Part 17
Im Sommer verreiste Justizrat Schwarz. Da mußte Berta pausieren. Ihren Plan, ihm nach Karlsbad zu folgen, gab sie auf. Das ging denn doch nicht. Als er aber wieder in Berlin war, wußte sie es sofort, denn sie verstand sich darauf, am Telephon mit verstellter Stimme zu sprechen. Herr Hollunder sagte ihr alles. Nun nahm sie mit ausgeruhten Kräften die Verfolgung wieder auf. Der Herbst verging, und bis Neujahr ließ der Justizrat es sich gefallen. Als er aber an einem Januarabend zum Presseball ging, und Berta vor der Philharmonie auf ihn wartete, wurde es ihm zuviel. Er war heute ohnehin schlecht aufgelegt, denn es war ein richtiges ›Sauwetter‹, und er hatte keinen Wagen bekommen. So senkte er wütend seinen Regenschirm in die Richtung, wo die kleine Frau stand. Gleichsam hinter einem Schilde stampfte er an ihr vorbei. Mochte sie ihm nur betroffen nachstarren -- Jetzt wußte sie wenigstens, woran sie war.
Im Saal aber interessierte er ich nur für ~eine~ Begegnung. Minister, Geheimräte und berühmte Dichter waren ihm heute gleichgültig -- er suchte Gusti Bernhardi. Die hatte nun schon ihre Jugend hinter ich, aber sie war noch immer eine stattliche Frau, und ihre Wiener Lebenslust war nicht zu knicken. Als Schwarz sie endlich entdeckt hatte, zog er sie in einen Nebensaal und gestand ihr dort bei einer stillen Flasche, was ihn bedrückte.
»Gusti,« schloß er, »ich weiß, du hast dir von heute Abend was anderes versprochen; aber ich weiß auch, daß du die klügste Frau bist, der ich in meinem Leben begegnet bin. Du hast mich noch nie im Stich gelassen -- nun rate mir, bitte, in dieser Sache.«
Gusti Bernhardi sah ernst auf ihren Busen nieder, den ein großer Brillantschmuck zierte -- sie antwortete noch nicht.
Er sah sie zweifelnd an: »Stört dich die Sache etwa? Bist du enttäuscht, daß ich ein uneheliches Kind habe? Das hätt' ich bei dir allerdings --?«
»Wart's doch ab, mein Lieber«, sagte sie jetzt. »Ich muß mir's erst überlegen. Es wundert mich allerdings, daß ein so gescheiter Mann, wie du, so dumm und unüberlegt handeln kann.«
Er brauste auf: »Pardon! Das geht denn doch ein bißchen zu weit!«
»Aha! Wenn man bei dir aufrichtig wird, stößt man sofort auf die liebe Eitelkeit! Wenn Sie ein großer Mann werden wollen, müssen Sie sich die Eitelkeit abgewöhnen, hat, glaub' ich, Talleyrand gesagt.«
»Unsinn -- ich bin nicht eitel -- ich habe nur mein Selbstbewußtsein. Außerdem bin ich zu gutmütig -- viel zu gutmütig. Wie hätt' ich denn anders handeln sollen? Ich kann doch die Person nicht niederschießen! Außerdem ist sie, wie ich dir schon gesagt habe --« hier dämpfte er seine Stimme und blickte scheu umher -- »sie ist tatsächlich meine Tochter.«
»Aber wie du sie mir schilderst, ist sie auch ein bißl verrückt. Das ist immer gefährlich. Der kleinste Spleen kann das größte Unglück anrichten. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt gemerkt hat, daß ~du~ gemerkt hast --«
»Was soll ich gemerkt haben?!«
»Schrei nicht so -- der Kellner macht schon Augen. Ihr spielt doch Verstecken miteinander. An der Art, wie du sie behandelst, merkt sie, daß du weißt -- was sie gemerkt hat. Herrgott, ist das eine verzwickte Geschicht'!«
»Ich habe nie etwas zugegeben -- mit keinem Wort, mit keiner Miene --«
»Na, deiner Miene bist du nicht sicher, lieber Vicki! Aufs Wort verstehst du dich ja -- das muß dir der Neid lassen. Selbstverständlich wirst du dich nie verschnappen, aber sie weiß jetzt, wie lästig sie dir ist, und das kann nur einen Grund haben.«
Schwarz schenkte mit finsterer Miene die beiden Gläser voll. -- »Und was wird sie tun?« fragte er nach einer Weile.
