Part 9
Bei Kroll war Doppelkonzert. Kaum war im vorderen Teil des Gartens die ›Tannhäuser‹-Ouvertüre zu Ende, so fing hinten schon der ›Bettelstudent‹ an. Man schob sich langsam durch das Menschengewühl, man sah in die magischen Lampions und in das Gewirr der Gasflammen, die sich in Prismen spiegelten. Wasserspiele gaben flüssiges Gold. »Es ist feenhaft«, erklärte Mutter Grunow, während sie die ersten Schinkenstullen verteilte. Ja, ›feenhaft‹, klang es in der kleinen Berta nach. Das war das richtige Wort. Man wurde endlich dem gemeinen Leben entrückt.
Onkel Tübbeke war ein Musikschwärmer. Er hielt es nicht lange bei Bier und Stullen aus -- er wollte von Saro und seinen »Franzern« das ›Carmen‹-Potpourri hören. Dann zog es ihn zu Selchos Kürassieren, die eine richtige Schlachtmusik mit Gebet und Kanonendonner produzierten. Berta lief mit dem Onkel. Sie wollte keinesfalls etwas versäumen -- ihr Hunger war heute nicht groß. Als man eben von den Kürassieren ›Heil dir im Siegerkranz‹ gehört hatte -- drängte sich Tante Grunow heran und flüsterte: »Bertchen, denke dir, dein Mutterchen ist hier! Eben hab' ich sie gesehen! Sie ist an unsern Tisch vorbeigegangen, zwischen zwei feinen Herren! Gott, so was Nobles! Und nun sagt mir Tante Milchner, daß sie drüben in 'ner Bude steht und Schnäpse verkauft!«
Berta vergaß alles andere. -- »Wo?« fragte sie. Sie war ganz bleich, obwohl man eben rot beleuchtet wurde.
Onkel Tübbeke winkte ärgerlich ab: »Na, laß doch, Mathilde!«
»Ich will meine Mutter sehen!« rief Berta und stampfte mit beiden Füßen.
Tübbeke drängte sich zu seiner Schwester: »Du kannst doch nicht mit dem Kind vor die Bude gehn! Womöglich steht der Baron da!«
»Das glaub' ich nicht! Sie ging nicht mit ihrem Mann -- das sieht man doch! Wir brauchen ja bloß mal vorbeizugehen, damit das Kind mal seine Mutter sieht! Anquatschen ist ja gar nicht nötig! Verdirb ihr doch die Freude nicht!«
Berta zog die anderen schon fort. Fräulein Milchner führte. Bald blieb man in einiger Entfernung stehen, konnte aber den hellerleuchteten Verkaufsstand gut betrachten. Berta starrte auf eine hohe, blonde, vornehme Frau. Das mußte sie sein -- so hatte sie sich ihre Mutter immer vorgestellt. Wie glücklich sie war -- wie sie lachte und plauderte! Jedem Herrn gab sie ein gutes Wort.
»Na, nun gehn wir wieder«, drängte Onkel Tübbeke, dem die Situation unheimlich war. Berta stand zwischen ihm und Fräulein Milchner, aber Frau Grunow, die heute erstaunlich regsam war, entwischte. Sie konnte nicht anders -- sie mußte sich bemerkbar machen. Dreimal ging sie hinter den Herren, die mit der Baronin sprachen, vorbei. Beim drittenmal gelang es ihr: Liese erkannte Frau Grunow. Sie verfärbte sich, blieb aber jeder Lebenslage gewachsen. Rasch übertrug sie einem jungen Mädchen ihr Amt, entschuldigte sich und verließ den Verkaufsstand.
Sie wußte selbst nicht, was sie trieb. Sinnlose Jahre versanken. Vielleicht war auch ihr Kind da. Sie ging auf Frau Grunow zu. Mit ihrem fürstlichen Federnhut stand sie vor der alten Näherin: »Guten Abend, Frau Grunow! Wie geht es Ihnen denn? Wo ist denn Berta?«
Die Alte war ganz bewegt von so viel Leutseligkeit: »Ach, Berta ist auch da, Frau Baronin. Wir haben dem Kind mal eine Freude gemacht.«
»Wo ist sie? Bringen Sie mich zu ihr. Aber bitte recht unauffällig.«
Berta sah ihre Mutter auf sich zukommen. So etwas Schönes hatte sie nie erblickt. Jetzt fühlte sie eine duftende Hand am Kopf und hörte die leisen, unsicheren Worte: »Kind ... Ja, du bist wirklich hübsch geworden ... Wie mich das freut! ... Du sollst ja auch so brav sein in der Schule ... Ach, Herr Tübbeke ... Verzeihen Sie, Herr Tübbeke -- ich habe Sie noch gar nicht begrüßt ... und Fräulein Milchmann ...«
»Milchner«, verbesserte die Lehrerin. Onkel Tübbeke verbeugte sich mehrmals, wußte aber nichts zu sagen.
