Vierzigjährigen von allen Übeln und Fehlern. Der Vater verbarg auch jetzt seinen Kummer, so gut es ging, und wenn er von dem Verstorbenen sprach, suchte er die lichten Seiten auf. Aber als er mit Riemer einmal auf häusliche Dinge und besonders auf elterliche Gefühle zu sprechen kam, traten ihm Tränen in’s Auge, und er wiederholte das Wort eines Franzosen: das Zarteste, was die Natur erschaffen habe, sei ein Vaterherz.

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[Sidenote: August und Ottilie]

„August kommt nicht wieder; desto fester müssen +wir+ zusammenhalten“ sagte er zur Schwiegertochter, als die böse Nachricht aus Rom gekommen war. Diese Schwiegertochter, Ottilie v. Pogwisch, machte ihm viel Kummer. Das Treiben Ottiliens sei hohl, leer, es sei weder Leidenschaft, Neigung, noch wahres Interesse, es sei nur eine Wut, aufgeregt zu sein, ein abenteuerliches Treiben: so sagte er zum Kanzler einmal im Zorn über die beständigen Liebschaften Ottiliens mit den Engländern, die in Weimar lebten. Aber in der Regel lobte er, was gelobt werden konnte, und war gegen sie von größter Güte. Das Kränkende ward entschuldigt und vergessen; Ottilie blieb sein Töchterchen bis zu seiner letzten Stunde.

So sahen denn die Gäste trotz aller häuslichen Nöte im Goethehause manches schöne Familienbild. Als der böhmische Freund Grüner 1825 kam, führte ihm Goethe seine Enkel Wolfgang und Walter zu. „Sehen Sie meinem Wolf in die Augen“ sagte er; „es spricht so etwas heraus, daß ich meinen sollte, er werde ein Dichter. Mein Sohn hat keine Anlage dazu, wohl aber ist er auf seinem Platz als Kammerrat. Er versieht auch meine ganze Wirtschaft, um die ich mich nicht zu kümmern brauche. Meine Enkel machen mir viele Freude; sie werden gut erzogen. Meine Schwiegertochter ist eine einsichtsvolle, in Sprachen geübte, im Umgange in höhern Zirkeln gewandte, unterrichtete Hausfrau. Sie dürften sich selbst bei der Soirée überzeugt haben, wie sie jeden Gast empfangen und sich bemüht hat, Jeden nach Höflichkeit zu unterhalten.“ -- „Ich bewunderte“ antwortete Grüner „ihren edeln Anstand, ihr einnehmendes Wesen und ihre Sprachkenntnisse.“ -- „Nun müssen Sie auch“ fuhr Goethe fort „die Sammlung meines Sohnes im Gartenhause ansehen, welches er sich für seine Passion für Petrefakte ganz eingeräumt hat.“

Alle, die Goethe im Umgang mit Kindern sahen, rühmten sein großes Geschick, mit ihnen umzugehen. Der Jüngling war in der Liebe zu den kleinen Menschen seinem Werther gleich; noch der Großvater bewährte diese Liebe am schönsten. „Er hat die Natursprache in seinem Besitz“ schreibt ein Freiherr v. Stackelberg über den Achtzigjährigen. „Es war eine Lust, ihn mit Kindern, die immer ab und zu bei ihm vorkamen, sprechen zu hören, denn er hat eine rührende Art, sich mit ihnen zu unterhalten, spricht ganz in ihrem Sinne, darum sie auch an ihm hängen und ganz mit ihm vertraut sind.“ Es ist nicht ganz Zufall, daß die letzten Menschen, die sich rühmen konnten, Goethe noch gekannt zu haben, nämlich drei sehr alt gewordene Damen: die Witwe des Staatsmanns v. der Gabelentz, die Witwe des Bleistiftfabrikanten Hardtmuth und die Witwe des Malers Karl Hummel, alle drei erzählen konnten, daß sie als Kinder von Goethe auf den Schoß genommen und gehätschelt seien.

