Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 21

Chapter 213,681 wordsPublic domain

Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen.

»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! ... Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen und sagen: Sie kennen mich jetzt -- mein Herz -- -- meinen Charakter -- und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... _et cetera_! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Noth eines provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im Reinen.«

»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: Wir heirathen uns,« sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden Ausdruck beseelt erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ... ja verliebt. -- Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.«

Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal behauptet, daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert. Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren. Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren, der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht; es ist eine Tollheit, daß ich bestehe -- aber ich bestehe doch! ich leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch‹!«

»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! -- die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber! Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht hergestellt.«

Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, da sie am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich den Weg nach dem Klub ein.

* * * * *

In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! -- Rauh weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker als der Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, -- keine Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche die Straße führt, gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich an einander, als bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des schwimmkundigen Federviehs.

Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Cigarre von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb. Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar.

Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg gegen Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und Thürmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen.

Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn er an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah, und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte. Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit, mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte.

Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens, er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig; einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei- und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im Schutte deutlich verriethen.

Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus Christus!«

»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul.

Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den frevelhaften Spaß versteh' ich nicht.

Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie herausfordert.

Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker, großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen. Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. Hier hatte er sie gefunden, als er -- einmal schwach in seinem Leben! -- den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit mir wagen, Marie?«

Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!«

Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und heftig rief er: »Warum? sage -- warum?«

Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst, und -- weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.«

Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's!

Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen.

Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im Weiterschreiten: »Arme Marie!«

Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ...

»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen. -- Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes, über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte die alte Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte Pauls Schulter mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter: »So, so -- laß ihn -- er liebt das nicht -- es ist genug --« Er selbst erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor dem fremden Manne hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu mit seinen blutlosen Händchen bedeckte.

* * * * *

In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft. Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und abermals verließ sie das Gemach.

Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden, sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter -- Du mußt Geduld haben.«

Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des Gesprächs entglitt ihm -- alt war er geworden!

Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen, den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin entschuldigend zu Paul: --

»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt -- -- für den Vater und mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr gespeist seit dem -- seit dem Tode ...«

Die Stimme versagte ihr.

»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen Wimpern gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge.

Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch dieser Verlust?

Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus ihren verwitterten Zügen -- Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer Seligkeit als -- die Kraft, sie zu genießen.

Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen zu finden, hatte er nicht erwartet.

Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden, hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach kicherte und scherzte ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken, hier -- nimmermehr! Sie, mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre? Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ... Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ... Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen.

Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte, sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es ~kann~ ihm bei uns nicht wohl werden!«

Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit!

-- Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind!

Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war.

Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. Zum ersten Mal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten, hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt -- wie wohl hätte es ihm gethan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen, treuen Augen!

* * * * *

Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das noch im Schlaf liegende Haus.

Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr verwundert, als sie ihren Herrn erkannten.

»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt: _allons! allons!_«

Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem entschuldigenden Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir sind zu dick geworden zu derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung wiederholte, krochen die Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war, schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des Thores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach.

Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde; alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!«

In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, erhob sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen und solider Wohlhabenheit, wie sie immer seltener werden »bei uns zu Lande auf dem Lande.« Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem Schritte auseinander flatternd, die schwarze Kniehose und die hohen, glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe; kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der Große, Balthasar Schießl, der reiche, gescheite: Ein Mann, der's mit jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen einspannen lassen kann. Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz zweihundert Gulden verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr eine Karte angerührt hat.

Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« rief er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: »Wie geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann: »Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund herum, Weib und Kinder gehen in den Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine G'schicht -- dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er denn angestellt?«

»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.«

»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.«

Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger auseinander und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein -- und es kann auch nit sein.«

»Ich kenn' Euch!« sprach Paul.

»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel.

Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast ...«

»Die meinen auch,« sprach Balthasar.

»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden die Leute endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?«

Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft gekleidet, und schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne.

»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem Tone.

-- »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht absolvirt haben.«

»Hat's auch nit.«

»Wie so? Ist er relegirt worden?«

»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem Schulzimmer, oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu studiren. Aber -- vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst --,« sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja nit verkaufen können.«

»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den duldet Ihr?«

»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, und wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu, zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches er auf die Ortszustände geworfen.

»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure Kinder zu ihm in die Schule schicken!«

»Ich schick' die meinen nit.«

»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in Sonnberg?«

»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich kann's ja thun.«

Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken nicht angenehmer Art versunken.

»Wenn die Frau ~Gräfin~,« sagte der Alte auf einmal, und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und hier --« setzte er, in plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch anders aussehn!«

Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten.