Part 16
»Und von mir will sie nichts mehr wissen! Mich kennt sie nicht mehr! Ich hab' ihr versprechen müssen -- --«
»Was haben Sie Ihr versprechen müssen?«
»Na, es ist ja schon so lange her. Ich war noch ein halbes Kind damals. Jetzt brauche ich mich solchen Sachen Gott sei Dank nicht mehr auszusetzen. Ich bin eine angesehene Frau. Mein Mann hat ein großes Geschäft. Und meine beiden Kinder --«
»Aha -- so, so -- ja, sehen Sie mal, meine liebe Frau Rietschel -- das wollte ich Ihnen schon sagen -- mir scheint doch, daß in Ihrem Köpfchen alles durcheinandergeht. Sie verwechseln tatsächlich die Zeiten. Was wollen Sie denn eigentlich? Damals waren Sie als arme, kleine Buchhalterin bei mir -- ich erinnere mich noch genau -- und jetzt sind Sie in Samt und Seide -- als Gattin und Mutter in den glücklichsten Verhältnissen --«
Berta streckte abwehrend ihre Hände aus: »Ach, Herr Justizrat! Daß das bloß äußerlich ist -- das brauch' ich Ihnen doch nicht zu sagen!«
»Ich bin natürlich nicht weiter orientiert. Es interessiert mich auch nicht, wie gesagt --«
»Nein, Herr Justizrat -- mir geht es ~innerlich~ durchaus nicht besser, eher noch schlechter, als damals! Darum bin ich ja heute bei Ihnen!«
»Bei mir --«
»Sie sind der einzige Mensch auf Gottes Welt, zu dem ich Vertrauen habe! Sie sind mir geradezu im Traum erschienen!«
Viktor Schwarz spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Er zog sich etwas mit dem Stuhl zurück: »Das ist mir ja sehr schmeichelhaft, aber --«
Berta folgte ihm. Ihr Ton änderte sich bei den nächsten Worten -- es wob sich etwas seltsam Vertrautes, eine geheime, bittende Mahnung zwischen ihnen an: »Sie werden mich nicht auch noch von sich stoßen! Sie verstehen mein Problem! Denn es ist ein Problem, Herr Justizrat! Gerade weil ich einen Vater für meine Kinder habe, entbehre ich selbst den Vater! Gerade weil ich jetzt Hoffnung fürs Leben habe, muß ich wissen, wer ich bin! Es ist doch furchtbar unrecht, daß man mich so ganz im Dunkeln läßt! Ich will ja garnichts weiter unternehmen! Ich will ja keinem Menschen lästig werden! Aber Sie, als ein Mann, der in der Welt steht, -- Sie sollten doch einen freieren Standpunkt einnehmen? Sie sollten sich doch am Ende meiner erbarmen!«
Der Justizrat erhob sich. Er ging, wie damals, zum Fenster und wandte sich ab. -- »Liebe Frau Rietschel,« sagte er dann nachdrücklich, »ich verstehe Sie -- ja, ja, ich verstehe Sie -- alle Taktfehler, die Sie mir gegenüber begangen haben, rechne ich Ihrer Erregung an. Aber lassen Sie mich jetzt noch einmal ehrlich und wohlwollend zu Ihnen sprechen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ihnen kann wahrscheinlich kein Mensch auf Erden helfen. Das müssen Sie nämlich selber tun. Sie wollen wissen, wer Sie sind? Ja, lieber Gott, wenn ich das wüßte! Und ich habe wahrhaftig meinen Vater gut gekannt! Nein, Frau Rietschel, getrieben werden wir alle, von einem dunklen Schicksal getrieben, und auf diese Weise müssen wir uns bewähren. Wissen Sie, was Ihr großer Fehler ist? Sie schweifen in die Ferne -- Sie sehen nicht, was Sie wirklich besitzen, und was Sie wirklich umgibt! Es ist geradezu sündhaft, daß Sie als Frau und Mutter sich mit solchen Gespenstern herumschlagen! Ihr Mann und Ihre Kinder können einem wahrhaftig leid tun! Verzeihen Sie, daß ich so offenherzig werde! Blicken Sie doch um sich -- wir leben doch unter wahrhaft großartigen Bedingungen! Jeder ist berufen, mitzutun! Das deutsche Ansehen steigt von Jahr zu Jahr! Ich und meine Geschäftsfreunde haben die Zügel der Zukunft in der Hand! Wir knüpfen jetzt ein festes Band zwischen Deutschland und Amerika und bleiben doch so deutsch, wie wir waren! Aber ich rede da von den größten Gesichtspunkten -- auch Sie in Ihrem engen, bescheidenen Wirkungskreise -- -- was ist denn los, Tübbeke?!«
Der Bureauvorsteher war eingetreten. Er schielte zu Berta hinüber: »Herr Justizrat -- die Herren von der Diskontogesellschaft haben telephoniert -- sie sind schon unterwegs.«
»Ja, mein Gott, dann müssen sie ja in einer Minute hier sein! Dann werden Sie mich hoffentlich entschuldigen, liebe Frau Rietschel! Es handelt sich um eine gewaltige Transaktion --«
Tübbeke entfernte sich wieder. Er war beruhigt -- der alte Fuchs wurde sie doch wieder los -- dem war sie nicht gewachsen. Berta aber starrte mit entrückten Augen den Mann an, der ihr die seltsame Rede gehalten. Sie spürte, daß er in der Erregung konfus wurde; aber seine Worte berührten sie wunderbar. -- »Ach ja, die große Welt, Herr Justizrat«, flüsterte sie, ohne sich vom Stuhl zu rühren. »Danach hab' ich ja solche Sehnsucht! Und wissen Sie, warum? Weil ich immer glaube, daß ich selbst dazu gehöre! Es ist mir ganz bestimmt nicht an der Wiege gesungen, daß ich als die Frau von einem Papierhändler versimple --«
Schwarz lief vor Nervosität durch das Zimmer: »Das mag ja alles sein! Obwohl -- an der Wiege wird einem überhaupt nichts gesungen! Und nun muß ich Sie bitten, Ihren Besuch für diesmal abzubrechen -- --«
»Das liegt aber einzig und allein an meinem Vater, daß ich diese Überzeugung habe! Das Blut von meinem Vater rumort in mir und läßt mir keine Ruhe! Meine Mutter ist mir ganz gleichgültig!«
»Und Sie sind es mir offen gestanden auch! Seien Sie mir bitte nicht böse! Aber Sie müssen fort, bevor die Herren von der Diskontogesellschaft --«
»Manchmal hab' ich das Gefühl, daß an mir die furchtbarste Ungerechtigkeit begangen wird! Geradezu 'ne Todsünde! Nicht mal die Konditorei von Mutter werd' ich erben! Und wenn ich Sie hier so höre -- wenn ich Sie so sehe in Ihrem Reichtum und in Ihrer Pracht --«
»Was dann? Was dann? Was dann?«
»Dann blitzt es plötzlich in mir auf -- -- könnte nicht mein Vater genau so sein? In ebensolcher Stellung? Und ich drücke mich 'rum -- ich bleibe klein und ungebildet --«
»Frau Rietschel, nehmen Sie jetzt bitte Vernunft an -- ich kann Sie nicht länger empfangen --«
»Wenn er mich wenigstens in 'ne höhere Töchterschule geschickt hätte -- standesgemäße Erziehung hilft einem heutzutage schon viel --«
»Sie zwingen mich, zu schärferen Mitteln zu greifen! Entfernen Sie sich augenblicklich, wenn ich bitten darf -- --«
Berta stand auf: »Ich gehe nur, wenn Sie mir sagen, wer mein Vater ist!«
»Unsinn! Das weiß ich nicht! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!«
»Das ~müssen~ Sie wissen!«
Herr Hollunder trat ein: »Die Herren von der Diskontogesellschaft, Herr Justizrat.«
Jetzt bäumte sich Viktor Schwarz in rückhaltloser Wut. »Also bitte!« schrie er mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung. Er wußte nicht, wie der Ausdruck seiner Augen sich veränderte. So blickte nur ein Mann sein Geschöpf an. Es war die unbewußte Autorität des Vaters.
Berta wich langsam zur Tür zurück. Eine Eingebung lähmte sie -- sie kam gerade noch hinaus, sie wollte wirklich nicht länger bleiben. An Onkel Tübbeke stolperte sie ohne Gruß vorbei. Dann stand sie auf der abendlichen Straße.
Langsam ging sie bis zum Gendarmenmarkt. Hier blieb sie an einer Droschkenhaltestelle stehen. Starr sah sie einem alten Schimmel zu, der beschaulich seinen Hafer knabberte.
»Na, Madameken?« fragte der Kutscher nach einer Weile. »Wollen Sie wat abhaben, oder wie ist es mit 'ne Fuhre?«
Berta sagte: »Großbeerenstraße 93« und stieg ein. Als sie in den hohlen Samtkissen der klappernden Droschke saß, flüsterte sie vor sich hin: ›Er ist es ... Er ist es selbst ... Die Augen ... Die Augen ...!‹
NEUNZEHNTES KAPITEL
Rietschel sah auf den Regulatur. Drei Viertel sieben. In zehn Minuten machte er Schluß, und Berta war noch nicht zurück. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich herumgetrieben. Diese Frau stellte seine Geduld auf eine harte Probe.
Er wartete noch fünf Minuten. Wie unangenehm war es auch dem Personal gegenüber. Das bestand zwar nur aus einer Buchhalterin und einem Laufjungen -- alles andere tat das Ehepaar selbst -- aber Gedanken machten sie sich auch.
»Ich schließe heute selber, Fräulein Brotbäcker«, sagte Rietschel. »Ich habe noch 'ne Stunde zu tun.«
Er wollte wirklich arbeiten; aber als er allein war, verlor er bald die Geduld, drehte wütend alle Schlüssel herum und lief fort.
In der Großbeerenstraße empfing ihn Berta. Sie sah ihn mit so fiebrig glänzenden Augen an, daß er seinen Zorn vergaß und sich wieder Sorge machte.
»Na, was ist denn?« brummte er. »Du bist also direkt nach Hause gegangen? Dann telephoniere mir doch wenigstens. Das ist doch rücksichtslos. Ich habe mich natürlich geängstigt. Na, nun laß mich mal vorbei.«
»Peter, ich muß mit dir reden«, sagte sie mit eigentümlich getragener Stimme.
»Aber erst essen wir. Ich habe Hunger. So was Besonderes wird es ja nicht sein.«
»Es ist das Besonderste, was ich dir überhaupt jemals zu sagen hatte.«
Rietschel sah sie mißtrauisch an. Nach einer Pause fragte er: »Wie geht's denn den Kindern?«
»Heute konnte ich mich nicht um sie kümmern.«
»Nanu!«
»Weil ich selbst endlich als Kind empfinde.«
Rietschel stampfte: »Du, mir reißt bald die Geduld! Also laß es bleiben! Geh in die Eßstube und warte! Ich sehe selber noch mal nach dem jungen Gemüse!«
Das war Rietschels tiefster Zärtlichkeitsausdruck für seine Kinder. Er ging mit einem Ausdruck fort, als gälte es, sein Bestes zu verteidigen.
In der Kinderstube fand er die Kleinen schon in ihren Bettchen. Grete hielt Schneemanns weißen Pudelkopf, Paul aber fragte: »Wo ist denn Mutti?«
»Mutti hat zu tun. Mutti kommt später. Nun schlaft man, Kinder! Gute Nacht! Schneemann, du kommst mit!«
Er nahm den Pudel am Halsband und ging in das Eßzimmer. Hier hatte Berta ihm schon Kartoffeln geschält -- das rührte ihn wieder.
»Was kosten jetzt die Heringe?« fragte er sanft.
Sie antwortete nicht und sah ihn an, als ob sie taub wäre.
