Frau Rietschel das Kind

Part 22

Chapter 223,768 wordsPublic domain

So gelang es ihr, ihm die böse Stimmung fernzuhalten, zum mindesten in einem Licht zu zeigen, daß er selbst darüber lachen konnte. Leider wirkte das verächtliche Wesen des Schwarzen noch aufreizender auf die Strelenwalder. Man wurde immer unverschämter. Adele versuchte es bei den beiden Instanzen, die sie anrufen konnte: bei der benachbarten Kirche und bei der Polizei. Der Herr Pastor, der stolz auf seine Missionstat war, einen Neger bekehrt zu haben, sagte: »Liebe Frau -- Großpopo, Ihr innerer Besitz entscheidet. Sie sind doch eine glückliche Frau, Sie sagten mir soeben, daß Sie sich Mutter fühlten -- nun, was hat denn das Leben Größeres zu geben? Bei Schwarz und Weiß, in Europa und in Afrika? Das muß Ihnen über jeden kleinen Ärger forthelfen.«

»Gewiß, Herr Pastor. Aber die Leute hier benehmen sich, als ob wir in Amerika wären, die lynchen uns ja nächstens, weil ich einen schwarzen Mann habe.«

»Nein, Frau Adele. Das ist übertrieben. Davor schützt Sie doch zunächst die Nachbarschaft der Kirche. Unsere Mitbürger sind auch nicht ganz so schlimm, wie Sie meinen. Ich werde übrigens in meiner nächsten Predigt energisch auf die Toleranz gegen eine fremde Rasse hinweisen. Und Sie rufen am besten den Schutz der Polizei an, wenn die Schuljugend sich noch einmal untersteht, Unrat vor Ihre Tür zu legen.«

»Mein Mann macht es mir so schwer, Herr Pastor. Wenn der so was findet, ärgert er sich nicht mal drüber -- für den ist das nämlich garnichts Schmutziges. Ich mußte es ihm erst auseinandersetzen. Ja, man hat's nicht leicht, Herr Pastor.« --

Bei der Polizei erreichte Adele noch weniger. Als die Beamten Frau Großpopo tückisch lächelnd empfingen, hinkte sie schnell wieder fort.

Nach Monaten unermüdlicher Arbeit kam das Ereignis, das Wandel schaffen konnte. Adele gebar ein Kind. Die wilde Vaterfreude Simbas tröstete sie wirklich. Nie hatte sie bei einem Menschen einen so urwüchsigen Stolz gesehen. Er trug seinen Sohn wie ein Heiligtum umher -- die feindliche Welt versank.

Otto hieß der kleine Junge, nach Bismarck. Aber es stellte sich bald heraus, daß er es nicht leichter in Strelenwalde haben würde als seine Eltern. Er erbte nicht nur den Namen seines Vaters, sondern auch die Häßlichkeit seiner Mutter, und außerdem war er kein weißes Christenkind, sondern ein bräunlicher Mulatte.

Das genügte. Alles spitzte sich auf Simbas Sohn, der natürlich zum Unterschied Kleinpopo genannt wurde. Jahre vergingen. Erst in der Schule erkannte Otto sein Schicksal. Da machte man ihn zum Hanswurst, und ohne Erbarmen wurde er gehänselt. Menschliche Lehrer schritten dagegen ein, aber vergebens -- die Bestie wollte ihr Opfer haben. Scheinbar harmlos gingen die Jungen vor dem Sattlerhause auf und ab, mit geschwärzten Gesichtern, Wulstlippen und humpelnd. Einer stand Schmiere -- der gab Signale, wenn Gefahr drohte.

Eines Tages erwachte der kleine Otto. Er begriff den Zusammenhang. Das deutsche Erbe in ihm ließ ihn den ganzen Gram empfinden -- dann aber packte ihn auch das Blut des Afrikaners, und er dürstete nach Rache. So ließ er sich dazu verleiten, seine Beleidiger herauszufordern. Eine große Prügelei entstand. Otto mußte, von Todesangst gejagt, die Flucht ergreifen. Die ganze Rotte rannte hinter ihm her. Sie erwischte ihn nicht -- er gelangte noch eben ins Vaterhaus. Hier aber sank er vor Simba nieder. Ein furchtbarer Ausbruch der gepeinigten Kinderseele enthüllte dem Vater, was geschehen.

Jetzt begriff es Simba. Durch sein Kind mußte er es begreifen. Er bezwang sein kochendes Blut und versprach seinem Sohn Genugtuung. Adele verschwieg er sein Vorhaben und legte sich auf die Lauer. Sobald die kleinen Teufel wieder herankamen, brach er hervor und prügelte fürchterlich, was er erreichen konnte.

Adele kam zu spät. Jetzt konnte sie keine Duldsamkeit mehr predigen. Entsetzt erkannte sie, daß unter den Bestraften die Kinder der einflußreichsten Bürger waren. Sie bluteten und liefen heulend nach Hause. Der Skandal setzte ein.

Jetzt sorgte der Pastor dafür, daß die Polizei von dem wütenden Vater abließ. Aber was er nicht verhindern konnte, war die stille Verschwörung gegen Simbas Geschäft. Ganz amerikanisch versammelten sich die deutschen Kleinstädter und erklärten: ›Einen Neger, der unsere Kinder mißhandelt, dulden wir nicht.‹ Niemand, der das öffentliche Urteil scheute, kaufte von nun an bei S. Großpopo. Wie viele gab es in Strelenwalde, die das öffentliche Urteil nicht scheuten? --

Adele erkannte die Verdammung. Sie war ja ein Kind dieser Stadt. Nun wurde es in dem kleinen Laden ganz still. Schon wollte sie ohne Simbas Wissen Bittgänge tun, die zürnenden Bürger zum Mitleid bewegen -- aber ihr letzter Stolz hemmte sie, und die Zeit war zu schlecht, um vom Mitleid zu leben. Bald regte sich die Konkurrenz.

Adele schonte Simba nicht mehr. Jetzt sagte sie ihm, was er angerichtet. Er aber warf ihr einen unvergeßlichen Blick zu: »Sie wollen uns auch verhungern lassen, meinst du? Weil ich schwarz bin, und weil unser Kind der Mutter gleicht? Wären sie zufrieden, wenn ich ein weißer Dieb wäre, und wenn ich Otto von einer Dirne hätte? Wozu haben diese Menschen Zeit? Sie arbeiten nicht, sie beten nicht, sie stehen vor einem Apfelbaum und verspotten ihn, weil er krumme Äste hat -- dann fressen sie seine Äpfel. Nein, Adele -- mit diesen Menschen können wir nicht leben.«

»Dann wollen wir in eine andere Stadt ziehen, Simba.«

»Wird es dort anders sein? Wird man uns dort nicht mit Gelächter begrüßen?«

»Du darfst nicht vergessen, daß wir ihnen wirklich viel zugemutet haben. Ich war schon immer ihr Prügeljunge, aber damit wurde ich schließlich fertig, und dann habe ich noch einen Schwarzen geheiratet und mein Kind ...«

Adele konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Tränen würgten ihre Stimme. Simba aber erwiderte mit einer großen und düsteren Gebärde: »Du sagst es. Ich bin Christ geworden um ihretwillen, und man hat mich betrogen. Hier sind keine Christen. Ich glaube, Christen gibt es nicht. Wohin wir auch ziehen werden. Laß mich jetzt, Adele -- ich will nachdenken für uns alle. Ich will tun, was meine alten Götter mir befehlen.« --

Es graute ihr bei seinen Worten, aber sie nahm es hin, denn sie hatte immer Ehrfurcht vor seinem reinen Willen. Was in ihm vorging, konnte sie nicht ermessen. Unheimlich, wie ein dunkler Dämon, ging Simba umher. Wenn er allein im Laden war und ein Käufer erschien, so verschränkte er die Arme und funkelte den Weißen an, bis dieser sich ängstlich wieder zurückzog. Bald kam niemand mehr. Ein Jahr verging, und das verrufene Sattlerhaus steckte in Schulden. Der kleine Otto hatte die Schule verlassen -- kein Lehrer konnte den Haß seiner Mitschüler bändigen. Ins große Unglück starrend, hockten Simba, Adele und ihr kleiner Mulatte beisammen.

Eines Tages erschien der Herr Pastor. Er kam als geheimer Abgesandter der Bürgerschaft. Mild und wohltönend war seine Rede: »Sie sind uns allen ein geschätzter Mitbürger, lieber Herr Simba, aber Sie sollten sich doch besser in einem anderen Orte niederlassen.«

»Wo? Ich bleibe.«

»Denken Sie doch an Ihre Familie. Sind Sie nicht Christ geworden?«

»Es gibt keine Christen.«

»Das wagen Sie mir zu sagen, der Ihnen die heilige Taufe gab?«

»Sie haben mir nichts gegeben. Sie haben mir schöne Geschichten erzählt. Draußen ist alles anders. Der Mann, der gekreuzigt wurde, weiß nichts mehr von denen, die kreuzigen. Ich sterbe in Flammen, ich will mich nicht kreuzigen lassen. Ich singe und sterbe in Flammen.«

Der Pastor entfernte sich. -- ›Die arme Frau und das arme Kind‹, dachte er. ›Darf man sie in den Händen eines Wahnsinnigen lassen?‹ Aber er tat nichts weiter und glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben. --

Es wurde ein glühend heißer Sommer. In ihrer Stube, die kaum noch gelüftet wurde, saß die Familie des Negers und stöhnte und starrte verzweifelt ins Nichts. ›Was werden wir morgen essen?‹ dachte Adele. ›Wie soll ich zum ersten die Zinsen bezahlen? Das Haus wird versteigert und dann?‹ -- Otto aber schmiegte sich an sie und fühlte sich als einen Teil seiner Mutter. Das linderte sein geängstigtes Herz.

Plötzlich stand Simba auf. Mit bangem Staunen folgten ihm die Augen der anderen. Er trat ans Fenster und öffnete es.

»Endlich«, flüsterte Adele.

»Fühlst du einen Unterschied? Es brennt.«

»Wo brennt es?«

»In der Luft. Das erinnert mich an Afrika. So soll es werden, so soll es bleiben.«

Mit diesen dunklen Worten ging er hinaus. Bei Nacht erst kehrte er zurück. Jetzt lächelte er zum erstenmal wieder. Er brachte köstliche Dinge mit. Wurst und Schinken, Früchte, weißes Brot und eine Flasche Schnaps. --

»Wovon hast du das alles gekauft?« stammelte Adele. -- »Von dem Ring, den der Herr Major mir hinterlassen hat.«

Otto weinte -- so sehnte er sich nach den guten Sachen. Da wurde er von Vater und Mutter leidenschaftlich gefüttert, dann erst aßen sie selbst. Der Schnaps aber hüllte alle drei in bewußtlosen Schlummer. -- --

Die Nacht blieb heiß wie der Tag. Langsam schritt Kilian, der Wächter, zwischen den alten Giebelhäusern von Strelenwalde. Vor der Kirche blieb er stehen und schnüffelte. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter. Als er zum andern Male zurückkehrte, sah er an verschiedenen Stellen des Sattlerhauses jähen Rauch aufsteigen. Aus Dach und Fenstern quoll der Rauch. Was war denn das? Aber Kilian sah erst nach der benachbarten Kirche. Die war ja die Hauptsache. Entsetzlich, da rauchte es auch! Es züngelte, schwebte und breitete sich aus.

Jetzt schlug der Nachtwächter Lärm. Tutend lief er durch die Gassen. Feuerlärm! Es wurde licht und lebhaft in den Häusern. Aus heißen Betten hüpften die Strelenwalder, Nachtmützenköpfe streckten sich aus den Fenstern.

»Wo denn? Was ist denn? Wo brennt's?« -- »In der Kirche!« -- »Gott im Himmel! In der Kirche?« -- »Nebenan beim Sattler auch!«

Nun zog das schreckliche Gerücht schon viele Menschen auf die Gassen. Pfeifen, Rufen, Fragen -- die freiwillige Feuerwehr mit ihren komischen Blechhelmen formierte sich. Spritzen wurden rasselnd aus der Remise gezogen. Ganz Strelenwalde war in einer halben Stunde auf den Beinen. Aber das Unheil war schon viel zu groß. Man hatte die beste Hilfe verschlafen. Jetzt galt es, von der Kirche zu retten, was noch zu retten war.

