Frau Rietschel das Kind

Part 20

Chapter 203,791 wordsPublic domain

Länger als ein Jahr blieb Berta mit Paul und Grete in dem Sanatorium. Es war eine teure und opfervolle Zeit, aber sie brachte dreifach Segen. Die Kinder genasen; Rietschel, der trotz aller Sorgen doch wieder einmal Ruhe hatte, verdiente viel, und Berta war von ihrer Vatersuche abgelenkt. Ein Viertes aber ergab sich, das die tiefste Bedeutung hatte. Die Kinder fanden sich endlich ganz zur Mutter. Sie sahen in das wahre Feuer ihrer Seele, und nun konnte sie nichts mehr von ihr trennen. Wer keinen Schlaf und kein Essen gebraucht, um ihnen zu dienen, der blieb ihr bester Halt, auch wenn die Rätsel des Lebens noch so viel verwirren wollten. Bertas Kinder erfaßten den Urzusammenhang und ließen von ihrer Mutter nicht mehr ab.

Als sie endlich wieder in Berlin waren, von dem vereinsamten Vater freudig begrüßt, schien die glückliche Zeit fortzudauern. Berta wurde von Rietschel mit Anerkennung überschüttet, sie wachte auch über den gesunden Kindern, und die alten Gespenster schienen weitab zu fliehen.

Es war Rietschels Tragik, daß er nichts von seiner Frau wußte, als er sie stolz und glücklich zu durchschauen glaubte. Berta lebte unter einer Pflicht, für sie gab es keine Wahl vor solcher Aufgabe, denn sie war wirklich eine Mutter, aber für ihr eigenstes Wesen, das nun einmal bei Rietschel darben mußte, war die Wandlung des letzten Jahres nur Betäubung gewesen. Sie hatte abgebüßt, was sie dämonisch ins Verderben trieb. Sie hatte Vergessenheit gefunden in der Welt, die sie nur als Frau und Mutter gelten ließ. Der Durst ihres Innersten blieb ungestillt.

Aber zu einem wirklichen Schritt konnte sie sich nicht mehr aufraffen. In schwermütige Bitterkeit verbissen, lebte sie weiter -- auch in Berlin, wo sie nun alles an alte Leiden erinnerte. Die Wanderungen mit den Kindern über Thüringer Waldhöhen hatten sie abgelenkt -- jetzt wußte sie wieder, wo der Weg in den Grunewald führte. Es hieß, den Kopf in den Sand stecken, arbeiten und im Pfluge gehen.

So vergingen einige Jahre. Das große Einerlei schliff manchen ruhelosen Wunsch ab. Rietschel wußte um Bertas enges Dasein ein Behagen zu breiten, das billig betäubte -- er hielt es für den Frieden, den sie gebraucht. Oft reizte es sie, aufzuspringen, die Hülle abzuschütteln, dem selbstzufriedenen Manne zuzurufen: ›Nein, du irrst dich! Ich bin noch ebenso, wie ich war! Du kannst mir nicht geben, was ich brauche!‹ Dann aber sah sie auf ihre Kinder und verstummte. Paul und Grete wurden schöne, aufrechte Menschen. Man wunderte sich oft, daß den Rietschels solche Kinder beschieden waren. Rührend, durch frühes, gemeinsames Leid verknüpft, festigte sich ihr Geschwisterbund.

Rietschels galten als wahrhaft glückliche Familie -- Justizrat Schwarz hörte davon zuweilen durch Tübbeke, seinen Bureauvorsteher. Frau Grunow war inzwischen an Altersschwäche gestorben, ihr Sohn Alfons lebte bei politischen Freunden in Rußland -- Tübbeke war ganz allein. Justizrat Schwarz behielt den Greis, der seine Arbeit immer noch verrichtete, er war ihm auch wertvoll, weil er ihm von Berta Rietschel erzählte. Was der alte Lebenskünstler im Grunewald gern glaubte, das glaubte er intensiv. Berta war für ihn erledigt. -- »Als Gattin und Mutter hat sie doch noch ihre Bestimmung gefunden«, sagte er zu Gusti Bernhardi. Seine Freundin zuckte die Achseln -- sie hatte einen tieferen Blick in Bertas Leben getan, aber sie ließ ihn bei seinem Glauben.

