Part 19
Sie läutete und wurde von einem Diener eingelassen. Es war wohltuend, in diesem prachtvollen Hause als erwarteter Besuch behandelt zu werden. Der Diener sprach höflich und leise. Er mochte sich vielleicht über Berta wundern, aber er zeigte es nicht. Bald führte er sie in den ersten Stock hinauf. ›Das sind Gobelins, die können hunderttausend Mark kosten‹, dachte Berta, während ihr Blick die Wände des Treppenhauses streifte. Unwillkürlich fühlte ihr Fuß an den dicken Teppichen herum. Perser oder Smyrna? Sie wußte es nicht. Nun mußte sie eine Minute warten -- dann kam der Diener wieder und bat sie mit wehmütigem Lächeln, einzutreten.
Sie stand im Schlafzimmer des Justizrates, aber im Bett lag er nicht. In einen Lehnstuhl sah sie ihn, und neben ihm war ein kleiner Teetisch gedeckt. Hier mußte sie sich ihm gegenüber setzen.
Die Hand, die er ihr reichte, war verbunden, und seine Füße steckten in dicken Filzpantoffeln.
Berta wurde von Mitleid ergriffen. Er mußte doch ernstlich krank sein -- so sah man nicht aus, wenn man nur Rheumatismus hatte.
»Wie geht es Ihnen denn?« fragte sie nach einer Weile.
»O, danke sehr, es macht sich schon wieder. Man muß zufrieden sein. Aber reden wir nicht von mir ...«
Seine schwarzen Augen schielten sie lächelnd an. ›Der Blick war unvermindert lebensvoll, teuflisch lebensvoll‹, dachte sie. Wie gern hätte sie jetzt das andere, Göttliche oder auch nur Menschliche darin gefunden. Nein, wie ein Vater sah er sie nicht an.
»Bitte, bedienen Sie uns freundlichst mit Tee und Kuchen. Ich kann leider mit meinen kranken Händen nichts tun. Ja, ja, meine liebe Frau Rietschel -- man wird hart gestraft.«
Gestraft? Sie horchte? auf. Aber so schwerwiegend meinte er es wohl nicht.
»Wie gesagt -- reden wir nicht von mir. Ich habe Sie nur Ihretwegen zu mir gebeten. Ihr Schicksal interessiert mich natürlich Ihrer lieben Mutter wegen.«
Berta konnte nur nicken. Sie spürte, wie sie zitterte, und versuchte ärgerlich, sich selbst festzuhalten.
»Das Vergnügen, Sie zu sehen, hatte ich ja in den letzten Jahren wiederholt, wenn ich auch von diesen Gelegenheiten leider keine Besprechung ableiten konnte.«
Er lächelte noch immer, seine Worte klangen leicht und freundlich, verbargen aber eine spöttische Schärfe. Bertas Hoffnung begann zu sinken. Wie wollte er von diesem Ton zum Vaterbekenntnis hinüberfinden? Aber sein Brief, sie hatte ja seinen Brief.
»Ich habe mir eine Besprechung furchtbar gewünscht«, stieß sie hervor. »Darum war es eine doppelte Freude für mich, als Sie mir schrieben ...«
»Ja, ja,« sagte er rasch und erledigend -- »schriftlich mußte es jetzt geschehen. Ich hatte auch offen gestanden keine Lust mehr --«
»Seien Sie mir nicht böse, Herr Justizrat! Sie können sich doch denken, was in mir vorgeht!«
»Das weiß ich. Das weiß ich ganz genau. Ich wollte Ihnen eben nicht erst böse werden, darum schrieb ich Ihnen. Sie müssen bedenken, daß Sie der erste Besuch sind, den ich empfange -- in meinem Krankenzimmer empfange --«
»Ich danke Ihnen vielmals! ...«
»Nichts zu danken. Aber der Kürze müssen wir uns befleißigen -- in Rücksicht auf meinen Zustand -- nicht wahr? Also -- haben Sie Tee getrunken, Kuchen gegessen? Sind wir so weit? Dann hören Sie zu, was ich Ihnen zu sagen habe.«
Berta lauschte gehorsam, mit großen, fiebrig glänzenden Augen.