Er wiederholte seine Frage nicht und ließ erst das Essen vorüber. Nur als Berta immer wieder nach der Gilkaflasche griff, fuhr er auf: »Du hast ja schon drei getrunken! Das ist ja eklig!«
»Ich muß mich ein bißchen betäuben, Peter. Das ist so, wie wenn man Zahnweh hat.«
»Hast du denn Zahnweh?«
Sie lachte leise: »Nein ... Ich mein es nur so ... Trink du doch auch! Prost, mein Junge!«
Er stieß widerwillig mit ihr an. Dann war auch der Käse verzehrt, und Rietschel fragte, sich hastig den Schnurrbart wischend: »Wo warst du heute nachmittag?«
»Bei Herrn Justizrat Schwarz.«
Sie genoß seinen verblüfften Blick. -- »Was soll das heißen? Du wolltest doch bei Schlesinger & Co. den Fischleim bezahlen?«
»Das hab' ich auch getan. Aber die Hauptsache war mir Justizrat Schwarz.«
»Der in der Taubenstraße? Wo dein Onkel Bureauvorsteher ist?«
»Jawohl. Der ›Rechtsbeistand‹ meiner zärtlichen Mutter.«
Ihre Stimme bebte vor schmerzlichem Hohn. Sie war furchtbar erregt. Das verstand er jetzt. Er mußte vorsichtig sein: »Was wolltest du denn bei dem?«
»Ach, eigentlich« -- sie schlug mit der Hand durch die Luft -- »eigentlich wollt' ich nur wieder herauskriegen, wer mein Vater ist! Und das ist mir heute gelungen!«
»Wahrhaftig? ... Berta, du machst ja Spaß. Mit solchen Sachen spaßt man nicht.«
»Das ist nicht meine Absicht. Wirklich, Peter. Mir ist schauderhaft ernst zu Mut. Ich möchte mich am liebsten selbst zerreißen. Ich möchte die ganze Welt zerreißen.«
Sie begann schon mit der Serviette. Da hielt er ihren Arm fest: »Berta -- sei doch vernünftig! Um Gottes willen, wenn dich jemand hört! Du zitterst ja am ganzen Leib!«
Er stand auf und führte sie zum Sofa. Es war die erste Zärtlichkeit nach Monaten. Das tat ihr wohl. Sie saß wie ein Kind bei ihm und weinte. Dann wurde sie ruhiger -- er spürte es.
»Also, nun erzähle mir mal -- ich bin doch dein Mann -- mir kannst du alles sagen. Ich hab' ja schon lange gemerkt, daß sich was vorbereitet. Du konntest nicht mehr schlafen -- du hast auch gar nicht mehr richtig gegessen -- und dann der viele Schnaps ... Wenn dir nur das Bücherlesen nicht geschadet hat --«
»Im Gegenteil, Peter. Ohne meine Bücher wäre ich ganz verkommen.«
»Bei mir?«
»Du hast keine Schuld.«
»Und die Kinder?«
»Die auch nicht. Es ist alles in mir selbst. Meine beiden Naturen, Peter. Die vom Vater und die von der Mutter. Bei dir ist alles viel einfacher.«
Rietschel dachte: ›Wenn es bei dir man nicht auch sehr einfach ist.‹ Aber er unterdrückte diesen Gedanken. -- »Was wolltest du also bei dem Justizrat?«
»Du weißt doch, daß ich als Mädel schon bei ihm war?«
»Das hast du mir erzählt. Aber er hat damals nichts 'rausgerückt.«
»Und du bist doch auch überzeugt, daß er ganz genau Bescheid weiß, wie es mit meinem Vater steht?«
»Berta, wer kann das behaupten? Vermutungen haben da gar keinen Zweck. Und als Rechtsanwalt braucht er dir kein Wort zu sagen.«
»Nein, damit ließ ich mich so lange hinhalten. Aber plötzlich ist es wieder über mich gekommen. Ich kann dir das nicht erklären, Peter. Ich mußte jetzt unter allen Umständen wissen, wer mein Vater ist. Ich konnte so nicht länger leben, Peter.«
»Und du hast vorhin gesagt -- -- du weißt es jetzt?«
»Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war der unglaublichste Moment, den ich jemals erlebt habe. Ich saß bei ihm -- bei dem Justizrat, Peter -- und er war wieder so glatt und schleimig -- genau wie ein Aal glitt er mir durch die Finger -- aber plötzlich wurde er furchtbar böse -- da ließ er die Maske fallen, verstehst du -- und da -- --«
»Da hat er es dir gesagt?«
»Kein Wort hat er mir gesagt! Das tut er nicht! Aber ich wußt' es! Aus mir selber! Jetzt bringt mich kein Mensch mehr davon ab! Justizrat Schwarz ist mein Vater! Kein anderer!«
Rietschel starrte seine Frau an. Dann stand er langsam auf.
