Frau Rietschel das Kind

Part 21

Chapter 213,657 wordsPublic domain

»Meinetwegen. Ich habe für seinen kranken Magen gesorgt wie 'ne Mutter, sag' ich Ihnen! Wenn der Mann aus Karlsbad kam, dann hing sein Leben von mir ab! Und nun steht die eigene Tochter auf der Straße und bettelt --«

»Ich bettle nicht!«

»Na ja -- ich meine das bloß so! Aber Sie kriegen nichts, und ich kriege 3000 Mark, und was die Bernhardische ist, die kriegt 300000!«

»Ist es möglich?«

»Jawoll, und die ganze Grunewaldvilla dazu!«

»Das muß doch angefochten werden!«

Sie saßen im Café. Berta konnte jetzt lesen. Aber es schwirrte ihr vor den Augen. So viel nur verstand sie: der Mann hatte Millionen hinterlassen. Fünfzehn Aktenseiten umfaßte das Testament. Man konnte sich kaum in den Papieren und Grundstücken zurechtfinden. Die Erben lebten in allen Weltteilen. Am größten waren gemeinnützige Institute und wohltätige Stiftungen bedacht. Rastlos hatte dieser ehrgeizige Mann an seinem Denkmal gebaut. An zweiter Stelle aber kam Gusti Bernhardi, seine Freundin. War die nicht illegitim?

Berta saß erschüttert, mit gebeugtem Kopfe da. Sie dachte an ihre Kinder, an ihren Mann. Wie würde es sein, wenn sie denen jetzt eine halbe Million nach Hause brächte?

Minna Schramm, die beleidigte Köchin, aß inzwischen auf Bertas Kosten den Kuchenaufsatz leer. Sie schlürfte Schokolade dazu und sagte: »Ja, ja -- so ist es auf der Welt. Unsereiner guckt durch die Röhre. Aber ich nehme mir jetzt einen Rechtsanwalt.«

Da leuchtete es noch einmal in Bertas Augen: »Das tu' ich auch!« --

Sie kannte in der Zimmerstraße einen Kunden ihres Mannes, den Rechtsanwalt Albin Fuchs-Trota, den sie für sehr gescheit hielt. Keinesfalls wollte sie heute nach Hause, ohne bei diesem Mann gewesen zu sein. Rietschel wartete auf sie -- sie mußte ihm unbedingt ein positives Ergebnis mitbringen.

So besuchte sie noch Albin Fuchs-Trota. Der kleine, kurzatmige Mann war kühl und skeptisch, bevor er den Namen des Erblassers wußte. Sobald er aber hörte, daß es sich um Viktor Schwarz handelte, leuchtete es in seinen Äuglein auf und er rief: »Mein alter politischer Gegner? Tot ist er jetzt, Gott sei Dank, aber nun wird man ihm noch eins aufs Protzengrab versetzen! Da kommt mir Ihre Sache sehr gelegen, liebe Frau Rietschel! Lassen Sie mir bitte freie Hand!«

Berta griff tastend nach jeder Hoffnung: »Glauben Sie denn, daß noch was zu machen ist, Herr Rechtsanwalt?«

»In moralischer Beziehung unbedingt! Praktisch, da muß ich mich erst mal über die Rechtslage informieren! Jedenfalls gibt es einen famosen publizistischen Kampf! Mit seiner ganzen Clique!«

»Mir liegt natürlich bloß daran, endlich als seine Tochter anerkannt zu sein.«

»Eins mit dem andern, liebe Frau! Wir werden ja sehen!« --

Was Berta dann sah, war wenig und wurde immer weniger. In einem Skandalblatt begannen Artikel zu erscheinen, deren anonymer Verfasser Fuchs-Trota war. Sie wühlten das ganze Leben des verstorbenen Justizrates auf. Unsaubere Hände waren am Werk, eine Säule der Gesellschaft noch nachträglich ins Wackeln zu bringen. Als Haupttrumpf mußte schließlich das Kind eines sehr unmoralischen Verhältnisses herhalten. Wer gemeint war, wurde immer durchsichtiger. Es kam dazu, daß man Rietschel daraufhin ansprach und ihm zu verstehen gab, daß er einschreiten müsse, sonst würde sich die ganze Kundschaft von ihm zurückziehen. Rietschel war außer sich, aber er durfte Bertas Nerven gegenüber nicht zu weit gehen. Seinen wirklichen Vorwurf hielt er zurück. Er ahnte, wie die Enttäuschung sie erschütterte.

