Part 8
In Liese aber blieb eine schwere Traurigkeit.
Bei der Hochzeit war sie nur mit halben Sinnen. Zu dem Diner in der Hitzigstraße hatte der Baron etwa zwanzig Gäste geladen -- kein einziger war darunter, der Liese näherkam. Aus einigen wurde sie überhaupt nicht klug. Die Freunde ihres Gatten trugen hohe Titel und Namen; aber die Damen, die sie mitbrachten, schienen bei aller Eleganz aus einer zweifelhaften Sphäre zu stammen. So kam die hochzeitliche Stimmung nicht über junkerliche Derbheiten und kreischenden Übermut hinaus. Beim Tanzen erst wurde es lustig. Liese hätte sich gern die Seele frei getanzt, aber nun war der Baron das Hindernis, denn er litt an Schwindel. Ruhig trank er mit seinen bequemen Freunden eine Flasche Rotspon nach der anderen. Heute wurden zum erstenmal seine Jahre bemerkbar. Schließlich setzte sich Liese ans Klavier und begann ihre Lieder aus der ›Tollen Lotka‹ zu singen. Da trat ihr Gatte hinter sie, legte die Hände auf ihre Schultern und flüsterte: »Aber Kind, am heutigen Tage! ...« --
Zwei Tage später reisten sie. Es war eine schwierige Abreise gewesen, denn der Baron hatte bis zuletzt noch lästige Besuche empfangen, deren Bedeutung Liese nicht klar wurde. Ziemlich gewöhnliche Männer standen im Hause, bald oben, bald unten -- sie grüßten die junge Frau kaum und trugen ein aufreizendes Benehmen zur Schau. Liese hatte eine kindliche Furcht vor dem Baron, wenn er sich geärgert hatte. Daß er sehr brutal werden konnte, spürte sie oft. Der Pferdemensch in ihm war nur halb gebändigt.
Sie war froh, als man im Zuge saß und Berlin eine Weile hinter sich lassen konnte.
Man fuhr durch den Gotthard nach Genua. Liese sah mit wirrem Staunen auf die Bilder der Welt, die sich plötzlich vor ihr auftaten. Ihr Mann hatte nur ein Ziel, das ihn anzog: Monte Carlo. Immer wieder hatte er Liese davon erzählt, so daß auch sie den Höhepunkt der Reise darin sah. Mit einem merkwürdigen Feuer, wie ein entschlossener Kämpfer, sprach der Baron. In Genua bezwang er kaum seine Nervosität. Bis zum Morgen zechte er mit Liese -- sie verstand diese Stimmung nicht und schlief in seinen Armen ein.
In Monte Carlo aber merkte sie, was gemeint war. Der Baron verließ den Spielsaal nicht mehr. Er vergaß vollkommen, daß er eine junge Frau neben sich hatte. Auch als Liese zornig aufstand und sich entfernte, kam er ihr nicht nach. Er war wie verzaubert, blind und taub für alles. Liese hatte nur eine Stunde an dem phantastischen Bilde des Spielsaales Gefallen gefunden -- dann widerten sie die verzerrten Mienen an. Sie konnte diese Leidenschaft nicht verstehen, ihr Mann war ja reich, er brauchte den Spielgewinn nicht. --
Als sie eines Abends ohne ihn durch den Park schritt, fiel ganz in der Nähe aus dem Dunkel ein Schuß. Entsetzt blieb sie stehen. Dann sah sie zwei Parkwächter einer bestimmten Stelle zulaufen. Sie folgte ihnen, von Grauen angezogen. Bald wurde ein eleganter, junger Herr an ihr vorübergetragen -- sie sah einen roten Streifen auf seiner weißen Stirn -- sie hatte ihn mit lachenden Augen oft auf der Promenade gesehen. Da rannte sie, von Angst geschüttelt, in das Hotel. Am Morgen erst kam der Baron.