»Du glaubst es wohl nicht?«
»Berta -- wenn er es nicht zugegeben hat -- schriftlich oder vor Zeugen -- bloß weil du den Eindruck hattest --«
»Der genügt vollständig! Jetzt weiß ich genau, was ich zu tun habe! Aber ich glaube, du übersiehst die Sache noch nicht --«
»Was soll ich denn übersehen?«
»Na, du als gewiegter Geschäftsmann -- lassen wir mal meine Person aus dem Spiel -- aber wenn ich jetzt meinen Vater kenne -- wenn ich jetzt meine Ansprüche stelle -- Justizrat Schwarz ist vielfacher Millionär -- Kinder hat er nicht -- ich bin, soviel ich weiß, das einzige -- --!«
»Ja, ja ... Na ja ... Das ist ja alles möglich. Aber ich sehe nicht, wie du überhaupt was erreichen willst -- du hast doch nun mal keinen Beweis in Händen.«
»Glaubst du, daß es mir jetzt noch schwerfallen wird, ihn zu bekommen?«
»Das glaub' ich allerdings! Was du mir gesagt hast, das sind lauter Illusionen! So einer ist mit allen Wassern gewaschen! Wenn der gemerkt hat, was du vorhast --«
»Das soll er nur merken! Das will ich!«
»Glaubst du, mit dem wirst du fertig? Der will dich doch los sein! Dem bist du doch unbequem! Der bedankt sich für ne uneheliche Tochter! Das schadet ihm bei den Leuten! Der verleugnet dich, und wenn er vor dem lieben Gott steht!«
»Kann er das?!«
»Können kann er alles! Nach meiner Überzeugung hat er mit den Alimenten schon getan, wozu er verpflichtet war! Seine Person kannst du nicht antasten! Er wird dir einfach den Rücken drehen und die Majorsche in Strelenwalde, die erst recht! Bei Tübbeke haben sie auch die Mäuler gestoppt!«
Während Rietschel mit großen Schritten umherging, lehnte Berta sich in das Sofa zurück. Ihr Gesicht wurde ganz klein und bleich. -- »Es ist schrecklich,« flüsterte sie -- »daß du einem immer gleich den Mut nehmen mußt ...«
»Zum Donnerwetter!« schrie Rietschel. »Damit ich dir ein bißchen Sinn für die Wirklichkeit gebe! Ich bin doch dein Mann! Das muß ich!«
»Und daß die Zukunft deiner Kinder davon abhängt? Daß unser ganzes Leben plötzlich einen Umschwung kriegen kann -- das siehst du nicht?«
»Ach, du meinst am Ende, wenn wir die Millionen von Herrn Justizrat Schwarz erben! Von deinem ›Papa‹?! Nee, liebe Berta -- darum leg' ich mich noch nicht 'ne Minute aufs Kanapee! Mein solides Geschäft und mein gesunder Menschenverstand -- die sind mir sicherer!«
Sie erhob sich und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. -- »Also gut«, sagte sie dort müde. »Dann muß ich eben allein kämpfen. Das bin ich ja gewohnt. Ich schwöre dir -- ich setze es durch, ich zwinge den Mann, ich gebe mein gutes Recht nicht auf!« --
Als Rietschel allein war, überlegte er sich die Sache noch einmal. Seine Lebenserfahrung kam nun doch zu einem anderen Ergebnis. Hätte Berta nicht so hilflos vor der Wirklichkeit gestanden, wäre sie nicht in der Tat ein ›Kind‹ geblieben -- sie hätte schon Mittel gehabt, um die Vaterschaft des Herrn Justizrates festzustellen. Aber sie tappte an jeder praktischen Möglichkeit vorbei. Sie ließ sich von Gefühlen mitreißen. Die Vereinsamung ihrer Jugend rächte sich. Rietschel aber durfte sie nicht aufklären. Er lieferte sie sonst nur noch mehr den Wahnideen aus. Sie war dieser Welt nicht gewachsen. Er mußte für die Beruhigung sorgen. Was sie umgab, das war ihr Glück -- sonst nichts.