Die größte Feuersbrunst seit Menschengedenken entfaltete sich. Das tat der böse Gewitterwind, der durch die schwüle Nacht sauste. Der war stärker als alle Menschenhände. Die Kirche brannte lichterloh. Dämonen schienen hinter ihren leuchtenden Fenstern Gottesdienst zu halten. Ein furchtbares Unglück -- man scharte sich um den Pastor, der halb wahnsinnig vor der brennenden Kirche stand. Plötzlich rief er: »Es muß Brandstiftung sein!« -- Ein wütender Schrei antwortete ihm: »Jawohl! Wer hat es getan?« -- »Das weiß ich nicht!« -- »Doch, ich weiß es«, rief ein Schüler, dem Simbas Prügel noch in den Gliedern lagen. »Der Schwarze! Der Sattler!«

Ein Schrei aus hundert Kehlen gab ihm Recht. Nun stürmten alle zu Simba, um Rache zu nehmen. Aber man hatte sich überhaupt noch nicht um sein Haus gekümmert -- nun war hier noch weniger zu retten als an der Kirche. Das Sattlerhaus war in Flammen gehüllt. Von Grauen gepackt, wich man zurück -- man wußte drei Menschen schliefen hinter diesen Mauern.

Sie hatten sich nicht mehr gezeigt. Später wurden fürchterliche Dinge erzählt. Der eine wollte durch das Fenster des brennenden Hauses den Neger gesehen haben, wie er Weib und Kind umschlungen hielt und mit glühenden Augen sang. Der andere behauptete sogar, die Worte seines Gesanges verstanden zu haben, und gab sie wieder: »Wir sterben in Flammen, wir sterben zusammen, wir aus dem Lande der Sonne! Tod ist uns Wonne! Ich liebe dich, wie du bist! Hörst du es, Mörder Christ?«

Der das erzählte, war ein verkommenes Subjekt, ein armer Literat, der sich endlich interessant machen wollte. Die Verse stammten sicherlich von ihm; denn bei näherer Überlegung mußte man sich ja sagen, daß Simba, wenn er überhaupt gesungen hatte, es sicherlich in seiner Muttersprache getan, von der man ja doch kein Wort verstand. --

Das Ereignis der schauerlichen Nacht war, daß die Kirche von Strelenwalde halb und das Sattlerhaus, in dem auch der Küster gewohnt hatte, ganz verbrannt war. Der Küster selbst hatte das nackte Leben retten können, aber es wurde bald bekannt, daß bei ihm unersetzliche Dinge, zum Beispiel die ganze Bücherei der Kirche, vernichtet worden.

Simbas Verbrechen stand fest. Aber man hatte nichts von dieser Feststellung, denn in dem Sattlerhause fand man nur verkohlte Leichen. Es dämmerte den Strelenwaldern auch allmählich, daß sie ihrer Niedertracht eine furchtbare Strafe verdankten. Zerknirscht umgaben sie ihren gebeugten Seelsorger.

Zwei Wochen vergingen. Der Brandschutt war längst beseitigt, nur ein paar hohle Mauerreste kündeten noch das Schreckliche, was geschehen. Im Rathause wurde schon eifrig beraten, wie schnell und wie herrlich das verlorene Gotteshaus wieder errichtet werden könnte. Reue diktierte den Strelenwaldern eine nie dagewesene Freigebigkeit. --

An einem schönen Augusttage kam eine Frau auf dem Bahnhof an, klein, blaß und voll unruhiger Erwartung. Sie eilte, ihr Handtäschchen schwingend, direkt auf die verbrannte Kirche zu. An der Prutzschen Konditorei kam sie vorbei, aber sie mied ihren Anblick. Berta ahnte nicht, daß eine alte Frau am Fenster stand und ihr nachstarrte. ›Ist das nicht --?‹, dachte Liese von Rotkraut eben, da war die kleine Person schon um die Ecke.