Als er eben damit umging, Fuchs-Trota persönlich um das Ende des schmählichen Feldzuges zu bitten, hörte er schon von selbst auf. Eine neue »Affäre« erschien, und man brauchte andere Artikel. Es wurde wieder still um Berta. Sie wandte sich an keinen Rechtsanwalt mehr -- sie haßte jetzt Rechtsanwälte. Aber die Testamentsvollstrecker nahm sie noch aufs Korn. An Justizrat Alexander II schrieb sie einen langen Brief, der dem fremden Manne ihr ganzes Leben schilderte. Antwort kam, aber es fror Berta bei diesen abgewogenen Worten. Ein Vielgewandter dankte ihr verbindlich für ihre ausführlichen Mitteilungen, die ihn ~sehr~ interessiert hätten, allerdings nur in rein menschlicher Hinsicht; denn rechtlich sähe er keinen Weg, ihr irgendwie nützlich zu sein. Selbst wenn Bertas Behauptung, eine uneheliche Tochter des Entschlafenen zu sein, zuträfe, selbst dann wäre ja jedem gesetzlichen Anspruch vollauf Genüge geschehen. ›Wenn Ihnen auch an meiner persönlichen Ansicht gelegen sein sollte,‹ schloß der Justizrat sein Skriptum, ›so gebe ich gern zu, daß wir in puncto Legitimität noch immer in recht besserungsbedürftigen Zuständen leben. Noch fehlt uns das Gesetz, das im höchsten Sinne Gerechtigkeit schafft. Sicherlich ist die Frau hier gegen den Mann benachteiligt. Unsere Kindeskinder werden vielleicht ein solches Gesetz genießen, wir aber, wie gesagt, wir haben es noch nicht, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den bestehenden Verfügungen zu unterwerfen. Dies möchte ich auch Ihnen, sehr geehrte Frau Rietschel, dringend empfehlen, in Ihrem eigenen Interesse und in dem Ihrer Angehörigen, denn von jeher ist der Schwache, der gegen die Mauer des Starken anrennen wollte, zerschellt.

Mit ausgezeichneter Hochachtung bin ich

Ihr sehr ergebener

Alexander II, Justizrat und Notar.‹

Berta blickte wie ein verwirrtes Hündchen umher. Hilflos suchte sie Erkenntnis und Gerechtigkeit. Halb unbewußt ging sie zu den anderen Testamentsvollstreckern. Universitätsprofessor Stieglitz, ein altes Männchen, empfing sie, aber er stand auf einer hohen Leiter in seiner Bibliothek. Einmal drehte er sich nach Berta um, ganz schnell, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren -- dann kramte er in seinen Büchern weiter. Bertas Mitteilungen interessierten ihn nicht. Das einzige, was er schließlich erwiderte, war »Plautus!« Mit diesem Ruf zog er vergnügt einen versteckten Band heraus. Berta wartete noch eine Weile -- dann warf sie in heftiger Eingebung einen Stuhl um und verließ den Herrn Professor. Sie hörte noch deutlich zwei Worte hinter sich: »Gans!« und »Kapitol!«

Von Professor Stieglitz lief sie zu Bankdirektor Markbreiter. »Leider in New York«, war der Bescheid. Dahin konnte sie nun freilich nicht. Aber sie schöpfte Hoffnung, dafür den Kommerzienrat Rosenthal zu erwischen. Hier nannte ihr ein unvorsichtiger Diener die Sprechstunde seines Herrn. Jede reale Angabe war für Berta jetzt ein Schatz. Viermal kam sie wieder, viermal ließ sie sich fortschicken. Beim fünftenmal nahm sie Rietschels Rassiermesser mit, aber sie zückte es nicht, als der Diener wieder »Nicht zu sprechen« antwortete. Draußen, vor der Villa, stand ein Schutzmann -- das schreckte sie ab.

