Part 14
So kam sie zu einer ernsten und kritischen Betrachtung ihrer Freundinnen, aber man ließ es ihr nicht durchgehen. Sie sollte auch ihren Tribut an den großen Moloch zahlen. Am empfindlichsten wurden die Berliner Mädchen, wenn eine Kameradin sich für etwas ›Besseres‹ hielt. So schleppte man Berta mit Absicht zum Sonntagsbummel Unter den Linden und in den Zoologischen Garten mit. Man belehrte sie, daß ein Radrennen in Friedenau das höchste Vergnügen sei. Aber noch gelang es nicht, was die Intrigantinnen wollten. Berta ging zwar mit und gab nichts nach, wenn man bei den nächtlichen Heimfahrten fidel war, sang und lärmte. Auch sie schritt am Arm eines Jünglings, den sie wenig kannte, aber ihr Sonntag schloß immer in nüchterner Sichtbarkeit, und es blieb zweifelhaft, ob sie einen Kuß bekommen.
Man ärgerte sich über sie. Da, eines Abends auf der Wannseebahn, schien sich das Blättchen zu wenden. Man hatte beim ›Schwof‹ in Schlachtensee Herrn Sonnenschein getroffen, für den die Mädchen der Handelsschule eine verliebte Ehrfurcht empfanden. Sie wußten alle, daß bei ihm die berufliche Zukunft war, denn er erbte einst das größte Konfektionsgeschäft Berlins. Sonnenschein junior ging als Sardanapal durch das großstädtische Leben. Er suchte sich aus, was ihm dienen sollte, und jede war durch seine Wahl beglückt. Leutselig hatte er sich heute zwischen den Sonntagstänzerinnen in Schlachtensee bewegt. Er flog auf Berta Prutz.
Sie tanzte immer wieder mit ihm -- sie schien endlich Feuer zu fangen. Hier kam sie nicht so schnell davon -- das hatte man vorausgesehen. Auf dem Heimwege nach Berlin wich Herr Sonnenschein nicht von Bertas Seite. Aber man wurde nicht neidisch, denn man war ja selbst versorgt, so gut und bescheiden, wie es sich für ein billiges Sonntagsverhältnis gehörte. Neugierig aber beobachtete man das interessante Paar. In Berlin konnte Berta diesmal nicht entschlüpfen -- sonst kannte man schon ihr schnippisches ›Gute Nacht!‹ Gehorsam wanderte sie neben Herrn Sonnenschein durch die dunkle Bellevuestraße. Kichernd stoben die anderen auseinander.
»Fräulein, ich bin für Tempo«, sagte schließlich der junge Herr. »Ich denke, Sie wissen, wer ich bin, und ich weiß schon vollkommen, wer Sie sind.«
»Ich glaube, davon wissen Sie sehr wenig.« -- Berta sagte diese Worte nicht schroff oder scharf, sondern mit einer stillen Traurigkeit.