Viktor Schwarz hatte immer den Frühling geliebt. Schon aus ferner Jugendzeit waren ihm bestimmte Bilder in Erinnerung geblieben. Aber der Frühling war auch die Zeit der Schmerzen und Gefahren für ihn. Er wurde nun doch ein alter Mann -- daran war nicht zu rütteln. Ein Maiabend, allzulange im Garten bei köstlicher Bowle verträumt, hatte ihn verführt, seine letzte Leidenschaft zu entfachen. Gusti Bernhardi gewährte es ihm, denn sie sah, was er nicht sah: die Nähe des dunklen Hafens. Von Mitleid und Berechnung erfüllt, diente sie einem Absterbenden. Der Morgen dann wurde kritisch. Zusammenbruch drohte, aber der eigensinnige Mann hörte auf keine Warnung. Er hatte ein großes Geschäft vor, es trieb ihn, stolz auf seine Kraft zu bleiben -- nach dem Frühstück brach er auf und humpelte an seinem Krückstock in den Frühling hinaus. Was Gicht -- was Krampfadern -- er konnte noch leben und lieben!

Das Automobil erwartete ihn erst in Halensee -- bis dorthin wollte er unter der lieben Sonne gehen. Sonderbare Bilder tauchten heute vor ihm auf. Er sah sich plötzlich wieder als jungen Assessor in Strelenwalde. Am offenen Fenster seiner Wohnung stand er und blickte auf das Haus des Konditors hinüber. Dann ging er zu Liese, der blonden, schlanken, in den schattigen Garten der Zubermühle. Er hatte doch nur sie geliebt. Niemals vergaß er die Stunde jener Nacht, als sie sich gebückt und Blumen aufgehoben hatte. Huschten die verflogenen Küsse über seine welken Lippen? »O Jugend«, flüsterte Viktor Schwarz -- es war ein blutender Laut der Reue. Dann blieb er plötzlich stehen, griff an sein Herz, starrte hilflos mit großen Augen vor sich hin und sank zu Boden.

Man fand den Toten und erkannte ihn bald. Das Automobil wurde geholt, und es trug ihn zu Gusti Bernhardi zurück. -- --

Rietschel las jetzt die Vossische Zeitung. Im Interesse seiner Kundschaft war er dazu übergegangen. Eines Abends stutzte er plötzlich, warf einen schnellen Blick auf Berta und versuchte noch die Bewegung, die ihm eine Nachricht brachte, zu bemänteln. Aber es war zu spät. Berta pflegte ihn immer beim Zeitunglesen zu beobachten.

»Na, was ist denn?« fragte sie unruhig.

Er überlegte schnell -- aber Verheimlichen hatte keinen Zweck -- sie erfuhr es ja doch -- dann wurde es nur noch schlimmer.

»Na, Berta«, sagte er sanft -- »nun ist es eben eingetreten. Er soll ja schon lange ein verlorener Mann gewesen sein.«

»Wer? ...«

Bevor er antworten konnte, war sie schon aufgestanden, hinter ihn getreten und sah über seine Schulter in das Blatt. Er fühlte, wie sie bebte. Sie konnte nichts sagen. Es dauerte lange, bis sie es verstand. Keine Familiennachricht war dem verstorbenen Justizrat gewidmet, sondern ein langer Artikel im lokalen Teil. Die Wichtigkeit des Toten spiegelte sich darin. Berlin war um einen großen Namen ärmer.

»Laß dich nicht so davon aufregen, Bertchen«, sagte Rietschel nach langem Schweigen. »Ich kann ja verstehen, daß es dich packt. Die Art, wie der Mann gestorben ist, hat was Trauriges. Aber der Tod macht nun mal keinen Unterschied. Auch Kaiser Friedrich ist gestorben -- das fällt mir jetzt bloß so ein. Und du darfst nie vergessen -- um dich hat er keine Träne verdient.«

Er blickte schließlich zu ihr auf, da sie noch immer nicht antwortete. Da sah er, wie sie erst mechanisch die Lippen bewegte -- dann hörte er sie: »Meinst du, daß ich um ihn weine? Nein. Innerlich bin ich seit Jahren mit ihm fertig. Den Tod hat er verdient --«

