Frau Rietschel das Kind

Part 18

Chapter 183,808 wordsPublic domain

»Ja, ich muß dir ein bißl Furcht machen. Du bist gar zu leichtsinnig. Von vielen Fällen weiß ich, daß der Schwarz über Leichen geht. Außerdem ist er allmächtig. Beikommen kannst du ihm nicht.«

»Was soll er mir denn tun?«

»Nicht nur dir, sondern auch deinem Mann und deinen Kindern. Juristisch erreichst du nichts, das weiß er am besten -- wenn's ihm zu bunt wird, bietet er jedem Skandal Trotz und schickt dir die Polizei ins Haus. Auf Erpressung läßt sich alles deichseln.«

Berta lehnte sich bleich zurück: »Mein Gott ... mein Gott ..., wenn ich das auch noch aufgeben soll ...!« Sie fuhr plötzlich hoch: »Dann will ich nicht länger leben!«

Gusti hielt sie mit beiden Händen fest: »Aber Kind! Was fällt dir denn ein? Du wirst doch jetzt keine Dummheiten machen? Denk' doch, daß du ~mich~ gefunden hast! Kann ~ich~ dir denn nicht ersetzen, was der alte, gräßliche Mensch ... Sei froh, daß du dem nicht in die Hände gerätst ... Man ~muß~ über so was hinaus ... Dann findet man sich ... Dann weiß man erst, daß man auf der Welt ist ... Was schert mich denn Vater und Mutter? Ich bin selber da, und mir kann nix geschehn!«

Sie hatte stark und überzeugend gesprochen, aber in ihren Augen sprühte das höllische Feuer. Berta wollte tief hineinsehen und bebte doch davor zurück. Gebannt und befremdet flüsterte sie: »Du hast ja recht ... Du wirst ja sicher recht haben ... Wenn ich nur nicht so anders wär' als du ... Ich werde dir immer dankbar sein; aber, lieber Gott, was ~du~ meinst -- das ist doch vergänglich ...«

Dabei blieb es. Gusti hütete sich auch, weiter in sie zu dringen -- eine Verständigung war nicht möglich, und schließlich mußte sie ihr verdächtig werden. Daß sie Bertas Fanatismus gegen Schwarz gebrochen hatte, hielt Gusti für sicher. Das Gespenst der Polizei und die Furcht vor Rietschel waren zu groß.

So erschlaffte die Freundschaft nicht, aber sie äußerte sich anders. Berta hatte mehr aufgegeben, als Gusti wußte -- nun klammerte sie sich an den äußeren Gewinn. Betäubung konnte ihr die Freundin geben, den kurzen, schönen Wahn, das Haschen nach Dingen, die ihr doch nicht treu blieben.

Sie unternahmen täglich etwas Neues. Berta scheute bald nicht mehr, sich mit Gustis Geschenken zu zeigen, als gebührten sie ihr, ihr und der Welt, in der sie eigentlich lebte. Überall herumnaschend, wurde sie zu einer Kennerin und benahm sich, als ob sie die anerkannte Tochter ihres Vaters wäre.

Ein Sachse weiß sich zu helfen -- auch in Groß-Berlin. Rietschel sah seine Frau in den Sumpf geraten, aber er wollte klar sehen. Sein Freund, der Kriminalschutzmann Polko, half ihm. Rasch brachte er heraus, daß es sich um keinen Liebhaber handelte, sondern daß eine Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, Berta beeinflußte. So wurde Rietschel schnell mit der Sachlage fertig. Er war nicht nur im Ehrenpunkt beruhigt, sondern auch hinsichtlich der Verschwendung. In eigentümlicher Selbsttäuschung hatte er immer noch geglaubt, daß Berta die Mittel für ihren Aufwand stahl. Er wußte ja am besten, wie knapp er sie hielt.

Doch eine neue Tatsache brachte ihm Polko: Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, entpuppte sich als das langjährige Verhältnis von Justizrat Schwarz. Jetzt ahnte Rietschel schreckliche Zusammenhänge. Berta wurde also grenzenlos betrogen. In welcher Weise und zu welchem Zweck, das konnte er noch nicht ergründen. Doch sollte er untätig zusehen, wie sie sich verfing? Mußte er sie nicht aufklären und warnen? Er war nicht so grob geartet, um nicht zu ahnen, was er ihr damit nahm. Berta lebte ja nur von schönen Illusionen.

Aber die Entwicklung der Dinge kam seiner sorgenvollen Überlegung zuvor. Berta hatte bald Grund, über ihre Freundin zu klagen. Ihr norddeutscher Glaube an die Gefühle der Wienerin war zu weit gegangen. Als Gusti wußte, daß sie die kleine Frau von Schwarz abgeschreckt hatte, wurde ihre Freundschaft lässig. Sie kümmerte sich immer weniger um Berta -- wenn diese zu ihr kam, ließ sie sie warten, und bei Verabredungen war sie unpünktlich. Berta nahm das anfangs als menschliche Schwäche einer sonst liebenswürdigen Frau. Auch wußte Gusti jede Verstimmung durch Geschenke, die Schwarz bezahlte, wieder zu vertreiben. Schließlich aber machte sie doch einen groben Fehler. Zu einem Fünfuhrtee im Kaiserhof kam Berta allein, ohne Verabredung -- sie hoffte, Gusti dort zu treffen. Das war auch der Fall, doch heute störte sie die vielseitig verpflichtete Frau. Gusti beherrschte sich nicht -- als Berta plötzlich vor ihr auftauchte, wurde sie unfreundlich und zeigte, daß sie peinlich berührt war.

Eine Weile blieb Berta bei Gusti und ihren Bekannten stehen -- an Launen der Glücklichen war sie ja gewöhnt. Als man aber gar nicht das Wort an sie richtete und ihre unscheinbare Person wie ein Dienstmädchen behandelte, machte Berta plötzlich kehrt und verließ den Kaiserhof. Gusti ließ sie heute gehen -- sie war sehr ärgerlich auf sie.

Am nächsten Tage hielt sie es in Rücksicht auf Schwarz für klüger, Berta anzurufen: »Warum bist du denn eigentlich gestern so davongelaufen?«

»Wenn du dich meiner schämst, hat es ja doch keinen Zweck!«

»Sei nicht so albern, Berta! Wie ich's meine, müßtest du jetzt schon wissen! Ich war nur ein bißl nervös, weil wir uns gar nicht verabredet hatten!«

»Ach, du meinst wohl, daß du mich immer an die Leine nehmen mußt; wie so'n Hundchen? Nein, liebe Gusti -- da täuschst du dich ganz gewaltig! Dankbar bin ich dir, gewiß, aber ein selbständiger Mensch muß ich auch bleiben! Das ist es ja eben, was ich brauche! Bloß so'n Anhängsel, was man duldet, bin ich wirklich nicht!«

»Dafür hab' ich dich auch nie gehalten! Aber ich seh' jetzt ein, was du wirklich bist!«

»Na, was denn? Was denn?«

»Furchtbar eingebildet bist du! Nur weiß ich nicht recht, worauf!«

Jetzt hängte Berta den Hörer an. Sie zitterte vor Zorn. Mit der Versöhnung war es also diesmal nichts. Bald tat es ihr leid, daß sie Gusti nicht mehr die Wahrheit gesagt hatte. Ja, eingebildet war sie, weil das Blut ihres Vaters in ihr lebte, des stolzen, berühmten Herrn Justizrates. Daß einem die Schlagfertigkeit doch immer zu spät kam! Jetzt ging es wieder mit ihr durch. Heftige Erbitterung gegen Gusti ergriff sie, denn die war es ja, die sie von ihrer Aufgabe abgelenkt hatte. Was nützte das Naschen und Horchen? Man blieb doch minderwertig. Das Leben packen und besitzen konnte nur der, der seine Ebenbürtigkeit durchgesetzt hatte.

Zunächst hieß es, mit den vorhandenen Mitteln einen echten Luxus vortäuschen. Berta revidierte alles, was sie Gusti zu danken hatte. Das Wirksamste blieb der Hut. Aber den hatte sie nun jedesmal im Theater und beim Tee getragen. Man kannte ihn schon auswendig. Ihr Versprechen, den Hut bei Madame Kühne umgarnieren zu lassen, hatte die liebe Gusti natürlich nicht gehalten.

So beschloß Berta denn eines Nachmittags, das kostbare Stück selbst in das Atelier zu tragen. Das Schicksal wollte es, daß Madame Kühne, die unfehlbar jede schädliche Dummheit mied, heute nicht anwesend war. Berta wurde von einem Fräulein bedient, dessen Puppenkopf kein Überlegen kannte. Sie sah den Hut und rief: »Ach, der! Ja, ja, den kenn' ich! Den hat ja damals Herr Justizrat Schwarz bestellt!«

Berta glaubte sich verhört zu haben: »~Wer~, Fräulein?«

»Na, Herr Justizrat Schwarz im Grunewald, Königsallee 27!«

»Sie meinen doch wohl -- Frau Gusti Bernhardi?«

Der Puppenkopf schüttelte sich: »Mein Gott, mein Gott -- das ist ja auch richtig! Stimmt ja ganz genau, gnädige Frau! Frau Bernhardi hat ihn bestellt, aber Herr Justizrat Schwarz hat ihn bezahlt! Das ist immer so! Aber nun haben gnädige Frau den schönen Hut fallen lassen! Na, gnädige Frau -- --!«

Berta hatte die Tür aufgerissen und stolperte die Treppe hinunter. Den Hut ließ sie dort, wo er bezahlt worden war. Auf der Bendlerbrücke blieb sie stehen. Plötzlich warf sie ihre schönen Wildlederhandschuhe ins Wasser. Ein kleiner Junge sah das mit an und machte Augen, als wollte er bis an sein Lebensende so staunen.

Erst am Potsdamer Platz, mitten im Gewühl, kam Berta zu sich. Es hämmerte in ihren Schläfen. Was war geschehen? Nur das eine wurde ihr klar: Gusti Bernhardi und Viktor Schwarz waren Verschworene. Die Frau, der sie das bißchen Traum dankte, hatte sich mit dem Mann, der sie verleugnete, verbündet. Das war ein Abgrund. Leise weinend stand sie vor dem ungeheuren Betrug.

Da wurde sie plötzlich angerührt. Entsetzt fuhr sie empor und glaubte aus einer finsteren Grube ins grelle Licht zu starren. Alfons Grunow stand vor ihr. Er war seltsam verändert -- sein üppiges Lockenhaar war fort, und das einst so rosige Gesicht war hart und gelb geworden.

»Alfons,« lallte Berta -- »hast du mich erschreckt! Ich hab' dich so lange nicht gesehen!«

Eine tiefe Falte zuckte zwischen den Augen des Mannes. Er lächelte und zeigte schadhafte Zähne: »Das glaub' ich. So geht es mir jetzt mit vielen. Ich war ja zwei Jährchen verschwunden. Aufruhr und Landesverrat -- so haben sie's genannt. In Rummelsburg war ich.«

»Doch nicht im Zuchthaus?!«

»Schrei's man dem Schutzmann zu -- dann nimmt er mich gleich wieder mit. Wird ohnehin nicht mehr lange dauern.«

»Deine arme Mutter!«

»Ach Gott, die ist froh, daß ich wieder da bin. Mutter ist stolz auf ihren Sohn -- verstehst du? Stolz!«

Der ärmliche Mensch, der da vor Berta stand, hatte etwas düster Großes. Sie schauderte zusammen, und plötzlich fühlte sie sich ihm wieder sehr verwandt. Wo blieben Recht und Gerechtigkeit? Wurde man nicht mißbraucht und sollte den Mißbrauch noch anerkennen?

»Alfons!« flüsterte sie -- »ich will das gar nicht weiter beurteilen -- ich versteh' ja doch nichts von Politik. Aber sage mir bloß eins: Was tut man mit 'nem Menschen, der einen immer bloß beleidigt und schikaniert, und der noch triumphiert, wenn man um sein Recht gebracht wird?!«

»Von wem redest du?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Ich möchte nur wissen, Alfons -- schon als Kind hab' ich dir doch immer geglaubt -- Du warst der Erste -- -- vielleicht bist du der Letzte auch -- --«

»Mach' keine Dummheiten! Du stehst doch am Trog, du hast es doch wahrhaftig nicht nötig! Wenn unsereiner radikal sein will, dann knallt er einfach seinen Feind nieder! Aber das ist nichts für dich! Solche Feinde hast du nicht!«

Alfons Grunow ging weiter. Berta wandte sich ihrer Wohnung zu. -- ›Wer weiß?‹ flüsterte sie mit hängendem Kopf. ›Wer weiß?‹ Vielleicht sollte ich auch so radikal sein, wie du!‹

Daheim ging sie ganz verwandelt umher. Die Kinder standen blaß in den Ecken und sahen ihr mit stiller Trauer zu. Rietschel aber dachte: ›Jetzt weiß sie es. Sie muß hinter den ganzen Schwindel gekommen sein! Wenn ich bloß Näheres wüßte! Na, ich muß sie so zur Ruhe kommen lassen.‹

Er war freundlich und nachsichtig gegen sie. Aber das half ihr nicht. Am nächsten Tag trat sie halb unbewußt in einen Waffenladen und kaufte sich einen kleinen Revolver. »Fürs Geschäft«, sagte sie zu dem Verkäufer. »Ich bin so viel im Laden allein, und die Kasse, wissen Sie -- heutzutage muß man vorbeugen.«

Schießen konnte sie nicht, aber es mußte auch so gehen. Die Handgriffe hatte ihr der Verkäufer gezeigt. Ihr Dämmerzustand verließ sie nicht. Nachmittags schon fuhr sie nach dem Grunewald und wartete in der Königsallee, bis es Abend wurde. Das Haus des Justizrates wurde hinter allen Fenstern erleuchtet -- offenbar erwartete er Gesellschaft. Berta stand, von einem Baum gedeckt, auf der anderen Seite der Straße. Sie konnte in die prachtvollen Räume blicken: Ein stürmisches Weh wallte in ihr auf. Was wies sie dort zurück? Was hatte sie verschuldet? So mochte denn alles zugrunde gehen ...

Es schlug sieben -- bald mußte der Justizrat aus der Stadt zurückkehren. Berta hatte den Revolver entsichert und wählte den Standort, den sie für richtig hielt. Plötzlich mußte sie die Waffe verbergen und rasch zur Seite treten. Ein merkwürdiges Paar kam langsam an ihr vorbei. Der erblindete alte Herr ging am Arm eines jungen Mädchens, dessen schlichte Schönheit Berta bewußt wurde. Sie konnte ein Bruchstück des Gespräches auffangen. Der Alte sagte: »Ich will keine Last für dich werden, Erika. Du sollst deine Jugend genießen.« Das Mädchen antwortete: »Aber, Vater -- ich bin doch dein Kind.«

Weiter hörte Berta nichts. Sie sah die beiden in heiliger Einigkeit weitergehen. Schwarz und drohend ragten die Grunewaldkiefern in den Abendhimmel. Da kam eine vernichtende Scham in Berta auf -- sie fühlte ein Erwachen, warf den Revolver über das nächste Gartengitter und eilte der Stadt zu.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Viktor Schwarz war krank. Er wußte es schon lange, aber er war ein Geschöpf des Berliner Tempos und kam zu keiner wirklichen Vorsorge. Er pflegte sich und gehorchte dem Arzt -- andererseits steckte er, wie Vogel Strauß, den Kopf in den Sand und genoß die verbotensten Dinge.

Er konnte nicht anders leben. Entweder mußte er Ratgeber oder Spekulant oder Tafelaufsatz sein -- auch als Volkstribun hatte er sich schon versucht. Er selbst war nirgends mehr, auch nicht bei Gusti Bernhardi. Was die an ihn band, war doch nur der Abglanz der öffentlichen Meinung. Sie fand ihr gutes Leben bei ihm und wollte ihn beerben -- darüber war er sich klar. Im übrigen blieb er ein Börsenkurs.

Aber dieses Leben des einzelnen, der allen gehören wollte, war namenlos anstrengend. Es zerrieb, während man die Fülle vortäuschte. Schon die Diners waren eine Verpflichtung, die allmählich zerstörend wirkte. Der Repräsentant blieb am Ende nur ein Mensch mit einem einzigen Magen. Wen er nicht vor den Kopf stoßen wollte, an dessen Tisch mußte er sich setzen. Das Niveau der Küchen war so hoch, daß auch hier jede Abschätzung fehlte. Es war unmöglich, festzustellen, wo der getrüffelte Puder oder der garnierte Rehrücken besser schmeckte. Nach der Arbeit kam auch immer wieder der Hunger. Wollte man nicht als minderwertig gelten, mußte man zugreifen. Und man lebte ja auch nur einmal.

Aber die Gicht war unaufhaltsam. Ein Zaubermittel, das sich all die geplagten Feinschmecker zugestanden, war ein schlichtes Mineralwasser, Fachinger genannt. Sie tranken unzählige Flaschen Bordeaux -- der Fachinger mußte es dann wieder gutmachen. Dieses kühle Reinigungsmittel galt noch nicht als Zeichen der Invalidität.

Nun wollte auch das bei Viktor Schwarz nicht mehr helfen. Seine sorgenvolle Stimmung wuchs. Als er an einem grauen Märztage sein Bureau verließ und in das Automobil steigen wollte, das er sich als Syndikus des Kraftwagenkonzerns Universum erworben hatte, sah er plötzlich wieder seine Verfolgerin vor sich. Die Frau, die durchaus seine Tochter sein wollte, wartete auf ihn. Er wurde blaß vor Wut, stapfte mit seinen Gichtfüßen an ihr vorüber und stieg in den Wagen.

Als das Automobil ihn forttrug, wurde ihm aber klar, daß Berta Rietschel sehr verändert gewesen. Eine sonderbare Beängstigung ergriff ihn. Sie hatte einer Traumgestalt geglichen, die er seit Wochen nicht vergaß. Es hatte ihm geträumt, daß er zur Dämmerstunde in seine Grunewaldvilla zurückgekehrt war, und plötzlich hatte ein Weib ihm mit erhobenem Revolver gegenüber gestanden. Eben war er noch ins Haus gelangt -- als die Tür sich hinter ihm schloß, war der Schuß gefallen -- da war er auch aufgewacht.

So blaß, so drohend, stillen Wahnsinn in den Augen, wie das Traumgesicht, hatte Berta nun wirklich vor ihm gestanden. Sie hatte diesmal nicht gegrüßt, nur ernst genickt, und dieses Nicken schien ihm zu sagen: ›Ich tu's nicht. Weil du mein Vater bist, tu' ich's nicht.‹

Immerhin -- die Person war gefährlich -- das spürte er jetzt. Schon nahm sie das alte, freche Spiel wieder auf. Nirgends konnte er mehr ruhig sein -- die Verfolgerin brachte alles in Erfahrung, immer stand sie da und lauerte, mit dem verrückten Nicken, ohne Gruß.

Dem war er nicht mehr gewachsen. Als Gusti Bernhardi zu ihm kam, herrschte er sie an: »Du hast dich schön blamiert! Jetzt ist die Geschichte schlimmer als je!«

»Was meinst du denn?« fragte sie, Konfekt knabbernd.

»Na, sie lauert mir schon wieder auf! Der Vampir! Das kleine Scheusal!«

»Berta? Wahrhaftig? Ja, ich bin leider mit ihr verzankt.«

»Das ist ja großartig! Das teilst du mir so einfach mit? Konntest du das? Durftest du das?! Jetzt gerade, bei meinem Zustand? Ich darf mich nicht aufregen! Ich habe keine ruhige Minute mehr!«

»Aber, Vicki ... Es ist doch halb so schlimm. Was mit Berta los ist, weiß ich freilich nicht zu sagen. Plötzlich war sie eingeschnappt und kam nicht mehr und antwortete nicht, wenn ich ihr schrieb. Nachlaufen konnte ich ihr natürlich nicht. Sie muß halb närrisch sein.«

»Das fürcht' ich auch!«

»Wenn sie nun den alten Unsinn wiederanfängt ...«

»Also, du hast total versagt, Gusti! Ich muß mir jetzt selber helfen! Die Sache wird für mich im höchsten Grade gesundheitsschädlich! Dazu bin ich mir denn doch zu schade! Laß mich jetzt überlegen, was man tun kann! Ich dank' dir schön, aber misch' dich bitte garnicht weiter ein!«

»Das ist auch nicht mein Ehrgeiz, Vicki. Deine unehelichen Kinder unschädlich zu machen, ist ein undankbares Geschäft. Ich amüsier' mich lieber.« --