Herr Sonnenschein hatte schöne, dunkle Augen. Teilnehmend sah er Berta an: »Ich verstehe Sie. Sie haben mir ja schon erzählt, Sie sind eine arme Waise, Sie müssen sich Ihr Brot verdienen. Und ich -- sehn Sie mal, ich mache mich wahrhaftig nicht besser, als ich bin. Ich lebe auch unter dem Zwang der Verhältnisse. Als Millionär ist man durchaus nicht besser dran, eher schlechter, denn ich habe keinen freien Willen, ich kann nicht, wie Sie, sagen: So lebe ich, und anders nicht. Ich habe für eine große Firma einzustehen. Ich werde leider auch mal heiraten müssen im Interesse der Firma.«
Berta blickte erstaunt auf: »Was heißt das? Warum sagen Sie mir das?«
Der dunkle Blick des Herrn Sonnenschein ruhte mit feuchtem Glanz auf ihr: »Na, weil ich tatsächlich, wenn es bloß nach ~mir~ ginge, keinen Augenblick gezögert hätte, ~Sie~ zu heiraten. Jetzt gucken Sie mich ganz verdutzt an -- selbstverständlich gehören immer zwei dazu, aber ich denke doch, so ganz unsympathisch bin ich Ihnen nicht?«
Sie war sehr rot geworden und starrte vor sich hin: »Daran dachte ich garnicht. Aber ich will nicht heiraten.«
Er sah sie prüfend an: »Was wollen Sie sonst?«
»Ich will erst wissen -- ich will wissen, wer mein Vater ist.«
Herr Sonnenschein lachte. Im nächsten Augenblick aber fühlte er, daß das nicht sein durfte. Er versuchte es zu bemänteln: »Na, liebes Fräulein, das ist doch keine Lebensaufgabe -- ich meine, das ist keine Zukunft für Sie. Ich für meine Person -- ich kenne meinen Vater, ich kenne ihn viel zu gut. Da könnte ich Ihnen was abgeben.«
»Mir ist die Sache durchaus nicht komisch.«
»Nein, nein -- Pardon -- mir ja auch nicht! Ich kann mich in Ihre Lage versetzen, und Sie tun mir aufrichtig leid! Man weiß ja, wie es in Berlin zugeht -- ein fabelhafter Prozentsatz von unehelichen Kindern läuft hier herum! Aber es nutzt doch nichts, sich hinzusetzen und darüber nachzugrübeln -- das Leben ist doch kein schwarzes Loch, in das man hineinstarrt! Selbst ist der Mann! Und selbstverständlich auch die Frau! Ja, ja, meine Liebe, Sie haben das Zeug dazu!«
»Wozu?«
»Na, sich ~das~ vom Leben zu nehmen, was erreichbar ist! Genau so geht es mir. Ich kann mir deshalb nichts Idealeres vorstellen, als wenn wir beide uns zusammentäten. Ich kann Sie sozusagen entdecken.«
»Ich habe kein Talent, Herr Sonnenschein.«
»Das werden wir schon sehen. Wann Sie erst von Kopf bis Fuß in Sachen stecken, die ich für Sie kaufen werde. Ich bin ganz konfus vor Glück, wenn ich daran denke. Sie müssen mein Geschöpf werden sozusagen. Für Sie wird mein Geld endlich mal würdig angelegt. Sie sind ein anständiges Mädel und zugleich eine treue Geliebte -- wunderbare Mischung. Herrgott, ich schwatze da, als ob wir schon bei Hiller wären -- dabei wollen wir doch erst hingehen. Morgen fahre ich zu Gerson, zu Braun und zu Friedländer. Die Farben muß ich mir noch überlegen. Besondere Schuhe und Strümpfe ...«
In der Siegesallee, wo die Linden blühten, riß er sie an sich und küßte sie. Berta nahm es in süßer Betäubung hin. Das einzige, womit sie sich stammelnd wehren konnte, waren die Worte: »Ach, ich bin ja so häßlich! Ich bin ja halb blind! Das wissen Sie noch nicht! ...«
Er lachte: »Doch, ich weiß alles! Das Blinzeln ist ja gerade das Entzückende an dir! Ich kauf' dir übrigens ein anderes Lorgnon! Ein feenhaftes! Gold und Perlmutter!«
Sie konnte nichts mehr erwidern. Er küßte sie immer wieder. Allmählich waren sie durch das Brandenburger Tor gelangt. Sie gingen Arm in Arm über die stille Seite der Linden und traten bei Hiller ein. Berta wurde mit Leckerbissen gefüttert, von denen sie bisher nur geträumt hatte.
»Woran denkst du?« fragte er.
»Ach, an die anderen Mädchen, bei denen es bloß für Aschinger langt. Die armen Dinger!«
Er lachte jetzt nicht. Indem er ihre Hand küßte, sagte er: »Du bist das beste Geschöpf, das ich kennengelernt habe.«
Als er sie heimbegleitete, kämpfte er sichtlich mit einem Entschluß, aber er kam nicht dazu. Vor Bertas Haustür am Elisabethufer -- so weit waren sie durch halb Berlin gegangen -- stieß er hervor: »Ich danke dir für diesen Abend. Nun laß' ich dich auch in Ruhe, denn du mußt ja morgen früh heraus. Mein Kleinod, gute Nacht. Hast du mich auch ein bißchen gern?«
Sie nickte und ließ ihm ihre Hand.
»Wann sehen wir uns wieder?«
»Ich glaube, es ist besser, wir sehen uns niemals wieder.«
Bestürzt sah er sie an: »Aber Kind! War dir der Abend denn so wenig wert? Hast du gar nicht den Wunsch --?«
»Doch, selbstverständlich ... Sie verstehen mich nicht ... Den Wunsch hab' ich schon. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar. Aber ich weiß genau -- so wie heute bleibt es nicht ... Wenn wir wieder zusammen sind, dann sind Sie anders -- und ich werde auch nicht immer nach Hause wollen ... Aber das darf ich nicht. Erst muß ich wissen, wer ich bin.«
Sie riß sich los und schlug die Haustür hinter sich zu.
Am nächsten Tage bekam sie einen Brief von ihm. Es waren stürmische Versprechungen, er richtete goldene Berge vor ihr auf, aber sie antwortete ihm nicht. Nun sah sie ihn wirklich nicht wieder. --
Nach diesem Erlebnis sperrte sie sich in Arbeit ein. Das Zeugnis, mit dem sie die Handelsschule verließ, war so gut, daß Onkel Tübbeke sagte: »Na, damit kannst du Privatsekretärin bei Bleichröder werden.« So viel bildete Berta sich nicht darauf ein, aber sie freute sich, daß man zum erstenmal stolz auf sie wurde.
Mit ernstem Eifer sah sie sich nach einer Stellung um. Die erste, die ihr Vertrauen erweckte, nahm sie an. Die Firma Kleinholz & Co., Papier engros, in der Lindenstraße, suchte eine Buchhalterin -- Berta meldete sich und wurde angestellt. Nun hatte sie ihre gutbezahlte Arbeit. Man konnte sich zwar ein interessanteres Gebiet denken als die Eingänge und Ausgänge von Packpapier -- Luxuspapiere waren schon der Schmuck ihres Daseins -- aber im Grunde war es ja gleichgültig, welcher Sache das Buchführen galt. Sie hatte mit anständigen Leuten zu tun, und in dem Bewußtsein, daheim eine kleine Pension bezahlen zu können, lag wirklich ein Lohn. Sie hatte den Gedanken, Frau Grunow zu verlassen, von sich gewiesen. Viele andere hätten an ihrer Stelle den Hauptgewinn darin gesehen -- sie aber brachte es nicht fertig. Wo man ihr getreu gewesen, wollte sie auch treu sein.
So lebte und arbeitete sie, und nur noch ganz unten im Raum ihres kleinen Lebensschiffes wohnte die Sehnsucht nach Vater und Mutter. Aber das Versprechen von Strelenwalde fesselte sie. Sie zwang ihre Unruhe nieder. Sie unternahm nichts.
Da sie sich sehr geschickt zeigte, ließ Herr Kleinholz sie nicht nur bei ihren Büchern, sondern vertraute ihr auch den Verkehr mit Kunden an. Die Männer waren nun einmal so, auch wenn sie nur trockene Schreibwarenhändler waren -- sie kauften lieber bei einem hübschen Mädel als bei dem gediegensten Mann. Johann Peter Rietschel aus Chemnitz aber, der jetzt häufiger als sonst bei Kleinholz & Co. erschien, hatte auch Sinn für den Geist. Ein unternehmender Sachse, der nach Berlin übergesiedelt, hielt er es jederzeit mit dem Modernen und zeigte überhaupt den Schwung, der das Provinzielle allmählich abstreifte. Dazu kam, daß er mit seinem gekräuselten Scheitelhaar einen künstlerischen Anstrich hatte, der wohl etwas Phantasie in den Kleinkram seines Ladens brachte.
