Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 12

Chapter 123,695 wordsPublic domain

Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen, verlassen. -- So war es doch?«

»Ich glaube.«

»Sie wissen es nicht?«

»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn, mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.«

Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk erschöpft heimkehren!«

»Was denn -- warum denn?«

Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er.

»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire.

Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist das eine Erholung?«

»Ja -- jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen muß die ganze Woche hindurch.«

Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt, und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe Deine Seele und will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein.

Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung, daß man mir vertrauen darf?«

»Ich bin der Meinung.«

»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?«

Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg.

»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre Neigung zu gewinnen -- Claire, theure Claire.«

Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre hinein. Und diese kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen, und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein bergendes Obdach zu errichten.

»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.«

»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen denn ganz gleichgültig?«

»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. -- Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?«

»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich Ihnen so schön gestalten will!«

»Aufleben -- für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das -- ich weiß, was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen und Schlechten -- das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie dringender fort, als er sie unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!«

»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.«

»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.«

»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr Leben -- um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen Ueberfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.«

Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da machte er eine rasche Bewegung -- von einer Seite des Tisches fiel polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte.

Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. »Wir sehen uns wieder, morgen. Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten Sie nicht auf mich,« bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der Thür.

Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das Schloß von innen versperrt worden.

Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostesworte murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger Schritte.

In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire -- ja, ja, sie hatte Recht gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte -- Erbarmen war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, es vollbringen zu können, siegte zuletzt über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte ihn mit stolzer, mächtiger Freude.

Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und -- verzieh er sich.

* * * * *

Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine Unterredung zu gewähren.

Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten, mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt. Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin verliebt hat.«

»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.«

»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei, Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort mitzureden.«

Arnold verbeugte sich beistimmend.

»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.«

»Darf ich um Gründe bitten?«

Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für Claire, und Claire taugt nicht für Sie.«

»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es mich sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt.

»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe unverändert. Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen -- Sie errathen, wer es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da -- jeder Strich paßt -- nur der Gesammteindruck, den das Ganze auf Andere und auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. -- Ein Glückskind, sage ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen, in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder mit Heimathsrechten aufgenommen. Ueberall wird ihm gehuldigt, überall ist er in entsprechender Weise maßgebend.«

»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie erweisen mir zu viel Ehre!«

»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren, die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal für unwiderstehlich, weiß es und -- bildet sich nichts darauf ein. Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig Anderen -- nur er wird gesehen, man hört nur ~ihn~ --«

»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,« wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht so ... Wenn es aber so wäre -- ganz oder wenigstens ein bischen, mit welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus machen?«

»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben sie eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich gebaut ist, ertragen zu können?«

»Wie kommt das hierher?«

»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern würde,« versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold rief:

»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus nicht an.«

Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis aufnehmen wird?«

»Ohne Weiteres -- nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen. Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen für mich geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten sie, dann fügten sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr, verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort. »Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire, ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten ... Ich will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will an der Seite Claires im Frieden meiner Hausgötter leben und meine Kinder, wenn mir solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.«

Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor: »Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt! Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. -- Herr, Herr! Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!«

»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze der Natur zu folgen?«

»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden Einzelnen von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt -- ein räthselhaftes Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam -- manchmal unsäglich blöd ... Ja, die Natur -- der Natur muß man folgen!« Sie ließ ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichts herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man muß ~nicht~,« sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich, »wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals thun, was Alle thun.«

Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der Baronin, die ihm als thörichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien, sprach Arnold zum ersten Mal zu dieser Frau im Tone ironischer Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraus haben wolle vor seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche, als das des nächsten Besten.

Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür des Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden vernahm.

Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank, ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel; daraus bestand die ganze Einrichtung.

Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im Zimmer Fräulein Claires befinden?«

»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis dahin ist es mein Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen Speisesalon,« entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln.

Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus genoß er ihr Entzücken.

Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter hier zu erwarten?«

»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben -- ja.«

Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken. Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten Lieblingsparadoxe zum Besten -- Alles vergebens. Die unerbittlich ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichthums wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet, das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Aehnlichkeit mit denen des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden Eindruck auf Arnold gemacht hatte.

»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin erwiderte:

»Schlecht gemalt -- von mir gemalt. Meine Kinder.«

»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...«

»~Waren~ --« fiel sie ein, »es ~waren~ meine Kinder -- ja. Beide todt. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich so viel wie todt.«

In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen: Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen ist dem Kind verziehen, das sich von Dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb, nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin. Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre Schutzbefohlene der Stärkere sei.

Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten Besucher erblickte.

»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine Conferenz stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu.

»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz gehabt. Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder bleibt bei seiner Meinung.«

»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold.

Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber und ihre starrsinnige Freundin und ließ sich dann vor dieser langsam auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach sie, »gestern habe ich ihm Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun wir, was uns als solchen zukommt, geben wir nach.«

Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend fortfuhr:

»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber, sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will. Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus -- wer weiß, wie bald!«

Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, neuen Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen.

* * * * *

So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen, Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie sich: Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen, schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem Vertrauen.

»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens aufrichtig und beseligend -- es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller Menschen.«

»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine Rolle, nur besser als Du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu halten, wofür er sich giebt, und das gewährt ihm ein außerordentliches Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds, und ...«

»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.«

»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,« versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen; er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen -- etwas mehr vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre.

Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein einziger bittender Blick würde Alles gut gemacht haben. Kaum bemerkt, und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen Trübungen. Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der Glaube an seine Liebe ihr erschlossen.

Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt, ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde.