Part 10
Sie nahm sich zusammen. Diese Gelegenheit ließ sie nicht vorbei. Rasch trat sie ein. Bassenried fuhr auf. Sie hatte ihn seit der Szene in der Küche nicht mehr gesehen. Nun spürte sie sofort, daß er Versöhnung suchte. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Vorsatz abbringen. Während er sie halb zärtlich, halb mißtrauisch betrachtete, aßen sie schweigend. Dann sagte Liese ihm alles, ohne den Hauptmann zu erwähnen.
»Fatal«, murmelte Bassenried nach einer Pause. »Alles wird einem abgeschnitten. Wie soll man doch existieren?«
»Anders, August.«
Er konnte ein höhnisches Auflachen nicht unterdrücken: »Das mußt du mir erst mal vormachen! Für die braven Berufe der ›Verkrachten‹ bin ich nicht geeignet! Ich werde kein Versicherungsagent! Du bist natürlich eingeschüchtert worden! Du siehst unsere harmlosen Abende als Verbrechen an! Ich möchte nur wissen, wie die alte Mumie da unten Wind bekommen hat! Da muß doch etwas dahinterstecken! Wir müssen denunziert worden sein!«
»Das ist jetzt gleich.«
»Für mich durchaus nicht!«
»Ich bitte dich, August. So geht es nicht länger. Du mußt mir jetzt versprechen, daß kein Anlaß mehr gegeben wird --«
»Ich verspreche gar nichts! Frauen habe ich noch nie etwas versprochen! Aber ich werde selbstverständlich tun, was richtig ist!« --
Sie kam nicht weiter. Die nächsten Tage schienen freilich zu bestätigen, daß er gewarnt war. Er änderte sein Leben. Gäste brachte er nicht mehr mit -- jeden zweiten Abend blieb er bei Liese. Sie hätte den ungewohnten Frieden genießen können, wenn sie nicht deutlich den Zwang gespürt hätte, den er sich auferlegte. Sein Blick wurde immer abwesender, die Unterhaltung stockte. Er mußte furchtbare Sorgen haben. Aber sie stand hilflos vor seiner Pein. Sobald sie in ihn drang, fauchte er wie ein krankes Raubtier.
Müden Ekel schleppte sie von Tag zu Tag. Oft sehnte sie sich nach den starren, aber ehrlichen Zügen eines Verstümmelten. Am nächsten Sonntag kam der Baron mit einer Überraschung an den Frühstückstisch: »Wir wollen heute nach Hoppegarten, Lies. Habe eben einen Jugendfreund getroffen, Hauptmann von Rotkraut, von der afrikanischen Schutztruppe, unglaublicher Kerl, total zusammengeschossen, aber immer noch ein Mann. Übrigens Neffe von der alten Fransecky -- hast du mal von ihm gehört?«
Liese schien sich zu besinnen -- dann schüttelte sie langsam den Kopf.
»Er ißt mit uns, und wir fahren nach Tisch. Will Rotkraut meinen Reitstall zeigen. Den kennst du ja auch noch nicht?«
»Ist der nicht in Karlshorst?«
»Unsinn! Hoppegarten!«
Der Hauptmann kam. Er spielte seine Rolle noch geschickter als Liese. Er ließ sich ihr vorstellen, als hätte er sie nie gesehen. Das Bewußtsein, ein Geheimnis mit diesem Mann zu haben, hob Liese ein wenig. Sie bewährte sich beim Mittagessen als graziöse Wirtin. Der Blick des Hauptmanns versenkte sich oft in ihr Bild, und er überhörte Bassenrieds Fragen. Der Baron nahm ihm das nicht übel. Hauptmann von Rotkraut konnte ihm nicht gefährlich werden. Wohlwollend gönnte er dem armen Jugendfreunde das bißchen Augenweide.
Sie fuhren guter Dinge nach Hoppegarten. Liese war jetzt doch auf den Besitz ihres Mannes begierig. Hatte er wirklich noch Pferde? War nicht alles längst verspielt? Aber sie schritten durch einen langen, vornehmen Stall, und der Baron beklopfte einige Renner, wie es nur stolze Besitzer taten. Liese war verwirrt. Sie wechselte Blicke mit dem Hauptmann.
Da fügte es sich, daß der Baron mit seinem Jugendfreunde vor den Stall hinaustrat, während Liese noch bei den Pferden blieb. Jetzt sah sie, wie ein anderer Herr, den der Baron offenbar nicht bemerkt hatte, durch eine Seitentür in den Stall trat. Der Jockei, der Liese alles erklärt hatte, wandte sich sofort zu ihm, devot, wie zu seinem eigentlichen Herrn. Als der Fremde durch die Seitentür wieder verschwunden war, kam es über Liese, den Jockei zu befragen: »Wer war das, bitte?«
Das harte Gesicht des Engländers lächelte: »Das war Graf Keßler, der Besitzer des Stalles.«
»Aber der Stall gehört doch meinem Mann?«
Der Jockei zuckte die Achseln: »Tut mir leid, gnädige Frau. Ich kann nur sagen, was ich weiß. Der Stall gehörte allerdings mal Ihrem Mann, aber vor einem Jahr ging er in den Besitz des Grafen Keßler über. Spielverluste, wie man sagt.«
Liese wußte genug. Sie trat zu den beiden hinaus. Schamröte war in ihrem Gesicht, wie einst in Strelenwalder Tagen. Als der Baron eine Frage an sie richtete, antwortete sie nicht. Er begriff, was geschehen war. In stiller, bohrender Wut ließ er ihren Zorn über sich ergehen. Sie war teilnahmlos für alles Sportliche. Nur wenn es galt, dem Hauptmann behilflich zu sein, wurde sie lebhafter.
Bassenried haßte Liese von diesem Tage an. Er fühlte ihre Verachtung -- die zerriß das letzte Band. Liese erwartete ihn an den nächsten Abenden vergebens. Als er eine Woche verschwunden war, erschien eines Morgens der Gerichtsvollzieher in der Wohnung. Er brachte Forderungen von 125000 Mark. Ob Frau Baronin die decken könne? Liese zuckte die Achseln. Sie habe 17 Mark 50 Pfennige im Hause. Da wußte der Mann Bescheid. Er begann seine Arbeit. Alle Möbel, bis auf die notwendigsten, wurden versiegelt.
»Ja, das ist peinlich«, sagte der Gerichtsvollzieher zu Liese, die mit schlaffen Händen dabeistand. »Die Sachen hier kenn' ich nämlich schon. Die hab' ich schon mal in der Hitzigstraße versiegelt. Aber damals hat es die Familie vom Herrn Baron noch in Ordnung gebracht. Jetzt scheint es damit auch Essig zu sein. Wo ist denn eigentlich Ihr Herr Gemahl?«
»Das weiß ich nicht«, flüsterte Liese. --
Auch Friedrich war fort. Am nächsten Morgen verschwand die Köchin. Die Möbel wurden allmählich abgeholt. Man ging an der stummen, blassen Frau vorbei, als ob sie ein wertloser Gegenstand wäre. Nur etwas Schmuck und ihre Kleider ließ man ihr.
Sie faßte keinen Entschluß. Es war ihr völlig gleich, wo sie lebte, ob sie lebte. Nach einsamen Tagen kam ein Brief:
Hamburg, 5. September.
Liebe Liese, ich mußte den Entschluß fassen, der alten Welt den Rücken zu kehren. Forsche mir nicht nach, es hat keinen Zweck. Wir werden uns nicht wiedersehen. Es zieht mich in das große Leben, für das ich geboren bin. Ich bin ein Abenteurer -- leider kroch ich viel zu oft bei den Philistern unter. Um deine Existenz brauche ich mir keine Sorge zu machen. Du kannst noch mancherlei verkaufen, außerdem bist du jung und schön und kannst wieder zum Theater gehen. Ich überlasse es dir, ob du die Scheidung einleiten willst, oder ob du es für nützlicher hältst, Frau Baronin Bassenried zu heißen. Überlege es dir. Ich kann dir nichts hinterlassen als meinen Namen. Lebe wohl. Ich sage nicht auf Wiedersehen.
August Bassenried.
Liese saß seit Stunden regungslos, den Brief in der Hand. Plötzlich schloß die Portierfrau die Flurtür auf. Sie ließ Hauptmann von Rotkraut ein. Liese zuckte zusammen, denn sie hörte den Invaliden über den Gang tappen. Bald stand er vor ihr.