Er setzte sich an ihr Bett -- sie weinte sich bei ihm aus und erzählte, was sie erlebt hatte. -- »O, das kommt hier öfters vor, liebes Kind«, sagte er gleichmütig. »Das sind die Opfer, die das Klima von Monte Carlo nicht vertragen können.«
»Das Klima?«
»Nun ja -- hier muß man starke Nerven haben. Ich zum Beispiel --«
Sie umschlang ihn: »Geh nicht mehr in den Spielsaal, August!«
Er löste sich ärgerlich: »Was fällt dir denn ein? Jetzt gerade muß ich auf dem Posten bleiben! Jetzt kommt meine Serie!«
»Wenn du gewonnen hast, benütze doch die Gelegenheit -- mir zuliebe -- wir wollen morgen abreisen -- nach Florenz!«
»Was soll ich in Florenz? Ich bin kein Kunsthistoriker! Ich habe doch keine --« Er brach ab. Fast hätte er gesagt: Ich habe keine Hochzeitsreise an die Riviera gemacht, um nicht zu spielen. Liese aber verstand ihn auch so. -- »Du kümmerst dich nicht mehr um mich«, stieß sie mit würgenden Tränen hervor. Da sprang er wütend auf: »Sei froh, wenn ich --!« Er kam nicht weiter -- mit rotem Kopf lief er hinaus. --
Der nächste Tag brachte eine Überraschung: Friedrich, der Diener, entpuppte sich als Retter. Nachmittags erschien er mit seinem Herrn, den er wie einen kranken, alten Mann führte. Liese erschrak heftig: »Was ist denn passiert?« Friedrich winkte mit schlauem Zwinkern ab: »Nichts, garnichts! Kümmern sich Frau Baronin nicht darum! Dem Herrn Baron ist das Jeu wieder mal nicht gut bekommen! Das kenn' ich schon, das kommt so plötzlich! Am besten ist, wir reisen morgen früh und bleiben noch irgendwo am Vierwaldstätter See, zum Beispiel in Vitznau -- da ist es ruhig!«
Zum erstenmal war Liese mit Friedrich einverstanden. Beide versorgten den willenlosen Mann. Friedrich bezahlte die Rechnung. Es wurde Liese freilich wieder unheimlich, als er seinem Herrn zuvor einen kostbaren Ring vom Finger zog. Was sollte das bedeuten? Aber der Baron schien nichts dagegen zu haben.
Das eine wurde Liese klar: ihr Mann hatte schwere Verluste gehabt. Mit Mühe kam man nach der Schweiz. Aber in Vitznau konnte man ja sparen, und die böse Erfahrung war gewiß eine gute Lehre für den unverbesserlichen Spieler. --
Am Vierwaldstätter See fand der Baron sich allmählich zurecht. Freilich kam er über ein wirres Geschwätz nicht hinaus. Auch trank er immerfort Kognak. Liese sollte mit ihm trinken, aber sie entzog sich den Gelagen und ging lieber am abendlichen See spazieren. Als sie wieder ins Hotel kam, fand sie ihren Mann mit Friedrich. Sie hatten eben eine Flasche geleert und nannten sich lallend Kameraden. Da erwachte in Liese plötzlich der Zorn ihres Vaters. Sie jagte den betrunkenen Diener in seine Kammer.
Seit diesem Abend fühlte sie sich sehr unglücklich. Sie glaubte an nichts mehr, die Schönheit der Reise war ihr vergällt. »Wir wollen nach Hause«, sagte sie schließlich. »Hier hab' ich nur Angst.«
Da zeigte der Baron sich zum erstenmal wieder gefügig: »Wie du willst, liebes Kind. Die Hitze am Vierwaldstätter See ist auch nicht mein Ideal. Aber wir müssen mindestens noch acht Tage in Frankfurt bleiben, bevor wir nach Berlin können.«
»Warum denn das? Unser Haus ist doch fertig?«
Ein sonderbares Lächeln kam auf sein Gesicht. -- »Das schon,« sagte er gedehnt, »aber leider nicht mehr für uns.«
»Was heißt das?«
»Kind, du mußt es ruhig nehmen. Es handelt sich um eine Tatsache, für Ersatz wird bald gesorgt sein. Ich habe mein Haus in der Hitzigstraße verkauft. Ich habe es schon verkauft, bevor wir abreisten.«
Sie legte die Hand an die Stirn: »Ohne mir ein Wort davon zu sagen?«
»Das hatte keinen Zweck und hätte dir nur die Reise verdorben!«
»Wenn an der noch etwas zu verderben war. Das Haus war doch so schön -- warum hast du's denn verkauft?«
»Das kann ich dir nicht so kurz erklären. Es genüge dir, daß der Verkauf sehr günstig war, und daß du in Berlin sofort in ein neues, ebenso schönes Nest kommen wirst. Das ist doch die Hauptsache, nicht wahr?«
»Wohin ziehen wir?«
»In eine Etage natürlich. Ich hoffe bei der alten Generalin von Fransecky in der Roonstraße eine Wohnung zu bekommen. Die war eine Freundin meiner Mutter -- schon über achtzig Jahre alt -- tja -- ihr Haus ist sehr vornehm eingerichtet.«
»Du meinst wohl das Zubehör, denn Möbel haben wir doch?«
»Das wird sich alles finden. Die Hauptsache ist, daß es behaglich wird.« --
In banger Benommenheit kam Liese nach Berlin. Der Baron hatte die Etage in der Roonstraße gemietet, aber sie war mit den altmodischen Möbeln der Generalin ausgestattet. -- »Unsere Sachen mußten auf den Speicher kommen«, erklärte er Liese. »Das ging nicht anders, weil die Villa schon während unserer Reise bezogen wurde. Entweder lasse ich noch alles herkommen, oder wir leben vorläufig in Frau von Franseckys Sachen. Das letztere scheint mir sogar das Praktischste zu sein.«
Liese schwieg dazu. Je mehr sie erfuhr, desto tiefer tappte sie im Dunkeln. Ihr Versuch, durch einen Dritten Klarheit zu gewinnen, scheiterte: Es stellte sich heraus, daß Frau von Fransecky ganz unzugänglich war. Wie auf einer Insel lebte die Greisin in ihrem stillen, vornehmen Hause.
Auch das eigene Leben in Berlin gestaltete sich anders, als Liese erwartet hatte. Es war ihr schon oft bedenklich gewesen, daß der Baron gar keinen Beruf mehr hatte. Er erzählte ihr zwar, daß er an seinen ›Memoiren‹ arbeite; aber diese literarische Tätigkeit beschränkte sich darauf, daß der Autor jede Woche einmal alte Notizbücher durchblätterte. Was ihn wirklich beschäftigte, war der Klub und der Rennsport. Nach Hoppegarten fuhr er jeden Sonntag mit Liese -- im Klub verbrachte er allein seine Abende.
Sie aber empfand das Schlaraffenleben als Qual. Sie war an Arbeit gewöhnt. Als sie von all den neuen Genüssen genascht hatte, stand sie vor einer erschreckenden Inhaltslosigkeit. Es war, als ob sie in einem luftleeren Raum atmen sollte. »Ich muß einen Zweck haben«, flüsterte sie. »Ich kann doch nicht nur essen und trinken und mich putzen und Romane lesen.« Der Mensch, der allem, was sie umgab, einen Sinn gegeben hätte, fehlte ihr. Baron Bassenried konnte oder wollte es nicht sein. Sein spätes Feuer erlosch wieder.
Erst als er Lieses wachsende Melancholie bemerkte, begann er sein Leben zu ändern. Er wurde häuslicher, er ›widmete‹ die Abende seiner Frau, freilich in einer Weise, die noch bedenklicher war als das frühere Leben. Bald wurden nämlich die Spielabende in die Roonstraße verpflanzt. Liese fand einen Brief in dem Zimmer ihres Mannes -- er war von seinem vornehmen Klub. Sie wurde aus dem Inhalt nicht klug -- nur so viel verstand sie, daß der Baron ausgeschlossen worden war. Nun mußte also privatim weitergespielt werden.
Davor graute Liese, besonders weil diese Nächte gesellschaftliche Verpflichtungen brachten. Die Hausfrau hatte für Bewirtung zu sorgen.
Das aber wurde Liese oft unmöglich gemacht, weil der Baron kein Geld hergab und verlangte, daß sie bei Lieferanten zu borgen verstand. Schließlich tat Liese, was sie am längsten vermieden hatte: sie übertrug Friedrich alles Wirtschaftliche. Daß dieser Mensch vor allem in die eigene Tasche arbeitete, war ihr klar, aber in dem Sumpf wurde sie gleichgültig.