»Berta ...«

»Ja, ja, es klingt abscheulich, aber ich muß es jetzt sagen. Er mußte auf der Straße sterben. Nicht mal die Bernhardi ist bei ihm gewesen -- --«

»Laß ihn ruhen, Berta.«

»Von mir aus ...! Wenn er kann ...! Wenn er sterben konnte, ohne mir mein Recht zu geben --!«

»Herrgott, was meinst du denn damit?«

»Peter, wir standen schon wieder so gut miteinander -- mach' mich nicht irre, Peter! Er war mein Vater, wenn er's auch nicht zugegeben hat! Jetzt, nach seinem Tode, ist er's ebenso und mehr noch, denn er kann es mir nicht mehr abstreiten! Jetzt sag' ich es laut vor der ganzen Welt!«

Rietschel drückte den Kopf in beide Hände. --

»Nun geht deine Geschichte wieder von vorne los«, flüsterte er gequält.

Berta ging mit heftigen Schritten im Zimmer umher: »Die hat bei mir noch niemals aufgehört! Du sollst jetzt sehen, Peter, das ich recht behalte! Ganz beschämt sollst du sein, weil du kein Vertrauen zu deiner Frau gehabt hast, die doch nur deine Zukunft im Auge hat!«

Mit geröteten Augen sah Rietschel sie an: »Ich kann dich nicht verstehen, Berta. Was meinst du? Der Mann ist tot, erreicht hast du nichts bei ihm, nun laß ihn schlafen, nun komm du im Leben zur Ruhe!«

Sie blieb vor ihm stehen, in ihre Augen kam ein seltsam lächelnder Triumph: »Ich will aber zu mehr kommen, mein Lieber -- ~weil~ er tot ist, weil ich im Leben zur Ruhe kommen möchte!«

»Was heißt das? Meinst du, daß er dich im Testament noch anerkannt hat?«

»Das will ich nicht sagen! Aber er hat mich unbedingt in seinem Testament bedacht!«

»Berta, um Gottes willen, wie kommst du denn darauf? Du machst dir wieder Illusionen -- so was hab' ich noch nicht gesehn! Dem alten Gauner lag doch nach seinem Tode ebensoviel an seinem Ruf wie vorher! Ums Geld ging es ihm nicht -- aber was die Leute ihm nachreden, daß da alles klappt, und daß er wie so'n richtiger Engel in den Himmel fliegt. Dich konnte er nicht brauchen, da verlaß dich drauf -- du kommst in seinem Testament nicht vor! Dafür haben die Erbschleicher gesorgt!«

Berta ging zum Fenster und starrte hinaus. --

»Nein, Peter,« sagte sie nach einer Weile -- »Du siehst die Sache nicht richtig. Ich weiß es ganz genau. Was er im Leben nicht konnte, das war ihm im Tode möglich -- oder vielmehr in seinem letzten Willen, wovon ja bis jetzt kein Mensch was weiß. Da kommt die große Überraschung. Denn ich will dir sagen, was die Hauptsache ist: Er hat es ~gebraucht~. So weit kannte ich ihn auch. Der Mann war nie glücklich, weil er ~mir~ gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. Das wußte ich, und darum blieb ich hinter ihm her. Ich sage dir, es war nicht vergebens, daß ich ihm nicht von der Pelle ging. Ein Erbschleicher war ich darum nicht -- darf man die eigene Tochter so nennen?! Ich wollte nur erreichen, daß er mich nicht vergißt, und das habe ich erreicht. Du wirst sehen -- ganz zuletzt hat er noch Frieden mit mir gemacht. Der Mann war ja so klotzig reich -- was lag ihm denn daran, mich mit hunderttausend Mark 'reinzusetzen?«

»Man sachte, sachte«, sagte Rietschel, den Kopf schüttelnd. »Hunderttausend Mark -- das ist leicht gesagt. Mich soll's wundern, wenn es tausend sind ...«

»Willst du mir schon wieder den Mut nehmen?«

»Nein, Kind, ich weiß ja, du meinst es gut. Du denkst an die Kinder. Aber Geld allein macht nicht glücklich --«

»Man muß es auch haben!« -- Scharf auflachend verließ Berta das Zimmer. Er kam nicht weiter mit ihr. --

In den nächsten Tagen studierte sie mit fieberhafter Spannung alle Zeitungen. Doch was sie suchte, fand sie nicht. Immer wieder standen Nachrufe darin -- ein Dutzend Aktiengesellschaften ehrten ihren verstorbenen Aufsichtsrat, viele Vereine und Stiftungen priesen den verblichenen Wohltäter -- nur die einfache Anzeige der Familie fehlte. Die mußte ja Ort und Stunde des Begräbnisses mitteilen.