»Baronin,« sagte er leise -- »ich bitte tausendmal um Vergebung, aber die Sorge veranlaßt mich ... Ich komme auch im Auftrage meiner Tante ... Wir mußten fürchten, daß Sie der Not ausgesetzt sind ...«
Jetzt hob Liese den Kopf: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Hauptmann. Aber an mir ist nichts mehr gelegen. Mir ist auch nicht zu helfen.«
Der Hauptmann ließ sich bei ihr nieder: »Es wäre frevelhaft, wenn ich dieser Behauptung zustimmte. Das Verbrechen, das Bassenried an Ihnen begangen hat, muß wieder gutgemacht werden.«
Sie reichte ihm den Brief.
Er las und zitterte leise: »Jetzt hat er kein Recht mehr auf Sie.«
»Das ist wahr.«
»Was haben Sie vor?«
»Eigentlich -- ein Ende machen. Das ist das einzige, was ich ganz klar sehe. Ich wäre besser nicht auf der Welt.«
»Baronin ...«
Sie fühlte, daß er ihre Hand ergriff. Da schluchzte sie einmal auf und lehnte ich in den Sessel zurück. Nach einer Pause hörte sie ihn weitersprechen: »Baronin -- ich habe auch kein Recht auf Sie. Ein Mann, wie ich, darf nicht zu einer Frau, wie Sie es sind, aufblicken. Aber was ich darf, und was ich ~muß~ -- das ist: mich Ihnen gänzlich zur Verfügung zu stellen. Hierin liegt der einzige Wert, den ich noch habe. Das Vaterland -- na ja. Man kriegt seine Orden, man wird Major, aber das sind Surrogate -- das Leben ist es nicht. Ich stehe allein, ich habe keine Aufgabe mehr. Erlauben Sie mir, daß ich ~Ihnen~ jetzt diene.«
Liese sah ihn mit ihren schönen, feuchten Augen an: »Das ist so lieb von Ihnen und so ehrenvoll für mich. Aber Sie überschätzen mich, Herr Hauptmann. Ich glaube es wäre viel richtiger, wenn ich ~Ihnen~ dienen würde ...«
Er saß gebückt: »Wenn ich Sie nicht mißverstehe ... Sie sprechen eine Hoffnung aus, die mir unglaublich erscheint. Der Begriff, den ~ich~ von der Ehe habe, ist groß. Ich nehme die Ehe heilig. Aber wie würden Sie denken, wenn Sie erst wirklich wüßten, an wen Sie Ihr Leben gebunden haben?«
»Das weiß ich schon!«
»Elisabeth! ...« Er fand diesen Namen aus sich selbst. Dann bezwang er das Schluchzen in seiner Stimme: »Ich habe nur noch schlechte Jahre vor mir. Der Arzt hat mich aufgeklärt. Ich werde mich immer weniger bewegen können. Mein Organismus hat zu große Opfer gebracht. Das ~muß~ ich Ihnen sagen. Ich bin anders als Bassenried, Sie werden es besser bei mir haben -- das steht fest. Aber zur Reue und Untreue sind wir beide zu schade.«
Liese nahm seine matte, starke Hand und hielt sie fest: »Ich will mich aber rein baden. Verstehen Sie mich doch. Ich will einem Menschen endlich was sein. Wenn ich bei Ihnen bereue oder untreu werde, dann wär' ich ja nicht wert, mit Ihnen zu reden. Die ›gesunden Männer‹ kenn' ich. Jetzt besinn' ich mich drauf, was ein Christenmensch soll.«
Er bückte sich und küßte immer wieder ihre Hand.
DREIZEHNTES KAPITEL
Liese Prutz war endlich geborgen. Nun erwachte das alte Bürgertum in ihr. Sie kehrte sachte zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Aber sie war still und langsam geworden. Das Jugendfeuer erlosch. Ihr letztes Lebensgesetz wurde die Pflicht.
Sie täuschte sich nicht darüber, daß ihr ein karges Leben bevorstand. Sie wurde die Pflegerin eines Absterbenden, und der Hauptmann war arm. Dieser alte Haudegen war nie ein Geldjäger gewesen.
