Frau Rietschel das Kind

Part 15

Chapter 153,718 wordsPublic domain

Mit harter Miene sah Liese auf den Strohmarkt hinaus: »Wir wollen es abwarten, Tante. Hinter die Kulissen sieht man nie. Bei Simba und Adele -- da glaube ich jetzt an ein Glück. Aber Berta ... Das Kind hat, glaub' ich, einen Charakter, der -- ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll -- der immer zerstören muß. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie jemals Ruhe findet. Mich hat sie nicht -- ich darf es ja nicht ändern -- und einen Vater hat sie nicht -- das sitzt eben in einem Menschen, das schleppt einer mit, solange er lebt.«

Strelenwalde blieb Berta fern. Ihre Scheu vor der Mutter war unüberwindlich. Nie wieder konnte sie sich der Zurückweisung aussetzen. Sie starrte auch auf ihr Versprechen. Aber sie lebte ja nun selbst in bürgerlichen Ehren. Der Kreis, in dem sie Einfluß gewann, beurteilte sie lediglich als Frau Rietschel -- hier fragte man nicht, wem ihre Herkunft Verlegenheit bereitete. Berlin war in solchen Fragen tolerant.

Aber es lockte auch den, der seine rasche Gunst erfuhr, immer tiefer in Regionen, die ihm eigentlich verschlossen waren. Man glaubte mitzutun, wenn man noch draußen stand; man genoß mit Kennermiene und blieb ein dürftiger Zaungast. Das Tempo riß mit und täuschte doch, denn es war das Tempo der anderen.

Berta Rietschel sah das alles nicht. Sie war von ihrem kleinen Erfolge gebannt. Ein Ehrgeiz bannte in ihr, den ihre Umgebung nicht ermessen konnte. Er richtete sich, wie es im Wesen der Emporgekommenen lag, vor allem auf geistige Vorteile. Bildung war Berta mehr als Geld, denn Geld verdiente ja ihr Mann genug. Sie wollte die zahllosen Wissenskräfte, die sie umwirbelten, einfangen und fühlte sich benachteiligt, wenn ihr etwas ›zu hoch‹ blieb. Eigentlich handelte es sich nur um ein Mitredenkönnen. Bildung ist Macht -- das wurde Bertas Überzeugung. Sie fühlte sich nicht nur der Leihbibliothek wegen dazu verpflichtet -- je besser es ihr ging, je geachteter sie wurde, desto empfindlichere Lücken wurden ihr klar, und entsetzt übersah sie, was an ihr versäumt worden.

Rietschel ging an solchen Gefühlen vorüber. Anfangs hörte er noch verwundert zu, wenn Berta sie ihm auseinandersetzte. Er wollte ihr die Spuke ausreden, indem er auf die gute Bilanz des ersten Geschäftsjahres hinwies. Dann aber erklärte er ihr, daß er von Romanen, Theaterstücken und Vorträgen nichts halte. Die Chinchilla-Bibliothek gehe ja, aber wenn sie einmal nicht mehr ginge, nehme er ebenso gern ein Kochbuch in Kommission. Was das Theater betreffe, so sei es ihm nach dem Schillertheater zu weit und im Schauspielhause zu teuer -- außerdem gebe man da lauter traurige Stücke, und das Leben sei an sich schon traurig genug. Er wolle sich nur noch gründlich auslachen, und dafür sei das Metropol mit Thielscher und Giampietro da. Vorträge aber -- den ganzen Abend sich von einem Professor etwas vorquatschen lassen, was nur dieser verstehe, und dann noch in die zugige Garderobe ... Nein, da sitze er doch lieber zu Hause und habe seine warmen Pantoffeln an und braue sich einen steifen Grog.

Berta hörte das still enttäuscht mit an. Erst lachte sie, dann aber ärgerte sie sich über Rietschels eitle Verständnislosigkeit. Ein neuer Stachel regte sich in ihr: sie begann sich ihrem Manne überlegen zu fühlen. Ihn noch weiter in ihr Inneres blicken zu lassen, wurde sie zu stolz. Er spürte es wohl, daß sie langsam von ihm abrückte und allerlei Heimlichkeiten hatte; aber er war auch froh, daß sie ihn endlich in Ruhe ließ. Um einen bequemen Ableiter für diese Verstimmungen zu haben, schaffte er sich einen Hund an. Der weiße Pudel Schneemann gab ihm nichts zu raten auf und erfuhr die ganze Zärtlichkeit seiner sächsischen Seele.