Trost und Ersatz fand sie in ihrem persönlichen Erfolge. Es wurde immer deutlicher, daß der Baron mit ihrer Anziehungskraft rechnete. Er sorgte dafür, daß sie bei jedem Gesellschaftsabend in neuer Toilette erschien, er brachte ihr Schmuck und Parfüm mit und machte sie zu einer Modepuppe. Wann und wie das alles bezahlt wurde, entzog sich Lieses Kenntnis.
Es wurden tolle Nächte. Während im Salon gespielt wurde, tanzte man im Speisezimmer. Der Baron hatte eine Glücksperiode, als er den wilden Klub in seiner Wohnung aufgetan -- Sekt und Delikatessen wurden verschwendet, man holte sogar eine Zigeunermusik. Eines Abends verstand sich Liese dazu, ihr Kostüm aus der ›Tollen Lotka‹ hervorzusuchen. Es war das Kostüm der Seiltänzerin -- sie erschien im Trikot und sang ihre Lieder. Jetzt erst fand sie vollen Erfolg. Nun kam Vergessenheit über sie. Schließlich mußte der Baron sein trunkenes Kind ins Schlafzimmer tragen. --
Am nächsten Tage wurde Liese freilich von tiefem Widerwillen gepackt. Den Anstoß dazu gab Friedrich, der mit dem Trinkgeld unzufrieden war und nun sehr deutlich wurde. Er ließ einfach den Wein, der übriggeblieben war, verschwinden -- Liese fand nichts mehr davon. Als sie ihn zur Rede stellte, sagte er: »Sein Sie ganz stille, Frau Baronin. Ich rate Ihnen -- sein Sie ganz stille. Von mir hängt es ab, daß hier nicht alles auffliegt. Wenn ich nicht Schmiere stände, hätten Sie längst die Polizei auf'm Hals.«
Liese wußte nichts zu erwidern. Sie begriff jetzt, daß man von einem Erpresser abhängig geworden. Verstört lief sie in ihr Zimmer und weinte dort bis zum Abend. Als sie den Baron mit neuen Gästen erwartete, ließ er ihr telephonieren, daß er heute nach Potsdam eingeladen sei. Nun war sie mit ihren schweren Gedanken allein. Ratlos stand sie am Fenster und starrte auf den dunklen Königsplatz hinaus. Unter kahlen Bäumen sah sie eine arme Frau umhergehen, die ihr kleines Kind trug. Es war ein Bild frostiger Verlassenheit, aber in Lieses Seele entzündete es ein warmes Licht. Reuevolle Erinnerung überkam sie: Auch sie hatte ein Kind.
Das lebte nun schon lange bei fremden, kümmerlichen Menschen. Drei Jahre war die kleine Berta alt. Plötzlich wurde Liese von einer bangen Neugier nach ihrem Kinde ergriffen. Sie fühlte selbst, daß es keine Mutterliebe war. Auch wußte sie, daß der Weg zu Berta verrammelt worden. Hier mußte sie den Zorn des Barons am meisten fürchten. Er selbst war der Inbegriff der Unzuverlässigkeit -- von ihr aber forderte er letzte Pflichterfüllung.
Sie durfte das Wiedersehen nicht wagen. Doch etwas beschloß sie -- das konnte der Baron ja nicht erfahren: Sie schrieb an Frau Grunow und erbat ihre Antwort postlagernd. Dreimal entwarf sie den Brief und zerriß ihn wieder. Dann genügte er ihr, und sie sandte ihn ab. Als dies geschehen war, wurde sie etwas ruhiger. Sie hatte nun doch auf einen echten Wert zurückgegriffen. Wenn sie auch ihr Kind nicht wiedersah -- sie erfuhr doch, wie es sich entwickelte.
