Part 15
Aber als Goethe aus Italien wiederkehrte, beklagte Frau v. Stein, daß er sinnlicher geworden sei, in heutiger Sprache: materieller. Er gab sich den natürlichen Neigungen völliger hin, zügelte seinen Ehrgeiz schärfer, stellte sich die Aufgaben kleiner, und wenn er auch außerordentlich fleißig blieb, so hatte sein langer Tag doch auch einige Stunden für die Tafelfreuden frei. Seine Hausgenossin Christiane trank den Wein mit Lob und Lust; sie war darin seine Schülerin, aber auch seine Antreiberin. „Den Doktor Stark bitte ich mir auch zum Doktor aus“ schreibt sie im Herbst 1800; „Dem seiner Meinung bin ich gewiß auch, daß Du nicht so wenig Wein trinken sollst und Champagner besonders.“ Zwei Jahre darauf redet Goethe im selben Tone gegen Schiller über den kränkelnden Freund Heinrich Meyer: „Hätte er sich, statt Pyrmonter Wasser hier teuer in der Apotheke zu bezahlen, ein Kistchen Portwein zur rechten Zeit von Bremen verschrieben, sollte es wohl anders mit ihm aussehen.“ Und als dann im nächsten Jahre, 1803, Christiane einen Monat im Bade Lauchstädt verbrachte, sagte man von ihr und zu ihr: sie mache wohl eine Weinkur. Etwa von 1802 an dichtete Goethe auch einige Trinklieder, weil in befreundeten Kreisen Begehr nach solchen Gesängen war. An diesen Trinkliedern ist jedoch bemerkenswert, was +nicht+ darin steht. Er verherrlicht den Wein nur als Sorgenbrecher und Stimmungsverbesserer, der uns zeitweilig erheitert und verjüngt. Als er zu seinen geselligen Abenden das alte Zecherlied: „~Mihi est propositum in taberna mori~“ bearbeitete, gab er es nicht so echt wieder wie Bürger: „Ich will einst bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben,“ sondern er mischte recht viel Wasser in den alten Wein und schrieb: „Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches Behagen.“ Und man merkt öfter, wie ihm jeder Hang zur Unmäßigkeit auch in diesen weinfreudigen Jahren schmerzlich ist. Er bemerkte ihn schon bei seinem eigenen Sohne, dem Heidelberger Studenten, und deshalb schrieb er die vorsichtig eingekleidete Warnung:
Wir leben nach unsrer alten Weise still und fleißig besonders auch, was den Wein betrifft, wobei mir denn lieb ist, aus Deinem Briefe zu sehen, daß Du Dich auch vor diesem so sehr zur Gewohnheit gewordenen Getränk in acht nimmst, das mehr, als man glaubt, einem besonnenen, heiteren und tätigen Leben entgegenwirkt.
Im selben Jahre (1808) läßt er ein Lieblingskind seiner Muse, die schöne Ottilie, in den ‚Wahlverwandtschaften‘ „über die Unmäßigkeit der Männer, besonders was den Wein betrifft“ klagen:
Wie oft hat es mich betrübt und geängstigt, wenn ich bemerken mußte, daß reiner Verstand, Klugheit, Schonung Anderer, Anmut und Liebenswürdigkeit selbst für mehrere Stunden verloren gingen, und oft statt alles Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame Entschließungen veranlaßt werden!
Sie dachte bei diesen Zeilen an den heimlich geliebten Eduard,
der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es wünschenswert war, sein Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine Tätigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuß zu steigern pflegte.
Ganz ebenso hatte Goethe, der Enkel eines Gastwirts, schon in ‚Hermann und Dorothea‘ das häufige leichte Räuschchen des Wirtes als Ursache von häuslichen Störungen und Trübungen geschildert, und es ist bezeichnend, daß der Held der Dichtung, Hermann, größere Liebe zum Ackerbau als zum einträglichen Wirtsgewerbe zeigt.
Doch reden auch aus den Altersjahren manche Berichte von Goethes Weinfreudigkeit. „Er trank fleißig, besser noch die Frau“ schreibt Wilhelm Grimm 1809. „Der Alte sprach viel und trank nicht wenig“ bekundet Holtei 1827. „Goethe ist sehr munter“ erzählt Eckermann 1824 seiner Braut,
Vorgestern Mittag bei Tisch aß er in Hemdsärmeln und war sehr jugendlich heiter. Bei Tische teilte er Manches mit mir und gibt mir von seinem Teller. Wenn ich abends komme, läßt er gleich eine Bouteille Wein bringen. Der alte Hofrat Meyer trinkt keinen, Kanzler v. Müller Zuckerwasser. Goethe und ich trinken dann allein.