Justizrat Schwarz lehnte sich zurück und sah während des Folgenden nicht sie an, sondern eine schöne Kopie, die ihm gegenüber hing. Es war Helene Fourment von Rubens. Berta hatte die nackte Frau noch nicht bemerkt.
»Also -- weil ich mich für Sie interessiere, Ihrer lieben Mutter wegen -- will ich dem Zustand ein Ende machen und Ihnen sagen, was ich weiß. Es handelt sich doch mit einem Wort um Ihren Vater. Sie wollen von mir wissen wer Ihr Vater ist.«
Berta versuchte etwas zu äußern, aber es gelang ihr nicht. Sie fürchtete, nur ein Wort zu verlieren.
Die gelbe Miene des Justizrates wurde jetzt ernst und straff. Etwas Amtliches kam in seinen Ton: »Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber klar sind, was das Anwaltsgeheimnis ist. Eine Vorlesung kann ich Ihnen darüber nicht halten. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich seit Ihrem ersten Besuch zur Diskretion im Interesse meiner Klientin verpflichtet war. Meine Klientin ist Ihre Mutter -- Sie sind es nicht, nicht wahr? Wenn ich mich heute trotzdem selbst von meiner Pflicht entbinde, so geschieht das deshalb, weil ich es mir in meiner jetzigen Position leisten kann. Ich bitte Sie aber, einen Akt besonderen Vertrauens darin zu erblicken und mir strengstes Stillschweigen zu geloben.«
»Aber gewiß, Herr ... ich ... ich werde doch nicht -- --!«
»Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil. So. Das wäre die Voraussetzung. Und nun zur Sache selbst!« -- Er sah von Helene Fourment fort, lehnte sich zurück, und sein peinlicher Blick ruhte wieder auf Berta. »Versuchen Sie jetzt mal, mich ganz ruhig und objektiv anzuhören, liebe Frau Rietschel. Als ob es sich garnicht um Ihre Mutter handelte, sondern um irgendeinen fremden Menschen, von dem ich Ihnen eine interessante Geschichte erzähle. Nur so gewinnt man nämlich ein Urteil.«
»Ich möchte vor allen Dingen von meinem Vater was wissen«, stieß Berta hervor.
Er nickte ungeduldig: »Ja, ja! Das hängt doch selbstredend zusammen. Also, die Sache ist folgende: Ich sage Ihnen jetzt, wie Sie auf diese zweifelhafte Welt gekommen sind, liebe Frau. Bleiben Sie sitzen! Sie wollen wahrscheinlich sagen: ›Das wissen Sie also?‹ Ja, Frau Rietschel -- das habe ich damals schon gewußt, als Sie ein Backfisch wahren -- das wußte ich schon, bevor Sie geboren wurden. Aber ich bin Rechtsanwalt -- ich führte die Sache Ihrer Mutter -- ich führte sie gegen Ihren Vater!«
Berta saß mit hängenden Armen da. Leer starrte sie ihn an. Er also -- er war es nicht? Er selber nicht? ...
»An der Stelle,« fuhr Justizrat Schwarz mit gehobener Stimme fort, »wo Sie vor kurzem mir gegenüber saßen, in meinem Bureau saß mir vor 28 Jahren Ihre arme Mutter gegenüber. Sie hatte eine Stellung in Berlin -- wo, ist ja irrelevant -- sie war ein junges, blühendes Geschöpf -- ich sehe sie noch vor mir, und --« Schwarz schneuzte sich -- »und sie gestand mir die Tragödie ihres Lebens. In dem Lokal, wo sie angestellt war, verkehrten junge Offiziere -- einer von ihnen, ein bildschöner Gardeulan aus Spandau, alter Adel, Frau Rietschel -- der hatte sich stürmisch in Ihre Mutter verliebt, die Liebe war gegenseitig, und das Verhältnis hatte Folgen.«
Jetzt ruhte sein Blick mit unechter Weichheit auf ihr, eine fette Rührung kam in seine Stimme. -- »Der junge Leutnant war ein Ehrenmann«, fuhr er fort. »Seine Leidenschaft war echt, und er faßte den schwärmerischen Entschluß, das arme Ladenfräulein zu heiraten. Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht -- ich meine seine adelstolze Familie. ›Niemals!‹ scholl es ihm da entgegen. Und sehen Sie, liebe Frau Rietschel -- wie das Leben nun einmal ist ...« Er lächelte schmerzlich und machte trotz seiner Gicht eine eigentümlich resignierte Bewegung mit beiden Händen.
Berta folgte dieser Bewegung. -- »Er hat sie sitzen lassen?« flüsterte sie.
»Er gab nach. Unter den schwersten Kämpfen. Wir leben ja leider nicht in der Welt unserer Dichter. Die liebe Wirklichkeit siegt schließlich doch. Es ging um sein Majorat, um sein Offizierspatent -- um sich dem ganzen Wirrsal zu entziehen, fuhr er nach China, mit Waldersee -- aber von diesem Kriege wissen Sie wohl kaum etwas -- da kamen Sie eben zur Welt.«
»Und Mutter hat ihn gehen lassen?«
Viktor Schwarz nickte schwer. -- »Ja«, sagte er mit dumpfer Stimme.
»Und das Kind bin ich?«
»Das Kind sind Sie.«
»Warum hat mich denn Mutter nicht behalten, das wär' doch ein Trost für sie gewesen?«
»Nein. Sie war zu verbittert. Sie wollte ganz allein bleiben. Deshalb kamen Sie zu Frau Grunow.«
»Aber eins versteh' ich nicht -- was wollte denn Mutter bei Ihnen?«
»Sie brauchte in Ihrer furchtbaren Bedrängnis einen Rechtsbeistand. Ich war ihr von mehreren Seiten empfohlen worden.«
»Na ja .. Aber ich denke, sie hat schon von selbst gewußt, was sie tat? Wenn so'n armes, verlassenes Mädel aus Liebe handelt und ihren Bräutigam aufgibt, um ihm nicht im Wege zu sein -- dazu braucht sie doch keinen Rechtsbeistand?«
Die fanatische Logik dieser Fragen wurde dem Justizrat unbequem. Außerdem begannen seine Füße wieder zu schmerzen. -- »Na ja, na ja. Sie war eben verzweifelt«, brummte er. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Es ist auch schon zu lange her. Sie wollte meinen Rat, und ich riet ihr, als ich die Situation übersah.«
»Sie rieten ihr, den Leutnant aufzugeben? Sie als ihr Rechtsbeistand? Das klingt ja, als ob Sie die Familie von ihm vertreten hätten.«
Schwarz hob den rechten Fuß: »Au! ... Entschuldigen Sie -- aber mein großer Zeh -- es wird mir wirklich schwer, Ihnen weiter Rede zu stehen. Wir müssen uns jetzt kurz fassen. Ihre Fragen leiten auch immer vom Thema ab.«
»Das finde ich nicht, Herr Justizrat. Wenn man eben erst gehört hat, wer man sein soll. Also ich habe sozusagen blaues Blut in mir?«
Sie fragte es knapp und scharf. Mißtrauisch sah er sie an -- war Hohn in ihrer Stimme? Glaubte sie ihm etwa nicht? Diese Wendung durfte keinesfalls eintreten. Jetzt rüstete er sich zum letzten Widerstande. -- »Ja, meine liebe Frau Rietschel,« sagte er mit der feierlichen Stimme seiner Plädoyers, »in Ihnen ist adliges Blut. Bestes Bürgertum und Aristokratie. Das kann doch jetzt nur tröstlich für Sie sein.«
»Das glaub' ich nicht. Das nimmt mir ja die Ruhe. Darum wünsche ich mich ja immer wo anders hin. Niemals pass' ich dahin, wo ich lebe. Nicht Fisch und nicht Fleisch bin ich.«
»Aber Ihre Kinder! Sie sind doch Mutter! Vergessen Sie denn vollkommen Ihre Kinder? In denen wird einst der natürliche Adel zum Vorschein kommen! Sie gleichen doch wahrscheinlich jetzt schon ihrem Großvater!«
»Nein, die gleichen Rietschel! Aber es handelt sich jetzt nicht um die Kinder. Ich muß selbst Bescheid wissen, sonst werd' ich verrückt. Wie heißt mein Vater? Der, von dem Sie mir erzählt haben.«
»Selbstverständlich der! Um wen soll es sich sonst handeln? Aber den Namen darf ich keinesfalls nennen!«
»Etwa wegen seiner Familie? Sie vertreten doch bloß meine Mutter?«
»Zum Donner -- Ihre Mutter hat es ja selbst gewünscht! Verstehen Sie denn das nicht?«
»Nein, verstehen tu' ich so was nicht. Aber das tut ja nichts zur Sache! Das ist wohl immer so bei einem Rechtsanwalt!«
»Was heißt das?«
Berta war aufgestanden. Jetzt bebte ihre kleine Gestalt. In einer sonderbaren Eingebung riß sie ihren Kneifer aus aus dem Gürtel und setzte ihn auf. Er glaubte, daß sie ihn schärfer ins Auge fassen wollte, und wich unwillkürlich zurück. Sie aber wollte ihm ein Erbe zeigen, das sie dem Vater dankte -- ihre schwarzen Augen zogen sich hinter den Gläsern zusammen, und sie schielte ihn ebenso an, wie er sie.
»Lebt mein Vater?« fragte sie mit kippender Stimme.
»Nein!« rief Schwarz energisch. »Das muß ich Ihnen nun auch eröffnen! Er ist im Orient gestorben! An den Folgen des Chinakrieges! Eigentlich hat Ihr Vater den Heldentod fürs Vaterland erlitten!«
»Das macht mir keinen Eindruck! Ich bin Sozialdemokratin!«
»Oho! Da möchte ich Sie doch dringend warnen, liebe Frau Rietschel! Hüten Sie sich vor den Wahnideen unserer Zeit!«
»Es ist ja bloß meine Privatansicht. Politik mache ich nicht. Und wenn ich auch sozialdemokratisch bin -- in Militärsachen weiß ich doch recht gut Bescheid, Herr Justizrat!«
»Was heißt das? Was wollen Sie damit sagen?«
»Ach, bloß 'ne Kleinigkeit -- mein Vater, der Herr Leutnant, soll in Spandau gestanden haben? In Spandau gibt's ja gar keine Ulanen!«
»Da irren Sie sich!«
»Ich irre mich nicht! In solchen Sachen nie!«
»Blau mit gelben Litzen! Eine wunderbare Uniform!«
»Die stehen in Potsdam!«
Justizrat Schwarz lehnte sich erschöpft zurück: »Also meinetwegen in Buxtehude. Mit Ihnen zu streiten, gebe ich auf. Ich habe das Meinige getan. Ich habe Ihnen aus eigenem Entschluß, ohne es nötig zu haben, Aufklärungen gegeben. Nun wissen Sie das hoffentlich zu schätzen, nun richten Sie sich danach.«
Bertas starrer Blick verließ ihn nicht. Ihr Gesicht war kreidig, ihre bläulichen Lippen bewegten sich eine Weile, bevor sie sprechen konnte: »Das tu' ich ... Jetzt weiß ich Bescheid ... Ich danke Ihnen dafür ... Und nun will ich auch nicht länger stören ... Die schöne Geschichte, die Sie mir erzählt haben, war wohl etwas anstrengend? Auf Wiedersehen, Herr Justizrat!«
Sie ging rasch fort.
Draußen, in der stillen Grunewaldstraße, verlor sie den Atem. Sie mußte stehenbleiben und rang die Hände im Schoß! Dieser Lügner! Dieser Schänder des Heiligsten! Nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen so gehaßt. -- --
Justizrat Schwarz aber saß mit verblüfftem, ängstlichem Blick allein. Was war denn das? Sie glaubte ihm nicht? Der ganze, schöne Plan ins Wasser gefallen? Er stampfte mit seinem Gichtfuß. -- »Ich Esel!« flüsterte er. »In Spandau stehen ja wirklich keine Ulanen!«
ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Es war Rietschel gelungen, die Kinder über ihren Schmerz fortzubringen. Besonders bei Gretchen war es schwer gewesen. Aber Berta mutete ihnen auch wirklich zuviel zu. Jetzt hatte sie vollkommen an Gretchens Geburtstag vergessen! Was Rietschel nicht für möglich gehalten, trat ein: Kein Geschenk war besorgt, kein Kuchen gebacken -- am Morgen des Geburtstages wurde die Mutter gesucht, statt daß sie zu ihrem Kinde kam. Es stellte sich heraus, daß sie schon in aller Frühe ausgegangen war. Das Dienstmädchen machte ein vielsagendes Gesicht.
Dieses Gesicht! ... Rietschel fürchtete nichts tiefer, als daß es ihm plötzlich überall begegnen könnte. Es war ein Schmerz, der an Schande grenzte. An seinem Stammtisch fiel zuweilen das Wort Dalldorf. Durch den Namen der großen Irrenanstalt bezeichnet der Berliner alles Unnormale. Sobald Rietschel dieses Wort hörte, verfärbte er sich. Die Vorstellung beschlich ihn, wie es wohl sein würde, wenn seine Frau einmal in Dalldorf wäre.
Aber so schlimm konnte es ja nicht werden. Er mußte vorbauen. Der vergessene Geburtstag war freilich arg. Dennoch gelang es ihm, seine Kinder über die große Enttäuschung fortzubringen. Er ging mit ihnen zu Kranzler und dann in Castans Panoptikum. Die Schreckenskammer mußte er ihnen freilich versagen, aber, um nachgiebig zu sein, ließ er sie einen Blick auf die erwachte Scheintote tun.
Als man angeregt in die Wohnung zurückkehrte, fand man dort die Mutter vor. Sie saß an ihrem Nähtisch und schrieb einen Brief. Mit wildem Blick sah sie sich um, als Mann und Kinder eintraten. Schnell riß sie eine Schublade auf und warf den unfertigen Brief hinein. Es knallte nur so. Die Kinder blieben erschrocken stehen.
»Na, man immer kalt Blut und warm angezogen«, sagte Rietschel. »Guten Abend, Berta. Ich hab' ja fast zwei Tage nicht das Vergnügen gehabt.«
»Wo warst du mit den Kindern?« fragte sie scharf.
»Ach, bloß ein bißchen Geburtstag haben wir gefeiert, erst bei Kranzler und dann im Panoptikum.«
»Geburtstag habt ihr gefeiert?«
»Jawohl. Du hast nämlich eine Tochter namens Gretchen, wenn du dich erinnerst. Das Kind hat heute Geburtstag.«
Jetzt geschah etwas Unerwartetes. Berta sprang auf, lief zu der Kleinen hin, hob sie hoch empor und küßte sie stürmisch. Ihr ganzes Wesen war plötzlich reuige Mutterliebe. Solche Gefühlskraft war Rietschel fremd, sie ergriff ihn, und er vergaß seinen schmerzlichen Groll. Nein, nein, sie mußte doch noch ihren ganzen Verstand haben. Die arme Frau -- wer wußte denn, womit sie sich quälte?
Auch Paul bekam einen Kuß. Mit der Tüchtigkeit, die sie von ihrer Mutter geerbt, brachte Berta noch rasch ein festliches Abendessen zustande. Die Kinder waren selig. Nur mit der Wirkung des Ungarweines rechnete man nicht. Als Berta das zweite Glas getrunken hatte, starrte sie plötzlich vor sich hin, sah nicht mehr, was sie umgab, und brach in heftiges Weinen aus. Bald darauf lief sie aus dem Zimmer.
Wie gelähmt blieben die anderen sitzen. Schließlich sagte Rietschel mit zitternder Stimme: »Kinder, was ist das nun? Mit eurer Mutter? Ob wir nicht doch mal den Doktor kommen lassen?«
»Ach, Vater, das nutzt ja nichts«, erwiderte Paul. Sein klarer Kinderblick suchte dem inneren Auge des Vaters zu begegnen. »Ich glaube, es hängt mit dem Brief zusammen, den Mutter vorgestern gekriegt hat.«
Gretchen fuhr auf: »Aber Paul! Davon sollen wir doch nichts sagen!«
Der Bruder schüttelte den Kopf: »Jetzt ist es mir egal.«
»Was war das für ein Brief?«
Die Kinder erzählten. Wer an die Mutter geschrieben, war nicht festzustellen, aber Rietschel kam bald auf die rechte Fährte. Alles führte ja bei Berta schließlich zu diesem Punkt. --
Sie schrieb in der Nacht noch ihren Brief zu Ende. Nun war sie entschlossen, nun sandte sie ihn ab. Als sie ihn zum letztenmal durchlas, kam ein befriedigtes Lächeln auf ihr Gesicht.
Lieber Vater!
So muß ich dich jetzt nennen, weil ich Respekt vor dem Gefühl eines Kindes habe. Wenn ich von einem Menschen weiß, daß er mein Vater ist, muß ich ihn liebhaben, mag mir auch noch so sehr nach dem Gegenteil zu Mut sein. Dagegen können Sie nichts machen, hochgeehrter Herr Justizrat. Auch daß ich Ihnen den schönen Roman, den Sie mir von meiner Mutter erzählt haben, glaube -- wollen Sie mich dazu zwingen? Vergebliche Mühe, Herr Rechtsbeistand. Ich kenne die Wahrheit, und jeder Schwindel prallt an mir ab. Es handelt sich um die Stimme der Natur. Daß meine Mutter nicht drauf hören will, ist unglaublich; aber dazu hast Du sie natürlich gebracht. Ich jedenfalls, das schwöre ich Dir -- ich lasse mich nicht so ducken wie Mutter. Jetzt komme ich zu Dir nicht mehr, aber ich weiß, wohin ich zu gehen habe. Ich werde mir schon Gehör verschaffen, Herr Justizrat. Zunächst mal hetze ich einen Kollegen, einen Rechtsanwalt auf Sie, und dann werden wir weiter sehen. Es wäre ja schließlich nicht das erstemal, daß die Leute einer richtigen Überzeugung geglaubt haben. Wer das Recht auf seiner Seite weiß, geht durch dick und dünn. Dafür ist ja schließlich auch unser Heiland gestorben.
Oder weißt Du nichts von dem? Was geht denn eigentlich in Dir vor, Vater, warum willst Du mich denn nicht? Ich hätte doch noch eine richtige Liebe für Dich, jetzt, wo Du alt und krank bist. Ein Mensch, der nur Gerechtigkeit will, kann doch kein schlechter Mensch sein. Du könntest es noch so gut haben, wenn Du mich endlich dahin ließest, wo mein Platz ist.
Aber das ist wohl alles vergebens. Jetzt mache ich mir keine Hoffnung mehr. Lebe wohl, und Du wirst von mir hören.
Deine Tochter Berta.‹ -- --
Viktor Schwarz war mühsam zusammengeflickt -- mehr galt sie nicht, seine Genesung. Er wußte es, aber es genügte ihm, daß die Welt ihn wieder sah und verehrte. Wieviel geheime Ruinen herrschten in Groß-Berlin! Er steigerte sogar sein früheres Leben. Die Gesellschaften in der Grunewaldvilla wurden immer glanzvoller, und man konnte an eine späte Blüte glauben, denn Justizrat Schwarz war nicht mehr allein. Nach seiner letzten Krankheit hatte er es gewagt, was ihm bisher zu kühn erschienen -- er hatte seine langjährige Freundin ins Haus genommen. Gusti Bernhardi stellte er offiziell als Wirtschafterin vor.
Sie war am Ziel. Nun konnte sie den Eigensinnigen ganz beherrschen, die kolossale Erbschaft war ihr gewiß. Ihre wienerische Grazie machte auch alle bösen Zungen stumm. Das Dekorum wurde gewahrt, und man gönnte dem leidenden alten Mann das bißchen Freiheit, wenn er auch Präsident des Bundes für ethischen Fortschritt war. Die strengsten Herren amüsierten sich jetzt dank Gusti Bernhardi ausgezeichnet im Hause Schwarz.
Sie ahnte, was ihren Freund zu seinem Entschluß gebracht hatte. Von Bertas Besuch hatte er ihr nicht erzählt, denn er fürchtete, vor ihr blamiert zu sein; aber er biß so sichtlich noch einmal die Zähne zusammen, sammelte so ingrimmig alle Machtmittel seines erfolgreichen Lebens, daß dieser letzte Kraftaufwand nur einen Grund haben konnte: Das kleine, hungerige Tier nagte an seiner Wurzel, die Verfolgerin, die nicht leben wollte ohne ihren Erzeuger. Täglich fühlte er sich bedroht und wartete auf einen Überfall. Der Tag, der keinen brachte, war ihm geschenkt, und er lächelte oft seltsam erleichtert, wenn man sich an seine Tafel setzte.
