Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)
Part 10
Endlich brauste die Locomotive in den Bahnhof und das Erste, was Lotti erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt -- ein Bild der Hoffnungslosigkeit -- starrte die Leute an, die dem Zuge entstiegen, und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in seinem Herzen.
Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da -- ihre Hand lag auf seinem Arme.
»Das hätt' ich nicht gedacht ... daß sie Dich fortlassen ... daß Du ihnen widerstehen kannst ...« Wie ein Verzückter blickte er sie an. »Ich hab einen Wagen ...«
Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein, wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre Erlebnisse erzählen.
Also geschah es. Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und ging schweigend neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der Ueberflüssigkeit sprach, von der sie beim Anblick Halwigs und seiner Frau überkommen worden, bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den ihren fest an sich.
»Hier bedarf man Deiner,« sagte er. »Du warst Dir dort zu viel, ich -- war mir hier zu wenig.«
Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen aber sehr wehmüthig heraus. »Und was hast Du gethan den ganzen langen Tag?« fragte Lotti.
Gottfried räusperte sich: »Hm -- gewartet.« »Sonst nichts!«
»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.«
Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber gerieth er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreißende Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!«
Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach ~sie~, die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer Kindheit an.
Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich? ... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner Wünsche erreichen? ...
Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und der Mund, den er liebte, sprach:
»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das Liebste auf der Welt bist.«
Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte:
»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte.
»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen zu sagen -- Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir sind Brautleute!«
* * * * *
In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als nach zwei Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler gerade in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem draußen die Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer die goldene Spieluhr, zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.
Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß es auch derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich zu langweilen allein mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und vielleicht noch heißer, nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben, die ihn in seiner Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des geliebten Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängniß erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, und dann wieder die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, wenn die Gestalten, die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt durch eigene Kraft einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte. Halwig erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, sie nicht mehr missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So sandte er dem schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch aufgezehrten Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur Zeit, in welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit Agathens einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti:
»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war umsonst gebracht.«
Aber Lotti erwiderte: »~Nicht~ umsonst.«
Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses Opfer,« sagte er, »wüßte sie vielleicht heute noch nicht, daß der Gottfried auch einmal etwas für sich wollen konnte.«
Wieder die Alte.
I.
In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste, eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen Lection des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten, spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden Weise, in der sein Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen es bald nicht mehr bei einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« -- »Guten Tag,« -- und schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« -- »Guten Tag, Herr Bretfeld.«
Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt. -- Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße.
Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein,« worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach mir.« -- »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und erschrak derart über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz verlegen aus dem Staube machte.
Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das Arnold Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte er ein unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte: Was hab' ich denn? -- kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit, die Du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem er sich so schrecklich blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der Clavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete dastehen sah. Er half ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den fallenden Schnee.
»Fräulein kommen von Hause?«
»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.«
Drei Lectionen! -- Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden.
Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den Zimmern ihrer Schüler führte.
Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide.
»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen vermöchten.«
»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und -- zu sehen.
Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein, und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau.
Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin L. und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends, während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd, ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!«
Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats. Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem Portier.
»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen haben heute frei.«
»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch.
»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.«
Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie mit dem Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die siegelversehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden.
»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?« fragte das Mädchen nach einigem Zögern.
»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine Loge.
Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen, die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft.
»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien zuzubringen. -- Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete.
Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte.
»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht einmal ein Parapluie!«
»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem Lachen, das ein wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?«
»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis zu einer Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte.
Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch Muße genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares war: _Monsieur et Madame Dubois_, Professor und Professorin der Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich gewandert waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre Ersparnisse -- dem Bruder Dubois nach Frankreich zugesendet und von diesem verwaltet -- war allmälig zu einem Capital angewachsen, von dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen, in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte, und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im Begriff, abzureisen -- da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt, ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und versucht womöglich von vorn anzufangen.
Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb. Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken, war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers; die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten, an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte, die ersten Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen, den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über ihn! -- wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und -- in traurigen Verhältnissen, wie es heißt. -- Unfaßbar eigentlich, die Leute haben so viel verdient. -- Die Frau soll sterbenskrank sein. -- So möge der Mann doch daheim bleiben und sich pflegen.
»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili; »nimmst Du ihn wieder?« -- »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur Pombal engagirt.«
Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es sich von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe thun, und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen.
So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen und den Vorübergehenden mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut entgegen zu halten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl sie, verschaffte ihr Lectionen.
»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen -- ach nein, ich war und aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin --, sondern weil ich immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine; meine Lustigkeit, die gab uns Brot.«
Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.«
»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?«
»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage.
Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder auf ihn. »Sie wissen nun,« sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.«
Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen. Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang, eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird, gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu rechtfertigen.«
»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches Wort zu hören, wie wohl thut das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt: Ich bin's!«
Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? -- Nein, die waren todt. -- Geschwister? -- Ja, zwei Brüder; beide verheirathet, Geschäftsleute durch und durch.
»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er.
Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig denken zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des ehrenwerthen Hauses Bretfeld.«
Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es davon abzubringen.«
Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre Kämpfe gehabt?«
»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, seitdem es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.«
Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte, indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich -- ihre Unwissenheit. »Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, was ihre Mamas so freut, denn die meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß Lernen dumm macht.«
Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan.
Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das scheinbar Leere geschaut.
* * * * *
Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn sie »nur einige Damen« hatte, und zu ihren Eltern, wenn ein Partner zum Boston fehlte. So lange Claire im Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas zuvorkommender höchstens. Ueber die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte, wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine Prätentionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben. Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus der Gesellschaft davon zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen. Ohne Abschied war sie mit einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park, dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte sie noch nicht gekannt -- und nun plötzlich lernte sie beide kennen.