Am nächsten Tage ging es Schwarz schlechter. Er mußte alle Gesellschaften absagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als im Bett zu bleiben. Doch das bißchen Ruhe tat ihm nach dem Tempo der letzten Jahre wohl. Er kam endlich einmal zum Überlegen seiner Angelegenheiten. Plötzlich ging ihm Bertas wegen ein Licht auf. Trotz seiner schmerzenden Füße mußte er lächeln. Er, der kluge, unfehlbare Viktor Schwarz, hatte da eine gewaltige Dummheit gemacht. Wie war es ihm nur möglich erschienen, daß eine Frau, wie Gusti, ihn befreien könnte? Die hatte es sicher nur noch schlimmer gemacht. Gerade seitdem Berta die große Welt durch sie kennengelernt, reizte es sie natürlich doppelt, den Mann zu gewinnen, der ihr diese Welt schenken konnte.

Wie behandelte man denn Leute mit fixen Ideen? Er erinnerte sich, neulich erst mit einem berühmten Psychiater darüber gesprochen zu haben. Man versuchte ihnen die Ideen nicht auszureden, sondern sie im Gegenteil darin zu bestärken. Nur das ~Objekt~ der Idee in dem kranken Bewußtsein zu verändern, darauf kam es an. Viktor Schwarz stieß einen Jubelton aus -- dabei ging es ihm so schlecht. Das war es! Das half! Jetzt schüttelte er sie von sich!

Rasch griff er nach Papier und Feder und schrieb mit schmerzender Hand:

›Sehr geehrte Frau Rietschel!

Könnte ich Sie in einer für Sie bedeutungsvollen Angelegenheit sprechen? Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie einen Vorteil für Ihre Zukunft von mir erwarten, und Sie sollen sehen, daß ich nicht der Mann bin, ihn Ihnen vorzuenthalten. Leider geht es mir jetzt nicht gut, ich leide an rheumatischen Anfällen und muß für einige Tage das Bett hüten. Nach reiflicher Überlegung will ich aber Ihre Angelegenheit nicht länger verzögern. Ich bitte Sie deshalb, am nächsten Montag nachmittag, etwa um 4 Uhr, zu mir zu kommen. Nicht in das Bureau also, sondern Grunewald, Königsallee 27. In der Hoffnung, Sie bei mir begrüßen zu können, bin ich Ihr

hochachtungsvoll ergebener

Viktor Schwarz, Justizrat.‹

Mehrmals las er diesen Brief durch. Bedenken gegen das Wagnis regten sich. Er war krank, er konnte sich vielleicht in der Szene, die Berta ihm machte, nicht behaupten. Aber am stärksten blieb doch sein Wunsch, die unerhörte Belastung nicht in gesunde Tage mitzuschleppen. Er mußte jetzt ein für allemal damit fertig werden. --

Bertas Kinder waren schon so weit herangewachsen, daß sie den Zustand ihrer Mutter als Unglück des Vaters empfanden. In ihren kleinen Herzen brannte der Wunsch, durch irgendein schönes Ereignis die arme Mutter aufrichten zu können. Das geschah gewiß durch eine rechte Freude. Aber woher sollte die kommen?

Da brachte die Post eines Tages einen Brief. Das Dienstmädchen war eben nicht zu Hause, die Kinder mußten der Mutter den Brief verwahren. Nun hatten sie einen gewaltigen Begriff davon. Namentlich dieser Brief erschien ihnen vielversprechend. Er konnte von keinem Verwandten sein -- dagegen sprach das feine Papier und die merkwürdige Schrift. Aus einer höheren Sphäre stammte der Brief -- das empfanden Paul und Grete. Plötzlich sagte der kleine Junge: »Du, vielleicht ist das was Schönes für Mutti. Am Ende freut sie sich so darüber, daß sie wieder ganz vergnügt wird.«

Grete meinte: »Na ja -- dann wollen wir's ihr man geben, wenn sie nach Hause kommt. Dann wollen wir's ihr beide geben.«

Es wurde eine Verschwörung, die ihnen außerordentlich Spaß machte. Einer nahm immer den andern den Brief weg. Schließlich beschlossen sie, ihn beide anzufassen und der Mutter zu überreichen.