Vom Pfingstnachmittag desselben Jahres berichtet auch der Kanzler v. Müller solche Hemdärmelszene:
Er aß im Hemdärmel und trank mit Riemer. Ersteres war Ursache, daß er Gräfin Line Egloffstein nicht annahm. Sie möge doch, sagte er zu Ottilien, des Abends zu mir kommen, nicht wenn Freunde da sind, mit denen ich tiefsinnig oder erhaben bin.
Auch Liköre waren im Keller des Goethe-Hauses. 1792 schickte Goethe welchen aus dem eroberten Verdun. Später wird Rack oder Arrac öfters erwähnt, der vielleicht nur zur Bereitung des Abend-Punsches diente. Vom Persiko berichtet Heinrich Voß 1804; Das ist ein auf Pfirsich und bittere Mandeln abgesetzter Branntwein.
Gestern vor acht Tagen wurde er, Goethe, so gut aufgeräumt, daß er die Vulpius bat, die Persikoflasche zu holen. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm eine Begebenheit ein, wo er vor zwanzig Jahren auch die Persikoflasche nicht geschont habe, und fing an zu erzählen, und währenddessen wurde das Gläschen oft gefüllt und ging die Runde. Die Vulpius leerte es dreimal und ward in den dritten Himmel gesetzt, und als Goethe einmal hinausging, strömte ihr Herz über zu des lieben Geheimrats Lobe.
Betrunken oder stark angeheitert hat jedoch „den lieben Geheimrat“ Niemand gesehen. Zwar als ihn sein Arzt am 27. August 1818 morgens bei einer Flasche fand und ihm bemerkte, es sei ja erst morgen sein Geburtstag, rief Goethe aus: „Da habe ich mich heute umsonst besoffen!“ aber Goethe liebte solche derben Worte. Ein leichtes Angeheitertsein erwähnen ein paar unverdächtige Zeugen; z. B. trat er 1795 nach der Hoftafel mit dem Ausdruck süßen Weines zu der Engländerin Emilie Gore und redete sie zu ihrer größten Verwunderung an: „~ma chère, seule, unique amie!~“ Einmal urteilt Goethe selber, daß er zuviel getrunken habe. Es war in Tennstädt und in der Nacht vor seinem Geburtstage 1816. Er saß mit Meyer und dem großen Philologen Wolf zusammen, und Wolf ließ wieder seinen ungezügelten Widerspruchsgeist die tollsten Sprünge machen. Da wurde Goethe „bestialisch.“
Glücklicher- oder unglücklicherweise hatte ich so viele Gläser Burgunder mehr als billig getrunken und da hielt ich auch keine Maße. Meyer saß dabei, der immer gefaßt ist, und ihm war nicht wohl bei der Sache.
* * * * *
In seinen allerletzten Lebensjahren wurde Goethe wieder viel vorsichtiger gegen den Wein; „ja man könnte behaupten, zu furchtsam“ meinte sein Arzt. Zwar blieb er bei dem Glas Madeira zum Frühstück und der Flasche leichtem Würzburger zu Mittag, nahm auch wohl zum Nachtisch ein ganz kleines Gläschen ~Tinto di Rota~, aber wie sehr er auch Verlangen trug nach dem Punsch, den er von früher her abends um sechs Uhr gewöhnt war, oder gelegentlich nach Champagner, den er sehr liebte, so siegte doch stets, selbst gegen die Meinung des Arztes, seine Besorgnis, daß sie ihm schaden könnten.
Namentlich aber war Goethe sein ganzes Leben lang der Ansicht, daß uns der Wein zum geistigen Schaffen nichts nütze. Wir kommen noch darauf zurück. Und Das ist noch zu beachten, daß der Wein das einzige Gift und Reizmittel war, das Goethe gebrauchte, und daß er daran schon in seiner Jugend und von Vorfahren her gewöhnt war. An gebrannten Getränken und an Bier, auf das er oft schalt, hat er in seinem langen Leben nur ganz wenig zu sich genommen. Ebenso lehnte er Kaffee und Tee ab und haßte den Tabak, während fast alle seine Freunde entweder rauchten oder schnupften. Er roch nur an kölnischem Wasser, wenn er eine kleine Anreizung begehrte.