»Ich muß wieder zu meinen Likören«, sagte jetzt die Baronin. »Eine etwas anstrengende Sache, diese Wohltätigkeit, aber mein Gott, man tut es für die Armen.«
Berta lauschte scharf auf jedes Wort. Sie konnte unterscheiden, daß die ersten Worte der Mutter ganz warm und natürlich geklungen hatten. Was sie zuletzt sagte, klang etwas künstlich und erinnerte sie an die Dame, die den Prolog gesprochen hatte. Auch bemerkten die forschenden Kinderaugen, wie müde und verbraucht das schöne, gepuderte Gesicht war.
»Ich muß fort«, sagte Liese nochmals, die Hand auf Bertas Schulter legend. »Aber nun will ich das Kind doch öfter sehen. Jetzt ist es mir egal, Frau Grunow. Man hat solch nettes Kind und kennt es kaum. Wissen Sie, mein Mann ist jetzt verreist -- da geht es ausgezeichnet. Kommen Sie doch nächsten Donnerstag um vier Uhr zu mir -- Roonstraße 3 B, nicht wahr, dicht am Königsplatz -- kommen Sie mit dem Kind und gehen Sie für alle Fälle über die Hintertreppe -- man kann ja nie wissen -- ich werde den Portier instruieren. Also vergessen Sie nicht: die Hintertreppe.«
»Gewiß nicht, Frau Baronin. Wir kommen ganz bestimmt, Frau Baronin. Die Kleine freut sich ja schon so --«
»Das ist schön. Ich auch. Aber nun muß ich ihr doch etwas zum Geburtstag geben --«
Liese sah sich suchend um. Da kam ein kleiner Verkäufer mit allerlei Backwerk vorbei. Liese stopfte eine große Tüte voll und legte sie Berta in den Arm. Dann eilte sie fort.
»Nun kommt man weiter«, drängte Onkel Tübbeke. »Es ist auch spät, wir müssen nach Hause.«
Berta war es zufrieden, sie hatte ihre Mutter gesehen. --
Am Donnerstag nachmittag erwartete Baronin Bassenried zum erstenmal Besuch in der Küche. Eigentlich war die Lage nicht ungefährlich, denn der Baron konnte jeden Tag zurückkommen. Ziel und Dauer seiner Reisen waren immer ungewiß, aber Liese hatte inzwischen so viel Einblick in seine Geheimnisse bekommen, daß sie sich auch eines erlaubte.
Im übrigen war vorgesorgt. Friedrich, den Liese am meisten fürchtete, hatte für den ganzen Tag Urlaub. Die Köchin war in die Stadt geschickt worden und konnte erst abends zurückkehren. Auf die Portiersleute durfte Liese sich verlassen. Die hielten es unbedingt mit ihr. Sie grollten dem ›vornehmen‹ Herrn, der das Franseckysche Haus in Verruf gebracht hatte.
Liese lächelte wehmütig, als sie den Kaffeetisch in der Küche betrachtete. Die kleine Berta würde ihn gewiß sehr nobel finden.
Jetzt schlug es vier. Alsbald hörte Liese Schritte auf der Hintertreppe. Sie öffnete vorsichtig die Tür -- Frau Grunow stand vor ihr und hielt Berta an der Hand. Rasch wurden sie eingelassen. Liese küßte das Kind und spürte, wie andächtig es den Duft ihres Kleides einsog. Dann saß man am Kaffeetisch.
»Ich habe hier gedeckt, Frau Grunow. Hier ist es gemütlicher. Aber nachher zeige ich euch die ganze Wohnung.«
Die letzten Worte sagte sie mit deutlichem Trotz. Frau Grunow lächelte: »Na, es gab wohl 'ne Zeit, wo Frau Baronin nicht mal an so 'ne Küche gedacht haben.«
Liese errötete und sah auf Berta: »Da haben Sie recht, Frau Grunow. Aber die Hauptsache ist, daß man selbst der alte bleibt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«
»Nein, Talmi -- gibt es auch 'ne Menge und sogar falsche Scheine.«
Liese wandte sich nervös zu Berta: »Nun erzähl' mir mal was von der Schule, Kind!«
Berta sah erstaunt zu ihr auf. Konnte das ihre Mutter interessieren?
»Die denkt jetzt bloß dran, daß sie hier ist,« meinte Frau Grunow, das feine Porzellan und die Wappen auf den silbernen Löffel musternd. »Sie glauben ja nicht, Frau Baronin, was die uns zu Hause gequält hat. Wie verhext ist sie gewesen, dabei war ich natürlich nicht so dumm, ich habe ihr immer wieder gesagt: Kind, hab' ich gesagt, das ist nichts für dich -- schlage dir solche Sachen aus 'm Kopp. Das ist doch viel besser für so'n armes Mädchen, nicht wahr ...«
Liese nickte und sah dann unruhig auf die Tür, die zur vorderen Wohnung führte.
»Haben Sie was?« fragte Frau Grunow, Kuchen essend.
»Nein, nein ... Ich dachte nur, ich hatte vorn etwas gehört, aber es war eine Täuschung. Ich bin jetzt sehr nervös.«
»Gott ja, das vornehme Leben --«
»Sein Sie froh, Frau Grunow, daß Sie nichts davon wissen. Bertchen, was hast du nur für nette schwarze Augen --«
Das Kind fuhr auf und griff sich unwillkürlich ins Gesicht. Zum erstenmal wurde ihm etwas über seine Augen gesagt.
»Ach ja, die sind schon hübsch,« meinte Frau Grunow. »Bloß manchmal hab ich Angst, daß sie's Schielen lernt. Sie ist nämlich sehr kurzsichtig. Zu Ostern muß ich ihr 'ne Brille kaufen.«
»Aber pfui! Das sieht doch so häßlich aus.«
Berta sah mit harmlosem Staunen zu Liese auf. Warum denn das? Warum sollte sie keine Brille tragen, wenn sie dadurch besser sehen konnte?
»Eßt Kuchen. Ich muß doch mal horchen. Einen Augenblick ...«
Liese stand auf, öffnete die Tür und lauschte in den Korridor. Das wurde Frau Grunow allmählich unheimlich. -- »Sollen wir nicht lieber gehen, Frau Baronin? Es ist schon halb sechs --«
Berta seufzte tief -- aber sie wagte keinen Widerspruch. Liese kehrte an den Tisch zurück. Sie war blaß, und ihre ringgeschmückten Hände fuhren unstet umher: »Nein, nein, Frau Grunow. Nach anderthalb Stunden? Das lohnt sich doch kaum. Ich weiß gar nicht, was heute mit mir los ist. Immer kriege ich gleich -- wie nennt man's doch? -- neulich habe ich erst einen schönen Vortrag drüber gehört -- Halluzinationen, glaub' ich --«
»Ach ja, Halunkinazionen? Das ist was mit Nerven.«
Liese lachte müde: »Ja, gewiß! Aber man muß sich dagegen wehren. Man muß -- --«
»Jetzt hab' ich auch was gehört!« rief Berta plötzlich, ihre schwarzen Augen auf die Tür richtend.
Liese sprang auf -- der ganze Kaffeetisch klirrte. »Glaubt ihr, daß jemand in der Wohnung ist?!«
Rasch entschlossen erhob sich Frau Grunow, packte Bertas Hand und zog sie zur Treppentür: »Komm, Kindchen, komm! Adjö, Frau Baronin. Auf 'n andermal!«
»Bleiben Sie ruhig -- --«
In diesem Augenblick wurde vom Korridor aus die Tür geöffnet. Liese sah es nicht sogleich, denn sie wandte dem Eintretenden den Rücken. Frau Grunow aber kam nicht mehr mit Berta hinaus -- davonlaufen war nicht möglich.
Der Baron stand in der Küche. Sein harter Blick überflog das überraschende Bild. -- »Guten Tag, Lies! Da bin ich wieder! Hier sind ja sonderbare Zustände! Vorn kein Mensch, der mir den Koffer abnimmt -- und in der Küche Kaffeebesuch? Was sind das für Leute!«
Frau Grunow zuckte zusammen: »Oh, so weit sehr anständige, Herr Baron! Hochanständige, das kann ich Ihnen man bloß sagen!«
Der Baron sah die Alte von oben bis unten an: »Was wünschen Sie? Ich kenne Sie nicht!«
Jetzt faßte sich Liese: »Du wolltest erst Ende der Woche kommen --«
»Ach, meine frühere Rückkehr stört wohl dein Programm?«
»Laß mich in Ruhe! Du bringst mich in eine Situation --«
»Erst möchte ich wissen, in welche Situation du mich bringst? Wer ist das Kind?«
Nach den letzten Worten ging der Baron auf Berta zu. Die Kleine wich vor dem großen, drohenden Mann entsetzt zurück und klammerte sich an Frau Grunow.
»Laß sie, August! Was fällt dir denn ein? Ist das die Art -- --«
»Erst will ich wissen, wer das Kind ist!«
»Nun ja, also! Es ist mein Kind! Mein Kind!! Damit du's ganz genau weißt!«
»Was?! Das bringst du mir ins Haus?! Das wagst du mir vor Augen zu bringen?!«
»Lächerlich! Du brutaler Mensch! Was soll denn das arme Kind davon denken?«
»Ich bin brutal?! Ich bin --?!«
Er packte die Kaffeekanne und schmetterte sie auf die Steinfliesen der Küche. Jetzt riß Berta sich los und stürzte angstvoll die Treppe hinunter. Frau Grunow folgte ihr, so schnell es ging. Noch auf dem Hof hörten sie die wütende Mannesstimme und das Klirren der Scherben. An einem Parterrefenster erschien eine erschrockene, uralte Dame. Die Portiersleute standen blaß im Hausflur. Frau Grunow hatte Berta eingeholt und lief mit ihr auf die Straße hinaus. -- »Das will nu 'n vornehmer Mann sein!« flüsterte sie. »Das will nu 'n vornehmer Mann sein!«
»Wer ist es denn?!« fragte Berta mit zitterndem Munde.
»Na, der Baron! Der Mann von deiner Mutter!«
»Der Mann von meiner Mutter? Und ich? Ich bin dran schuld?«
ZWÖLFTES KAPITEL
Liese schloß sich nach dem Zusammenstoße in der Küche drei Tage ein. Das Schlimmste, was in ihrer Erinnerung haften blieb, waren die entsetzten Augen des Kindes. Eine Beschämung ergriff sie, die nicht wieder gutzumachen war.
Was ihr bisher nur gedämmert hatte, jetzt trat es in helles Licht: Nicht Viktor Schwarz war der Verderber ihres Lebens -- von ihm brauchte sie keinen Schimpf zu fürchten. Er wahrte die »Form.« August von Bassenried aber hatte sie entwurzelt. In einem Sumpf watete sie. Dieser Mensch würde sich nicht nach ihr umsehen, wenn sie versank und erstickte.
Durch ihn konnte sie nicht Mutter werden, und nun mordete er die Mutterschaft, die ihr gegeben worden. Sie fühlte, daß es zum Widerstande zu spät war. Nicht zu ihrem Kinde konnte sie sich retten -- sie hatte es versucht, und der Versuch war mißlungen. Nun gab sie es auf. Berta hatte ihr wirklich nie gehört. Draußen, irgendwo in der Fremde war ihr Platz.
Liese schauderte zusammen. Wenn sie ihm trotzte, würde er sie auf die Straße jagen. Dem Elend war sie nicht mehr gewachsen. Einem seelischen Besitz jedes Opfer zu bringen -- diese letzte Kraft des Weibes war in ihr gebrochen. Nun mußte sie laufen, wie der Rattenfänger lockte.
Je mehr diese eisige Empfindung in ihr Platz griff, desto ruhiger wurde sie. Da war es ihr am dritten Tage ihrer freiwilligen Haft ganz lieb, als es pochte. Der Baron konnte es nicht sein, der hätte anders getrommelt. Das Pochen kam von einem Untergebenen.
Sie öffnete -- Friedrich stand vor ihr: »Frau Baronin -- nun möcht' ich doch mal nachsehen, was mit der Frau Baronin eigentlich los ist? Heute ist der dritte Tag -- Frau Baronin hatten doch höchstens ein paar Keks im Zimmer und den Madeira vom letzten Spielabend?«
»Ich habe nichts angerührt. Bloß Wasser hab' ich getrunken.«
»Mein Gott, nun müssen Frau Baronin aber gleich was zu sich nehmen. Ich hab' schon was mitgebracht. Frischen Kaffee und Rührei und Schinken -- auch ein alter Kognak wäre zu empfehlen.«
Jetzt spürte Liese doch Hunger, aber sie beherrschte sich: »Erst sagen Sie mir mal, ob sie das von selber bringen, oder ob der Herr Baron es befohlen hat?«
»Der Herr Baron? Den hab' ich ebenso lange nicht gesehen wie die Frau Baronin.«
»Ist mein Mann verreist?«
»Das glaub' ich kaum. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Er wird wohl wieder eingeladen sein.«
Liese wandte sich von dem tückischen Blick des Dieners ab: »Ich danke Ihnen, Friedrich. Stellen Sie die Sachen nur hin. Ich werde später ausgehen.«
Friedrich horchte auf. Das war ein neuer Ton der Dulderin. Sie hatte das Leben wohl endlich begriffen. --
Als Liese eine Stunde später das Haus verlie,. dachte Friedrich mit zynischem Lächeln: ›Tiptop! Ein schneidiges Weibsbild! Nun wird sie es ihm besorgen, dem alten Laster!‹
Aber Liese ging dumpf und finster durch den hellen Tag. Sie haßte jetzt Dinge und Menschen. Alles kam ihr so überflüssig vor. Die einzige Belebung, die sie spürte, war der Drang, in ein Kaffee zu gehen und drei Schnäpse zu trinken. Der Kellner machte große Augen.
Mit wirrem Kopf kam Liese in die Roonstraße zurück. Friedrich überreichte ihr einen Brief. Das Mädchen der Frau Generalin habe ihn abgegeben.
»Die schreibt an mich?« stammelte Liese mit berauschten Augen. »Die alte Exzellenz schreibt ja noch sehr schön?« Sie las, und der Alkohol plauderte weiter aus ihr: »Wahrhaftig eine Einladung zum Tee, Friedrich! Für heute nachmittag! Ich bin zwar gar nicht in Stimmung, aber da kann man wohl nicht absagen -- was meinen Sie?«
»Eine Einladung von Exzellenz?«
»Was wundert Sie dabei? Ich bin noch immer die Baronin Bassenried!«
»Ja, freilich -- selbstverständlich! Ich meine bloß -- Exzellenz leben doch so zurückgezogen. Das muß schon einen besonderen Grund haben.«
»Werden ja sehen. Gehen Sie jedenfalls 'runter und bestellen Sie, ich werde mit Vergnügen kommen.« --
Liese zog ein neues Kleid an. Es war aus grüner Seide mit echten Spitzen -- sie hatte es noch nie getragen. Dazu nahm sie ihren Perlenschmuck. Sie wußte selbst nicht, warum ihr daran lag, möglichst vornehm zu erscheinen. Es galt doch nur die Plauderstunde mit einem uralten Frauchen.
Bei Frau von Fransecky fand man noch den echten Biedermeierstil. Ein zarter, welker Duft war in den dämmerigen Räumen. Die alte Dame kam Liese entgegen. Aus ihrem zerknitterten Gesicht blickten die Augen noch recht lebendig. Liese empfand eine vornehme Freundlichkeit, aber auch ein Mitleid, das ihr verdächtig wurde.