Sie stürzte davon und schrieb auf der Post einen Brief voll Beleidigungen. Zum Glück verwechselte sie bei der Adresse Rosenthal mit Lilienthal und vergaß die Hausnummer. So ging der Brief verloren. Rietschel hatte einen Kummer weniger. Als Berta aber eines Tages einem Kunden Füllfederhalter vorlegte, trat sie plötzlich zurück, schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und lief aus dem Laden. Dem verblüfften Käufer grauste es -- bei Johann Peter Rietschel hatte er eine andere Bedienung erwartet.

Berta aber stürmte, wie sie war, auf ein Automobil zu und ließ sich nach der Königsallee fahren. Heute hatte sie Glück. Als sie eben das Schwarzsche Grundstück betrat, kam ihr Gusti Bernhardi entgegen. Entschlüpfen war nicht möglich. Die erfahrene Wienerin sah auch sofort, daß sie eine Besessene vor sich hatte. Sie wollte Berta vor allem beruhigen und empfing sie deshalb mit bezwingender Liebenswürdigkeit. Rasch nahm sie ihren Arm und führte sie in das Haus.

»Das ist aber reizend, daß du dich endlich meiner erinnerst«, sagte sie mit ihrem hübschen Lächeln, das links und rechts einen Goldzahn zeigte.

»Ich habe oft an dich gedacht«, stieß Berta tonlos hervor.

Sie saßen nun in dem Zimmer, wo Berta einst dem kranken Justizrat gegenüber gesessen. -- »War das nicht sein Schlafzimmer?« fragte sie.

»Ach, du warst schon einmal hier? Ja, ja -- das war sein Schlafzimmer, aber da es so schön zum Garten hinaus liegt, hab' ich es zu meinem Zimmer gemacht.«

Berta starrte sie an: »Dir gehört also das Haus?«

»Ja, Berta. Das wußte ich übrigens schon lange.«

»Du gehst ja in Schwarz?«

»Das schickt sich wohl nicht anders -- wie?«

»Na, eher müßte ich doch in Schwarz gehen.«

»Äußerlichkeiten, Berta.«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Berta mit würgendem Ton: »Mir ist furchtbar zu Mute ...«

Gusti Bernhardi griff nach ihrer rechten Hand -- das war keine rechte Bewegung -- neulich erst hatte Berta so etwas im Theater gesehen. »Warum?« fragte die vorsichtige Frau. »Ich habe doch nichts geerbt -- und du? ...«

»Ach Berta -- du solltest mich nicht beneiden.«

»Ich beneide dich nicht!!«

»Sei ruhig -- bitte -- wir wollen beide ganz ruhig sein. Hast du dir denn überhaupt mal klargemacht, was für ein Leben ich bei dem Mann hatte?«

»Das ist mir ganz egal! Ich war seine Tochter, und das glaubt mir kein Mensch!«

»Das will und kann dir natürlich kein Mensch glauben.«

»Warum denn?«

»Weil niemand ein Interesse daran hat. Du hast dich von Illusionen verblenden lassen, Berta. Du tust mir furchtbar leid. Aber helfen kann dir kein Mensch.«

»Gott wird mir helfen!«

»Also, das wünsch' ich dir von ganzem Herzen.«

»Gott sieht, was die Lumpen alle nicht sehen. Ich habe ein ehrliches Leben hinter mir! Ein schweres Leben! Nun soll ich nicht mal das Recht meiner Geburt haben? Nun soll ich nichts sein, garnichts, bloß weil's die Bande will?«

Gusti Bernhardi zuckte die Achseln: »Glaube mir nur, ich habe auch meinen Ärger und meine Enttäuschungen. Wenn du mich jetzt auch im Glanz siehst. Eins zum Beispiel -- das muß ich dir doch zum Trost erzählen: ich war nämlich garnicht so auf sein Geld aus, wie manche Leute glauben -- ich hab' immer eine ideale Richtung in mir gehabt. Und darum lag mir am meisten an seinen alten Bildern -- besonders die beiden Niederländer im Arbeitszimmer, darauf hab' ich mich gefreut. Und nun ...«

Berta horchte auf: »Hast du die Bilder nicht gekriegt?«

»Nein, sie sind verkauft worden, und den Erlös bekam eine Frau Major von Rotkraut in Strelenwalde --«

Berta erhob sich: »Wer --?«

»Ach so -- mein Gott, das ist ja deine Mutter? Daß ich das vergessen konnte! Aber nun siehst du's -- an deine Mutter hat er gedacht --«

»Und ich? ... Aber hat denn das im Testament gestanden? Ich habe das Testament gelesen!«

»Dann hast du die Bilder übersehen. Es handelt sich um 250000 Mark.«

»Für meine Mutter? ... Und ich ...?«

Berta taumelte, nach Stützen greifend, hinaus. Gusti Bernhardi folgte ihr nicht. Mit bösem Lächeln flüsterte sie: »Du Tropf ... Was warst du ihm, und was war ihm deine Mutter?«

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Im Lokalanzeiger stand es: ›St. Petersburg. 5. Juli. Ein Streich von Revolutionären, die kürzlich aus dem Newagefängnis entwichen sind, bildet das allgemeine Gesprächsthema. Unter der Führung eines Deutschen setzten die Männer nicht etwa ihre Flucht fort, sondern blieben in der Stadt und zeigten sich bald offenkundig auf den Straßen. Mit einer roten Fahne zogen sie umher, sogar am Winterpalais vorbei, wo gegenwärtig der Zar wohnt, und sangen nihilistische Lieder. Schließlich erfolgte die Verhaftung. Nach kurzem Prozeß wurden alle Beteiligten, darunter auch der Deutsche namens Alfons Grunow, auf dem Hof des Newagefängnisses erschossen.‹

Onkel Tübbeke saß in seinem Lehnstuhl und las diese Notiz immer wieder. Er nickte mit dem weißen Kopf: »Ja, ja -- so mußte der Junge enden. Gut, daß die Mutter es nicht mehr erlebt hat.«

Aber einen großen Zug hatte die Geschichte doch -- es ging da ein bißchen anders zu als am Elisabethufer. Im Tode imponierte Alfons seinem Onkel. Nun, Adolf Tübbeke hatte nicht so leben können. Jetzt genoß er seine Pension, in der Belle-Alliance-Straße wohnte er, die den großen Vorzug hatte, daß man mehr vom Berliner Leben zu sehen bekam. Man hatte sogar zweimal jährlich die schönste Aussicht auf die Parade, denn im Frühling und im Herbst führte der Kaiser die Fahnenkompagnie dicht an Tübbeke vorbei.

Im übrigen war er ein einsamer Greis. Seufzend legte er die Zeitung mit Alfons' Todesnachricht fort und humpelte zur Tür, denn es hatte geklingelt. Er erwartete Berta Rietschel, die ihm nach Jahresfrist wieder einmal geschrieben hatte. Jetzt regte ihn ihr Besuch nicht mehr auf. Viktor Schwarz war erledigt, die Erbschaft auch und, es konnte sich nur um einen freundschaftlichen Besuch handeln. Im stillen hoffte er auch auf Bertas Freigebigkeit -- sie wußte ja, was ihm schmeckte.

Hierin täuschte er sich nicht. Frau Rietschel brachte ihm eine Flasche Gilka und eine Braunschweiger Cervelatwurst mit. Sie war doch eine noble Person -- dabei hatte sie es auch nicht mehr so reichlich. Die Zeiten waren durch den amerikanischen Börsenkrach schlecht, und die kleinen Geschäftsleute kämpften erbittert gegen die Warenhäuser. Außerdem zwei Schulkinder -- die kosteten schon etwas.

Berta selbst gefiel dem immer noch scharf blickenden Alten nicht. Sie war bleich und aufgeschwemmt und sichtlich vernachlässigt. In ihren ruhelosen Augen glomm ein Feuer, das Verderben kündete. ›Ob sie sich noch immer nicht beruhigt hat?‹ dachte Onkel Tübbeke.