ELFTES KAPITEL
»Nein, Berta -- das ist nichts für dich.« Diese stereotypen Worte griffen in ein Leben, das sich regen wollte. Sie bildeten Bertas erste Erinnerung. Lieses Kind hatte das Dasein eines Käfers, der auf einer Fläche umherkriecht und überall, wohin er sich auch wenden mag, das Hindernis einer quälerischen Hand findet. Es war die schlimmste Eigenschaft von Mutter Grunow, daß sie einschüchterte, wo sich Hoffnung regte, niederzwang, wo eigener Wille aufkommen wollte.
Als sie eben damit umging, der kleinen Berta, die schon unbequeme Fragen stellte, einen Begriff von ihrem geheimnisvollen Vater zu geben, kam nach langer Pause wieder eine Nachricht von der Mutter. Über Lieses Laufbahn wußte Frau Grunow durch Onkel Tübbeke Bescheid. Sie glaubte natürlich, daß man bei solchem Aufstieg alles Vergangene hinter sich ließ. Liese sandte ja zu jedem Quartal einen Zuschuß für Berta -- das war die Hauptsache. Nun aber kam plötzlich aus der glanzvollen Welt ein Brief von ihr.
Abends zeigte Frau Grunow ihn ihrem Bruder. Tübbeke las ihn, nieste, nahm aus seiner Schnupftabaksdose eine reichliche Prise, nieste noch einmal und sagte dann mit vielem Gesichterschneiden: »Ja, so sind die Weiber. Sie kriegen nie genug. Und was 'ne Mutter ist, das ist eben 'ne Mutter. Aber sie muß mächtigen Bammel vor ihrem Baron haben, weil du ihr postlagernd antworten sollst.«
»Das ist doch selbstredend, Adolf. Der Baron darf doch von dem Kind nichts wissen. Der hält seine Frau wahrscheinlich für einen Unschuldsengel, wenn sie auch mal im Friedrich Wilhelmstädtischen war. Von mir soll er nichts erfahren. Aber was mir unangenehm ist -- die Frau hat sonderbare Ideen im Kopp. Auf einmal will sie, daß die Berta niemals wissen soll, wer ihr Vater ist. Jetzt versteht sie's ja doch noch nicht, aber später mal. Wenn sie immer wieder fragen tut?«
»Na, was denn, was denn? Wir müssen uns selbstredend nach der Mutter richten. Mein Rechtsanwalt hat ihr natürlich gesagt: Wenn ich dem Baron nichts stecke, dann verlang' ich, daß du mich nicht mit dem Kind blamierst. Ich denke, wir lassen die Sache an uns 'rankommen. Später mal, wenn wir keine Rücksicht mehr zu nehmen haben, machen wir's so, wie wir Lust haben. Es ist auch immer gut, wenn man dem Rechtsanwalt gegenüber was in Reserve hat.«
Frau Grunow sah ihren Bruder forschend an, dann nickte sie: »Das hab' ich mir auch schon gesagt.«
Sie ging in die Küche, kramte sich ein fettfleckiges Papier und eine rostige Feder zusammen und öffnete ihr Fläschchen Kaisertinte. Dann verrichtete sie unter schweren Seufzern die ungewohnte Arbeit, an die Frau Baronin einen Brief zu schreiben. --
Liese las jede Einzelheit, die sie von Berta erfuhr, mit einem Interesse, das sie selbst wunderte. Nun überlegte sie doch oft, ob sie ihr Kind nicht wiedersehen könnte. Aber sie kam zu keinem Entschluß.
Schließlich starrte sie doch immer wieder in etwas Stumpfes und Fremdes. So geriet sie, wenn sie in der Stadt war, dreimal in Versuchung, einen Abstecher nach dem Elisabethufer zu machen, aber immer wieder wurden es die Linden. Schließlich befand sie sich wieder in der Roonstraße.