»Mit dem Verstand nichts, was du zu fürchten hättest. Aber ~ohne~ Verstand --«
»Was willst du damit sagen?«
»Daß du sie allmählich närrisch machst, wenn die Geschicht' so weiter geht. Dann schnappt sie über, und plötzlich kommt ein Krach, an den du ewig denken wirst. Außerdem, wenn sie auch unrecht kriegt -- ein Skandal ist immer dabei, und an dir bleibt er hängen. Du kennst doch die Menschen.«
Schwarz stützte den Kopf in die Hand: »Freilich, freilich. Und ich sage dir, Gusti, einen Skandal ~darf~ es nicht geben! Jetzt gerade -- das große englische Geschäft -- ich habe mich persönlich dafür eingesetzt -- und die Engländer sind ja so schrecklich moralisch. Eher kann ich ihnen eine Million verlieren, als -- --«
»Als daß du eine uneheliche Tochter hast? Das kann ich mir doch nicht vorstellen. So sind die Engländer auch nicht --«
»Das verstehst du nicht! Es kommt bei jedem Unternehmen auf die Basis an! Die Basis ~dieses~ Unternehmens ist die Sittlichkeit!«
»Ja, ja. Aber wenn du so penibel sein mußt -- Herrgott, dann wär's doch das beste, du verständigst dich mit ihr? Du läßt sie, soweit es möglich ist, zu ihrem Recht kommen?«
Schwarz schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Kellner sprang herbei: »Noch eine Flasche, Herr Justizrat?«
»Nein! Danke! -- Jetzt redest du sehr dumm, liebe Gusti. Eine Verständigung ist vollkommen ausgeschlossen. Wenn ich ihr irgendein Recht einräume -- wenn ich überhaupt nur zugebe, daß eine Vaterschaft besteht -- -- es ist nicht auszudenken! Erstens bin ich nicht mehr jung und in einer weithin sichtbaren Position -- und sie -- du kennst sie ja nicht -- sie ist ein kleiner, dicker Purzel mit so lebhaften Augen, daß sie an sich schon etwas Komisches hat! Wenn ich die in Berlin plötzlich als meine Tochter vorstelle -- fürchterlich! Außerdem der Ballast, der an ihr hängt, die Familie! Mir schwindelt bei dem Gedanken, daß ich mit Herrn Rietschel verkehren müßte, daß seine beiden Gören am Ende Großpapa zu mir sagen -- -- warum lachst du denn, Gusti?!«
Seine Freundin hatte sich plötzlich zurückgelehnt und verfiel einer herzlichen Heiterkeit. Dann faßte sie sich: »Ach, Vicki -- nimm mir's nicht übel -- aber die Konsequenzen des Lebens sind gar zu komisch! Ja, man sollt' es sich wirklich überlegen mit der Liebe, wenn man jung ist! Aber das geht halt nicht! Weise wird man erst mit der Glatzen! Pardon, Herr Justizrat, ich krieg' ja auch schon graue Haare! Aber nun ernsthaft: Ich seh's ein -- du darfst ihr nicht den kleinen Finger reichen, sonst nimmt sie die ganze Hand. Du selbst kannst nur passiv Widerstand leisten -- handeln muß ein anderer!«
Schwarz fuhr auf: »Du, Gusti! Du!«
Gusti streichelte ihn: »Du tust mir wirklich leid, und darum will ich's versuchen. Laß mir freie Hand. Ich hab' schon eine Idee. Die werd' ich kurieren, die muß ich kurieren. Außerdem interessiert mich die Geschicht'. Da schaut man doch mal ein bißl ins Leben hinein, und das war mir immer lieber als alle Romane.«
»Was hast du vor? Du willst wahrscheinlich, ganz unabhängig von mir, ihre Bekanntschaft machen? Hab' ich's getroffen?«
»Sehr richtig, Vicki. Aber weiter sag' ich dir nichts. Das andere wart' nur ab, bis ich Bericht erstatte.«
Als Berta an einem der nächsten Nachmittage allein im Laden war, überhörte sie, daß eine Dame eintrat. Die saß in schweren Gedanken hinter der Kasse. Die plötzliche Wandlung des Justizrates an dem Abend, da sie ihn vor der Philharmonie erwartete, vergaß sie nicht. Seine ganze Haltung zeigte äußerste Erbitterung. Das war an sich ganz gut, Ärger gönnte sie ihm; aber das hübsche Zufallsspiel war nun aus, und sie konnte sich von ihrem eigenen Vater nicht behandeln lassen.
»Verzeihung -- aber ich möchte gern ein hübsches Briefpapier.«
Berta fuhr empor. Eine Kundin -- sie hatte sie garnicht bemerkt. Rasch stand sie auf und entschuldigte sich. Nachdem sie einige Kartons vorgelegt, war die Dame mit der Wahl beschäftigt. Nun konnte Berta sie betrachten. Es war ihr immer besonders lieb, eine Frau der großen Welt in Augenschein zu nehmen. Hier hatte sie ein Exemplar vor sich, das sie direkt begeistern konnte. Gerade weil die Dame nicht mehr jung war -- Berta verachtete die unerfahrene -- wirkte sie vorbildlich. Sie hatte die etwas anrüchige Eleganz, die Männern großen Stils gefiel. Sie sah gescheit aus und gutherzig -- jedenfalls mußte sie sehr frei in ihren Anschauungen sein.
›So wie die möcht' ich werden -- genau so‹ dachte Berta seufzend -- da richtete die Dame sich auf und sagte liebenswürdig: »Also das da -- bitt' schön -- was bin ich schuldig?«
»Acht Mark fünfzig, gnädige Frau.« Berta wickelte den Karton ein -- dann wagte sie plötzlich eine Frage: »Sind gnädige Frau vielleicht aus Wien?«
Die Dame lächelte sie mit ihren klugen Augen an: »Denken Sie, und ich wollt' Sie grad' fragen, ob Sie nicht von außerhalb sind.«
»Sprech' ich denn nicht berlinisch?«
»Nein viel feiner. Das hör ich gleich. So wie Sie sprechen, das erinnert mich lebhaft an vornehme Schlesier. Ich kenn' dort den Adel recht gut.«
Berta wurde ganz blaß vor Genugtuung: »Ach, Gott, mit dem schlesischen Adel hab' ich nichts zu tun; aber es freut mich riesig, daß Sie bei mir eine vornehme Sprache finden. Ich glaube, Sie können so was ganz besonders gut beurteilen.«
Gusti Bernhardi beugte sich über den Ladentisch: »Sie sind ja eine ganz scharmante kleine Frau. Ja, so was entdeckt man plötzlich in Berlin -- das blüht im Verborgenen, bei ganz bürgerlichen Leuten. Sie verzeihen schon ...«
»Ach gnädige Frau, was glauben Sie, wie bürgerlich mir es hier vorkommt! Hier erstickt man! Hier hat man schon jede Hoffnung begraben!«
»Das müssen Sie nicht, das dürfen Sie nicht. Sie haben sicher ein kolossales Talent fürs Leben.«
»Ach -- meinen Sie wirklich --?«
»Darf ich Ihnen sagen, was ich für eine Empfindung hatte, als ich hier eintrat, und Sie so ganz verträumt hinter der Kasse saßen?«
»Sagen Sie mir bitte alles!«
»Ich dacht' mir, das ist ja ein Dornröschen. Wer die aufwecken kann, gewinnt sich einen Schatz. Ich red' jetzt nicht von Männern, denn Sie sind ja verheiratet, Sie haben wahrscheinlich Kinder --«
»Zwei -- und einen Mann. Aber das -- das ist es nicht, was mich rettet. Ich stecke in Kämpfen -- davon versteht hier kein Mensch was ...«
»Das kann gewiß nur eine Frau verstehen. Eine richtige Freundin!«
»O, wenn ich die hätte!«
»Da trifft sich Ihre Sehnsucht mit mir. Ich lebe schon zwanzig Jahre in Berlin und habe noch immer keine Freundin gefunden. Was meinen Sie, liebe Frau Rietschel -- wollen wir zwei es mal miteinander versuchen?«
Berta starrte ganz betäubt vor Glück die wunderbare Frau an. -- »Ich weiß ja garnicht, was ich sagen soll«, stammelte sie.
»Das wird schon kommen. Aber nicht hier. Dazu müssen wir ganz allein sein. Wissen sie was? Sie schließen doch um sieben, und ihr Mann scheint heut nicht dazusein. Da komm' ich um sieben wieder und warte draußen auf Sie. Dann gehn wir zusammen spazieren, und Sie erzählen mir von Ihrem Leben.«
ZWANZIGSTES KAPITEL
Frau Bernhardi wartete in einem Taxameter auf Berta. -- »Steigen Sie nur bitte ein, Liebste,« sagte sie, ihr die Hand in braunem Wildleder entgegenstreckend -- »hier in der grausligen Geschäftsgegend kann man ja doch nicht spazierengehen. Wir fahren rasch hinaus. Wohin möchten Sie denn? In den Tiergarten?«
Berta saß neben ihr und sog den Duft ein, der ihrem kostbaren Pelzmantel entströmte. -- »Ach wissen Sie,« antwortete sie mit geschlossenen Augen, »am liebsten möcht' ich zum Kurfürstendamm. Wundern Sie sich bitte nicht darüber. Ich weiß, da ist es sehr lebhaft, da wird man immer angeguckt; aber ich komme am besten zum Reden, wenn ich die vielen Leute sehe. Das reizt mich, wissen Sie, das macht mich klar, wenn ich vor mir habe, was ich doch nicht erreichen kann.«
Die Freundin nickte mit unbestimmtem Lächeln: »Hm ... ich versteh' schon. Aber Sie meinen gewiß: was Sie nicht zu erreichen glauben? Wir werden ja sehen.« -- Sie öffnete die Wagentür und rief hinaus: »Also zu Schilling, Kutscher! Kurfürstendamm!«
Behaglich lehnte sich Gusti Bernhardi wieder zurück: »Da haben wir's nett. Herumlaufen kann man jetzt doch nicht mehr bei der Kälte. Sie kennen doch Schilling?«
»Nur von außen.«
»Na, Ihr Mann scheint aber wenig Sinn für das wahre Berlin zu haben.«
Das ›wahre Berlin‹, das Gusti Bernhardi meinte, hatte sich in den letzten Jahren sehr verschoben. Der Westen der Potsdamer Straße war immer mehr Geschäftsgegend geworden, und das Tiergartenviertel wurde zur stillen Insel konservativer Solidität. Die amerikanisierten Berliner strebten über den Zoologischen hinaus nach Schöneberg und Wilmersdorf. Um die Kirche des alten Wilhelm, die der archaisierende Protestantismus des jungen erbaut hatte, schwirrten alle Konfessionen, Sitten und Werte. Von hier gingen die Strahlen ins Neuland der Weltstadt aus. Die Tauentzienstraße löste allmählich die Friedrichstraße ab. Der Kurfürstendamm zielte auf die Verbindung Berlins mit dem Grunewald, und das Bayerische Viertel hörte dort auf, wo es eben wieder anfing. Es war ein sichtbares Wachsen und Werden.
Berta liebte diese Gegend wie keine andere in Berlin. Gerade weil sie von jeher nach C und O verbannt gewesen, glaubte sie im Westen den Sinn der Zukunft. Die Frau aber, mit der sie diese Straßen jetzt wiedersah, nahm sie wirklich auf; denn sie gehörte dazu, sie war der ›Typ‹ der neuen Dame.
Bei Schilling genossen sie gute Dinge und kamen noch nicht zum Ernst des Lebens. Es gab zuviel zu sehen und zu hören. Gusti Bernhardi entwickelte ihre ganze Kennerschaft von Toilettegeheimnissen und Skandalen. Berta wurde so vergnügt, daß sie den tiefen Seelengrund der neuen Freundschaft vergaß. Andächtig lauschte sie der überlegenen Frau. Als Gusti zum zweitenmal Benediktiner kommen ließ, schwand ihre letzte Hemmung.