Zu einer tieferen Verstimmung kam es nicht. Die Ehe wurde immer wieder durch den natürlichen Verlauf der Dinge gefestigt. Berta mußte ihren Bildungshunger aufgeben, denn stärker als die große Welt zeigte sich ihre eigene kleine, in der sie Mutter wurde. Nach zweijähriger Ehe gebar sie einen Knaben, der den Namen Paul erhielt. Dann hatte sie nur ein knappes Jahr Schonzeit, und das zweite Kind erschien, eine Tochter, die man nicht Liese, sondern Grete nannte.

Schmerzen und Arbeit, viele Freuden auch -- Berta tauchte lange in den Muttersorgen unter. Auch ihm, dem sie das alles dankte, kam sie wieder näher. Rietschel stellte zwar immer nur die Ähnlichkeit der beiden Kinder mit seiner Person fest und betonte fast kränkend, daß es recht stattliche Menschen werden könnten. Es klang fast, als ob er auf Mißgeburten gefaßt gewesen wäre. War ihm Berta doch zu klein? Stieß er sich an ihre schlechten Augen? Die überreizten Sinne der Wöchnerin beobachteten mißtrauisch. Wenn auch noch so viel Glück um sie herum erblühte -- irgendwo lauerte das Verderben.

So kam sie durch die Kinder wieder zum Grübeln über ihr eigenes Schicksal. Sie sah zwei rechtlich geborene Menschen, aber selten wurde dieses hohe Bewußtsein von einem Neid beschlichen, den sie nicht bannen konnte. Je mehr sie ihren Kindern die Rechte des Lebens zuführte, desto mehr entbehrte sie sie selbst. Bei ihr verwelkte im Schatten, was bei jenen sogleich in der Sonne stand.

Besonders nach der schweren Geburt des Mädchens tauchten diese Gespenster auf. Sie suchte sie niederzuringen, sich immer wieder an die schönen Tatsachen zu halten; aber sie konnte es nicht hindern, daß sie ihr eigenes Fleisch und Blut mit fremden Augen ansah. So entwickelte sich ein seltsames Verhältnis zwischen Mutter und Kindern. Von Anbeginn wechselten innige Zusammengehörigkeit und scheues Abgleiten. Man spielte vergnügt miteinander -- wenn dann Paulchen seine Eisenbahn zum Aufziehen, Gretchen ihre Puppe zum Ankleiden brachte, stießen sie plötzlich auf finstere Gleichgültigkeit. Ihr kindliches Vertrauen stand vor einer Mutter, deren Blick zu sagen schien: ›Was wollt ihr von mir? Ich lebe in Gedanken, die ihr nicht kennt.‹

Das blieb so, bis die Kinder größer und wißbegieriger wurden. Charaktere deuteten sich an -- Paul hatte offenbar das Zeug zu einem begeisterungsfähigen Jüngling, während Grete still und herb wie die Mutter wurde. Der kleine Egoismus des Vaters schien in beiden nicht zu sein, aber Berta freute sich nicht daran. Sie ließ den Kinder ihren Willen, denn nun konnte sie zu sich selbst zurückkehren. Sogar den Sonntag entzog sie ihrer Familie. Schon früh ging sie fort und blieb den ganzen Vormittag im Tiergarten oder im Zoologischen Garten, wo sie sich eine stille Bank suchte. Hier las sie die Bücher, durch die sie das Leben zu erkennen glaubte. Es waren Romane, die bei den ›oberen Zehntausend‹ spielten. Was vornehme Villen dem Vorübergehenden verbargen, glaubte sie zu belauschen und als Eingeweihte zu verstehen.