Abends sagte Berta zu Rietschel: »Eine Bitte mußt du mir erfüllen, Peter!« -- Er zuckte zusammen: »Erst sage, was es ist.«

»Du wirst es mir nicht abschlagen. Ich rate dir, tu's nicht. Ich möchte mit dir zu der Beerdigung gehen --«

»Berta!«

»Doch, Peter! Das ist die einzige Gelegenheit, wo ich mal alle beisammen sehen kann! Die Leute, zu denen ich ja auch gehöre! Ich bin doch eigentlich die Hauptperson!«

»Das ist ja peinlich, Berta. Was soll ich denn da? Ich kenn' doch keinen Menschen, und wo bloß die Neugierigen stehen, da willst du doch nicht bleiben --«

»Sicher nicht! Ich stell' mich in die vorderste Reihe! Dicht an den Sarg!«

»Da haben wir's! Womöglich noch in Schwarz und mit 'n langen Schleier?«

»Was denn sonst? Ich weiß, was sich gehört!«

»Also -- Berta -- wann wirst du endlich Vernunft annehmen?«

»Du hast es mir versprochen!«

»Ich -- --«

»Du hast es mir versprochen!« --

Berta blieb bis zum nächsten Morgen in einer geradezu glücklichen Spannung. Sie versprach sich alles mögliche von dem Begräbnis. Als sie aber in die Zeitung blickte, wich die Farbe wieder aus ihrem Gesicht -- zusammenknickend stand sie vor Rietschel.

»Na, was ist denn? Steht was drin?«

Sie antwortete nicht. Nun las er die Anzeige der Familie:

›Am 5. Mai verschied nach langem Leiden unser lieber Vetter, Onkel und Schwager, Herr Justizrat Viktor Schwarz, Ritter hoher Orden. Im Sinne des teuren Entschlafenen hat das Begräbnis bereits in aller Stille stattgefunden.

Die trauernden Hinterbliebenen.‹

Rietschel konnte ein Lächeln kaum unterdrücken -- er fühlte sich sehr erleichtert. Berta aber flüsterte mit zuckenden Lippen: »Der ist unglaublich! Der entwischt einem im Tode noch! Aber laß man gut sein, Peter -- das Testament! Ich warte auf das Testament!«

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Onkel Tübbeke war schon auf Bertas Besuch gefaßt. Nun kam sie ausgerechnet, als er eben ein Abendbrot verzehren wollte, auf das er sich schon lange gefreut hatte: Bockwurst mit Kartoffelsalat. Es war ohnehin keine Kleinigkeit für einen alten Mann, allein zu wirtschaften -- den Verlust seiner Schwester empfand er bitter. Nun erschien noch diese aufgeregte, kleine Frau und wollte womöglich, daß er ihr zu einer Erbschaft verhülfe.

Tübbeke verschanzte sich: »Was ist los, Berta?«

»Ich will dich nicht weiter stören, Onkel -- sage mir nur, wer die Testamentsvollstrecker sind.«

»Von ihm?« -- Er machte eine vielsagende Bewegung.

»Ja, natürlich! Du mußt es doch wissen!«

»Und warum willst ~du~ das wissen?«

»Lieber Onkel, wir wollen uns darüber nicht unterhalten, Du kannst dir ja vorstellen, daß ich ein berechtigtes Interesse an dem Testament habe.«

»Ich kann mir garnichts vorstellen.«

»Sage mir bitte jetzt, wer die Vollstrecker sind.«

»Ich bin nicht berechtigt, dir das zu sagen.«

»Reize mich nicht, Onkel!«

Sie schlug mit ihrer zitternden Faust auf den Tisch. Dem alten Mann wurde es ängstlich zu Mut. Er war mit dieser exaltierten Person allein -- ihrem Verstande traute er schon lange nicht. Bis er die Leute im Hause herbeirief, stach sie schon mit der Gabel auf ihn ein oder tat sonst etwas Unglaubliches. Auch wurde die Bockwurst kalt, wenn er auch einen Teller darüber gestülpt hatte. Schließlich konnte er ihr ja die Namen nennen -- sie loszuwerden, war dann Sache der mächtigen Herren.

»Also, damit du mich endlich in Ruhe läßt -- der Notar ist Justizrat Alexander II in der Nürnberger Straße 15. Testamentsvollstrecker haben wir außerdem noch drei, denn das Testament ist danach.«

»Wohl unglaubliche Reichtümer?«

Onkel Tübbeke sah zur Decke: »Das kannst du dir ja denken.«

»Und die andern Herren? Ich schreib' sie mir gleich auf.«

Er nannte ihr noch drei Adressen. Berta glaubte Kostbarkeiten zu sammeln, während sie sie notierte. Die Namen imponierten ihr gewaltig -- ein Universitätsprofessor, ein Kommerzienrat und der Direktor einer großen Bank.

»Na, das sind doch Leute -- die werden schon ein gerechtes Urteil haben«, sagte sie vor sich hin.

Onkel Tübbeke brummte etwas Unverständliches. Er lüftete den Teller und befühlte die Bockwurst. -- »Sonst noch was?« fragte er verdrießlich.

Berta stand auf: »Nein, Onkel. Danke sehr. Jetzt lass' ich dich essen. Entschuldige bitte die Störung. Aber sage mir nur noch das eine: Was glaubst du, wie ~ich~ bedacht bin?«

»~Wo?~«

»In dem Testament!«

»Davon weiß ich nichts.«

»Hältst du es aber für möglich?«

»Möglich ist vieles im Leben.«

Bertas Gesicht erglühte. Nach einer Pause fragte sie noch: »Wann ist denn die Testamentseröffnung und wo?«

»Übermorgen bei Alexander II.«

»Da kann ich doch hingehen?«

»Hingehen kannst du natürlich; aber ob sie dich 'reinlassen, ist die Frage. Man muß 'ne Karte haben.«

»Die krieg' ich schon noch.«

»Ist aber die höchste Zeit.«

Als Onkel Tübbeke wieder allein war, dachte er kopfschüttelnd: ›Sie ist doch 'n richtiges Kalb geblieben. Wenn sie keine Karte kriegt, dann gilt sie doch auch nicht als Erbin, dann braucht sie sich doch gar keine Hoffnung zu machen. Daß sie sich das nicht sagt ...‹ --

Berta war schon nach der Nürnberger Straße unterwegs. An ihre Pflicht zu Hause dachte sie nicht -- das Mädchen würde schon fürs Essen sorgen. Sie selbst kaufte sich eine Apfelsine und zwei Bananen. Während sie diese Früchte verzehrte, dachte sie: ›Nun komm' ich bald nach Italien und nach Indien. Ich will überhaupt große Reisen machen. Da vergißt man hier den Plunder und kommt auf andere Gedanken.‹

Bei Justizrat Alexander II empfing sie ein strammer, gescheitelter Bureauvorsteher, an dem jedes überflüssige Wort abprallte. Er sah sie von oben bis unten an: »Sie wünschen eine Karte für die Testamentseröffnung Viktor Schwarz? Wenn für Sie eine bestimmt war, hätten Sie sie längst durch die Post erhalten. Wie ist denn Ihr werter Name?«

»Prutz« stieß Berta hervor. »Nein -- Rietschel!«

Das Personal kicherte. Der gescheitelte Herr schnitt eine Grimasse, um ernst zu bleiben: »Also gilt wohl die Berichtigung? Rietschel?«

Er sah in einer Kiste nach -- dann schüttelte er den Kopf: »Bedaure, der Name Rietschel ist nicht aufgeführt. Und Prutz, der Ordnung halber -- auch nicht.« -- Er wandte sich Berta zu. »Sie sind keine Erbin«, sagte er mit strenger Polizeimiene.

Jetzt blickten alle auf sie -- es war, als ob man eine Diebin ertappte.

»Das ist ja ganz unmöglich«, stammelte Berta.

»Ich habe das Meinige getan -- ich bitte, meine kostbare Zeit nicht länger in Anspruch zu nehmen.«

»Ich werde es anfechten!«

Jetzt hörte sie ein deutliches Lachen um sich her.

»Da sollten sie doch mindestens die Eröffnung des Testaments abwarten«, sagte ein Fräulein in halb mitleidigem, halb spöttischem Ton.

»Das werde ich! Auch ohne Karte!«

Sie lief fort. Die Heiterkeit legte sich nach ihrem Verschwinden noch lange nicht. -- »Ja, ja, was man nicht alles erlebt«, sagte der gescheitelte Herr, sich die Augen wischend. »Es ist unglaublich. Wenn es heißt ein Millionentestament, dann melden sich Leute, die mit dem Erblasser mal in der Elektrischen gefahren sind.«

»Und die kleine Frau tat so, als ob sie die eigene Tochter wäre«, meinte das Fräulein. --

Die Testamentseröffnung war jedenfalls ein Ersatz für das versäumte Begräbnis. Berta konnte nun doch noch alle beisammen sehen. Eine Stunde vor Beginn erschien sie in der Nürnberger Straße und sah in einem wunderlichen Gemisch von Neid, Groll und Neugier die Geladenen kommen. Gusti Bernhardi fuhr in Justizrat Schwarz Automobil vor -- ihre Trauerkleidung war von vorbildlicher Eleganz.

Berta stand abseits und zappelte vor Aufregung. Sie hielt sich noch immer für die Hauptperson, die auf dem Höhepunkt des Dramas in die Handlung eingreifen konnte. Ob und wie sie es tat, darüber konnte sie zu keinem Entschluß kommen. Schließlich packte sie der Wunsch, in den Versammlungsraum zu gelangen, so stark, daß sie mit Nachzüglern hineinzuschlüpfen versuchte. Aber der gescheitelte Bureauvorsteher stand als Zerberus vor der Tür. Er erkannte sie sofort und fragte schroff: »Ihre Karte?« -- Berta verstummte. -- »Ohne Karte hat niemand Zutritt!«

Weinend wich sie auf die Treppe zurück. -- »Na, was ist denn, Frauchen?« fragte ein Schornsteinfeger, der eben vorüberkam.

Berta erschrak vor seiner höllischen Erscheinung, aber sie antwortete: »Ich bin die leibliche Tochter und soll nichts erben!«

Der schwarze Mann sah sie betroffen an: »Ist nicht möglich ... ja, so sind die Reichen. Na, machen Sie doch Krach!«

Er ging mit seinem Besen weiter. Berta stand wieder auf der Straße. Der Mann hatte recht. Krach wollte sie machen. Krach mußte sie machen! Sogleich, wenn die Erben das Haus verließen, sollte es geschehen!

Endlich kamen sie. Die meisten sichtlich beflügelt -- heuchlerische Trauer deckte kaum ihre heimliche Wonne. Man wahrte die Form -- man stelzte würdig von dannen. Aber auch Mißvergnügte kamen. Das Testament mußte doch unangenehme Überraschungen enthalten. Als Gusti Bernhardi wie eine königliche Witwe davonrauschte, konnte Berta sich nicht mehr halten. Sie stürmte über den Damm. Das Automobil rollte schon an ihr vorbei, und es war ihr, als ob Gusti betroffen aus dem Fenster sehe. Vor dem Hause aber stand jetzt ein heftig debattierender Schwarm. Lachende Erben waren es nicht -- man scheute nicht den Spott der Beobachter und stritt um das Testament.

Hier glaubte Berta einsetzen zu können. Sie trat an die Gruppe heran und fügte immer wieder, wenn ein Gekränkter seine Meinung gesagt, mit ihrer klagenden Stimme ein: »Und ich bin das Kind!«

Man achtete anfangs nicht auf sie, man war zu sehr mit den eigenen Interessen beschäftigt -- dann aber fuhr plötzlich ein dicker Herr zu der kleinen Frau herum: »Was wünschen Sie denn eigentlich? Sie flöten mir da immer was ins Ohr, und ich kenne Sie garnicht! Das macht einen ganz nervös!«

Auch die anderen blickten Berta verwundert lächelnd an.

»Entschuldigen Sie -- ich bin sein Kind«, flüsterte sie.

»Was sind Sie?« fragte der Dicke.