[Sidenote: Der Großvater]

Eine jüngere Schwester der Schwiegertochter, Ulrike v. Pogwisch, wuchs mit im Hause auf. Sie erzählte später:

Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘; Das mochte er gern. O, Das war eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete; doch durfte Diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab’s ein Gezwitscher: „Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit.“ Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig -- er konnte oft so ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein -- und sagte: „Beunruhigt nur die Kleine nicht, sie darf es.“

Ebenso durfte der Enkel Wolf im heiligsten Raume des Hauses, in des Dichters Arbeitsstube, eine Schublade des großen Tisches mit seinen Spielsachen vollpacken und sie täglich neu ordnen; Walter durfte mit seinen Bilderbüchern kommen und Erläuterungen verlangen, und Alma, die einzige Enkelin, trug ihre Puppen herbei. In dem Hausrock Goethes, der uns erhalten ist, steckt noch jetzt ein Puppenkopf. Der Großvater fütterte die Enkelkinder heimlich, wenn die Schwiegertochter sie nach der neuesten Lehre der Ärzte karg hielt. Und wenn die in der Mansarde wohnenden Kinder zu lärmend spielten, schickte er Frankfurter Gebäck hinauf; sie sollten um die einzelnen Stücke Lotto spielen: dabei mußten sie stillsitzen! Goethe war einundachtzig Jahre alt, als Eckermann und Gräfin Karoline Egloffstein einmal zusahen, wie der kleine Wolf seinem Großvater recht viel zu schaffen machte. Er kletterte auf ihm herum und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der andern. Goethe erduldete Alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. „Aber, lieber Wolf“, sagte die Gräfin, „plage doch deinen guten Großvater nicht so entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.“ -- „Das hat gar nichts zu sagen“ erwiderte Wolf; „wir gehen bald zu Bette, und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz vollkommen wieder auszuruhen.“ -- „Sie sehen“, nahm Goethe das Wort, „daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.“

[21] Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in dem Buche ‚Goethes Sohn‘.

XI.

Gesundheitspflege.

[Sidenote: Die Hypochondrie]

Mehr als heute galten zu Goethes Zeit die Angehörigen der gelehrten Stände für unfrohe, mißlaunige Menschen; man sprach gar viel von Hypochondern und Hypochondrie und meinte damit ein körperliches und geistiges Leiden, bald mehr körperlich, bald mehr geistig, das eben bei Männern, die in Studierstuben arbeiteten, sehr häufig war, etwa so wie die Hysterie beim andern Geschlechte. Die körperliche Krankheit hatte ihre Stätte, wie der Name sagt, unter dem Brustknorpel, und wurde als Milzsucht bezeichnet oder anderen Teilen des Unterleibs zugeschrieben; der Hämorrhoidarier war mit dem Hypochonder oft +eine+ Person. Im geistigen Leben war die Hypochondrie eine in’s Krankhafte gesteigerte Empfindung der Übel und Nöte, entweder des allgemeinen Weltelends (Wertherstimmung, Weltschmerz) oder der besondern Verdrießlichkeiten, die Keinem erspart bleiben, oder der eigenen sittlichen Beschaffenheit (moralische Selbstbeobachtung, Tagebuchführen, Selbstquälerei, Gewissensbisse, Reue, Buße) oder der eigenen Gesundheitszustände, wobei immer neue bedenkliche Zustände des Körpers entdeckt und immer neue Kuren versucht werden.

Goethe sprach 1815 einmal von der „deutschen Hypochondrie.“ Die Deutschen und alle nördlichen Völker neigten im Gegensatz zu den fröhlichen Romanen besonders zur Milzsucht oder zum ~spleen~; in Deutschland aber ward ihr nicht, wie in England, durch eine frische und lockere Jugenderziehung und viel Bewegung im freien Felde entgegen gearbeitet. „Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig und dem Dämon der Hypochondrie verfallen“ klagte Goethe 1828.