Aber das war nur äußerlich. Im Kern konnte es keinen solideren Geschäftsmann geben als Johann Peter Rietschel. Sein skeptischer Wirklichkeitssinn war unüberwindlich. Auf die Grundlage kam es ihm an, und die Grundlage war Geld -- wenn das nicht fehlte, war Rietschel für alles zu haben.
Doch er suchte es nicht bei fremder Kraft. Er war alles aus sich selbst geworden und trachtete nicht nach Mitgift, sondern nach einer Frau, auf die er sich etwas einbilden konnte. Als er zu Kleinholz & Co. kam, lernte er ein kleines Fräulein kennen, das durch seine seltene Zuverlässigkeit auf ihn wirkte. Er fand Berta Prutz hübsch, ihre kleine Gestalt störte ihn nicht, denn er war ja selbst nur ›Mittelfigur‹. Bescheidener Ernst und sauberer Fleiß -- wie selten waren diese Eigenschaften bei einem Großstadtmädchen! Johann Peter Rietschel kannte die Sittenverderbnis Berlins. Soviele Reize sie auch für ihn gehabt -- es sollte sich nichts davon in sein künftiges Heim schleichen.
Auf den Entschluß kam es an. Er sondierte als vorsichtiger Chemnitzer lange. Er forschte und erkundigte sich, wo es nur möglich war. Bald hatte er natürlich Bertas dunkle Herkunft erfahren. Hart ging er mit sich zu Rate. Dann aber kam ihm eine Erleuchtung, die ihn mit stolzer Befriedigung erfüllte: er stieß sich nicht daran. Er kämpfte sich sogar zu der Gewißheit durch, daß solche Mädchen gerade die besten Frauen werden konnten. Sie hatte wahre Demut in ihrer armen Rechtlosigkeit, sie konnten erst das ganze Dasein durch einen liebevollen Gatten gewinnen. Das war nach Rietschels gutherzigem und eitlem Geschmack. Er sah es nur von sich aus.
Als sein Entschluß gefaßt war, zweifelte er nicht an dem Erfolge. Nun ließ er seine Gefühle deutlicher werden. Immer wieder erschien er bei Kleinholz & Co. -- wenn Berta nicht im Kontor war, ließ er sie rufen, als ob er nur mit ihr verhandeln könnte. Bertas Kollegen merkten, daß da ein Freier, nicht nur ein Kunde kam. Lächelndes Getuschel entstand, halb neidisch, halb erfreut. Man gönnte ja schließlich der guten Kollegin diesen Glücksfall. Berta merkte es erst zuletzt. Sie war zu sehr in ihre Pflicht verbissen -- sie hatte den Kunden noch immer nicht als Menschen sehen können. Nun begriff sie seine Absicht. Es ängstigte und kränkte sie nicht -- es stimmte sie nur nachdenklich. Liebhaben im wirren Sinne ihrer jungen Träume konnte sie Johann Peter Rietschel nicht -- aber das war gerade gut -- er störte sie also nicht in ihren dunklen Wünschen. Sie ahnte auch dafür einen Halt, den sicheren Hafen der bürgerlichen Ehe.
Aber sie ließ sich nicht so einfach erhandeln -- sie wollte auch das Ihrige bieten, sie wollte gleichberechtigt sein. Da kam nun plötzlich ein langer Brief von Herrn Rietschel -- ein richtiger, schriftlicher Heiratsantrag -- zum mündlichen hatte sich der vorsichtige Sachse nicht entschließen können. Immer wieder las Berta seine sorgsamen Ausführungen -- klangen ein wenig pedantisch, vielleicht auch herrschsüchtig, aber sie gefielen ihr. Es war Verstand darin und mehr: sie spürte einen Charakter. Was dieser Mann versprach, erfüllte er. Außerdem -- sie konnte ihm wirklich etwas sein. Sie kannte ja seine ›Branche‹, sie freute sich ehrlich auf sein Geschäft. Wenn sie ihm Glück brachte ... in Gottes Namen denn.
Sie sagte zu und sprach erst nach der Absendung ihres Briefes mit Tante Grunow und Onkel Tübbeke. Die nahmen ihr die trotzige Selbständigkeit nicht übel. Sie zeigten sich über alles Erwarten erfreut.
»Rietschel in der Zimmerstraße? Den kenn' ich! Ein vorzügliches Geschäft! Wenn du da 'reinheiratest -- à la bonkör!«
Berta freute sich an Onkel Tübbekes Beifall, wenn ihr auch der Begriff ›'reinheiraten‹ nicht sympathisch war. Tante Grunow blieb stillgerührt -- sie übersah das bisherige Leben ihres Pflegekindes, und daß nun eine große Station kam. Zum erstenmal hatte Berta ein warmes Dankgefühl für die alte Frau. Ihr Sohn Alfons erfuhr die Verlobung erst, als alles besprochen und festgesetzt war. Er hätte doch nur abgeraten. Aber Berta konnte sich eine Genugtuung leisten, die ihr besonders Vergnügen machte: plötzlich ging sie auf den düsteren Alfons zu und rief: »Übrigens, mein Bräutigam ist Sozialdemokrat!«
SIEBZEHNTES KAPITEL
Johann Peter Rietschels politische Überzeugung war nicht schwer zu nehmen. Er gehörte zu der Masse kleiner Knurrer, die mit ihrer Zeitung sprechen und im Grunde die Sache des Volkes nach ihrem eigenen Wohlergehen beurteilen. In seinen vier Wänden schimpfte er das erlaubte Maß -- draußen drehte sich sein Fähnlein im Wind.
Einen möglichst sorgenfreien Hausstand haben -- das umschloß sein Ideal. Das erste Geschenk, das er sich von seiner Braut wünschte, waren gestickte Pantoffeln. Skeptisch und solide, war er aus dem sächsischen Kleinbürgertum nach Berlin gekommen. Nun nahm er nur den eigenen Vorteil wahr und widmete ihm seine zähe Kraft.
In der Großbeerenstraße mietete er eine hübsche Wohnung. Bis zum Geschäft, das in der Zimmerstraße lag, hatte er es nicht weit. Er sprang mit Eleganz auf die Pferdebahn, wenn es ihm zu spät geworden.
Auf der hinteren Plattform winkte er dann noch fröhlich Berta zu, die lange am Erkerfenster stand und ihm nachsah.
Es wurde ihm oft zu spät. Seine junge Frau -- sie war es schon nach wenigen Monaten geworden -- war ein süßes, warmes Geschöpf, von jener keuschen Leidenschaft, die einsame Jahre angesammelt hatten. Sie konnte auch Rietschel um die Besinnung bringen. Es wurden stürmische Flitterwochen. Von der kurzen Hochzeitsreise, die man natürlich in die Sächsische Schweiz gemacht, kam Berta verwandelt zurück. Ihr lange gefesselter Lebensdrang stürmte so auf den ruhigen Gatten ein, daß er ins Wackeln kam und sich mit heimlichem Lächeln sagte: ›Ich habe was riskiert, weeß Kneppchen -- wenn's bloß keene Dummheit ist.‹
Aber er hatte ja Bertas junge Reize vor sich -- es konnte keine Dummheit sein. So vergaß er, daß er fast doppelt so alt war als sie, und kam ins Sausen. Sein Geschäft wurde nicht davon geschädigt -- im Gegenteil, es blühte nun erst auf. Er entschloß sich zu einer Neuerung, die ihm immer zu gewagt gewesen: zu den Papierwaren gesellte er die Galanterie und sogar die Literatur in Gestalt der Fünfzig-Pfennig-Bibliothek Chinchilla, die wirklich spannende Romane mit reizenden Titelbildern brachte. Der Verlag war in Kötzschenbroda -- Rietschel übernahm die Generalvertretung für Berlin. Außerdem plante er einen umfassenden Journallesezirkel, und Berta gründete eine Leihbibliothek.