Die Kinder beklagten sich beim Vater, weil sie in den Zoologischen nicht mehr mitgenommen wurden. Dort störten sie die vertiefte Mutter, wenn sie die Bären füttern oder den Elefanten besuchen wollten. Rietschel war empört. Jetzt gab es den ersten Zusammenstoß. Ein unerfahrenes Dienstmädchen hatte das Sonntagsessen verbrannt -- die Hausfrau wurde natürlich beschuldigt. Rietschel konnte schrecklich grob werden. Sein selbstbewußtes Berlinertum verband sich dann mit sächsischer Schärfe. Berta wehrte sich nur stumm erhaben, aber sie blieb nun zu Hause. Mit ihren Büchern schloß sie sich ein.

Den zweiten Zusammenstoß brachte die Leihbibliothek. Berta behauptete, ihr Niveau heben zu müssen, und kaufte Ludwig Ganghofers Romane ein. Rietschel aber erklärte sie für viel zu teuer.

»Wenn du schon was Besseres anschaffen willst -- übrigens eingebunden sind sie ja doch alle gleich, ich werde doch keine Kalbslederbände kaufen, damit die Leute Stearin drauf tropfen -- aber wenn du schon was Besseres anschaffen willst, dann nimm was von Fontane! Gestern erst hat mich einer nach den ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹ gefragt!«

»Quatsch, das sind doch Schulbücher! So was führen wir nicht!«

»Ich quatsche nie, liebes Bertchen!! Das laß dir ein für allemal gesagt sein!! Und dein Ganghofer mit seine Tiroler -- lächerlich! Das ist ja nicht mal was Pikantes für die Herren!«

»Du verstehst überhaupt nichts von Büchern!«

Berta knallte die Tür hinter sich zu. --

Im Schillertheater sah sie bald darauf das Schauspiel ›Johannisfeuer‹. Die Seelenkämpfe des Notstandskindes fanden bei ihr stürmische Empfänglichkeit. Sie wußte nicht mehr, daß sie die kleine Frau Rietschel aus der Großbeerenstraße war, sondern lebte in den Liebesschmerzen der opfermutigen Marikke. So kam eine Rührung über sie, die auch im Schillertheater ungewöhnlich war. Neben Berta saß ein junger Mann, der recht vornehm, aber kränklich aussah. In der Pause bemerkte er, daß Berta weinte. Jetzt sagte er, indem sein scharfes und kantiges Gesicht sich seltsam zusammenzog: »Ja, ja -- auf die Geburt kommt es an.«

»Ich dachte auch eben: alles, was so düster und unzufrieden in einem bleibt, das macht doch bloß das Herkommen aus. Marikke muß unschuldig leiden.«

»Freilich. Es ist eine große Tragik, mutterlos zu sein.«

»Und vaterlos. Was ist eigentlich schlimmer?«

»Es kommt darauf an, gnädige Frau. Jedenfalls ist es von der größten Bedeutung, daß man sich vollständig klar wird über Vater und Mutter.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nein, ich meine -- man erkennt sich selbst erst dadurch. Nur auf diesem Wege wird es einem möglich, seinen eigenen Charakter zu verstehen. Kennen Sie Ibsen?«

Berta wurde rot: »Nein -- noch nicht ...«

»Nun, dann wissen Sie freilich nicht, was ich mit dem Gesetz der Vererbung meine. Ibsen ist nämlich größer als Sudermann. Als ich aus seinen ›Gespenstern‹ kam, hätte ich mich beinahe erschossen. Aber wenn man sich über Vater und Mutter klar wird, besonders über den Vater -- dann kann man ebensogut zum Glück gelangen wie zur Verzweiflung. Wenn ich mich zum Beispiel mit Ihnen vergleiche --« er lächelte bei diesen Worten, aber es war ein trauriges Lächeln -- »bei Ihnen ist mir ein günstiges Resultat unzweifelhaft.«

»Na, na,« flüsterte Berta mit pochendem Herzen -- »da können Sie sich aber sehr irren ...«

»Warum denn? Sie sind doch sicherlich eine glückliche Gattin und Mutter?«

»Ja, ja ... Das heißt ... Man ist eben doch einsam, was die Hauptsache anbelangt. Sehn Sie mal, mein Mann der ist nur fürs Geschäft, und meine Kinder kriegen immer das Allerbeste, -- aber ich selber -- mit meiner Mutter bin ich auseinander, und meinen Vater kenn' ich garnicht.«

Der kranke Nachbar sah sie überrascht durch seine Hornbrille an: »Sie kennen ihn garnicht? Lebt er denn noch?«

»Ja, freilich ... Vielleicht hier in Berlin ... Am Ende treff' ich ihn alle Tage ...«

Berta begleitete die letzten Worte mit nervösen Handbewegungen.