»Kommen Sie, liebe Baronin«, sagte die Exzellenz und führte Liese in das Speisezimmer, wo der Teetisch gedeckt war. »Nebenan im Salon sitzt noch ein Gast, den ich Ihnen gleich vorstellen werde. Eine liebe Überraschung. Denken Sie, mein Neffe Hermann von Rotkraut, eben aus Afrika zurückgekommen. Zwölf Jahre hat er bei der Schutztruppe gekämpft -- nun bleibt er endlich in der Heimat. Aber leider, leider« -- hier dämpfte Frau von Fransecky ihre Stimme -- »er kommt invalide. Ich wußte es schon, aber meine Gäste muß ich darauf vorbereiten. In den schrecklichen Kämpfen hat mein Neffe den rechten Arm und das linke Auge verloren. Denken Sie, er selbst kann darüber scherzen, er hat gesagt: ›Tantchen, ich bringe dir nur ein Fragment.‹ Er ist ein Held, ein richtiger Held, er hat etwas Mythisches in dieser gräßlichen Zeit. Deshalb sieht man natürlich über sein Unglück fort, aber eine junge Dame muß ich vorbereiten ...«
Liese blickte finster und bleich vor sich hin. Dieser Hauptmann von Rotkraut war ihr ganz gleichgültig. Das Einzige, was sie spürte, war die Genugtuung, daß ihr solcher Mann nicht gefährlich werden konnte.
Als die Damen sich gesetzt hatten, erschien der Neffe der Generalin. Er schritt langsam durch das Zimmer, als ob ein Mechanismus ihn lenkte. Dabei wahrte er mit seltsamer Kraft die ritterliche Form. Liese sah jetzt mit stärkerem Interesse in das Gesicht dieses Mannes. Er mochte so alt wie der Baron sein, aber die Jugend, die alles in der Gefahr gefunden, lag noch in seinen zerfurchten Zügen.
Man saß sich gegenüber. Die Unterhaltung kam nur schwer in Gang. Liese wünschte sich weit fort, und die Generalin war zu alt -- auch schien sie durch irgendeinen Vorsatz gehemmt. Sie warf von Zeit zu Zeit einen bittenden Blick auf ihren Neffen. Hauptmann von Rotkraut schwieg. Er war zur Verfügung, wenn man seiner bedurfte.
Jetzt gab die alte Frau sich einen Ruck. Sie hielt es nicht mehr aus, sie mußte zum Thema kommen.
»Meine liebe Baronin -- Sie haben sich vielleicht über meine plötzliche Einladung gewundert -- aber ich habe sie, das will ich Ihnen ganz offen gestehen, mit einem bestimmten Zweck verbunden.«
»Was denn, Exzellenz?«
»Hören Sie zu. Sie müssen etwas Nachsicht mit mir haben -- ich bin sehr alt -- der einzige Schutz, den ich noch auf der Welt habe, sitzt vor Ihnen --«
»Fragmentarisch, Tante.«
»Ganz richtig, lieber Hermann. Aber das Herz ist unversehrt -- Gott sei Dank. Du bist auch aus einem besonderen Grunde sehr geeignet, jetzt mein Ratgeber zu sein. Sie wissen vielleicht gar nicht, liebe Baronin, daß mein Neffe einmal sehr befreundet mit Ihrem Gatten war?«
»Davon hatte ich keine Ahnung. Mein Mann erzählt mir aus früherer Zeit so wenig.«
Jetzt wurde der Hauptmann lebhafter: »Das kann ich mir vorstellen. Es ist zu lange her. Wir waren junge Leutnants damals -- bei den Gardekürassieren -- man würde es uns kaum noch zutrauen.«
Liese lächelte: »Ihnen schon, Herr Hauptmann.«
Frau von Fransecky ergriff wieder das Wort: »Jedenfalls -- mein Neffe kennt Ihren Gatten sehr gut. Ich möchte fast sagen: zu gut. Ich für meine Person -- --«
Wieder brach die alte Dame ab und sah hilflos ihren Neffen an. Der griff jetzt endlich ein: »Du möchtest sagen, Tante, daß du nicht über August Bassenried informiert warst, als er in dein Haus zog. Du hast ihn noch gesehen, wie in seiner Knabenzeit. In deinen Jahren ein durchaus verzeihlicher Irrtum. Das werden Frau Baronin zugeben.«
Liese war unruhig geworden. Mit pochendem Herzen sagte sie: »Das klingt ja beinahe, als ob mein Mann hier angeklagt werden soll. Als ob Sie mich dazu eingeladen hätten, Exzellenz?«