So kamen Jahre öden Weiterlebens. Berta wurde größer, sie war nun ein richtiges Schulmädchen. Ihr sechster Geburtstag, der doch eine besondere Bedeutung hatte, blieb ihr in böser Erinnerung: Vor dem Gabentisch, in Gegenwart des wunderbaren Napfkuchens hatte Tante Grunow ihr zwei Ohrfeigen gegeben. Dies war geschehen, als Berta heute zum siebentenmal von ihrem Papa gesprochen hatte. Man konnte auch wirklich die Geduld dabei verlieren. Das Kind hatte sich ein unausstehliches Spiel mit dem Papabegriff angewöhnt. Es saß in einem Winkel und spielte mit seiner Puppe und plapperte immerfort: »Papa, Papa, wo mag Papachen sein?« Es klang wie Spott und mußte doch aus der Tiefe kommen, denn Berta war ganz ernst dabei. Vermutlich hatte sie es irgendwo aufgeschnappt. Es gab jetzt einen neuen Gassenhauer, den alle Spielkinder sangen: »Alma -- Alma, wo mag das Mädchen sein?« Das variierte sie nun in sonderbarer Ideenverbindung.
»Damit du's ein für allemal weißt: Nach Papa fragt man nicht! Papa gibt es hier nicht! Schäm' dich doch vor deiner Mutter!«
Von diesem ebenso empörten wie geheimnisvollen Ausspruch waren die beiden Ohrfeigen der Tante begleitet gewesen. Er regte das Gemüt des Kindes lange zum Grübeln an. Man durfte nicht nach seinem Vater fragen? Alle anderen Kinder, die Berta kannte, hatten einen Vater und sprachen täglich von ihm. Sie ruhten gleichsam in dem Bewußtsein, ihn zu haben. Und sie? Warum sollte sie sich, wenn sie dasselbe tat, schämen? Vor ihrer Mutter schämen? Sonst, wohin sie blickte, gehörten Vater und Mutter zusammen. Mit Bertas Vater aber mußte das eine besondere Bewandtnis haben.
Diese Überlegungen führten zu keinem Ergebnis. Berta nahm sie auch in die Schule mit. Langsam ging sie mit ihrem Tornister, über dem die schwarzen Zöpfchen baumelten, täglich nach der Oranienstraße. Berta war sehr klein für ihr Alter, und ihre dunklen Augen blickten fragend ins Unbestimmte. Ursachlos ergab es sich deshalb, was sie von vornherein dem Leiden auslieferte: Die anderen Kinder rückten von ihr ab. Das Schicksal einer Gezeichneten kam über sie. Noch wußte man ja nichts von dem Rätsel ihrer Herkunft, oder man kümmerte sich nicht darum. Es gab im großen Berlin so viele uneheliche Kinder. -- Wer frei und frisch daherkam, wurde einfach mitgenommen.
Zum Glück verbesserten sich bald die häuslichen Verhältnisse. Man wurde auch freigebiger gegen das Kind. Alfons Grunow war als Teilhaber in eine sozialdemokratische Genossenschaft der Anstreicher eingetreten. Da auch Onkel Tübbeke ganz gut verdiente, konnte Mutter Grunow die Näharbeit aufgeben. Man leistete sich nun, was die Nachbarschaft sich schon lange leistete. Sonntags fuhr man mit der Pferdebahn nach Charlottenburg, und die beiden Herren, Onkel Tübbeke und Onkel Alfons, kletterten mit Berta auf das Verdeck. Es war prachtvoll, die lange Charlottenburger Chaussee unter den schattigen Bäumen zu fahren -- Berta freute sich schon die ganze Woche darauf. Draußen ging man dann in den Schloßgarten und stand andächtig im Mausoleum, vor den bläulich schimmernden Marmorfiguren Friedrich Wilhelms und Luisens. An großen Tagen betrat man auch die Flora, das berühmte »Etablissement«, das mit seinem Rosenparterre lockte. Dort bot sich auch immer das lustig aufregende Schauspiel eines Fesselballons, der von schwitzenden Soldaten festgehalten wurde. Wann er endlich in die Höhe stieg, nahm er zuweilen einen Ungeschickten mit. Das gab immer ein Hallo, wenn der Mann am Seil herunterrutschen mußte.
Auch in den Zoologischen kam man, seltener in den Grunewald. Hier spürte man schon die Reise. Die Stadtbahn war noch neu -- man fand sie entweder zu unsicher oder zu teuer. Draußen aber, in Hundekehle oder in Paulsborn gab man sich mit Nachdruck dem Naturgenuß hin. Träumerisch blickte man in die schwarzen Kieferkronen und ließ Stullenpapier im Sande liegen. Onkel Alfons war ein Sportsmann und ruderte die ganze Gesellschaft auf dem abendlichen See.