Alles in allem: Goethe hat den Wein zur Steigerung des Lebensgenusses und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht, hat aber niemals seine Freiheit an ihn verloren. Dagegen hat er die Gefahr verkannt, die die Weingeistgetränke für seine Frau und namentlich für seinen heranwachsenden Sohn in sich trugen. Diesen Leichtsinn oder Mangel an Wissen und Vorsicht hat er schwer büßen müssen: Daran ist kein Zweifel möglich, wenn er auch seinen Kummer über das schlimme Ende seiner beiden Nächsten stillverschlossen im eigenen Innern verarbeitete.
[27] Der Neffe Rinaldo, der nach Augusts Tode wegen Ottiliens Unbrauchbarkeit viel für die geordnete Fortführung des Haushalts tat.
XIII.
Das Schaffen.
Der Fleiß ist ein Bedürfnis und eine natürliche Tugend kräftiger Persönlichkeiten: sie haben so viel zu erfassen, umzubilden, auszudrücken, daß ihnen jede Stunde kostbar und das längste Leben zu kurz erscheint. „~Ars longa, vita brevis~“ ist ihre Klage von altersher. Wer seine Persönlichkeit schätzt, hält seine Zeit wert und heilig.
Goethe war also zeitgeizig. Er verglich gern die Zeit mit Geld und Gut; hinterließ ihm der irdische Vater 10000 Gulden, so gab ihm der Schöpfer aller Dinge eine viel reichere Fülle von verwertbaren Lebensstunden:
Mein Erbteil, wie herrlich, weit und breit! Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.
„Er wußte sie wie Keiner zu nutzen, wahrhaft auszubeuten“ urteilte der Kanzler v. Müller, der uns auch den kleinen Zug erzählt, daß Goethe sich aus einem Gespräch mit dem König von Bayern einen Augenblick fortstahl, weil ihm ein Gedanke für die Fortsetzung der Faustdichtung gekommen war, der aufgeschrieben werden mußte. Tage völliger Muße kannte Goethe nicht; Sonn- und Feiertage waren von Werktagen nur wenig verschieden. Von seinem Neffen Rinaldo Vulpius, der ihm einen Brief von Jena nach Weimar mitnahm, schreibt er im Mai 1818:
Warum er schon wieder nach Weimar läuft, ist mir nicht deutlich. Wie die Menschen das Wort Feiertag hören, so sind sie alle verrückt, und Niemand denkt, daß er die größte Zeit seines Lebens müßig herumläuft oder gestreckt daliegt.
Selbst wenn er noch im Bette liegen wollte, begann er schon mit dem geistigen Schaffen. Da es ihn schmerzte, daß Schiller durch eine ungeschickte, ungesunde Lebensweise manche gute Stunde verlor, so gibt er ihm im Dezember 1796 einen Wink:
Ich muß Anstalt machen, meine Schlafstelle zu verändern, damit ich morgens vor Tage einige Stunden im Bett diktieren kann. Möchten Sie doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich höher organisierten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen!
An denselben Freund schreibt er:
Es würde nicht schwer werden, sich so einzurichten, daß man auf der +Reise+ selbst mit Sammlung und Zufriedenheit arbeiten könnte. Denn wenn sie zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu andern desto schneller auf uns selbst zurück; der Mangel an äußern Verhältnissen, ja die Langeweile ist Demjenigen günstig, der Manches zu verarbeiten hat.
Goethe hat in der Tat recht viele Verse beim Halten der Postkutsche oder des eigenen Reisewagens oder an Gasthoftischen niedergeschrieben. Auch in Bade- und Kurorten verging kein Tag ohne Studium oder Hervorbringung; in Wiesbaden arbeitete er im Juni 1815 sogar 16 bis 17 Stunden täglich an der ‚Italienischen Reise‘ und diktierte auch in der Badewanne.
