Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 22

Chapter 223,594 wordsPublic domain

Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig, unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte fragen können: »Wie geht das zu?«

Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr -- und Sie ...« sein Mund verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!«

* * * * *

Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke. Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn Grafen _junior_ gegenüber nicht ein Jota.

»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben sich _stante pede_ in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der Inspection.«

»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen Herrn, den dessen feinfühlende Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu nennen pflegte.

»Ah, -- -- Insinuationen! ...«

»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um sich!«

»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder -- im Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.«

»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts, belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten.

Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des Jammerbildes bildete eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit ausgestattet wurden, als das menschliche Geschlecht.

»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet -- »durfte auch hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue, geräumigere errichtet würden.«

Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer? Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt -- wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu bedenken zu geben geruhten.«

So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte Paul damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt, eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe daran gewesen, einzuwilligen, denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer Pflicht? -- Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der Andern versetzen können und unfähig sind, irgend ein Verhältniß anders als persönlich zu beurtheilen.

»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe ähnlich, die er soeben verdammt ...

Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt! Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen begrüßt worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!«

Ja, ja, sie war anmuthig gewesen und hold. -- --

Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach er zu seinem Begleiter, »daß ich heute anders denke als zu jener Zeit, daß ich einsehe -- kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor, die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff genommen werden.«

Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin zuziehen zu müssen.«

Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von der Verstorbenen sprach.

Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen trockenen Worten.

* * * * *

Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale, beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an. Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben, die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann, der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte.

Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach:

»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's! Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.«

Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, ein gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen.

»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!«

Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das frischere Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt.

»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ... auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel, das Erträgniß! -- ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen Regiekosten zu bestreiten.«

-- Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber -- Schurke! du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir schlecht. -- Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ...

»Nächste -- Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches zu erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der Zärtlichkeit versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so unaussprechlicher Dank, daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie schienen sich zu fragen: Was ist das? -- was ist geschehen? ist er's denn noch?

»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du bist immer willkommen, lieber Sohn.«

Den alten Leuten war seltsam zu Muthe -- ungefähr wie frommen, verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen, sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter sprechen würde.

Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul ging auf sein Zimmer, mit der Absicht -- an Thekla zu schreiben.

Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, und doch, ihm schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille Zeit, er meinte fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein. Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ...« -- Eine Lüge! -- »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was kümmern sie seine Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben, und sie auch ihnen.

Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das sie lieben lernen soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen, wie absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht, gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Thür geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt vermißt.

»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!«

Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte, daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen.

»Und das Kind?«

»Das bleibt bei mir.«

»Ganz allein? Es ist so scheu -- Sie sind ihm so fremd --«

Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach ihr umzuwenden.

Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust.

»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen einem geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest frischere Lebensluft!«

Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst -- so standen Vater und Tochter einander gegenüber.

Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen, komm' zu mir!«

Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück. »Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache aufhören!«

Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich die Ohren zu, versuchte seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!«

Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den heimischen Boden betreten hatte.

Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an -- ihres kleinen Abbildes ... nein, kein Abbild -- sie selbst, in jedem Zuge des Gesichtes -- in jeder Bewegung ~sie~, so ganz und gar sie selbst, als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das wieder zur Kindheit führt ......

Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor und drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte Entsetzen, und dieses seinen Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er in thörichtem Zorne: »Fürchte Dich nicht!« während er sie tödtlich erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern, die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das Köpfchen tief gebeugt -- auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ... Schon hat der Blitz gezuckt -- wann trifft sein Strahl?

O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!

»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort -- oder weine Kindchen! weine -- ich bitte Dich ...«

Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen -- -- da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß heischend -- und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und -- »Kitty!« ruft es aufjauchzend.

Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sich, leckte ihr die Hände und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte die Vorderbeine von sich, so weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte, sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge.

Und sie -- wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen, wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit.

Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken -- es ist weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund.

Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg zu führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen, wie gern sie von ihm ging?

* * * * *

Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal -- und nicht wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt -- jetzt heißt es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß war auf den Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es anzuhören. Ein Geräusch, in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald es sich vernehmen ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt, quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut wurde -- »die jetzigen Kinder denken's nicht!«

In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und war mit dunkelbraunem Tuche, -- das aber aus neuerer Zeit stammte, denn es zählte keine fünfundzwanzig Jahre -- gefüttert. Es schwebte in wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke, kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die, nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.«

Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um ihn zu begrüßen.

»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.

Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien reisen lassen,« sagte er.

»Umsonst nach Wien? mich? -- sei so gut und sag' das Deinen Eltern --: Umsonst! ... O das ist wieder -- o freilich ... verzeih', aber so albern reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten« eins anzuhängen.

Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein Wort mehr -- wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen, und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?«

Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit erweckten das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung zu schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen.

»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne.

»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr.

Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt, bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus.

»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als ob sie nicht merkten -- daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die sie befolgen, die sollen noch geboren werden. -- Was Gesetze! sagen wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß -- um ihnen den Vater zu erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem großen Ganzen thut, das -- hol's der Kuckuck! -- was kümmert's uns?«