Onkel Alfons war es auch, der sich zuerst mit Berta beschäftigte.
Aber er war kein tiefer Mensch. Seine Überzeugungen hatte er aus Parteiversammlungen. Außerdem rumorte immerfort der »Tick« in ihm, als Künstler zu gelten. Wo eine Gelegenheit kam, tobte er seine Phantasie aus. Es gab einen Weißbierwirt in der Naunynstraße, der für Verschönerungen schwärmte. Der erlaubte Alfons Grunow seine Kneipe auszumalen. Nun blickten die Gäste von Berlin SO in einen italienischen Himmel voll Amoretten, die freilich alle etwas schielten und nur linke Füße hatten. An der Decke des Hausflurs sah man Hexen über den Blocksberg reiten -- sie erinnerten alle an die biederen Marktweiber vom Oranienplatz. Sogar an einem stillen Ort richtete sich der Blick auf ein Werk Alfons Grunows -- Fortuna schüttelte mit holdem Lächeln ihr Füllhorn aus.
Aber zur künstlerischen Betätigung kam Alfons nur selten -- daran hinderte ihn seine Politik. Auf den Boden der schlichten Wirklichkeit kam er zum erstenmal, als er sich mit der kleinen Berta beschäftigte. Hier wurde ihm die Klassensünde greifbar. Ein Wildling wuchs auf, von dessen Geburtsrecht nie die Rede war. Alfons gefiel sich darin, Berta als Opfer des Kapitals zu betrachten.
Immerhin gewann er dadurch einen tieferen Einfluß auf sie. Berta fühlte jetzt erst ihre Zurücksetzung. Er zeigte ihr das Problem des unehelichen Kindes und stachelte sie zum Protest. Sie sollte im Leben Sturm laufen und ihr Recht erobern.
Tief und quälend wurde in Berta die Sehnsucht nach dem Dasein der glücklich Geborenen lebendig. Sie träumte mit wachen Augen. Alles wurde ihr zum Gleichnis. Ein Stück Schokolade konnte sie in eine Tiergartenvilla versetzen. Wenn sie am Sonntag ihre neuen Schuhe trug, ließ sie insgeheim die Hand des Onkels los und wanderte mit einem hohen Offizier. Dann stieg sie in einen Hofwagen, der die Kinder des Kaisers fuhr. --
Als Berta acht Jahre alt geworden war, brachte Onkel Tübbeke aus dem Bureau des Rechtsanwalts Schwarz einige Karten für ein großes Wohltätigkeitsfest mit. Es sollte zum Besten notleidender Kinder bei Kroll stattfinden. So konnte man den Geburtstag auf billige Weise feiern. Berta berauschte sich schon vorher an allem, was vor ihr auftauchen sollte -- Onkel Alfons aber »streikte« zum erstenmal.
»Da geh' ich nicht mit«, erklärte er mit gesträubten Locken. »Wo die Weiber der Burschoasie sich in ihrem Fett wälzen und Sekt für zwanzig Mark das Glas verkauft wird --«
»Hör' auf, Alfons,« sagte die Mutter, »du redest ja Stuß. Sie machen doch ein Wohltätigkeitsfest.«
»Jawohl! In ihre eigene Tasche! Oh, ich kenne das!«
»Ich will aber hin!« rief Berta mit weinerlicher Energie.
»Natürlich gehn wir!« entschied Onkel Tübbeke. »Glaubt ihr denn, ich bin 'n Affe mit meine schönen Biljets? Der Herr Rechtsanwalt hat selber gesagt: ›Sie haben doch auch gewiß so'n armes Wurm in Ihrer Familie, Tübbeke?‹ Also, hier sind vier Karten -- amüsiert euch gut!«
»Da hörst du's, Onkel! Herr Rechtsanwalt hat's selber gesagt!« rief Berta mit roten Backen.
Es kam eine sonderbare Pause. Die Großen sahen sich an und lächelten. Man entschloß sich aber. Onkel Alfons blieb zu Hause -- seine Karte erhielt Fräulein Milchner.