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[Sidenote: Ausbeuten der Zeit]
Wer seine Zeit schätzt und seine noch ungetane Arbeit bedenkt, hütet sich vor aller Teilnahme an Bestrebungen und Arbeiten, auf deren glückliches Gelingen er nur geringen oder gar keinen Einfluß hat. Schon aus diesem Grunde war Goethe kein Politiker. Das kollegiale und erst recht das parlamentarische Arbeiten für den Staat erkannte er als eine ungeheuere Zeit- und Kraftvergeudung. Es werde immer das Minimum von Effekt hervorgebracht, wenn man mit Andern und durch Andere zu wirken hat, sagte er zu Riemer, und zum Kanzler: „Ich konnte nie zu Zwei etwas leisten; Diktatur oder Konsulat mit geteilter Gewalt!“ Und schon 1797 schrieb er an Heinrich Meyer:
In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an Nichts recht teilzunehmen als an Dem, was ich so in meiner Gewalt habe wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat, an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des penelopeischen Schleiers erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor und zwei zurück tun muß ... Zwar ist, ich gestehe es, ein solcher Entschluß sehr illiberal, und nur Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch besser, ein für allemal zu entsagen, als immer einmal über den andern Tag rasend zu werden.
[Sidenote: Zeitungen]
Goethe bekam zwar immer einige Zeitungen in’s Haus, aber oft las er sie Monate hindurch nicht. Nicht selten war er in die politischen Vorgänge durch seine Stellung oder seine Freunde besser eingeweiht als die Berichterstatter dieser Blätter, und dann entrüstete er sich über ihr leichtfertiges Umspringen mit der Wahrheit und mit den Gefühlen der an die Öffentlichkeit gezerrten Personen. Immer aber fürchtete er Zeit- und Stimmungsräuber in ihnen. An Zelter schreibt er einmal:
Es fällt einem doch mitunter auf, daß man durch die Kenntnis Dessen, was der Tag bringt, nicht klüger und nicht besser wird. Dieses ist von größter Wichtigkeit. Denn genau besehen ist es von Privatleuten doch nur eine Philisterei, wenn wir Demjenigen zuviel Anteil schenken, worin wir nicht +wirken+ können ... Also wollen wir uns nicht mit Allotrien beschäftigen.
Im Jahre 1831 machte er sich den Spaß, eine Zeitung von 1826 gebunden zu lesen. Bei solcher Wiederholung wird „für den Menschen, der sich in den Kreis seiner Tätigkeit zurückzieht,“ erst recht klar, „daß man durch diese Tagesblätter zum Narren gehalten wurde, und daß weder für uns, noch für die Unsrigen, besonders im Sinn einer höheren Bildung, daher auch nicht das Mindeste abzuleiten war.“
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[Sidenote: Geselligkeit]
Die ‚Gesellschaft‘ und die ‚Geselligkeit‘ sind zwei Namen für ärgste Zeiträuber und Persönlichkeitsvernichter. Goethe wußte ihnen von Jugend auf zu begegnen. Nahm er an einer Gesellschaft teil, so behauptete er sich ihr gegenüber; er spielte nicht Karten und verwickelte sich nicht in Klatsch, sondern setzte auch hier sein Studium fort und befestigte sich lehrend im Gelernten. Zeichnen, Musikhören, Betrachten von Mineralien oder Medaillen oder Kupferstichen, Vorlesen, Lesen mit verteilten Rollen, Schilderungen von fremden Ländern: Das waren seine Unterhaltungen in geselligen Stunden. Auch Lustigsein, Trinken, Tanzen und allerlei Possenspiel ließ er als gute Zeitbenutzung gelten.
Aber er war für sich allein zu reich, um häufiger Gesellschaft zu bedürfen oder sie ertragen zu können. „Die Menschen sind wie das Rote Meer“ sagte er einmal, „der Stab hat sie kaum auseinander gehalten, gleich hinterher fließen sie wieder zusammen.“ Zu +diesen+ Menschen gehörte Goethe nicht. „Ich weiß wohl“ sagte er schon 1784, „daß man, um die Dehors zu salvieren, das Dedans zugrunde richten soll; aber ich kann mich denn doch nicht wohl dazu verstehen.“ Als er drei Jahre später nach Rom kam, vermied er sorgfältig alle vornehmen Bekanntschaften und hielt sich zu guten Kameraden, die ihn nicht mit gesellschaftlichen Pflichten behängten. Als seine Anwesenheit dennoch bekannt wurde und er Einladungen und Besuche bekam, hatte er sich schon im Kreise der „Künstlerburschen“ befestigt. „Jedem war es nicht um mich zu tun“ schreibt er über die vornehmen Einladenden an Herder, „sondern nur: seine Partei zu verstärken. Als Instrument wollten sie mich brauchen, und wenn ich hätte hervorgehn, mich deklarieren wollen, hätte ich auch als Phantom eine Rolle gespielt. Nun, da sie sehen, daß nichts mit mir anzufangen ist, lassen sie mich gehen, und ich mache meinen sicheren Weg fort.“
So lernte er freilich die römischen Kardinäle und Prinzessinnen nicht kennen, aber er hatte Zeit und Raum, die ‚Iphigenie‘ umzuschreiben, den ‚Egmont‘ und ‚Tasso‘ zu fördern, in die Geheimnisse der bildenden Kunst einzudringen und nebenbei mit fröhlichen Gesellen vergnügt zu leben.