Er selber war nicht frei von diesem allgemeinen Leiden. „Ich habe viel Humor, bin aber dabei immer Hypochonder“ schreibt er 1780 an Knebel. „Wie stehen Sie mit Ihrem hypochondrischen Freunde?“ fragte er Frau v. Stein im nächsten Jahre. 1792 versichert er seiner Christiane, es fehle ihm nicht das mindeste „und an Hypochondrie ist garnicht zu denken.“ Aber 1803 klagt Christiane einem ärztlichen Freunde insgeheim:

Ich lebe wegen des Geheimrats sehr in Sorge; er ist manchmal ganz Hypochonder, und ich stehe viel aus; weil es aber Krankheit, so tue ich Alles gern.

Knebel bezeugt 1807, daß Goethe seinen Zustand „eine halbe Hypochondrie“ nannte, und im gleichen Jahre schreibt Frau Schopenhauer ihrem Arthur:

Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl; er ist nicht krank, aber er fürchtet, krank zu werden, und schont sich ängstlich ... Er kommt mir zuweilen etwas hypochondrisch vor, denn seine Krankheit verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in Gesellschaft wird, und Das geschieht so leicht.

„Ich finde höchst nötig“ schreibt Goethe selber wieder 1810, „mich von gewissen hypochondrischen Einflüssen zu befreien.“

Wir brauchen jedoch nur an seine Lebensarbeit zu denken, so wissen wir, daß er durch solche vorübergehenden Anfälle zwar der allgemeinen Gelehrten- und Zeitkrankheit seinen Tribut zahlte, daß er aber seiner Grundgesinnung nach das Gegenteil vom grämlichen, grilligen, selbstquälerischen Hypochondristen war. „Hypochondrisch sein heißt nichts Andres als: in’s Subjekt versinken“ sagte er selber 1814 zu Riemer; sein ganzes Streben aber ging auf Objektivität.

Er hatte so viel mit den Dingen außer sich zu tun, daß er wenig Zeit fand, sich selber zu beobachten, und er wußte, was bei fleißiger Selbstbeobachtung herauskommt: daß man sich nämlich krank und bedroht findet. Man darf den Dichter mit keinem seiner dramatischen Helden ganz gleich stellen, aber recht nahe kommen seiner Gesinnung Egmonts Worte, „daß Der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt“, und ebenso Egmonts Fragen: „Leb ich nur, um auf’s Leben zu denken? soll ich den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß sei? und Diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?“

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[Sidenote: Allerlei Krankheiten]

Nun glauben noch Viele, daß Goethe sehr gesund und kräftig gewesen sei und schon darum sich um Gesundheit nicht viel zu kümmern brauchte. Aber er war durchaus keine robuste, sondern eine weichliche Natur; Leib und Geist waren für schädliche Einflüsse sehr empfindlich, und so ist er denn auch oft krank und kränklich gewesen. Er hat auch im größten Teile seines Lebens älter ausgesehen, als er war.

Als Kind hatte er nicht bloß die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, sondern auch die schwarzen Pocken, die Spuren hinterließen. Als achtzehnjähriger Student bekam er im Herbst 1767 einen Blutsturz und schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Als er sich dann ein wenig erholt hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, stand er vor seinem Vater als ein Kränkling, der noch mehr an der Seele als am Körper zu leiden schien. Bald erkrankte er wieder so schwer, daß man im Dezember 1768 zwei Tage lang für sein Leben fürchtete. Die Frankfurter Ärzte meinten, seine Krankheit stecke nicht sowohl in der Lunge als in den dazu führenden Teilen, und unser Neunzehnjähriger befand sich im Elternhause nur so gut, „als ein Mensch, der im Zweifel steht, ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann.“ Mehr als ein Jahr verging, ehe er melden konnte: „Mein Körper ist wieder hergestellt“, und da fügte er hinzu: „aber meine Seele ist noch nicht geheilt.“ Bei der Heimkehr von Straßburg war er körperlich gesünder; „aber in seinem ganzen Wesen zeigte sich doch etwas Überspanntes, welches nicht völlig auf geistige Gesundheit deutete.“ Wenn wir seine Briefe aus jener Zeit lesen, auch noch die 1775 und 1776 an Gräfin Auguste Stolberg gerichteten, haben wir diesen Zustand schwarz auf weiß vor uns.