Der Nachbar beugte das Gesicht auf seine mageren Hände: »Hm ... Ja ... Nun, da wäre es doch aber außerordentlich interessant --«

»Was denn?«

»Ich meine, als reifer, erkenntnisfähiger Mensch erst seinen eigenen Vater kennenzulernen -- das stelle ich mir als unschätzbaren Gewinn vor. Sind Sie außerehelich geboren? Verzeihen Sie die Frage --.«

»Selbstverständlich. Ich geniere mich garnicht deswegen. Aber alle Welt hat sich verschworen, mir meinen Vater zu verheimlichen. Ich darf nicht mal danach forschen. Mir sind sozusagen die Hände gebunden. Das ist auch ein Trauerspiel, sag' ich Ihnen. Na, ich habe mich ja trotzdem durchgesetzt. Aber jetzt -- es läßt mir keine Ruhe mehr. Gerade weil ich was erreicht habe -- gerade deshalb --«

»Wollen Sie endlich wissen, wer Sie sind!«

»Jawohl!«

Es war ein sonderbares Gespräch. Berta empfand das Schicksal dieser Begegnung. Nun kam das Publikum wieder, die Pause war zu Ende, der dritte Akt begann. Nach Schluß des Stückes sah Berta ihren Nachbar mit ringenden Augen an: »Raten Sie mir doch -- was soll ich tun?«

»Ich kenne Sie zu wenig.«

»Aber Sie wissen sicher mehr von solchen Sachen als die anderen.«

»Ich würde an Ihrer Stelle um jeden Preis --«

»Um jeden Preis?«

»Ihren Vater ausfindig machen.«

»Glauben Sie, daß es mir dann besser ginge?«

»Klarheit über sich selbst gewinnen bedeutet immer eine Besserung.«

Sie trennten sich. Berta ging versonnen heim. Es war weit von der Wallnertheaterstraße bis zur Großbeerenstraße, aber in die Elektrische stieg sie heute nicht. Sie machte den langen Weg, um ihren Kriegsplan zu entwerfen. Nun entbrannte es wieder lichterloh, was so lange geschlummert hatte. Der Fanatismus ihrer Backfischzeit ergriff sie. Alles Sichere und Ruhige, was ihr die letzten Jahre gebracht, stieß sie von sich. Freilich, der Mutter durfte sie nicht wortbrüchig werden. Aber vielleicht erreichte sie nun doch alles, wenn sie gar nichts unternahm. Sie mußte die ~anderen~ zum Sprechen bringen, aus ~eigenem~ Willen. Noch lebten ja Mitleid und Edelmut auf dieser Welt. Aber wer waren die anderen? ...

Eine ganz geheime Schadenfreude ergriff sie, als sie bei Rietschel eintrat. Sie setzte sich ihm gegenüber, aß nur wenige Bissen und griff dann plötzlich nach dem Adreßbuch. Mit stiller Spannung wälzte sie den dicken Band.

»Wen suchst du denn eigentlich?« fragte Rietschel nach einer Weile.

»Ach, niemand! ...«

»Dann laß das doch gefälligst sein. Das ist ja ungemütlich.«

Aber Berta blätterte weiter. Jetzt war sie bei Sch -- sie sah den Namen Schwarz -- er war oft vertreten, aber ihr fiel ein bestimmter Träger dieses Namens ein. Sie suchte mit emsigen Finger. Endlich -- da war er -- Viktor Schwarz, Justizrat und Notar -- noch immer Taubenstraße 34.

Sie starrte auf die Zeilen -- die Gegenwart ihres Mannes vergaß sie. Ja, hier mußte sie anknüpfen -- hier machte sie jetzt den zweiten Besuch. Viele Jahre waren seit dem ersten verstrichen. Bei Justizrat Schwarz war doch vielleicht die richtige Quelle -- sie durfte ihn nur nicht bedrängen -- er mußte aus sich selbst bekennen. Nickend ließ sie den Zeigefinger auf seinem Namen.