»Kind, wie ist das nett, daß Sie sich noch so an allem freuen können«, sagte Gusti Bernhardi, Bertas Hand tätschelnd. »Das genieß' ich förmlich. Aber geben Sie Obacht -- das hier ist noch garnichts. Nächstens nehm' ich Sie in den Kaiserhof mit, zum five o'clock.«
»Was ist das eigentlich?« fragte Berta, an ihrem Likör saugend. »Das hab' ich schon so oft gehört. Feif o clock. Hängt das mit Pfeifen zusammen?«
Gusti lachte: »Nein! Aber Sie haben ganz recht -- wozu englisch reden, wenn man Fünfuhrtee sagen kann?«
»Ach so! Ach das ist es! Aber das soll ja so schrecklich vornehm sein! Da pass' ich doch nicht hin! Mit meiner Fahne!«
»Unsinn! Das Kleid ist sehr nett, und Sie sind ja jung und hübsch! Das ist die Hauptsache! Außerdem wird das bürgerlich Solide jetzt eben wieder modern!«
»Das wird modern? Wie kommt denn das? Das versteh' ich nicht!«
»Nur einen neuen Hut müssen Sie haben!«
»Ach ja, mein größter Wunsch! Ein schicker Hut! Ein wirklich schicker Hut! Nicht immer die olle Rietsche! Daran merkt man ja gleich, daß ich Rietschel heiße! Herrgott, jetzt hab' ich wirklich einen Schwips!«
Gusti klopfte lachend ihren Arm: »Das macht nichts, macht nichts! Das steht Ihnen ausgezeichnet! Aber Sie sollen den Herrn Gemahl nicht um den neuen Hut bitten -- der ist nicht auf der Höhe, der verdirbt Ihnen nur die Stimmung! Jetzt heißt es für Sie, auf ~meiner~ Linie bleiben!«
»Ach ja!«
»Versprechen Sie mir, daß Sie es richtig auffassen, wenn ich Ihnen einen wundernetten, neuen Hut anbiete, den ich doch nicht tragen kann! Pariser Modell -- Madame Kühne hat ihn für mich kommen lassen! Aber mir steht er nicht! Ich bin nicht jung genug dafür! Sie werden entzückend damit aussehen!«
Berta wischte sich die Augen: »Sie sind zu gut zu mir -- viel zu gut, Frau Bernhardi.«
»Sagen Sie doch Gusti zu mir -- und ich sage Berta -- topp, das gilt! Also übermorgen holen Sie mich um vier in meiner Wohnung ab, und dann mach' ich Sie ein bißl zurecht, und dann ziehn wir los, wie der Berliner sagt! Herzig, wie die kleine Frau sich freuen kann! Wissen Sie, liebste Berta -- Ihren Mann begreif' ich nicht!«
Ein Schatten kam auf Bertas Gesicht. Sie ließ den Benediktiner los und lehnte sich zurück: »Ach Gusti -- den kann man schon begreifen. Wie der, so sind wohl viele. Bloß daß ich an ihn geraten bin -- das ist das Malheur. Er ist ja gewiß sehr tüchtig und anständig und fleißig und ein guter Vater -- aber ich hätte mir doch einen andern Mann nehmen sollen!«
Gusti legte die Hand aufs Gesicht, weil sie ein Lächeln verbergen wollte: »Hm ... Das sagt man sich oft ... So büßen viele Frauen ihre Illusionen.«
»Nein, sehen Sie mal -- Rietschel ist so: er ist -- wie soll ich das gleich sagen? -- er ist nicht sensitiv. Er weiß nicht, was in mir vorgeht. Er kümmert sich viel mehr um unsern Pudel, wenn dem etwas fehlt -- das sieht er, das versteht er.«
»Ja -- dann bleibt eben nichts anderes übrig -- dann muß man halt selbst zu seinem Recht kommen.«
Berta fuhr jetzt so heftig zusammen, daß Gusti sie erschrocken ansah: »Mein Gott, was haben Sie?«
Die kleine Frau schüttelte sich: »Ach, das -- das Wort -- das trifft mich -- Recht -- entschuldigen Sie -- das ist ja mein Verhängnis, solange ich lebe! Immer wollte ich zu meinem Recht kommen, und nie, nie hat mir einer geholfen!«
Jetzt stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie lehnte sich erschüttert zurück. Von den Nebentischen sah man neugierig zu den beiden Frauen hinüber. Gusti Bernhardi bereute ihre Unvorsichtigkeit -- sie hatte zu schnell den Kern berührt. -- »Fassen Sie sich doch«, flüsterte sie bittend. »Nehmen Sie sich zusammen. Glauben Sie mir, ich bin eine, die Ihnen wirklich helfen will. Ich weiß schon viel von Ihnen, ohne daß Sie mir viel gesagt haben. Ich ahne die Zusammenhänge. Wenn Sie mir beichten wollen -- lieber Gott, das geht jetzt leicht. Nur wollen wir den Leuten hier nichts zeigen. Kommen Sie, ich zahle, und dann begleit' ich Sie heim.«
Unterwegs kam die erlösende Beredsamkeit über Berta. Sie konnte in der dunklen Droschke hervorstammeln, was in ihr wogte. Bald wußte Gusti Bernhardi alles. Sie hörte zu, als ob jede Einzelheit neu für sie wäre. Klug prägte sie sich die ganze Beichte ein, um das Material zu beherrschen. Leicht wurde es ihr nicht ums Herz dabei. Sie hatte die primitive Leidenschaft dieses Menschenkindes unterschätzt. Was sie für oberflächlich gehalten hatte, erwies sich doch als tiefe Sehnsucht. Nie hatte sie diesen moralischen Fanatismus in einer kleinen Bürgersfrau vermutet.
Dennoch -- weich machen ließ sie sich nicht. Sie hatte es Viktor Schwarz versprochen -- ihr Wort mußte sie halten. Berta tat ihr leid, sie hatte sie wirklich gern -- aber sie ärgerte sich auch immer wieder. Das ganze Gefühlsleben dieser Frau war verstiegen, sie glaubte ihre kleine Person im Mittelpunkt der Welt. Das ging denn doch nicht. Wer die Tatsachen nicht mehr anerkannte, mußte unter ihnen leiden.
Das war Gusti Bernhardis Gedankengang, während sie Bertas Geständnissen lauschte. Was sie aber aussprach, war anders. Sie konnte so falsch sein wie die ganze Wiener Unergründlichkeit. So brachte sie es fertig, Berta mit Herzenstönen recht zu geben, sie aufzurichten, wie nie ein Mensch sie aufgerichtet hatte, und insgeheim zu planen, wie sie sie unschädlich machte. --
An dem Tage, an dem Berta sie zum Fünfuhrtee abholen sollte, war Gusti Bernhardi vormittags bei Viktor Schwarz. Sie berichtete ihm, und er war sehr befriedigt. Ein Schatten kam erst auf seine Miene, als die Freundin sagte: »Nun kostet die Geschichte aber auch Geld, Vicki. Fest machen kann ich sie nur, wenn sie wirklich etwas von mir hat. Ich will ihr verschaffen, was sie haben möchte -- nur dich soll sie aufgeben -- das ist mein Plan. Heut nachmittag zum Beispiel bin ich mit ihr im Kaiserhof. In ihrem wollenen Kleidchen lass' ich sie noch, aber ich hab' ihr bei der Kühne einen scharmanten Hut gekauft, und da mußt du schon so gut sein, das Geld nachher hinzuschicken, 350 Mark. Du weißt ja, Schulden hab' ich nicht gern.«
Viktor Schwarz schielte grimmig durch seinen Kneifer: »Das ist gut -- als ob es deine Schulden wären!«
»Also, ordne die Sache, bitt' schön, und mach' dich drauf gefaßt, daß noch manches dazu kommt.«
»Aber nur bis zu einer gewissen Grenze, die ich bestimmen werde!«
»Na weißt du, wenn du dir deine Tochter garnichts kosten lassen willst!«
»Nicht so laut! Tübbeke horcht auch durch die Doppeltür! Ich meine nur, wenn ich jetzt am Ende Tausende hinlegen soll, dann hätt' ich die Person auch anerkennen können!«
Gusti Bernhardi stand auf: »So? Ach so! Ja, dann liegt die Sache ja viel einfacher! Dann brauch' ich mir ja garnicht so viel Müh' zu geben!«
Sie ging zur Tür. Er wackelte ihr nach: »Gusti, ich bitte dich, sei vernünftig! Es handelt sich hier um keinen schlechten Witz! Also tu nur, was nötig ist! Zu weit gehn wirst du ja doch nicht! Du handelst ja in meinem Interesse!«
Sie verließ ihn. -- ›Alter Knicker‹, dachte sie mit bitterem Lächeln. ›Es schadet dir garnichts, wenn du mal Haare lassen mußt. Du trittst ja doch immer nur auf Menschen herum und besonders auf uns Weibern. Was hab' ~ich~ mir schon alles von dir gefallen lassen müssen! Und deine arme Frau! ... Pfui Deibel, es sind eigentlich eklige Götzen, was die Leut' so anbeten!‹
In eigentümlichen Zorn auf den Mann, für den sie alles tat, kam sie heim. Diese Stimmung machte sie nur noch eifriger, Bertas Leben zu verschönen.