Starr stand Berta vor der Brandruine. Eine redselige Obsthändlerin gesellte sich zu ihr, die glücklich war, einer Fremden noch einmal die ganze Schauergeschichte erzählen zu können. Berta hörte zu und schwieg. Dann sagte sie mühsam: »Das ist ja schrecklich ... Davon hatte ich garnichts gelesen ... Aber sagen Sie mal -- wenn auch die Kirche gelitten hat -- die Bücher müssen doch noch da sein?«

»Was für Bücher meinen Sie?«

»Nun die, wo alles darin steht -- alle Geburten und alle Verstorbenen, mein' ich -- alle Kinder, die in Strelenwalde zur Welt gekommen sind?«

Die Frau lächelte giftig: »Ach, Sie wollten da am Ende was nachsehen?«

»Jawohl, das wollt' ich, darum bin ich hier.«

»Da hätten Sie aber vierzehn Tage früher kommen sollen. Nebenan bei dem Sattler hat unser Küster gewohnt, und bei dem sind sämtliche Kirchenbücher verbrannt.«

»Sämtliche -- Kirchenbücher sind --?«

»Da ist auch nicht ein einziges von übriggeblieben. Aber was ist Ihnen denn? Sie schwanken ja so? Sie stehen wohl viel zu lange in der Sonne? Kommen Sie doch in den Schatten 'rüber.«

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Rietschel hoffte noch immer, daß seine Kinder nichts merkten. Er hatte sie besucht, als sie in ihren Betten lagen, und sie schienen die Geschichte von Mutters Ausflug zu glauben. In Wahrheit hatte Rietschel keine Ahnung, wo Berta sich heute befand. In Wahrheit stand er den ganzen Sonntag schon am Fenster und wartete auf ihre Rückkehr. Am Morgen hatte sie ihn richtig überrumpelt. Während er sich rasierte, war sie eingetreten, die Reisetasche in der Hand, und hatte ihm zugerufen: »Adieu, ich komme vielleicht erst morgen wieder!« Bevor der eingeseifte Mann sie befragen konnte, war sie schon die Treppe hinunter.

Von Groll und Angst erfüllt, verbrachte Rietschel den Tag. Berta hatte schon mancherlei angestellt, aber einfach fortreisen, ohne ein Ziel zu nennen, das war denn doch noch nicht passiert. Das ging ihm über die Hutschnur.

Es hieß zunächst, die Kinder vor Angst zu bewahren. In ihnen hatte sich mit den reifenden Jahren eine eigentümliche, leidenschaftliche Zärtlichkeit für die Mutter herausgebildet, die wie Partei gegen Vater aussah, aber nur dem gütig überlegenen Trieb, zu helfen, entsprang. Paul und Grete hatten früh erkannt, daß das eigentliche Kind im Hause die Mutter war. So täuschte sich Rietschel heute über ihre wahre Empfindung. Er hatte ihnen von einem Ausfluge des Kegelvereins erzählt, den die Mutter mitmache, da er selbst Rheumatismus fürchte. Aber die Kinder kannten schon den ratlosen Ausdruck seiner Augen -- diese Miene des Vaters hatte immer nur einen Grund. Die Mutter entzog sich ihm, er hatte keine Macht mehr über sie, täglich konnte das Unheil hereinbrechen.

Was die drohende Gefahr eigentlich bedeutete, machten sie sich nicht klar. Den Geist, dem sie so viel verdankten, glaubten sie in einem Licht, das nicht zu trüben war. Nur in tiefer Not sahen sie die Mutter, im Fluch einer rätselhaften Umhergetriebenheit. So hockten sie auch heute wieder in ihren Betten und schliefen nicht ein und berieten sich leise. Während der Vater nebenan am Fenster stand, flüsterten sie sich ihre Sorgen zu. Nein, sie waren nicht die ahnungslosen Kinder mehr. Schmale, bleiche Geschöpfe mit großen, dunklen Augen, von angstvoller Sehnsucht gequält -- so sprachen sie miteinander.

»Mutter ist, glaub' ich, garnicht mit dem Kegelverein«, flüsterte Paul.

»Das hab' ich mir auch schon gedacht«, antwortete Grete. »Aber wo kann sie bloß sein?«

Sie richtete sich plötzlich auf und kroch zu ihrem Bruder hinüber. So konnte sie ihm ins Ohr flüstern. Ihre langen, weißen Mädchenbeine kamen dabei zum Vorschein, aber das tat nichts -- Bruder und Schwester kannten sich innen und außen.