»Sein Kind, seine eigene Tochter!«

Man sah sich an -- das war doch noch das Originellste an diesem Testament -- nun kam noch das erheiternde Nachspiel der Tragödie.

Ein schmaler, hochschulteriger Herr, der sich wie ein gravitätischer Storch bewegte, fragte Berta, an seiner Brille rückend: »Haben Sie geerbt, meine Gnädige?«

»Nein, garnichts. Ich bin leer ausgegangen. Ich durfte nicht mal 'rein.«

Einige Damen bekamen das Lachen und wandten sich ab. Eigentlich mußte man ja ernst sein.

»Leiten Sie einen Anspruch davon ab, daß Sie das Kind des Erblassers sind?« fragte der Storch.

»Ja, natürlich! Was glauben Sie denn?«

»Sie sind illegitim?«

»Ich bin seine Tochter!«

Ein junger Herr tanzte schon auf einem Bein. -- »Das ist großartig!« zwitscherte er.

»Nun,« meinte der Storch bedauernd -- »dann machen Sie sich keine Hoffnung. Wir sind mit dem Seligen legitim verschwägert und müssen uns mit bescheidenen Andenken begnügen.«

Man ließ jetzt von ihr ab und warf ihr noch Blicke zu, die nicht mißzuverstehen waren -- ja, das Leben war schon zum Verrücktwerden. Dann trennten sich die Erben und gingen, von dem Zwischenfall aufgeheitert, friedlich auseinander. --

Berta lief wie eine Löwin vor dem verhaßten Hause auf und ab. -- »Ich fechte es an! Ich fechte es an!« rief sie immer wieder. Einige Kinder, die einen großen Spaß witterten -- ihnen war es gleich, ob es sich um eine Verrückte oder eine Betrunkene handelte -- folgten ihr. Schließlich aber tauchte ein großer dunkler Mann mit blitzenden Knöpfen vor ihr auf. Berta starrte ihn in sein rotes Gesicht.

»Gehen Sie jetzt nach Hause!« rief der Schutzmann. »Sie erregen hier Ärgernis!«

Er wollte nichts gegen sie unternehmen, aber seine Erscheinung wirkte überwältigend. Von Kindesbeinen hatte Berta eine fürchterliche Angst vor Schutzmännern gehabt. Nun erhielt sie zum erstenmal einen wirklichen Verweis von dem Manne des Gesetzes. Blutrot machte sie kehrt und lief davon.

Auf dem Untergrundbahnhof Wittenbergplatz aber sah sie eine Frau wieder, die auch das Haus des Testamentsvollstreckers verlassen hatte. Es war eine dürftige, vergrämte Person. Sie trug ein amtliches Schriftstück in der Hand, das sie zuweilen las, um dann immer wieder erbittert den Kopf zu schütteln. Als sie Bertas ansichtig wurde, steuerte sie plötzlich auf sie zu:

»Entschuldigen Sie, Sie sagten doch eben, daß Sie die Tochter von Justizrat Schwarz wären?«

Berta zitterte: »Jawohl! aber man hat mich ausgelacht!«

»Die Ochsen! Was wissen denn die! Raten Sie mal, wer ich bin! Ich bin Minna!«

»Minna? ... Ach seien Sie mir nicht böse -- aber dadurch weiß ich noch nichts!«

»Daran sieht man aber, daß Sie den alten Schwarz nicht gut gekannt haben -- sonst müßten Sie wissen, wer Minna ist! Ich war achtzehn Jahre Köchin bei ihm! Achtzehn Jahre! Und wissen Sie, was er mir vermacht hat? Ein Sparkassenbuch mit 3000 Mark!«

»Das ist doch wenigstens was.«

»Haben Sie 'ne Ahnung, was sonst noch in dem Testament steht?! Hier halt' ich's in der Hand! Das ist die Abschrift!«

Berta flog am ganzen Körper: »Ach bitte! Bitte! Lassen Sie mich's lesen!«

»Warum auch nicht? Ein Geheimnis ist es nicht! Ganz Berlin wird davon sprechen! Aber mögen die Leute noch so begeistert sein von dem Mann -- ich, Minna Schramm, ich sage: er war ein Schubjack!«

»Darf ich mir vielleicht erlauben, Sie in ein Café einzuladen? Da haben wir's ruhig -- da kann ich auch besser lesen ...!«