Sie hatten Glück. Berta kam heute vor Rietschel nach Hause. Verdrossen trat sie ein und setzte sich an ihren Nähtisch. Da sah sie die schüchterne Feierlichkeit ihrer Kinder auf sich zukommen. Auch hier war sie jetzt gegen jeden Spaß. Zornig riß sie den Brief an sich. Aber Paul und Grete ließen sich nicht einschüchtern -- sie warteten, bis die Mutter gelesen hatte.

Das war nun geschehen. Die Wirkung erwies sich über alles Erwarten. Bertas Augen blieben an den Zeilen haften und füllten sich mit Tränen. Ihre Lippen flüsterten unverständliche Worte -- offenbar versuchte sie den Inhalt des Briefes zu sprechen, um ihn besser verstehen zu können. Ein Wunder mußte ihr entgegengekommen sein, etwas völlig Unerwartetes. Paul und Grete waren entzückt -- in plötzlicher Eingebung liefen sie auf die Mutter zu und drängten sich an sie.

Berta sah staunend auf sie nieder. Sie konnten ja nicht ahnen, was der Brief enthielt, aber es waren Seelen, die zu ihr gehörten, und sie teilte sich ihnen mit. So flüsterte sie zu den blonden Köpfen herab: »Das ist ein guter Brief ... Da habt ihr mir was Schönes verwahrt ... Aber etwas ist nötig, Kinder -- merkt euch das -- ihr dürft nichts zu Vater sagen -- Vater darf nichts davon wissen -- dem sag' ich es später selbst.«

Glücklich, aber auch befremdet hörten die Kinder diesen Befehl. Zum erstenmal hatte die Mutter eine Heimlichkeit mit ihnen vor dem Vater -- war das möglich? Aber sie waren stolz darauf, und ihr eifriges Nicken glich einem Schwur.

Als Berta mit dem Brief allein war, wurde sie klarer und bedenklicher. An ihrer Überzeugung, daß der Entschluß des Justizrats nur ~einen~ Sinn haben konnte, änderte sich nichts. Aber ihre Erfahrungen hatten sie mißtrauisch gemacht. An eine plötzliche Wandlung glaubte sie nicht. Woher sollte die kommen? Schwarz war und blieb ein Vorteilsmensch. Es mußten sich entscheidende Gründe für ihn ergeben haben, die Maske fallen zu lassen. Schließlich empfand ja auch er den unerträglichen Zustand. Er würde nun gewiß versuchen, billig davonzukommen. Ein stolzes Gefühl packte Berta: Dieser Mann ahnte nicht, daß ihr am Gelde wenig, am Siege der Gerechtigkeit alles lag.

Nun, sie würde ja bald wissen, wie es zusammenhing. Vielleicht hatte Gusti Bernhardi doch noch etwas durchgesetzt. Von Reue wurde Berta vor Gusti ergriffen. Hatte sie ihr doch unrecht getan? War sie zu schnell mit ihrem leidenschaftlichen Bruch gewesen?

Jetzt wollte sie jedenfalls vorsichtig sein. In eine Falle ging sie nicht mehr. Nachdem sie diesen Brief empfangen, kam sie ja mit dem unschätzbaren Vorteil ihres guten Rechtes.

Erst als sie nach dem Grunewald unterwegs war, fiel ihr ein, daß der Brief des Justizrates doch merkwürdig förmlich war. Sie riß ihn aus der Tasche und las ihn noch einmal. ›Sehr geehrte Frau Rietschel? Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie von mir einen Vorteil für Ihre Zukunft erwarten? Nach reiflicher Überlegung will ich ihre Angelegenheit nicht länger verzögern? In der Hoffnung, Sie bei mir begrüßen zu können, bin ich Ihr hochachtungsvoll ergebener ...‹ Schrieb man so an seine Tochter? Auch wenn noch nichts ausgesprochen war?

Es durchrieselte sie kalt. Aber nun stand sie schon dort, wo sie einst mit dem Revolver gestanden hatte. Umkehren wollte sie nicht mehr. Sie brauchte Klärung, nicht ewige Dunkelheit. Klärung erwartete sie jedenfalls.