Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 23

Chapter 232,295 wordsPublic domain

Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet ist, heißt all' Eure Thätigkeit _salva venia_ nichts! ... Aber freilich -- wer steigt gern vom First in den Keller -- und daß der First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken -- unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was der geleistet hat! -- Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute sich vielleicht: -- sieh da, die Luft wird rein -- das Volk wird brav; es giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern. Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns: ... Das haben -- von langer Hand her -- schlichte Männer gethan, die sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein solcher Lohn?! Es ist zum Lachen -- der lockt keinen Hund vom Ofen, geschweige denn einen glänzenden Redner von der beifallumrauschten Bühne herunter!«

Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn gerichtet.

-- Er läßt den kindischen Menschen faseln -- dachten sie, plötzlich wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.«

Seine Eltern sahen einander lächelnd an: -- O dieser Paul! -- welche Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus seinem Mausloch die Welt reformiren will.

Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild.

»So Unrecht nicht?« rief er. -- »Wahrhaftig? ... Da meint man immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel -- den Weg dahin, den zu wählen überlasse uns -- davon verstehst Du nichts. Das wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt Euch ... das ist ein schöner Trost!«

»Geh' -- geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum Glimmen brachte.

»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten, erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen Taschentuche die freundlichsten Grüße zu.

* * * * *

Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, -- ein kurzes Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod sie überschritten. -- So vergessen sind diese Räume, daß man nicht einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen, dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte durch die geöffneten Fenster über die reich gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; Alles war so sorgsam geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich eine Wiederkehr erwartet würde.

Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon und betrat das Schlafgemach.

Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie hinaus wie Schatten.

Seine Eltern! ...

Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht haben. Sie lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. Er war der Gott dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin geschieden ist. Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen -- als rosiges Kind, als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke, mit leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen Selbstvertrauens ... Das war er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen des Bildes.

Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie denselben Werth.

Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter -- Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal!

Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht. Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen, der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses ...

Zu spät -- zu spät erkannt!

»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner Brust« -- tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer Liebe ihn umwehte.

O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur, daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest -- ich erfuhr es auch!«

Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört, nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht einmal ein Schrei flammender Reue -- nicht einmal das Schmerzenswort, das Erlösungswort:

»~Verzeih!~«

Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen, ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus. Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war -- lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,« hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren verwischt ... Wie viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele Thränen darauf gefallen sein! -- Die Hand zitterte, mit der Paul den Brief bei Seite legte und mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte beschriebenes Blatt. -- Mariens wohlbekannten Schriftzüge, das Datum, drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift »Lieber Paul!«

»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du dachtest, ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.«

Nein -- er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren, er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen Abschieds ersparen.

Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte, schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme wiederholend: »Weine nicht!«

Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen. Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor -- inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!«

Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging -- der Unglückselige! ...

Er las weiter.

»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!«

»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, schrecklich, hoffnungslos -- eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten, eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ...

Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen, eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen, ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge auseinander -- -- --

... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin legte ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem Schoße.

»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort -- »noch immer bei ihr?«

Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer.

Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück.

»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung entgegen kam.

»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.«

* * * * *

Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief; er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse. Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht zumuthen könne, das Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen entschlossen sei.

Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht, nur nicht -- mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir wissen ja -- Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber, so leid mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.«

Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden.

»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine Absicht ist, dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? -- Warum soll ich ihn warten lassen auf meinen Tod? Und dann -- ~eine~ Gräfin Neumark möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon wissen, vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt nicht an der Zeit ... Und Du wirst ja hören --«

Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast zutraulich geworden.

Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte, wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam.

Druck von ~E. Bernstein~ in Berlin.

Anmerkungen des Bearbeiters

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Seite 97: eineinzutreten geändert zu einzutreten in: forderte sie jedoch auf, einzutreten.

Seite 103: ünwillkürlich geändert zu unwillkürlich in: und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger

Seite 107: fremdeu geändert zu fremden in: im Namen einer fremden Frau empfangen.

Seite 112: ihn geändert zu ihm in: um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient aufzunöthigen.

Seite 181: Dübois geändert zu Dubois in: dem Bruder Dubois nach Frankreich

Seite 181: ans geändert zu aus in: holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte

Seite 184: allertieften geändert zu allertiefsten in: ein Genießender im allertiefsten Sinne.

Seite 186: das geändert zu daß in: diese Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß Lernen dumm macht.«

Seite 331: ihrer geändert zu Ihrer in: Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche

Seite 396: Freiherrr geändert zu Freiherr in: »Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.

Seite 408: Bieguug geändert zu Biegung in: in die Biegung der Straße einlenkte

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