[Sidenote: Kränklichkeit]

Auch in Weimar war er oft krank; er wollte Das auf das „infame Klima“ Thüringens schieben, aber wir kennen dieses Klima als sehr gesund, wenn es auch etwas rauh ist. „Es stickt etwas in mir“ hat er manchmal zu Charlotte v. Stein geklagt. Kräftig erscheint er auch nicht, wenn er 1781 der besorgten Mutter schreibt: „Meine Gesundheit ist weit besser, als ich sie in vorigen Zeiten vermuten und hoffen konnte, und da sie hinreicht, um Dasjenige, was mir aufliegt, wenigstens großenteils zu tun, so habe ich Ursache, damit zufrieden zu sein.“ Häufig waren jetzt sowohl die Verdauungsstörungen wie die Erkältungen. Sein Häuschen an der Ilm bot gar zu wenig Schutz gegen das Wetter; übrigens hatte er sein ganzes Leben darunter zu leiden, daß die Wohnhäuser und Gasthäuser und auch die Fürstenschlösser im Winter nicht durchweg warm gehalten wurden, so daß man oft in überheizten, oft in sehr durchkälteten Räumen sich aufzuhalten gezwungen war.

1785 sah er ganz faltig und abgearbeitet aus; Karl August verglich ihn mit einem ausländischen Gewächs, das, in ein rauheres Klima verpflanzt, unter jedem bösen Wetter leide und viel Zeit brauche, sich wieder herzustellen. 1786 suchte er wegen seiner gichtischen Zustände, die ihm große Schmerzen in den Beinen machten, zum ersten Male das Karlsbad auf. Von da ging er heimlich nach Italien. „Die Hauptabsicht meiner Reise war, mich von den physisch-moralischen Übeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten.“ Auch nach der Heimkehr besuchte er regelmäßig im Sommer Bäder zu seiner Erholung; zwölfmal war er in Karlsbad, dreimal in Marienbad, und ebenso suchte er in Teplitz, Eger, Wiesbaden, Pyrmont, Tennstädt, Lauchstädt und Berka Besserung. Daheim trank er ziemlich regelmäßig die heilsamen Wasser, die von diesen Quellen versandt wurden: Pyrmonter, Egerer, Kreuzbrunnen usw. Die Ärzte waren oft mit ihm beschäftigt. Nur diesen Kuren, Reisen und Badezeiten schrieb er es zu, daß er arbeitsfähig blieb.

Auch in älteren Tagen ist er noch einige Male so schwer krank gewesen, daß man alle Hoffnung aufgab oder ihn bereits tot sagte, so im Januar 1801, im März und April 1805 und im Februar 1823. Er ist viele Wochen nicht aus dem Zimmer gekommen. Selbst wenn er nicht darniederlag, traute man ihm gewöhnlich keine lange Lebensdauer mehr zu. Die beste Kennerin seiner Zustände, Christiane, dachte um 1800, man müsse ihn seine letzten Jahre noch recht pflegen und schonen. „Goethe ist schon wieder krank gewesen“ meldete im März 1806 ihr Bruder Vulpius einem Hausfreunde; „monatlich kommt sein Übel zurück und macht ihn sehr mürbe; es sind böse Hämorrhoidalzufälle.“ Und der mißgünstige Friedrich Schlegel sagte 1803 „kalt-grinsend“ zu Öhlenschläger: „Der alte Kerl hat faule Nieren und wird’s nicht lange mehr machen.“

[Sidenote: Empfindlichkeit]

Zu diesen Krankheiten kam bei ihm eine beständige geistige und leibliche überfeine Empfindlichkeit. Das Wort „sinnlich“ hat er viel gebraucht, weil er selber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes sehr sinnlich war; d. h. seine Sinne waren alle feinfühlend, kräftig auf Reize wiederwirkend. Das ist ein physischer Grund seiner genialen poetischen Leistungen; es war ihm aber im Leben oft recht unbequem. Eckermann drückte am 20. Dezember 1829 seine Verwunderung aus, daß man bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten, so häufig eine schwächliche Konstitution finde; Goethe erwiderte:

Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.