»Du wohnst hier hübsch, Onkel«, sagte Berta, die Hand auf das schlagende Herz gedrückt. »Wenn ich ans Elisabethufer denke --«

»Na, dagegen brauchst du doch eigentlich nichts zu haben? Wenn du auch 'ne schwere Jugend hattest --«

»Alles, was verfahren an mir ist, das hängt mit meiner Jugend zusammen! Ich habe solchen Haß auf meine Jugend, Onkel --«

»Aber wie kann man denn das?«

»Ich wünschte, ich hätte nie gesehen, was man vom Leben haben könnte, und was einem von all den Bestien gestohlen wird!«

›Herrgott,‹ dachte Tübbeke, ›nun fängt sie wieder an.‹ Er versuchte abzulenken. Aber die schreckliche Neuigkeit von Alfons Grunow hielt er nicht für geeignet. Berta wäre womöglich selbst mit einer roten Fahne durch Berlin gelaufen. Er brachte sie auf etwas Sicheres: »Warum hast du denn die Kinder nicht mal mitgebracht? Ich hätte mich wirklich darüber gefreut.«

Bertas Blick irrte umher: »Ach, mein Onkel. Das ist sehr nett von dir, aber die Kinder konnte ich heute nicht brauchen. Oft kommt es mir vor, als ob ich sie überhaupt nicht brauchen könnte --«

»Berta, Berta!«

»Na, ja! Was sind sie denn? Was tun sie denn? Wenn man sich darüber klar wird -- sie wollen hundert Sachen von mir, Tag für Tag, aber von meiner eigensten Angelegenheit wissen sie nichts, da stören sie mich nur!«

»Was ist denn das -- deine eigenste Angelegenheit?«

»Das fragst du noch, Onkel? Selbstverständlich, daß ich als Tochter von Justizrat Schwarz anerkannt werde!«

Tübbeke fuhr zurück. Er faltete die Hände: »Noch immer?«

Jetzt lachte Berta. Es war ein hartes, unheimliches Lachen: »Bis an mein Lebensende, Onkel! Und ich sage dir: Ich sterbe nicht eher, als bis die volle Wahrheit an den Tag kommt!«

Der Alte sah erst auf die Gilkaflasche und die Cervelatwurst -- er mußte einen Halt haben: »Aber Berta -- der Mann ist nun lange tot -- das Testament ist ausbezahlt -- das hättest du doch sofort anfechten müssen. Aber weil du ganz genau wußtest, daß du nichts machen kannst --«

»Wer sagt dir denn, daß es mir um das Testament geht? Ich danke für alles, was der Mensch besessen hat -- das soll nur seine Kokotte im Grunewald behalten. Ich würde jetzt nichts mehr annehmen. Aber ich habe das feste Gefühl in mir, daß das Recht irgendwo liegt und auf mich wartet. Ich seh' es nur noch nicht. Aber du, Onkel, du hast jetzt deine sichere Pension, du brauchst ja keine Rücksicht mehr zu nehmen -- willst du dich nicht aufschwingen und noch ein gutes Werk tun? Willst du mir nicht raten und helfen?«

Tübbeke saß zurückgelehnt und schüttelte den schwachen weißen Kopf: »Aber Berta -- wie stellst du dir das vor?«

»Gib mir Ruhe, Onkel!«

»Ich tät's ja so gern -- aber ich glaube bestimmt: Ruhe kriegst du nur, wenn du verzichtest.«

»Ich?! Verzichten?! In Unehre sterben, blamiert vor meinem Mann und meinen Kindern? Nie! Nie, Onkel!«

»Hm ... ja, da wüßte ich wirklich nicht ...« Tübbeke schwieg ziemlich lange, den Kopf in die Hand gestützt. Berta wartete in eigentümlicher Spannung. Dann sah der Alte sie plötzlich wieder an: »Hast du eigentlich mal im Kirchenbuch nachgesehen?«

»Im Kirchenbuch? Wo denn, Onkel? Was denn?«

»Na, du weißt doch wohl, das jede Geburt und jedes getaufte Kind in einem Kirchenbuch stehen muß? Hier handelt es sich selbstverständlich um den Ort, wo du geboren bist. Wie heißt doch das Nest?«

»Strelenwalde -- an der Anhalter Bahn -- -- Du meinst, da steht es drin? Das kann noch zu finden sein?«