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[Sidenote: Frau von Staël]
Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken als Goethe und die Frau v. Staël, die doch auch Dichterin und Denkerin sein wollte. Ihr war nur in Gesellschaft wohl; sie mußte stets der Mittelpunkt lauten Lebens sein; ihr herrliches Landgut bei Genf empfand sie als einen düstern Ort der Verbannung, weil Napoleon ihr den Aufenthalt in Paris verboten hatte. Als sie 1804 nach Weimar kam, empfanden Goethe und Schiller ihre gesellschaftlichen Ansprüche recht unbequem, obwohl die geistreiche Französin auch sie nicht kalt ließ. Goethe erzählt in seinen Annalen, wie ihre Salongeschäftigkeit mit dem ernsten Schaffen der deutschen Dichter und Gelehrten im Gegensatz war.
Sie wollte zu einer gewissen Tätigkeit aufregen, deren Mangel sie uns vorwarf. Da sie keinen Begriff hatte von Dem, was Pflicht heißt, und zu welcher stillen, gefaßten Lage sich Derjenige, der sie übernimmt, entschließen muß, so sollte immerfort eingegriffen, augenblicklich gewirkt sowie in der Gesellschaft gesprochen und verhandelt werden.
Auch zeigte gerade die Staël manche Oberflächlichkeit, wie sie die Geselligkeit anerzieht. Goethe erzählt weiter:
Frau v. Staël trat einen Abend vor der Hofzeit bei mir ein und sagte gleich zum Willkommen mit heftiger Lebhaftigkeit: „Ich habe Euch eine wichtige Nachricht anzukündigen! Moreau ist arretiert mit einigen Anderen und des Verrats gegen den Tyrannen angeklagt!“ Ich hatte seit langer Zeit, wie Jedermann, an der Persönlichkeit des Edeln teilgenommen und war seinem Tun und Handeln gefolgt; ich rief im stillen mir das Vergangene zurück, um nach meiner Art daran das Gegenwärtige zu prüfen und das Künftige daraus zu schließen oder doch wenigstens zu ahnen. Die Dame veränderte das Gespräch, dasselbe, wie gewöhnlich, auf mannigfache gleichgültige Dinge führend, und als ich, in meinem Grübeln verharrend, ihr nicht sogleich gesprächig zu erwidern wußte, erneuerte sie die schon oft vernommenen Vorwürfe: ich sei diesen Abend wieder einmal gewohnterweise maussade und keine heitere Unterhaltung bei mir zu finden. Ich ward wirklich im Ernst böse, versicherte, sie sei keines wahren Anteils fähig; sie falle mit der Tür in’s Haus, betäube mich mit derbem Schlag und verlange sodann, man solle alsobald sein Liedchen pfeifen und von einem Gegenstand zum andern hüpfen.