Vor allem brauchte er Licht und Wärme; den Winter haßte er. Den Dezember und Januar nannte der junge Voß 1804 „Goethes Faullenzermonate“: „Er kränkelt da fast jedes Jahr, ohne eben krank zu sein.“ Und 1813, Ende Oktober, just nach der Schlacht bei Leipzig, schrieb die Gräfin O’Donell aus Wien an ihren weimarischen Freund, er solle nun schon anfangen, sich in Baumwolle einzuwickeln. Goethe selber fand die stärksten Ausdrücke für seinen Abscheu gegen die kurzen, dunkeln Tage, die niederhängenden Wolken und das Schlackerwetter. Im Dezember 1803, nach Herders Tode, erklärte er, er begreife recht gut, daß Heinrich III. von Frankreich den Herzog von Guise erschießen ließ, bloß weil es fatales Wetter war, und er beneide Herdern, weil er jetzt begraben werde. Der 21. Dezember war ihm ein Festtag, an dem er ausrief: „Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!“ Italien liebte er wegen seiner Fülle des Lichts und seiner warmen Luft; es war ihm, als ob er hier geboren und aufgewachsen wäre „und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ Nur mit Schaudern dachte er an die norddeutsche Heimat mit ihren grauen, tiefen Wolken und naßkalten Winden, die uns immer wieder in die Stube zwingen.

In seinen letzten Lebensjahren konnte er zwar recht lange in geschlossener und überheizter Zimmerluft aushalten, aber sonst gehörte +reine+ Luft zu den Bedingungen seines Wohlbefindens. Schiller mußte faule Äpfel in der Schublade seines Arbeitstisches haben; Goethe bekam sogleich eine Übelkeit, als er an diesem Tische saß, ohne dessen eigentümlichen Inhalt zu ahnen. „Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift.“ Schiller, Karl August, Knebel und fast alle andern Freunde rauchten; Goethe litt sogleich, wenn er in einem Zimmer sein mußte, wo Tabak und Pfeifen dünsteten. Seine Christiane stellte einmal als sparsame Hausmutter Schweine in einen Stall: sie mußten abgeschafft werden, sobald Goethe den Geruch merkte. Sein Geschmackssinn war ebenso fein, wie sein Geruch. Vom Tee sagte er, daß er wie Gift auf ihn wirke, und ebenso nahm er sich vor dem Kaffee in acht und warnte Andere davor. Knoblauch übte nach seinem eigenen Ausdruck „selbst in der geringsten Dosis höchst gewaltsame Wirkungen“ auf ihn aus. Auch viele Sorten Wein konnte er nicht vertragen oder er lehnte sie von vornherein als Gift ab. Ähnlich ging es ihm mit dem Biere. ~Dr.~ Vogel, sein letzter Arzt, hat uns berichtet, daß er ebenso gegen Medizin ungewöhnlich empfänglich und empfindlich war, so daß ihm schwächere Dosen verschrieben werden mußten, als sonst üblich waren.

Namentlich aber richtete sich sein Befinden auch nach dem Barometer; bei hohem Barometerstande fühlte er sich am wohlsten; stand es niedrig, so war ihm sehr schwer, anders als mißmutig und untätig zu sein. Körperliche Schmerzen griffen ihn sehr an; er fürchtete sie, während er den Tod gar nicht fürchtete. Gar nicht leiden konnte er es, wenn die Leute nach seinem Befinden fragten oder etwa sagten, er sähe wohler aus als das letztemal; er mochte über seine Gesundheitszustände nicht sprechen, außer zum Arzt.

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Trotz alledem waren sowohl die leiblichen wie die geistigen +Leistungen+ Goethes bis in’s höchste Alter hinein bewunderungswürdige. Seinen Schwächen müssen also größere Kräfte gegenübergestanden haben; seine Lebensweise muß im Ganzen gut gewesen sein, zumal da er mit den Jahren eher gesünder als kränklicher wurde.