Durchhungern hieß es, denn auf Hilfe aus der Heimat hoffte Liese nicht mehr. Trotzdem bot ihr der Mann, den sie gefunden, noch große Überraschungen. Sie spürte, daß er aus dem Lande der Abenteuer kam. Von seinem guten Diener hatte Hauptmann von Rotkraut ihr oft erzählt. Der seltsame Name -- er hieß Simba -- war Liese schon aufgefallen, aber sie war dermaßen von ihrer Lebenswandlung erfüllt, daß sie nie danach gefragt hatte. Als sie nun den Hauptmann zum erstenmal besuchte -- er wohnte recht dürftig in der Auguststraße -- öffnete Simba ihr die Tür. Liese fiel fast die Treppen wieder hinunter, denn ein baumlanger Neger stand vor ihr. Grinsend verbeugte er sich vor der schönen, blonden Dame, deren Bedeutung er kannte. In tiefster Ergebung geleitete er sie zu seinem Herrn.
Der Hauptmann lag auf dem Sofa. Liese drückte ihn, als er aufstehen wollte, zurück und sah zum erstenmal ein Lächeln in seinen dunklen Zügen. -- »Hat Simba dich erschreckt?« fragte er. »Verzeih, daß ich dich nicht auf ihn vorbereitet habe. Ich bin zu sehr an ihn gewöhnt. Du wirst dich auch gewöhnen und eine treue Seele an ihm haben. Er hat mir zweimal das Leben gerettet. Zuerst vor seinen eigenen Landsleuten und dann -- ja, das ist was für dich -- vor einem großen Krokodil.«
Liese schüttelte sich. Dann sah sie aber sehr freundlich auf den Schwarzen: »Ich finde ihn gar nicht so häßlich. Die kolossale Figur und die blaue Mütze auf dem schwarzen Wollkopf! Werden wir uns aber einen Diener leisten können Hermann?«
»Von Simba trenne ich mich nicht. Diese Neger sind so genügsam -- über ihren Dienst vergessen sie oft Essen und Trinken.«
Aber nun hatten sie über wichtige Dinge zu sprechen. Etwas sehr Ernstes harrte der Erledigung. Liese war mit Bassenried fertig, die Scheidungsklage war eingeleitet, doch von jeder Pflicht aus ihrer ersten Ehe sagte sie sich nicht los. Elsbeth, Bassenrieds Tochter, hatte Eindruck auf sie gemacht -- nun fürchtete sie das Elend des unschönen, hochmütigen Mädchens.
»Nichts hat sie, und häßlich ist sie -- dafür kann sie doch nichts. Aber ich glaube auch nicht, daß sie viel gelernt hat. Vom Bücherlesen, Bergsteigen und Tennisspielen kann man heutzutage nicht leben. Sie muß in einen Beruf. Darum will ich für sie hergeben, was ich von ihrem Vater übrig habe die Kleider und die Perlenkette. Das bringt ungefähr 60000 Mark. Wir könnten das Geld ja auch gut brauchen, aber ich schicke es lieber der Elsbeth. Ist es dir recht?«
Ohne Besinnen nickte der Hauptmann: »Ich sehe dich lieber ohne jedes Bassenriedsche Erbe.« --
Liese führte ihren Vorsatz aus. Zwei Wochen später stand Elsbeth vor ihr. Sie sah verwildert aus. Liese führte sie in das einzige möblierte Zimmer der großen Wohnung, das ihr noch geblieben war.