So hütete sich Goethe immer vor Angriffen auf sein Gemütsleben; zur Unterhaltung bedurfte er der Erschütterungen nicht, und seiner Arbeit waren sie schädlich. Da er nun einmal weich und empfindlich war, so schonte er sich demgemäß. In Tollhäuser, die jammervollen Vorläufer unserer heutigen Anstalten für Geisteskranke, konnte ihn auch sein Herzog nicht einzutreten bewegen. Ebenso ging er den Leichen aus dem Wege. „Warum“ sagte er bei Wielands Tode zu Falk, „warum soll ich mir die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen? Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen, weder Herder, Schiller, noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Porträtmaler. Ich will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen Freunden im Gedächtnis aufbewahren.“ Auch auf Bildern ließ er sich nichts Widerliches bieten. Sie sollten ihm Angenehmes sagen und ihn nicht an die Anatomie oder den Schindanger erinnern. Vor frommen Bildern hatte er auch deshalb Scheu, weil sie so oft Menschenquälerei darstellen. Ebenso schonte er seine Phantasie gegen die verwirrenden Eindrücke der Karikaturen. So wollte er im Alter keine Spottbilder auf Napoleon sehen. „Ich darf mir dergleichen widrige Eindrücke nicht erlauben, denn in meinem Alter stellt sich das Gemüt, wenn es angegriffen wird, nicht so schnell wieder her wie bei Euch Jüngeren.“ Als seine Schwiegertochter bei einem Sturze sich das Gesicht zerschunden hatte, sah er sie nicht, bis sie wiederhergestellt war.
Genau so wandte er die Augen ab von politischen Vorgängen, die ihn sehr ergriffen und innerlich beschäftigt hätten, ohne daß er doch Etwas dazu tun konnte, also besonders von Kriegsereignissen und Revolutionen. Seine anscheinende Gleichgültigkeit erregte dann oft Erstaunen und Mißfallen; aber er wußte, weshalb er so handelte. Gleich nach den Befreiungskriegen entstanden in den meisten deutschen Ländern sehr unerquickliche Zustände; zwischen den Volksgenossen zeigte sich ein politischer Haß, der zu schlimmen Taten führte. „Ungerechtigkeit und Unbilligkeit sind an der Tagesordnung“ schrieb Goethe damals (am 16. Januar 1818 an Antonie Brentano) und fuhr fort:
An +meiner+ Tagesordnung ist die Maxime: man muß sich selbst schonen, wo Nichts geschont wird, und wie Diogenes sein Faß in der allgemeinen Verzweiflung hin und her wälzen.
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[Sidenote: Man muß sich selbst schonen]
Oft mußte Goethe alle Gesellschaft meiden und sich selbst von Frau und Kind abschließen, wenn er Etwas fertig bringen wollte.
Dem Gegenstande, der ihn beschäftigte, gehörte er jedesmal ganz an, identifizierte sich mit ihm nach allen Seiten und wußte, während er irgend eine wichtige Aufgabe sich gesetzt, alles seinem Ideengang Fremdartige standhaft abzulehnen ... Nicht immer jedoch gelang ihm jene augenblickliche Konzentration, und seiner übermächtigen Empfänglichkeit und Reizbarkeit wohl bewußt, griff er dann oft zu den extremsten Mitteln und schnitt plötzlich, wie im Belagerungszustande, alle Kommunikation nach außen gewaltsam ab. Kaum aber hat die Einsamkeit ihn von der Fülle anströmender Ideen entbunden, so erklärt er sich wieder befreit, neuen Interessen zugänglich, knüpft die früheren Fäden sorgsam an, und schwimmt und badet in frischen Elementen weit ausgebreiteten Daseins und Wissens, bis eine neue unbezwingliche Metamorphose ihn abermals zum Einsiedler umschafft.[28]
Gewöhnlich entwich Goethe auf Wochen oder Monate nach dem damals noch recht kleinen Jena; seltener zog er in’s Gartenhaus, wo ihn dann die Seinigen nicht stören durften. „Denn dabei bleibt es nun einmal: daß ich ohne absolute Einsamkeit nicht das Mindeste hervorbringen kann. Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.“ So schreibt er im August 1799 an Schiller, und drei Tage später heißt es schon wieder: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“ Wohl hatte Christiane oft große Sehnsucht nach ihm, und die kurzen Besuche, die ihr gestattet waren, erschienen ihr als allzu seltene Festtage. Dann schrieb sie ihm wohl:
Es wird fieleicht mit den arbeyden Hier beser gehn als sond du kanns hier wie in Jena in bete dickdiren und ich will des Morchens nicht ehr zu dir komm biß du mich verlangst auch der Gustell soll Frühe nicht zu dir komm. Komm nur balt.
Aber sie fügte sich auch willig, wenn er in seiner freundlichen Weise ihr meldete, daß die gesetzte Aufgabe noch nicht bewältigt sei, und unverdrossen sorgte sie dann, was sie an guten Speisen und Getränken für ihn den Botenweibern mitgeben könne.
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[Sidenote: Briefwechsel]