Nach der Unterredung mit ihrem Mann wurde Berta still und undurchsichtig. Rietschel bekam seine Ruhe, aber es war eine Ruhe, die ihm nicht wohltat. ›Vor dem Sturm‹, dachte er oft. Berta war wieder pünktlich und fleißig, doch ihre Tätigkeit blieb mechanisch, sie hatte die Tür zu ihrem Innern verschlossen. Daß sie von ganz anderen Dingen erfüllt war, wurde immer deutlicher.
Aber sie hatte von Rietschel gelernt. Der Zusammenstoß mit dem hellen Sachsen wirkte auf ihre dumpfe Leidenschaft. Sie kam zu der Erkenntnis, daß sie sich nichts verderben durfte. Gerade weil sie nun ganz auf sich gestellt war, mußte sie jeden Schritt auf das Ziel richten. Sie glaubte endlich die Aufgabe ihres Ehrgeizes gefunden zu haben. Rietschel sollte staunen, ganz Berlin sollte staunen. Sie genoß schon in stillen Traumstunden ihren Triumph.
Aber die Stärke des Gegners verkannte sie nicht. Emsig arbeitete sie an ihrem Kriegsplan. Wie ein kluger Jäger wollte sie die Schlingen legen, in denen der große Herr Justizrat sich verfing.
So gab sie jeden Gewaltstreich auf und verlegte sich darauf, den Gegner zunächst zu beunruhigen. Er sollte es immer im Bewußtsein haben, daß sie vorhanden war, er sollte keinen Tag mehr vor ihr sicher sein. Daß diese stille, zähe Verfolgung nur ~einen~ Grund und ~einen~ Zweck haben konnte, wurde einem Mann von seiner Intelligenz natürlich klar. Er hatte ja kein gutes Gewissen. Er wehrte sich, solange es ging. Vielleicht war er schließlich froh, wenn sie es gut mit ihm meinte, ihm ihre traurige Jugend verzieh und eine Stütze seines Alters wurde ...
Da ließ sie sich schon wieder zu schönen Träumen hinreißen! Nein, so weit war sie noch nicht, noch lange nicht! Noch saß er auf seinem Thron und wehrte alles ab, was ihm gefährlich werden konnte ...
Keine Gelegenheit, über Justizrat Schwarz etwas zu erfahren, ließ Berta unbeachtet. Sie abonnierte das ›Berliner Tageblatt‹, wenn Rietschel auch darauf schimpfte. Hier glaubte sie den Bannkreis des Justizrates am besten zu überblicken. Jede Versammlung, jedes Fest, das er besuchte, konnte sie durch ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung herausbekommen. Selbst zu diesen Veranstaltungen zu gehen, war ihr nur selten möglich; denn erstens war es zu teuer, und zweitens fehlte ihr die Persönlichkeit, um dort Figur zu machen. Vorläufig konnte sie sich noch nicht dort bewegen, wo ihr Vater sich bewegte ...
Aber sie lauerte ihm auf. Sie spionierte, wo er zu finden war. Wenn er, nichts ahnend, in heiterer Geselligkeit einen Saal verließ, stand Berta plötzlich in der Garderobe und zwang sich in seinen Blick. Er kam nicht an ihr vorbei, er mußte sie grüßen. Dann grüßte sie stets mit der höchsten Liebenswürdigkeit wieder, auch mit einer Vertraulichkeit, die ihn ärgern mußte. Sie zeigte dabei ein vornehm geheimnisvolles Lächeln, von dessen Wirksamkeit sie überzeugt war. Das hatte sie sich zu Hause vor dem Spiegel einstudiert.
