Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)
Part 11
Eines Abends -- es war kurz nach der Promenade unter dem seidenen Dach ihres Collegen Bretfeld -- bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils größerer, theils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause angelangt, das Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien stehen geblieben zu sein -- und zu warten wie sie ... Vielleicht auf das Oeffnen des Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen, ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so regungslos an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen.
Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, so oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger gefallen zu lassen.
Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie stehen, wandte sich um und sprach:
»Herr Bretfeld -- was soll's? -- Das muß ein Ende haben.«
Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so, entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er:
»Mein Fräulein -- nein!«
»Wie so -- nein? Was heißt das?«
»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen -- in ehrerbietiger Entfernung, wie bisher.«
»Und wenn ich es Ihnen verbiete?«
»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. -- Habe ich mich Ihnen lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu bedeuten gesucht: Ich bin da? -- Sie hatten bisher die Gnade, mich nicht zu sehen -- fahren Sie so fort, mein Fräulein.«
»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.«
»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie --!« Wie unterdrückter Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen -- um meiner Ruhe willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr unangenehm.«
»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire. »Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.«
»Und was!« rief er freudig.
»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.«
Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her.
»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.«
»Meinen Freunden? -- meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich unterhalte ~mich~? kommt das in Betracht? bin ich auf der Welt, um ~mich~ zu unterhalten? -- die Anderen höchstens. Nun, das wird tagsüber besorgt -- am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren ruhen. Es soll fortan geschehen.«
»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus.
»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?«
»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und Ungeduld; und -- ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen -- zufrieden heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus, schläft wohl schon sanft und süß, oder -- ich folge Ihnen, ein getreuer Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!«
»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet. Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre gute Meinung, und: Es bleibt dabei. -- Warten Sie nicht mehr an der Straßenecke wie ein Commissionär -- ich komme nicht!«
Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte.
»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig.
»Nicht später als morgen.«
»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in neuester Zeit kaum einen Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir -- ~wollen~ Sie auch nichts wissen?«
Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem, der sie gestellt, lächelnd empor und sprach:
»Was war das nun? Scherz oder Ernst?«
Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft schien: »Wählen Sie!«
Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange!
»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.«
»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?«
»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen mir schon sehr.«
»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr ruhten. »Ich will nicht -- ich kann das nicht brauchen, daß mir Jemand gefällt -- ich habe andere Sorgen.«
»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an -- ich habe ein Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche Sorgen, Fräulein?«
Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen und sagte endlich:
»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen gedrängt haben.«
»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll.
»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer heucheln muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ... Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges. Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit, in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer ... heiter scheinen -- ich ~mußte~ es können, aber ich verachtete mich, daß ich's konnte. -- Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich erlebt habe? -- Als ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden, da lag meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde, -- das verschmerze ich nie.«
Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone fort, »ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ -- wir ~mußten~ sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute --, von mir getilgt werden sollten. Daran arbeite ich nun.«
»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein werden, stehen Sie vor nichts?«
»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum -- der mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, Herr Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.«
Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich eben verbeten hatte.
»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm' ich mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!«
»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen, das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen. Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.«
»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ... sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.«
»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?«
»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind Sie fortan nicht mehr ...«
Schutzlos! -- Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit Entrüstung nach und fügte hinzu:
»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.«
Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war zurückgetreten -- aber -- mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit in seinem Gesicht!
Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und sich elend zu fühlen schien.
»Herr Bretfeld --« begann sie. Da schlug die Uhr vom nächsten Thurm Zehn und dann ein Viertel nach Zehn, du guter Gott! -- »Herr Bretfeld, leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit einem schweren, pochenden Herzen.
* * * * *
Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt.
Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde sprachen:
»Fräulein Dübois!« -- »Herr Bretfeld!« -- »Können Sie mir verzeihen?« Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und die Erde war schön und das Leben leicht.
»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das habe ich durch meine Rauheit erst recht heraufbeschworen. Statt an nichts Anderes zu denken, als an meine Schulden, habe ich fortwährend an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr College!«
»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht sich von selbst.«
Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die aus?«
»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich, Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie, Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.«
»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.«
»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern wird.«
»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen -- auf Ihre Gefahr! ... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.«
So sprach Claire am Mittwoch.
Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln. Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie empfunden habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr! Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du später oft so leichten Herzens aufgeben konntest.
Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und die Geliebte stand vor ihm.
Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb.
Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. Er hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus.
Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine Enttäuschung.
»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, an Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.«
Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische saß.
Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen, faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte.
»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,« nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu: »Meine Freundin und zweite Mutter.«
Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du werth? Du bist wohl nichts werth.«
»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« nahm Frau Karoline das Wort -- und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu Deinen Augen -- »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.«
Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren jeder einen Verstand für sich zu haben schien.
»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. »Es wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen sollte.«
»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, die für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte.
»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir die aus dem Spiel -- Du weißt, was ich von ihr halte.«
»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte Claire. »Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und Gefallsucht.«
Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich werde mich bemühen, aber -- aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung. Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen, die Ihnen dieses Wort bedeutet.«
Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. -- Arnold war Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf dieser Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben -- Gedanken, die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist, und wenn die Fähigkeit zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den Menschen bestimmt, so ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen zukommt.
Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte ein förmliches Verhör:
»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?«
»Ja.«
»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?«
»Nein.«
»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, denn ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.«
»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.«
»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. -- Compositeur sind Sie nicht?«
»Leider nein.«
»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt, zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders musikalisch zu erfinden -- nichts verweichlicht und erschlafft so sehr und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen, sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom hundertjährigen Familienbrauch?«
»Jetzt nichts mehr.«
»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹ ist die Devise des Hauses. -- Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren Verwandten?«
»Auf ganz freundschaftlichem.«
»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft -- Sympathie, die gleichen Interessen?«
»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch die des Berufes nicht sind.«
»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns fremd ist.«
»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir zusammentreffen.«
»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden sind wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? -- Nein, Herr. Die Kluft zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und Erwerb, ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.«
Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen?
Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und ängstlich ein alter Mann herein -- eine Erscheinung von auffallender Schönheit.
Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige Farbe desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß. Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht. Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!«
Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, und sobald Jener das gewahrte, gerieth er in Bestürzung und begann zu winken:
»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! -- Was fällt Ihm ein? Karolinchen, sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...«
Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.«
»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,« entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so -- so ist's recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?«
Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe. »Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!«
»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune, denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!«
»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, die blaue,« sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos hinwegführen.
»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit Arnold allein geblieben war.
»Irrsinnig?«
»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange leben.«
»Gott geb's unter solchen Umständen!«
»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.«
»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?«
»Ja, ja, das hat sie gethan.«
»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er selbst freilich für ein außerordentliches hielt. -- Stimmt das?«
»Es stimmt.«
»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt, hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner Compositionen. Ich habe selbst einmal solches Monstrum zu Gesicht bekommen.«