»Aber sicher. Merkwürdig, das du darauf noch nicht gekommen bist? Ihr Frauenzimmer guckt doch immer übers Nächste weg. Deine Mutter hat dich doch damals eintragen lassen, und dein Vater steht natürlich auch drin --«

»Mein Vater?!«

»Und das ist doch der sicherste Beweis, den du kriegen kannst? Wenn's dir bloß darauf ankommt -- so'n Kirchenbuch, das ist doch sozusagen dem lieben Gott sein Buch -- wenn du darin stehst, kann kein Mensch daran tippen.«

»Adieu, Onkel! Auf Wiedersehen!«

Berta war schon hinaus. Der Alte blieb kopfschüttelnd zurück. Nun fuhr sie also nach Strelenwalde. Vernünftiger wäre es wohl gewesen, wenn sie dort ins Amtsgericht ginge. Aber mochte sie nur in die Kirche gehen. Übrigens Strelenwalde -- der Name erinnerte ihn an irgend etwas, was er kürzlich in der Zeitung gelesen hatte. Es war nichts Alltägliches gewesen. Aber, soviel er sich jetzt auch besann -- es wollte seinem alten Kopf nicht mehr einfallen. Mochte sie nur hinfahren. Vielleicht gelang es ihr, und sie bekam es schwarz auf weiß. Dann hatte sie Ruhe. Er riskierte ja nichts. Seine Pension hatte er weg, der Justizrat war tot, und wer kümmerte sich jetzt noch um seine unehelichen Kinder? -- --

Das stille Strelenwalde war tatsächlich in den letzten Wochen oft in den Zeitungen genannt worden. Ein Ereignis hatte sich dort abgespielt, sehr grauenvoll und grotesk. Doch bevor es erzählt werden kann, muß ein Blick auf die Menschen geworfen werden, die es miterlebten. Es griff recht tief in ihre Stimmung ein, wenn sie auch noch so friedlich im Gleise des Kleinstadt fuhren.

Liese von Rotkraut war seit einigen Jahren Witwe. Sie hatte ihren alten Invaliden treulich in den letzten Schlummer hinübergeflegt. »Du reines Weib!« waren die letzten Worte des Majors gewesen. Er hatte sie mit dem einen Auge, das ihm in Afrika geblieben, lange angesehen -- nie vergaß Liese diesen Abschiedsblick. Seltsam war ihr Herz von schwankenden Gefühlen zerrissen worden -- einesteils glaubte sie, die Krönung durch den ahnungslosen Mann nicht zu verdienen, andernteils wußte sie, wie sehr sie sich Anerkennung bei ihm erworben hatte. Sie führte ihre Rolle bis zur letzten Stunde durch. Hermann von Rotkraut war in der Überzeugung gestorben, eine Heilige zurückzulassen. Keine Ahnung von den wilden Strecken ihres Lebens war ihm gekommen. Aber Liese hatte auch noch mit einem anderen Vermächtnis zu kämpfen. Das lag weiter zurück. Noch zu Lebzeiten des Majors hatte Tante Sanftleben die Augen geschlossen. Ihre letzten Worte an Liese lauteten: »Vergiß deine Tochter nicht.«

Dem einen Spruch zu folgen und den anderen bestehen zu lassen -- dazu fehlte es Liese an Kraft. Sie führte ihre Konditorei weiter, sie betäubte sich durch Arbeit, sie blieb hart und still. Auch als die Nachricht kam, daß Viktor Schwarz gestorben, ließ sie sich nicht aufschrecken. Gierige Freude flammte noch einmal in ihr auf, als die große Erbschaft sie überraschte. Solchen Segen hatte sie freilich nicht erwartet. Aber es tat ihr wohl, unter diesem Eindruck noch Frieden mit dem untreuen Mann schließen zu können -- sie dachte sogar mit Inbrunst im Garten der Zubermühle an ihn und sorgte im übrigen dafür, daß die Erbschaft den Strelenwaldern nicht verdächtig wurde. Das Kind des Toten blieb ihr fern.