Bertas Brief hatte er ohne Antwort gelassen. Weitere Briefe die er bestimmt erwartet, folgten nicht. Es vergingen Wochen, Monate -- Berta blieb stumm. Hatte sie es aufgegeben? War ihr endlich die Erkenntnis gekommen, daß die Eroberung dieser Festung unmöglich war?
Viktor Schwarz dachte vergeblich darüber nach -- schließlich nahm er an, daß der Rechtsbeistand, den Berta befragen wollte, nicht ihr, sondern dem vermeintlichen Vater geholfen hatte. Welcher orientierte Anwalt in Berlin wagte es, mit Viktor Schwarz anzubinden? Viele gab es sicher nicht. Das hatte er in dreißig Jahren doch erreicht. Man ›wimmelte‹ die kleine Querulantin ab -- vom Standpunkt des Gesetzes war ja doch nichts mehr zu machen.
Aber während Viktor Schwarz sich immer mehr beruhigte, verkannte er die wahre Ursache von Bertas Beschwichtigung. Sie war von ihm abgelenkt, sie hatte trotz ihres Vorsatzes keinen Kollegen auf ihn gehetzt, weil die stärkeren Mächte des Lebens sie gepackt hatten.
Ihre Kinder erkrankten. Es war Scharlach und die Gefahr wurde groß. Als die Krisis überwunden war, folgte eine Augenentzündung, die den Arzt sehr besorgt machte. Er fürchtete, daß das Ehepaar Rietschel blinde Kinder behalten würde. Nun tat man alles, um das Unheil abzuwenden. Ein berühmter Spezialist, den Rietschel kommen ließ, verordnete eine langwierige Kur in einem thüringischen Sanatorium. Dorthin mußte Vater oder Mutter mit den Kindern übersiedeln. Nur so konnte ihnen das Augenlicht erhalten bleiben.
Rietschel überlegte nach langer Zeit wieder einmal eine große Entscheidung mit Berta. In seine Angst um die Kinder mischte sich auch die, daß Berta ihn jetzt nicht verstehen könne. Mißtrauisch sah er sie an, während er ihr die Verordnung des Arztes auseinandersetzte:
»Es ist natürlich schrecklich, es schmeißt uns alles wieder um. Wir müssen die Kinder aus der Schule nehmen, wir müssen selber auseinander gehen, denn entweder mußt du oder ich mit ihnen nach Jena. Aber was bleibt einem übrig? Das ist eben das Leben, das heißt verheiratet sein. Gespielt und gespaßt wird nicht immer. Plötzlich kommt der große Ernst und --«
»Warum redest du denn so viel?«
Berta stellte diese Frage mit seltsamer Überlegenheit. Er ärgerte sich und bekam einen roten Kopf: »Weil man doch bei dir nie weiß, woran man ist! Sollen unsere Kinder blind werden?!«
Er schluchzte fast. Sie aber antwortete mit einer Milde, die sie lange nicht besessen: »Du bist ein Esel, Peter.«
»Na jedenfalls -- ich kann hier nicht weg!! Sonst geht das Geschäft zugrunde! Von dem Geschäft leben wir! Das ist die Hauptsache! Auch für die Kinder!«
»Du bleibst selbstverständlich hier und ich fahre mit den Kindern.«
Rietschel starrte sie an -- sein Gesicht begann sich aufzuhellen: »Weißt du aber auch, was du übernimmst, Berta?«
»Es ist unglaublich! Du redest wirklich nicht mehr mit mir, als ob ich die Mutter wäre!« --
Berta reiste mit den Kindern. Staunend sah Rietschel, welche Entschlossenheit sie beherrschte. Fanatisch griff sie alles an, aber hier wurde ihr Fanatismus zum Segen. Rietschel glaubte daran, daß sie ihre Aufgabe durchführen würde. Zum erstenmal fühlte er wieder Stolz auf seine Frau. Eigentümlich äußerte sich seine Empfindung. Er stand mit geballten Fäusten da und flüsterte: »Der alte Lump im Grunewald -- muß er das arme Weib nun so quälen?« -- --