Pünktlich um vier Uhr erschien die kleine Frau. Nun spielte Gustis liebenswürdiger Eifer fast eine Stunde mit ihr. Staunend lernte Berta das Toilettezimmer einer großen Dame kennen. Der neue Hut hob ihre Erscheinung dermaßen, daß sie mit naiver Andacht vor ihrem Spiegelbilde stand. Schließlich drängte die Freundin ihr auch noch kostbare Handschuhe auf und parfümierte sie so, daß Berta plötzlich ausrief: »Wenn Rietschel das riecht -- der denkt Gott weiß was!«
Sie fuhren mit der neuen Untergrundbahn zum Leipziger Platz. Von dort gingen sie Arm in Arm zum Kaiserhof hinüber. Hier gelang es Gusti, Bertas Verlegenheit zu bemänteln. Man merkte kaum, wie fremd und ungeschickt die kleine Papierhändlersfrau war. Sie gefiel sogar, weniger ihres Hutes wegen, als weil sie so hübsche, glückshungrige Augen hatte.
»Den Hut kann ich aber nicht mit nach Hause nehmen«, sagte Berta schließlich. »Rietschel wird zu grob, wenn er ihn sieht. Der denkt womöglich, ich hab' ihn von einem Liebhaber!«
»Das wär' ihm ganz gesund!«
»Nein, nein, Gusti. Die ist unmöglich -- das liegt mir auch garnicht. Erlaube mir, bitte, daß ich erst noch zu dir komme und wieder werde, was ich war.«
»Selbstverständlich -- du kannst die Sachen bei mir deponieren. Aber sie gehören dir.«
»Gusti, ich bitte dich --«
»Willst du mich beleidigen?«
So fuhren sie denn noch einmal nach dem Wittenbergplatz. Hier hatte Gusti Bernhardi eine elegante Wohnung, wo sie nur ihrem Behagen lebte. Der Modesalon war längst verkauft. Berta wurde von dem Glanz des Nachmittags in all ihren Wünschen angeregt -- sie wollte jetzt gern wissen, was die Freundin über ihre Geständnisse dachte, insbesondere über Herrn Justizrat Viktor Schwarz.
Gusti Bernhardi setzte ihr bewährtes Sphinxlächeln auf. -- »Ja, liebstes Bertl,« erwiderte sie langsam, »da muß ich dir zunächst mal sagen: Ich kenn' deinen angeblichen Papa sehr gut.«
Berta sprang auf -- sie zitterte an allen Gliedern: »Du kennst ihn? Das sagst du mir jetzt erst?! ...«
»Ich hab' mir die Geschicht' erst überlegen wollen. Aber jetzt bin ich mir ganz klar. Jetzt kann ich dir sagen, was ich dir zu sagen hab'.«
Berta langte mit demütigem Vorwurf nach ihrer Hand: »Warum hast du ihn denn eben bloß meinen -- angeblichen Papa genannt?«
»Das mußt du mir nicht übelnehmen. Du hast es mir erzählt, und an deinen Worten zweifle ich natürlich nicht. Aber daß der Beweis nicht erbracht ist -- das wirst du ja selber zugeben.«
Berta senkte den Kopf. -- »Mein Gott,« flüsterte sie in tiefer Traurigkeit -- »du glaubst es also auch nicht? Hältst du es denn nicht für möglich?«
»Die Möglichkeit ist natürlich niemals ausgeschlossen.«
»Wie du auf einmal sprichst? Ich weiß nicht -- so juristisch?«
»Ich kenn' halt viele Juristen.«
»~Ihn~ zum Beispiel?«
»Ja, Berta, und weil ich den wirklich ~sehr~ gut kenne -- übrigens wär's ja ein Wunder, wenn's anders wär' in Berlin --, darum rat' ich dir dringend: laß ihn los, lauf ihm nimmer nach.«
»Gusti! ...«
»Fass' dich doch. Ich will doch nur dein Bestes. Das glaubst du mir hoffentlich? Ich seh' dich direkt in einen Abgrund laufen, wenn du's so weiter treibst mit dem Schwarz.«
»Warum denn? ...«