Rietschel hatte ihr mit unbehaglicher Verwunderung zugesehen. Jetzt stand er langsam auf: »Weißt du, Bertchen, manchmal möchte man wirklich meinen -- na, ich will nichts gesagt haben. Gute Nacht.«

Er schlurfte in seinen Filzpantoffeln hinaus.

ACHTZEHNTES KAPITEL

Tübbeke sah zum Himmel, als er an einem schwülen Nachmittage von einem amtlichen Gange ins Bureau zurückkehrte. -- »Et gibt was!« rief die Obstfrau, die vor dem Hause ihren Verkaufsstand hatte. -- »Und wir haben erst April«, meinte Tübbeke.

Nachdenklich blieb er vor den Körben der Frau stehen. Sie handelte mit Veilchen und Apfelsinen. Es war Frühling, aber die dumpfe Luft ließ keine rechte Freude daran aufkommen. Tübbeke kaufte sich zwei Apfelsinen und fragte im Hausflur noch einmal, ob sie auch nicht sauer seien. -- »Sie wollen wol Blutoranschen for'n Jroschen?« zeterte die Frau. -- Der alte Bureauvorsteher betrat das Vorzimmer. Hier saß nur eine wartende Dame. Er erkannte sie in der Dämmerung nicht, sagte aber mit Freundlichkeit, die er für das ganze weibliche Geschlecht hatte: »Ein Momentchen! Werden wohl gleich drankommen!« -- »Ich habe Zeit, Onkel«, war die Antwort.

Nun erkannte er sie. Ihm zitterten die alten Beine. Sie hatte sich wahrhaftig wieder hereingedrängelt. Das unvernünftige Frauenzimmer! Und extra hatte man es ihr verboten.

In seinem Arger vergaß Tübbeke ganz, daß seit Bertas erstem Besuch Jahre vergangen waren. Er hatte keinen Backfisch mehr vor sich.

Mit rotem Kopf trat er dicht an sie heran. »Was soll denn das heißen, du? Da hört sich doch wahrhaftig alles auf! Du weißt doch --«

Sie sah ihn von oben bis unten an: »Lieber Onkel Tübbeke, ich bin mündig. Außerdem, bei allem schuldigen Respekt, du bist für mich hier Bureauvorsteher -- ich will den Herrn Justizrat sprechen.«

Er war doch eingeschüchtert. Es lag nicht zum wenigsten an ihrer eleganten Kleidung, die er nun bemerkte. Sie duftete wie eine große Dame und hatte sich für diesen Besuch wirklich hübsch gemacht. Unwillkürlich dachte er: ›Jetzt wird sie Eindruck auf ihn machen -- das hat das kleine Biest gewollt. Am Ende fühlt er sich doch geschmeichelt, weil er solche Tochter hat. Aber sie ahnt ja noch garnichts von seiner Vaterschaft. Sonst hätte sie nicht mehr diesen ratlosen Blick. Ihr Ausdruck hat sich kaum verändert -- sie ist noch immer das Kind von einst.‹

Jetzt erschien Herr Hollunder, ein neuer Schreiber, der immer stotterte, wenn er eine Dame ansprach: »Herr Ju-justizrat läßt noch um einen Au-augenblick Geduld bitten!« Sehr verlegen wandte er sich zu Tübbeke: »Herr Vorsteher -- Sie möchten doch erst mal kommen!«

»Aha«, murmelte Tübbeke und warf Berta einen vielsagenden Blick zu. Dann ging er zu seinem Herrn: »Ja, so leicht, wie du dir das vorstellst, mein Dochter, ist die Sache denn doch nicht!«

Er stand in dem Sprechzimmer. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Man spürte, daß es hier um Millionen ging. Der vergrößerte Raum glich dem Empfangszimmer eines mächtigen Bankdirektors. Die Einrichtung war üppig, und die prächtigen Klubsessel schienen nur auf Aufsichtsräte zu warten. Viktor Schwarz saß an seinem breiten Diplomatentisch. Er war nun ein ältlicher Lebemann geworden. Sein welkes Gesicht war feist, die schwarzen Augen schielten noch etwas stärker hinter dem Kneifer. Eine umfangreiche Glatze hatte sich eingestellt, die allerdings die Stirn vergeistigte.