Jetzt klappte Frau von Fransecky zusammen. Plötzlich weinte sie: »Aber was sollte ich denn tun?! Liebste, Beste, was sollte ich anfangen? Ihr Mann hat mein ehrbares Haus zu einer Spielhölle gemacht! Ihr Mann hat hier Nacht für Nacht Orgien gefeiert! Der selige Fransecky hätte seine Gäste mit der flachen Klinge hinausgejagt! Jahrelang habe ich das mit angesehen und still geduldet -- aber gestern -- nun, ich will jetzt nichts mehr zurückhalten -- gestern ist die Polizei bei mir gewesen! Es war bei Gott der schrecklichste Tag meines Lebens!«
Liese schwankte es vor den Augen: »Was wollte denn die Polizei bei Ihnen, Exzellenz? Was hat das mit meinem Mann zu tun und mit mir?«
Noch einmal fand die alte Frau ihren mütterlichen Ton: »Mit Ihnen nichts! Ich weiß ja nicht, woher Sie stammen -- das lass' ich ganz beiseite, aber wie die Dinge stehen, bin ich überzeugt, daß ~Sie~ eine Mesalliance gemacht haben, nicht er! Sie sind Bassenrieds Opfer! Aber noch ist es Zeit, ihn zur Besinnung zu bringen! Das können Sie allein!«
»Ich? Glauben Sie denn, Exzellenz, daß ich Einfluß auf ihn habe?«
Diese Worte kamen so ehrlich aus einer gequälten Seele, daß die Generalin und ihr Neffe sich erschrocken ansahen.
»Kind -- armes, schönes Kind -- was soll aber werden? Die Polizei nimmt den denkbar mildesten Standpunkt ein. Man will ... Ich kann nicht mehr -- Hermann, sag' du es ihr. Ich mußte meinen Neffen in alles einweihen. Sie können sich auf ihn verlassen.«
Jetzt hafteten Lieses verängstigte Augen an dem Hauptmann. Eine Milde kam in seinen starren Blick, die ihr wohltat, indem er seinen ergrauten Bart strich, sagte er: »Ich bin orientiert. Ich würde mich niemals einmischen, wenn ich nicht tatsächlich meine Tante unterstützen müßte. Also, zu fürchten ist noch nichts, Baronin. Die Behörde hat den Standpunkt, daß vor allem das Haus Fransecky geschont werden muß. So hat man also als Richtschnur gegeben: Die Sache soll unterdrückt werden, wenn kein neuer Fall mehr eintritt. Die geringste Wiederholung hätte polizeiliches Einschreiten zur Folge, das heißt Verhaftung des Bankhalters, seiner Ehefrau und seiner Gäste.«
Eine dumpfe Pause kam. Dann fragte Liese, ohne aufzublicken: »Und was soll ich dabei tun?«
Der Hauptmann wischte ein Stäubchen von seinem leeren Rockärmel: »Ich kann Ihre Lage durchaus verstehen. Trotzdem bleibt nichts anderes übrig -- Sie müssen Ihren Gatten warnen. Ich würde es selbst übernehmen, aber die Folge wäre ein Duell. Ich kenne Bassenried. Er zieht sich immer durch sinnlose Wut aus der Affäre.«
»Hermann!« rief die alte Frau. »Er wird ~dich~ doch nicht mehr herausfordern?«
Die Augenbrauen des Hauptmann zogen sich zusammen: »Warum nicht, Tante? Ich stände zur Verfügung! Mit der Linken schieße ich besser als mancher mit der Rechten!«
»Ich lasse kein Verbrechen mehr geschehen!« rief Liese jetzt, fliegende Röte in den Wangen. »Sie dürfen damit nichts zu tun haben, Herr Hauptmann! Ich werde mit meinem Mann reden!«
Der Invalide sah sie mit verhaltenem Feuer an. ›Armer Trümmer‹, dachte sie und schluchzte leise auf.
Frau von Fransecky wandte sich mit zitternder Geschäftigkeit dem Teetisch zu: »Aber nun wollen wir doch endlich zugreifen. Bitte, liebe Baronin -- bitte, lieber Hermann --«
»Ich muß leider wieder um Beistand bitten,« flüsterte der Hauptmann.
Liese sprang auf: »Aber bitte! Wozu bin ich denn da? Was darf ich Ihnen geben?« --
Als sie gegen Abend in ihre Wohnung hinaufkam, sagte Friedrich mit verschmitztem Lächeln: »Herr Baron ist nach Hause gekommen. Er sitzt im Eßzimmer und wartet.«