»Was machen Sie denn in Berlin? Warum sind Sie nicht in Lausanne geblieben?«
Elsbeth saß ihr gegenüber. Ihre großen Züge zuckten, in den hysterischen Augen war ein flackernder Glanz: »Weil ich Ihren Brief bekommen habe. Ich bin nach Berlin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich die Annahme des Geldes verweigere.«
»Machen Sie jetzt keinen Blödsinn! Wir wollen beide vernünftig sein! Was ich Ihnen geschickt habe, stammt von Ihrem Vater!«
»Nein, es stammt von Ihnen!«
»Elsbeth, reden Sie nicht weiter. Ich habe keine Lust mehr, mich von Ihnen ärgern zu lassen. Von euch Bassenrieds hab' ich genug. Aber Sie waren mir immer sympathisch, trotz Ihres unerhörten Benehmens. Darum wollte ich nicht, daß Sie plötzlich ohne Pfennig dastehen. Sind denn die elenden Perlen und die blödsinnigen Kleider nicht noch was nutze, wenn Sie sich damit 'ne Existenz gründen können? Ich brauche sie nicht mehr, ich bin versorgt. Sie aber sollen endlich eine Sicherheit haben.«
Elsbeth schwieg eine Weile und schüttelte langsam den strohblonden Kopf. Dann flüsterte sie: »Von Ihnen nehme ich nichts. Außerdem sollen Sie sehen, daß ein Mädchen, wie ich, was gelernt hat. Ich werde mich durchsetzen, aus eigener Kraft. Ich werde den Namen Bassenried rein waschen. Sie haben ihn nie mit Recht getragen.«
Jetzt sprang Liese auf. »Hol' Sie der Deibel! Ich verzichte auf Ihren Namen und auf alles! Machen Sie, was Sie Lust haben! Jedenfalls, wenn Sie das Geld nicht nehmen -- ich nehme es auch nicht! Dann kann's auf der Straße liegen!«
Elsbeth maß Liese mit geringschätzigem Blick: »Nein -- ich schütze es vor weiterem Mißbrauch. Ich werde es wohltätigen Stiftungen überweisen.«
»Das hätten Sie ja gleich tun können! Wozu kommen Sie dann noch zu mir?«
Elsbeths Augen irrten umher: »Weil ich -- weil ich in der großen Wohnung hier -- es muß doch noch ein Andenken an meine Mutter geben ... Ist denn alles fort? Hat man Ihnen nichts als die Sachen in diesem Zimmer gelassen?«
»Nichts ... Ich esse bei der Generalin. Die läßt mich hier noch wohnen, bis ... Aber da fällt mir was ein -- der Gerichtsvollzieher hat ja was liegen lassen, ein Bildchen in 'nem echten Goldrahmen -- ich war nachher ganz froh, daß ich ihm nicht damit nachgelaufen bin -- nicht wegen des Rahmens, sondern weil ich mir dachte, es könnte vielleicht was für Sie sein.«
»Für mich? ... Haben Sie daran gedacht? ... Was ist es denn?«
»Ihr Vater sagte mir mal, es sei Ihre Mutter als Braut. Da sehen Sie.«
Liese holte das Bildchen aus einer Schublade. Elsbeth griff danach, betrachtete es und verstummte. Erstaunt sah Liese, daß jede Härte aus ihren Zügen schwand.
Nach einer langen Pause sagte Elsbeth: »Das war noch da? ... Das hatte ich mir oft gewünscht ... Als Kind schon hatte ich das Bild so gern ... Ich dachte, Vater hätte es längst nicht mehr ...«
»Dann stimmt es also? Es macht Ihnen Freude?«
Bassenrieds Tochter sah ein Lächeln in Lieses gealterten Zügen. --
»Ich danke Ihnen«, stieß sie hervor. Plötzlich fühlte Liese ihre Hand in der großen Männerhand des Mädchens. --
»Aber warum sagten Sie, daß ~Sie~ das Geld nicht mehr brauchten? Daß Sie jetzt versorgt seien?«
»Weil ich -- weil ich endlich einen Mann gefunden habe, einen Retter in der Not. Ich heirate wieder.«
»Wen?«
»Einen Freund Ihres Vaters, Hauptmann von Rotkraut. Er hat sich famos gegen mich benommen. Kennen Sie ihn?«
Elsbeth nickte langsam: »Den heiraten Sie?«
»Ich will nur noch 'ne Aufgabe haben. Pflegen will ich ihn.«
Da legte das große Mädchen plötzlich den Arm um Liese und küßte sie auf Mund und Augen. Dann lief sie zur Tür: »Verzeihen Sie! Ich tue, was Sie wollen! Ich behalte das Geld, und wenn ich eine Existenz habe, gebe ich es an Stiftungen! Ist es Ihnen so recht? Ich möchte nichts mehr tun, was Ihnen nicht recht ist!« --
Lange noch dachte Liese an diesen sonderbaren Besuch. Dann wurde es allmählich wieder heller um sie her. Der Scheidungsprozeß verlief günstig. Lieses zweiter Heirat stand nichts mehr im Wege. An einem schönen Wintertage konnte sie mit ihrem Invaliden vor den Standesbeamten treten. Mit einem bescheidenen Frühstück, an dem nur die beiden Zeugen, einstige Kameraden des Hauptmanns, teilnahmen, endete die Feier.
Liese verließ nun die treue Exzellenz. Sie siedelte zu ihrem Mann in die Auguststraße über. Da war es eng und häßlich, man sah aus jedem Fenster auf eine rote Brandmauer, aber Liese war so hoch gestimmt, daß ihr alles schön erschien. An dem Morgen, da sie die Anzeigen ihrer Vermählung absenden wollten, kam ein feiner Brief mit breitem Trauerrande zu ihr, ihr Herz zuckte, denn sie erkannte die Handschrift. Innen fand sie eine gedruckte Anzeige:
›Am 20. Februar verschied in Dresden nach langen, mit edler Geduld ertragenen Leiden meine teure Frau Helene, geborene Kroner. Ich werde dieses Vorbild weiblicher Tugenden niemals vergessen. Allen Freunden zur Kenntnis und mit der Bitte, von Beileidsbezeugungen absehen zu wollen.
Viktor Schwarz, Rechtsanwalt und Notar.‹
Der Hauptmann bekam diesen Brief nicht zu sehen. Liese zerpflückte ihn und flüsterte mit bitterem Munde: »Nun ist er also wieder frei ... Man sollte ihm eigentlich gratulieren.« --
Hermann von Rotkraut war ein Grübler. Immer witterte er Gefahr und suchte ihr zu begegnen. Immer ging er mit sich selbst zu Rat. So ließ er sich von den Tagen des ersten Glückes nicht den Blick trüben. Er spürte, daß seine Berliner Junggesellenwirtschaft für eine junge Frau nichts war. Die Wohnung war häßlich, und Simbas afrikanische Gewohnheiten widersprachen Lieses märkischer Sauberkeit. Noch war keine Klage laut geworden, doch der zartfühlende Mann wollte Lieses Verstimmung zuvorkommen. Eines Mittags sagte er: »Kind, wir verlassen Berlin.«
Liese wurde rot vor Freude: »Es ist merkwürdig, wie du immer vorausweißt, was ich denke!« Sie streichelte ihn. »Die Wohnung ist mir ja lieb, weil wir unsere erste Zeit hier hatten, aber auf die Dauer ... Wir brauchen Licht und Luft, Hermann. Für uns ist es besser, draußen irgendwo auf dem Lande, wenn's auch ganz bescheiden ist. Dann kommen wir mit unsern paar Kröten aus.«
»Schade, daß wir nicht in deine Heimat ziehen können. Strelenwalde stelle ich mir reizend vor.«
»Ja, es ist jammerschade. Aber du weißt ja, woran es liegt.«
Liese senkte den Kopf. Der Hauptmann schwieg bestürzt. Aber er ahnte nicht, was in ihr vorging. Sie hatte ihm das Zerwürfnis mit dem Vater geschildert, wie seine schlichte Soldatennatur es verstehen konnte. Eine rückhaltlose Beichte war ihr bei ihm noch weniger als bei dem Baron möglich. Angstvoll wachte sie darüber, daß dieser redliche Geist seine schöne Meinung von ihr behielt. Er glaubte, daß ihr künstlerischer Freiheitsdrang die Härte des Vaters verschuldet hatte. Ihm erschien es möglich, daß ein Konditor in Strelenwalde seine Tochter verstieß, weil sie in Berlin Sängerin werden wollte. Auch ihm lag solcher Frauenweg fern, aber daß ein Mensch für seine Überzeugung kämpfte, mußte er in jedem Fall respektieren. --
Sie kamen auf das Thema der Übersiedlung nicht mehr zurück, aber es beschäftigte beide. Verträumt blickte sie auf ein mögliches Idyll. Da kam wieder ein Brief in die Auguststraße, wieder mit einem Trauerrand, diesmal aber schmal und bescheiden, und die Handschrift gab Liese eine ganz andere Spannung. Der Hauptmann saß heute dabei. Er sah, wie sie den Brief sinken ließ und ihr Taschentuch an die Augen führte.
»Was ist dir?« fragte er erschrocken. »Ein Verlust?«
Sie überwand sich zur Antwort: »Ja ... Mein armer Vater.« Dann reichte sie ihm den Brief. Er las:
›Strelenwalde, den 5. März.