Zu einer Ansprache kam es freilich nie. Der Vielgewandte schlängelte sich immer wieder an ihr vorbei. Als die Begegnungen sich häuften, kam eine hochmütige Verwunderung in seine Züge, aber er wahrte die Form, er grüßte, und Berta dankte, als wollte sie sagen: ›Ich kriege dich doch.‹
Was mußte er sich denken? Nur eines war möglich: ›Sie weiß jetzt, wer ich bin. Nun will sie mich quälen, nun will sie mich lächerlich machen am Ende. Entweder wird sie mein bester Freund oder mein bitterster Feind.‹
Ja, das waren unbedingt seine Gedanken. Dennoch wurde dieses Spiel von Katz' und Maus schließlich qualvoll. Berta war kein freier Mensch mehr. Es war unendlich schwierig, Geschäft und Haushalt mit der Vaterjagd zu vereinigen. Zwischen Rietschel und ihr wurde nichts mehr ausgesprochen. Der Zündstoff sammelte sich. Wenn Bertas Zerstreutheit ihr einen Streich spielte, gab es kostspielige Dummheiten. Sie schädigte ihren Mann um Hunderte. Aus der einst so tüchtigen Gehilfin war sein Niedergang geworden. Auch brauchte Berta jetzt erheblich mehr für ihre Privatausgaben. Wohin es kam, das viele Geld, konnte Rietschel nur ahnen. Er verschluckte seinen Ärger so lange, bis ihm schließlich der süßeste Bliemchenkaffee nicht mehr schmeckte.
Schlimmer aber noch stand es um die heranwachsenden Kinder. Bertas Sorge war ihnen treu, doch was sie tat, konnte ebensogut eine fremde und bezahlte Person tun. Das spürten die erwachenden Seelen. Wo Innigkeit sein sollte, fanden sie Zwang; wo das beste Ausruhen war, eilte ein gehetzter Mensch vorüber. Die Kinder fühlten sich ohne Schuld und trauerten unbewußt um ihr Bestes. Ja, wenn es eine böse Stiefmutter gewesen wäre, wie die in den Märchenbüchern -- aber es war ja ihre gute, leibliche Mutter.
Berta sah nur in lichten Augenblicken, was vorging. Ihre Kinder waren sauber und gepflegt, wie sonst -- dennoch glichen sie Verwaisten. Sie wurden ernst und still, sie hatten etwas Fragendes im Blick, was jeden Empfänglichen ergreifen mußte.
Ob es ebenso auf Rietschel wirkte, war nicht zu ersehen. Er wandte seine Gefühle ingrimmig dem Pudel Schneemann zu. Damit waren Paul und Grete ganz einverstanden. Schneemann blieb das neutrale Gebiet -- an seiner klugen Drolligkeit konnten sie sich alle aufrichten.
Nur etwas wurde Rietschel unerträglich: Was sollten die Leute von seiner Frau denken? Bertas sonderbares Leben geheimzuhalten, war nicht möglich. Das Dienstmädchen genügte schon, den Klatsch in Gang zu bringen. Das wußte, daß Frau Rietschel mindestens drei Abende in der Woche nicht zu Hause war. In seiner Ehre war Rietschel am empfindlichsten -- kein großer Zorn, sondern ein wühlender Ärger kam über ihn. Berta war ja anständig. Er fürchtete nur Mißdeutung. Wo er konnte, kämpfte er mit Ausreden für ihren guten Ruf. Er schilderte ihre Begeisterung für Theater und Musik, ihr Interesse für Versammlungen. Eines Abends aber, als Berta erst um Mitternacht nach Hause kam, fuhr er sie plötzlich an: »Wo warst du heute?«
»Ich? Im Opernhaus.«
»Das glaub' ich nicht! Du bist wahrscheinlich wieder bloß draußen 'rumgebummelt! Ich habe dich schon dreimal so gesehen!«
»Belauerst du mich?«
»Ich will bloß verhüten, daß du ins Gerede kommst! Ich interessiere mich noch für den Ruf meiner Frau! Das ist ja in Berlin sonst nicht mehr Mode!«
»Was soll das alles? Ich war im Opernhaus, ich habe ›Zar und Zimmermann‹ gehört. Buls hat das Lied ›Ach selig, ach selig, ein Kind noch zu sein‹ viermal gesungen. Hier ist der Abschnitt vom Billett. Genügt dir das?«
Er starrte sie verblüfft an. Mit der wurde er nicht fertig. Aber ~warum~ ging sie ins Opernhaus? Er ahnte mancherlei. -- »Na jedenfalls -- die Geschichte wird mir zu teuer«, sagte er abschließend.
»Ich wüßte nicht, daß du mir schon ein Billett bezahlt hast. Ich bestreite solche Nebenausgaben von meinem Sparkassengeld. Damit basta!«
Er knurrte nur noch vor sich hin und beschloß, sich morgen einmal um die Portokasse zu bekümmern. --