»Vater tut mir so leid. Der weiß noch immer nicht, was mit Mutter los ist«, sagte Paul, vor sich hinstarrend.

»Weißt ~du~ es denn?«

»Ich denke mir so manches. Mutter ist manchmal ganz einsam, wenn sie auch bei uns ist. Immer ist sie ganz einsam gewesen.«

Jetzt nickte Grete mit ihrem blonden Köpfchen: »Da hast du recht. Das ist es. Und ich weiß auch, glaub' ich, den Grund.«

»Was weißt du denn?«

»Es heißt doch, daß sie ihren Vater -- daß sie den garnicht gekannt hat -- oder daß sie ihn gekannt hat, aber er wollte ~sie~ nicht kennen. Und ihre Mutter will auch nichts von ihr wissen. Das ist doch schrecklich, Paul. Stell' dir vor -- wo Mutter so furchtbar gut ist. Wir beide, wenn es uns so gehen würde --«

Paul schüttelte den Kopf: »Mit uns kannst du das nicht vergleichen. Wir haben immer gewußt, wo wir hingehören. Wir kennen es doch nicht anders, als daß wir Vater und Mutter haben.«

»Aber Mutter ist doch -- wie soll ich gleich sagen? -- Mutter ist kein Kind mehr?«

Ein Lächeln wollte auf Gretes fragendes Gesicht kommen, aber es verschwand vor dem Blick des Bruders. -- »Wahrscheinlich wissen wir das noch nicht so«, entschied er. »Wahrscheinlich bleibt man sein Leben lang ein Kind, indem daß man braucht, was wir eben haben, und das hat Mutter nicht, und darum kann sie einem so leid tun.«

Grete sah ihn scheu von der Seite an. Langsam zog sie sich in ihr Bett zurück. Es gab Augenblicke, da der Bruder ihr viel älter vorkam. Dann hatte er plötzlich die gewölbte Stirn, die nur alte, weise Männer hatten. Das Dunkel seiner Augen schien zu sagen, daß man ihn nicht mehr belehren könne. Fremdes, überlegenes Blut rollte in seinen Adern -- Grete spürte nichts davon. --

»Sie kommt nicht«, flüsterte Rietschel um Mitternacht und trat mit schmerzender Stirn vom Fenster fort. --

»Das ist nun mein Sonntag, Schneemann«, sagte er dann zu seinem Pudel, der ihn aufmerksam ansah. Rietschel weinte fast vor Sorge und Ingrimm. Er setzte sich auf das Sofa und zog Schneemann neben sich. -- »Dazu hat man nun die ganze Woche geschuftet. Dazu hat man Frau und Kinder. Aber ich tu's nicht länger. Ich halt's nicht mehr aus. Jetzt heißt es biegen oder brechen. Biegen oder brechen!«

Er wiederholte diese Worte noch einige Male in seinem singenden sächsischen Ton, aber er war sich nicht darüber klar, was er eigentlich vorhatte. Mit dem dumpfen Ausspruch: »Das hat man eigentlich garnicht nötig« legte er sich um ein Uhr schlafen. --

In aller Frühe klingelte es. Berta erschien. Rietschel starrte sie an: »Wo kommst du jetzt her?«

»Das kann dir ja egal sein.«

»Meinst du? ... Und wie siehst du denn aus? Hast du am Ende im Freien kampiert?«

»Irgendwo auf dem Bahnhof.«

Die Miene, mit der sie an ihm vorüberging, konnte ihn ängstlich machen. Er wagte es weder sie zur Rede zu stellen, noch zu befragen. Ins Geschäft mußte er nun -- es blieb ihm nichts anderes übrig. Aber diese Frau allein bei den Kindern lassen? Paul und Grete hatten Ferien, das kleine Dienstmädchen kam als Schutz nicht in Betracht. Rietschel wurde von der Erinnerung an einen gräßlichen Fall beschlichen, der sich erst kürzlich ereignet hatte. Da war eine Frau in Abwesenheit ihres Mannes mit ihren Kindern ... Aber nein, das war bei Berta ganz unmöglich. Jetzt noch glaubte er fest an ihren guten Kern.