Herrisch blickte er auf seinen alten Beamten: »Tübbeke, wir müssen jetzt ein für allemal die nebensächliche Privatkundschaft los werden.«

Der Bureauvorsteher wußte zwar nicht, was darunter zu verstehen war, aber er nickte für alle Fälle.

»Sehn Sie mal, Tübbeke, es wächst mir über den Kopf. Ich bin jetzt nicht nur der erste Anwalt Berlins im Bankfach, ich gehöre auch zur Hochfinanz, durch meine Hände laufen die Fäden der europäischen Börsen. Allenfalls kann ich mich noch auf gewisse Ehescheidungen einlassen, aber jeden kleinen Querulanten anzuhören, dazu reicht es bei mir nicht mehr aus. Das sollen Anfänger machen.«

Tübbeke nickte wieder -- er wußte noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Hatte der Justizrat ihm nur das zu sagen?

Jetzt wurde Viktor Schwarz ungeduldig: »Na, Sie kennen doch die Dame, die da draußen auf mich lauert. Tun Sie doch nicht so!«

»Herr Justizrat,« stotterte der Alte -- »ich tu' wahrhaftig nicht so ... Ich hab' mich nämlich auch schon geärgert ... Ich hätte nicht gedacht, daß die verrückte Person sich doch noch mal ...«

»Na eben! Sie erinnern sich hoffentlich an meine damaligen Worte!«

Diese Drohung war verfehlt -- Schwarz fühlte es im nächsten Augenblick. Er hatte Tübbekes Pension inzwischen bewilligt, zurückzunehmen war sie nicht mehr. Jetzt mußte er ihn sich anders sichern. -- »Tübbeke,« sagte er nach einer Weile vertraulich -- »das ist eine schrecklich aufdringliche Frau. Stellen Sie sich vor -- erst hat sie mir drei Briefe geschrieben, die ich selbstverständlich unbeantwortet ließ. Nun ist sie doch gekommen. Was sag' ich, gekommen? Heute Vormittag, während Sie in Moabit waren, ist sie schon zum drittenmal hier. Das Rindvieh, der Hollunder, stottert immer, und dann bleibt sie. Ja, ich habe wahrhaftig weder Zeit noch Kraft für solche Person. In einer halben Stunde kommen die Amerikaner mit den Herren von der Disconto-Gesellschaft. Sie müssen mich von dem Igel befreien, Tübbeke.«

Jetzt hatte sich der Bureauvorsteher gefaßt: »Herr Justizrat -- ich glaube doch, Sie überschätzen das. Die Berta, lieber Gott -- die wird man leichter los, als Sie denken. Die kenn' ich doch, ich möchte sagen, aus den Windeln her --«

»Hm ... Ja ... Das weiß ich!«

»Außerdem ist sie doch nun jahrelang nicht bei Ihnen gewesen --«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig! Ich will sie überhaupt in meinem Bureau nicht sehen!«

»Bloß nichts merken lassen -- um Gottes willen nichts merken lassen, Herr Justizrat!«

»Was soll das heißen? Was meinen Sie damit?«

Tübbeke hatte sich verplappert: »Na -- ich meine man bloß -- ich kenn' sie doch so weit -- in Güte kriegen Sie die zu allem -- bloß nicht im Bösen -- bloß nicht widerspenstig machen -- dann ist bei der kein Halten mehr. Das ist so'n Charakter, Herr Justizrat!«

»Aber was fällt Ihnen denn ein? Ich habe doch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung --«

Tübbeke schwieg verwirrt. Er kannte sich nicht mehr aus. Was durfte er noch sagen, und was sollte er verschweigen? Dieser Mann stellte ihn auf den gleichen Boden, und wenn er sich darauf bewegen wollte, ließ er ihn ausgleiten.