Von Haus aus besaß er zwei große Hülfen zur Gesundheit und Arbeit: einen vortrefflichen Appetit und einen guten Schlaf. Was den Schlaf angeht, so machte es ihm nicht viel aus, ob er dabei lag oder saß, angekleidet oder ausgezogen, im eigenen Bett oder anderwärts war. Auch eine Fülle von Blutleben trug zu seiner Gesundheit viel bei; noch im Alter schienen dem Arzte Aderlässe notwendig; Hufeland, der zehn Jahre lang sein Arzt war, bezeichnete die Produktivität als den Grundcharakter auch seines körperlichen Lebens.

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[Sidenote: Wertung der Gesundheit]

Aber auch seine gesundheitlichen Ansichten und Gewohnheiten waren trotz aller Sorglosigkeit besser, als man für jene Zeit voraussetzen darf. Zuerst +wertete+ er die Gesundheit und Strapazentüchtigkeit höher als andere Geistesarbeiter um ihn herum. Schon als Student wußte er, daß man den Körper um der Seele willen pflegen muß. Als ein junger Freund ihm seine Not klagte und über Heiraten und andere Dinge beraten sein wollte, antwortete Goethe mit der Frage: „Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“ und fuhr fort: „Ich bitte Sie: sorgen Sie doch für diesen Leib mit anhaltender Treue! Die Seele muß nun einmal durch diese Augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist’s in der ganzen Welt Regenwetter.“ Der Einundzwanzigjährige sprach das schon aus eigener Erfahrung: „Es war eine Zeit, da mir die Welt so voll Dornen schien, als Ihnen jetzo. Der Himmelsarzt hat das Feuer des Lebens wieder in mir gestärkt, und Mut und Freude sind wieder da.“[22] Wieland entschuldigte seine dürren Beine mit dem Scherze, er sei noch aus der Zeit, wo die Genies ihre Kraft im Kopfe hatten; Goethe verlangte auch von Gelehrten und Beamten brauchbare Gliedmaßen und einen gesunden Körper. Daß Schiller so oft aussah, als würde er keine vierzehn Tage mehr leben, und daß er nicht das Rechte gegen seine Kränklichkeit tat, bedrückte ihn oft. Da lobte er sich Napoleon, der „vom brennenden Sande der syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau eine Unsumme von Märschen, Schlachten und Biwaks ertrug, der bei wenig Schlaf und wenig Nahrung sich der höchsten geistigen Tätigkeit hingab: wenn man bedenkt, was +Der+ alles durchgemacht und ausgestanden!“ „Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar bucklig[23] dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen Körper hat.“

[Sidenote: Der Wille zur Gesundheit]

Goethe hatte namentlich einen kräftigen +Willen+ zur Gesundheit, und er selber schrieb diesem Willen große Wirkungen zu. „Es ist unglaublich,“ sagte er einmal, „wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag.“

Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun Dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.

Ein andermal rühmte er an seinem Helden Napoleon, daß er die Pestkranken besucht habe, um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne.

Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wie ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.

Als Sachsen-Weimar zum Großherzogtum erhoben war und die Huldigung des nunmehrigen Großherzogs bevorstand, war Goethe bettlägerig. Es schien unmöglich, daß er an jenem Palmsonntag 1816 an seinem Platze sein könne, aber Napoleons Ausspruch kam ihm in’s Gedächtnis: „~L’empereur ne connaît autre maladie que la mort~“, und er ließ an Hof sagen, wenn er nicht tot wäre, könne man auf ihn rechnen. Die Natur schien sich diesen tyrannischen Spruch zu Gemüte zu ziehen: er stand zur rechten Zeit an seinem Platze, rechts zunächst am Throne; er konnte auch noch bei Tafel allen Schuldigkeiten genug tun; dann zog er sich zurück, legte sich wieder in’s Bett und wartete auf einen neuen kategorischen Imperativ, der krank zu sein nicht gestattete.