Beschwörend wandte er sich zu ihr, bevor er ging: »Berta, sei ein bißchen nett zu den Kindern --«

»Was heißt das?«

»Na, ich meine bloß, gestern war Sonntag, und du hast dich garnicht um sie gekümmert.«

»Wer kümmert sich denn um mich?«

»Das darf eine Mutter nicht sagen.«

»Daran glaubte ich auch mal. Jetzt weiß ich besser, was man darf.«

»Was quält dich, Berta? Warum sagst du mir nicht, wo du gestern gewesen bist?«

»Weil du's doch nicht verstehst. Du bist ein guter Mann, Peter, aber verstehen tust du nicht alles. Na, bald kommt die Zeit -- da wird es dir klar.«

Nach diesen Worten ging sie zu den Kindern hinein. Rietschel stand noch eine Weile unschlüssig -- dann stampfte er mit dem Fuß und entfernte sich.

Paul und Grete saßen in einem Winkel und sahen mit bangen Blicken der Mutter zu. Sie ging schweigend im Zimmer umher. Unter dem schiefen Hut hing ihr ein Zopf herunter, und am linken Stiefel schleifte das Schnürband. Eigentümlich gedunsen war ihre fahle Miene. Die Augen schienen den Blick verloren zu haben.

»Wenn sich alles gegen einen verschwört, Gott und die Menschen -- dann weiß man wenigstens: Es hat sich nicht gelohnt! Aber die Rache bleibt trotzdem auf der Welt!«

Diese Worte sagte die Mutter ganz deutlich -- Paul und Grete verhörten sich nicht. Unwillkürlich machten beide eine Bewegung, als wollten sie nun vorspringen und einer grenzenlos Verlassenen helfen. Vor dieser großen Liebesregung stutzte Berta. Ihr Blick gewann wieder Leben. Sie näherte sich den Kindern und sagte: »Seid mir nicht böse, daß ich jetzt oft so komisch bin. Ich kann nicht anders. Bald werdet ihr alles verstehen.«

Sprechen konnten die Kinder nicht -- aber ihr Blick brachte die Mutter noch mehr zum Erwachen. -- »Habt ihr euch gestern geängstigt?« fragte sie nach einer Weile. »Vater scheint sich auch wieder geängstigt zu haben. Das müßt ihr nicht tun. Man kann nicht immer sagen, was man vorhat. Jeder hat im Leben seine eigenen Sachen. Aber damit ihr nicht um den Sonntag kommt -- da habt ihr zwei Mark. Geht zu Wilczek und holt euch, was ihr gern habt.«

Sie ging in ihr Zimmer. Paul und Grete sahen sich an. Nun hatte die Mutter doch endlich wieder mit ihnen gesprochen. Und zwei Mark -- für Pralinés -- ein richtiger Schatz. Sie wären keine Kinder gewesen, wenn sie sich jetzt nicht gefreut hätten, aber sie waren beide noch Kinder. -- --

Berta stand überlegend am Fenster. -- ›Er ist mir durchgegangen‹, sagte sie vor sich hin. ›Jetzt kriege ich ihn nicht mehr. Jetzt ist er wirklich weg. Er muß im Bunde mit dem Deibel sein -- anders ist es nicht möglich. Da kann unsereiner nichts machen. Im Leben war er Rechtsanwalt -- da brauchte er keinen Deibel. Da konnte er mir allein entwischen. Aber dann -- wie er tot war -- das Kirchenbuch, das beim lieben Gott verwahrt war -- daß ich da auch nicht mehr 'ran kann -- dazu brauchte er den Schwarzen. Der hat sein Haus angesteckt, damit das Kirchenbuch verbrennt. Nun bin ich ausgelöscht. Nun komme ich überall zu spät. Da kann unsereiner nichts machen.‹

Diese Worte klangen wie ein unerschütterliches Fatum. Sie schluchzte noch einmal auf: ›Mutter! Aber nein -- die gibt es auf dem Totenbett nicht zu. Ich bin ja ihr Schandfleck ...‹