Die letzte Belebung ihres Daseins brachte Käthe Bomsdorf, das neue Ladenfräulein. Diese hübsche Person war namentlich bei der Herrenkundschaft beliebt, aber ihr keckes Wesen stieß immer wieder mit Liese zusammen, die ihre eigene Vergangenheit leugnete und die wandelnde Sittenstrenge war. Von Adele Schörg hörte Liese nur wenig. Sie wußte, wie Strelenwalde an seinem alten Prügelkinde handelte, und es war ihr peinlich, zu diesen Roheiten Stellung zu nehmen.

Adele hatte Simba geheiratet. Sie war leidenschaftlich in ein spätes und seltsames Glück gestolpert. Bald aber hatten sich Konflikte ergeben, von denen sie nichts geahnt. Zunächst mußte der Neger als christlicher Ehemann einen deutschen Familiennamen annehmen. Er war bisher nur der Königssohn Simba gewesen, und sein afrikanisches Selbstgefühl sträubte sich gegen einen Namen, der für ihn keinen Sinn hatte. Er ließ sich nichts vorschreiben, auch von Adele nicht, und beschloß plötzlich, sich einfach nach seinem fernen Vaterlande zu nennen, nämlich Großpopo.

Adele war außer sich. Sie sah sofort, was kommen würde -- das Gelächter war unendlich. Doch vergebens suchte sie Simba von den Namen, dessen deutsche Bedeutung sie ihm klar machte, abzubringen. Er war tief beleidigt. Großpopo, seine Heimat, klang ihm besonders schön, und er spuckte aus, wenn man ihm mit Meyer oder Schulze kam. Gegen Simbas Überzeugung war nichts zu machen -- Adele mußte sich fügen, wollte sie ihr ganzes Glück nicht aufs Spiel setzen.

Die Strelenwalder lachten sich satt. Berühmt wurde der Ausspruch, den die Frau Bürgermeister bei einer Kaffeegesellschaft tat: »Den neuen Namen von Adele Schörg können anständige Leute unmöglich aussprechen. Wir haben beschlossen, sie von jetzt an Frau Großpapa zu nennen.«

Dabei blieb es, aber es schwankte auch hin und her, bald a, bald o; besonders die Schuljugend konnte sich an tückischen Verwechselungen nicht genugtun. Adele erkannte nun erst, als sie eine geachtete Frau geworden, was das Verhängnis ihres Lebens war. Sie konnte nicht wie die andern sein -- immer wieder heftete sich das Lächerliche an ihre Gefühle.

Sie hatte Liese Prutz die Tatkraft abgesehen -- nun übernahm sie nach ihrer Heirat des Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Aber sie verkaufte das väterliche Haus und zog in ein schöneres, das sie sich schon lange gewünscht hatte. Dicht neben der Kirche lag es -- das erhöhte noch den Respekt. Aber Adele konnte tun, was sie wollte, sie wurde wirklich eine tüchtige Geschäftsfrau, und Simba half ihr mit der zähen Arbeitskraft des Negers -- ihre Existenz wurde nicht ernst genommen. Über dem Laden hing ein Schild mit der schön gemalten Firma S. Großpopo vormals Schörg -- das genügte, um das Haus zur Zielscheibe täglichen Witzes zu machen. Die Schuljugend ärgerte das fleißige Ehepaar mit ihren kleinen Streichen; jeder Erwachsene, der den Laden betrat, schnitt ein Gesicht zwischen Ernst und Spott und feinfühlige Leute -- das war das allerschlimmste -- vermieden es bald, bei Großpopo zu kaufen. Adele verlor ihre beste Kundschaft.

Es war von jeher die Eigenschaft der Strelenwalder gewesen, vom Märchen des Lebens nichts zu spüren. Jetzt blühte es mitten in ihrer Gemeinschaft, aber sie starrten nur auf den Namen, der ihnen komisch klang, auf den Begriff, der einer fremden Seele gehörte.

Ob Simba verstand, wie es um ihn herum zischte und kicherte, war nicht zu erkennen. Adele fürchtete nichts so, wie sein Begreifen; denn sie wußte, wie furchtbar er werden konnte, wenn man ihn beleidigt hatte. Wie ein Löwe nahm er dann Rache und war zu allem fähig.