Schwarz fixierte ihn: »Sie meinen also am Ende gar -- ich soll das Geschwätz noch einmal anhören? Ich soll meine kostbare Zeit --«

»Wenn Sie die 'rausschmeißen, fängt sie Sie auf der Straße ab, und schließlich liegt sie draußen vor der Tür -- die kenn' ich!«

In diesem Augenblick klopfte es -- Herr Hollunder trat ein. Er war aber so verwirrt, daß er gegen die Vorschrift handelte und die Tür hinter sich offen ließ: »Herr Justizrat -- die Dame sagt, sie geht nicht wieder weg -- und sie will auch nicht länger warten --«

Schwarz schnellte empor: »Das ist ja --!«

Schnelle Schritte näherten sich -- plötzlich stand eine kleine, geputzte Person im Sprechzimmer. Sie hatte sich an Tübbeke und Hollunder vorbeigedrängt -- dicht vor dem Justizrat blieb sie stehen. Während dieser Haltung suchte, verschwanden die beiden Beamten schleunig. Jetzt sollte der starke Mann allein mit ihr fertig werden.

»Herr Justizrat -- seien Sie mir bitte, bitte nicht böse!«

Mit gefalteten Händen, ein banges Lächeln auf dem geröteten Gesicht, stand Berta vor ihm. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches, von naiver Überzeugung Beherrschtes. Sichere Koketterie blinzelte auf sie nieder, denn so hübsch hatte er sie nicht in Erinnerung gehabt. Nun aber suchte er noch einmal die bewährte Erstarrung. Er schob die rechte Hand zwischen zwei Knöpfe seines Gehrocks und sagte: »Ich muß mich doch sehr wundern, gnädige Frau!«

»Herr Justizrat, Sie sind auch ein Mensch, der durchsetzt, was er will! Ich bin ebenso! In Amerika soll es ja auch so sein!«

»Wir sind nicht in Amerika!«

Berta setzte sich, ohne daß er ihr den Stuhl angeboten hatte. Sie ließ ihren flehenden Blick nicht von ihm: »Haben Sie denn meine Briefe bekommen?«

»Ich erinnere mich nur an einen Brief.«

»Drei hab' ich Ihnen geschrieben! Auf keinen haben Sie geantwortet!«

»Gnädige Frau, ich kann mich nicht einmal entschuldigen. Dabei kennt man mich überall als die Höflichkeit selbst. Aber Sie scheinen von einer ganz falschen Voraussetzung auszugehen. Sie wissen nicht, wo Sie sich befinden. Ich trage die Verantwortung für Millionen. In diesem Zimmer wird das Schicksal von Königreichen entschieden. Ich kann mich nicht mehr mit dem Kleinkram der Privatklienten abgeben.«

»Pardon, Herr Justizrat -- aber deswegen können Sie doch Briefe beantworten!«

»Ich kann es nicht! Ich bedaure ~sehr~! Hätten Sie einfach antelephoniert, dann wären Sie von meinem Personal aufgeklärt worden! Aber schriftliche Anfragen, für die ich kein Interesse habe, ~muß~ ich ignorieren!«

Er wurde so deutlich, wie nur möglich -- doch Berta lächelte ihn noch immer an. -- »Das seh' ich nicht ein«, sagte sie nach einer Weile. »Dann müßte es doch draußen an der Tür stehen -- sonst foppen Sie ja die Leute --«

»Erlauben Sie --!«

»Draußen steht aber bloß: ›Justizrat Schwarz, Rechtsanwalt und Notar, Sprechstunden von 10 bis 1 und 4 bis 6, außer Sonnabend.‹ Da kommt man eben mit seinen Angelegenheiten, und kann ich Ihnen bloß sagen: Meine Angelegenheit ist mir auch Millionen wert.«

»Das mag ja sein -- für ~Ihre~ Anschauung -- ~ich~ hingegen --«

»Nein, Herr Justizrat! Es kommt mir fast so vor, als ob Sie bloß ~mich~ nicht empfangen wollten, mich persönlich! Jawohl!«

Jetzt lächelte die kleine Frau nicht mehr. Ein tückischer Zorn glomm in ihren Augen. Viktor Schwarz stützte sich auf seine leise zitternden Hände. Aber er war gewappnet: »Da täuschen Sie sich vollkommen. Ich handle lediglich prinzipiell. Was sollte ich auch für einen Grund haben? --«

»Das weiß ich eben auch noch nicht. Sie könnten ja 'ne ganze Menge Gründe haben, Sie als Rechtsvertreter meiner Mutter.«

»Das bin ich längst nicht mehr. Frau Major von Rotkraut bedarf meiner Dienste nicht. Die lebt seit Jahren ihr schönes, stilles Leben in Strelenwalde.«