Liebe Liese!
Heute ist es ein trauriger Anlaß, daß ich nach langer Zeit die Feder ergreife, um Dir zu schreiben. Ich fürchte ja fast, daß das Leben uns entfremden konnte, denn Du gabst mir keine Nachricht mehr, und nun ersah ich aus der Anzeige Deiner zweiten Vermählung, daß Du inzwischen Schweres erlebt haben mußt. Nun, ich kannte Deinen ersten Gatten nicht, und auch Dein zweiter Gatte ist mir fremd -- ich kann Dir nur immer das Beste wünschen. Es heute in die Form von Glückwünschen zu kleiden, vereitelt aber das herbe Geschick. Ich muß Dich zugleich von dem Ableben Deines lieben Vaters unterrichten. Er starb am 20. Februar, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstage. Sein Ende war sanft, Gott sei Dank. Adele Schörg buk eben Pfannkuchen, und vom Bett aus rief Dein Vater ihr noch zu: Nimm mehr Butter, sie sind für den Pastor! -- Dann brach er ab und verstummte. Adele überhörte, weil das Fett so prasselte, seine letzten Seufzer. Ich kam nach einer halben Stunde und ordnete alles. Mit Adele hatte ich leider sofort einen Zusammenstoß. Sie wollte durchaus das Testament sehen, das ich im Geldschrank Deines Vaters vorfand. Sie wurde so frech, daß ich sie am liebsten geohrfeigt hätte, wenn es mir nicht unmöglich wäre, einen Menschen zu züchtigen. Aber sie betritt das Haus Deines Vaters nicht mehr. Ich fürchte überhaupt, sie hat dort eine schlimme Rolle gespielt.
Doch nun zu dem, was Dich angeht, liebe Liese. Du bist nun eine Waise. Aber Deine alte Tante bleibt Dir immer nahe. Du wirst mich in Strelenwalde brauchen können, denn Du bist nun doch die alleinige Erbin Deines Vaters geworden. Zu meiner Überraschung enthält das Testament nur die Bestimmung, daß Haus und Geschäft und der geringe Barbesitz auf Dich übergehen sollen. Ob diese Verfügung noch eine Sinnesänderung Deines Vaters bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Um Deine erste Heirat hat er sich nicht gekümmert, die zweite teilte ich ihm noch mit, indem ich ihm Deine Anzeige schickte. Ich weiß über die Wirkung nur, was Adele Schörg mir sagte. Dein Vater soll in seiner Sterbensmattigkeit noch gelächelt haben: ›Ein Hauptmann von den Afrikanern -- na, das ist wenigstens was.‹ Er hat dann, wie ich feststellen konnte, bald darauf Herrn Justizrat Burwig, unsern Notar, zu sich gebeten. Das vorgefundene Testament ist erst in den letzten Tagen niedergeschrieben worden. Vorher war keines vorhanden.
Deinetwegen bin ich tief beruhigt. Ich kenne ja die Verhältnisse Deines zweiten Gatten nicht, aber ein ererbtes Vaterhaus ist immer ein Rückhalt. Du bist auch die Frau, die es erhalten kann. Dein Vater starb ohne Vermögen, aber auch ohne wesentliche Schulden, denn er lebte wie ein Einsiedler. Immerhin ist die Prutzsche Konditorei trotz aller Vernachlässigung ein gutes, solides Geschäft und kann von jungen Kräften wieder hochgebracht werden. Freilich, Dein Gatte ist Hauptmann. Du mußt nun sehen, wie Du das väterliche Erbe verwalten kannst. Jedenfalls bitte ich Dich, Deine begreifliche Scheu möglichst bald zu überwinden und wieder nach Strelenwalde zu kommen, um Dich persönlich über die Erbschaft zu erklären. Herr Justizrat Burwig erwartet Dich. Was nun noch zu tun ist, geht über meine Kräfte. Ich bin älter als Dein Vater, liebe Liese. Aber hoffentlich unterstützt Dich Dein Gatte. Ein tatkräftiger Mann ist unschätzbar in solchem Fall. Empfiehl mich ihm unbekannterweise.
In treuer Zuneigung Deine Tante O. Sanftleben‹