Sie zeigte sich für das Geschäft so begabt, wie Rietschel es erhofft hatte. Vormittags versorgte sie ihren Haushalt -- nachmittags erschien sie im Laden und half dort, wenn es am lebhaftesten zuging. Bald wurde sie frauenhaft rundlich, und zu einem Kneifer hatte sie sich nun doch entschlossen, da das Lorgnon sie bei der Arbeit hinderte. Auch die unbequemen hohen Absätze gab sie bald auf und trug solide Schuhe: Sie wurde wieder recht klein dadurch, aber Rietschel nannte sie ja immer sein ›Kleinchen‹ und wollte sie garnicht größer.
Bei der Kundschaft war Berta sehr beliebt. Sie zeigte jene unbegründete Heiterkeit, die eigentlich nervös war, aber auf alle, die ihr nicht immer begegneten, angenehm wirkte. Rietschel machte dagegen einen etwas brummigen Eindruck. Ihm lag das viele Lachen nicht, denn er litt an Rheumatismus und ging lautlos in seinen Filzpantoffeln umher. Wenn er Gummiarabikum oder Löschpapier oder rote Tinte brachte, sah es aus, als ob er den Ernst des Lebens anböte. Die Romane der Bibliothek Chinchilla legte er wie wissenschaftliche Werke vor. Aber sein Geschäftssinn zeigte ihm sogleich den Vorteil, der in Bertas anderem Wesen lag, und er ließ sie weiterzwitschern.
Von einem Ehrgeiz wurde Berta von vornherein gepackt: Sie ließ nichts vorbei, was Anerkennung ihrer eroberten Lebensstellung bedeutete. Nur scheinbar war sie von dem Druck der rechtlosen Geburt befreit -- junges Glück schläferte den bohrenden Drang in ihr ein, sie suchte nicht mehr, denn sie hatte viel gefunden. Aber es schlummerte im Dunkeln, was ungelöst blieb, und sie ließ es dort ängstlich liegen, als ob es ihren Besitz verderben könnte. Leidenschaftlich gab sie sich der äußeren Lebensgeltung hin. Sie zählte endlich mit, sie war Frau Rietschel, und man fragte nicht viel, was dahintersteckte, wenn das Gesamtbild harmonisch war.
Aber es kam ihr nicht nur auf die fremden Leute an. Tiefer beschäftigte sie der Wunsch zu wissen, was die wenigen, die ihr zum Schicksal geworden, von ihrem plötzlichen Glück dachten. Besonders begierig war sie seltsamerweise nicht auf die Nächststehende, auf ihre rätselhafte Mutter, sondern auf einen Mann, der eigentlich nur lose mit ihren Angelegenheiten zusammenhing: sie hatte eine tiefe Erinnerung an Justizrat Viktor Schwarz behalten. Einst war er eine große Enttäuschung für sie gewesen. Jetzt stellte sie sich immer wieder vor, was er wohl für Augen gemacht haben mochte, als er ihre Heiratsanzeige im ›Berliner Lokalanzeiger‹ gelesen. Daß er sie dort gelesen und als wichtig vermerkt hatte, war ihr nicht zweifelhaft. ›Das kleine Mädel,‹ hatte er sicherlich gedacht -- ›die geht ihren Weg, die wird uns allen noch was zu raten aufgeben‹?
Onkel Tübbeke, den Berta zuweilen fragte, konnte ihr die ersehnte Auskunft nicht geben. Privatgespräche führe der Herr Justizrat nicht mehr mit ihm. Auch Tante Grunow hüllte sich in diplomatisches Schweigen. Die beiden waren vorsichtig geworden. Sie trauten Bertas jähem Unternehmungsgeist noch immer nicht.
Um so lebhafter beschäftigte man sich mit der jungen Frau Rietschel dort, wo sie es eigentlich nicht erwartete: In Strelenwalde hatte die Heiratsanzeige des ›Berliner Lokalanzeigers‹ Wellen geschlagen.
Frau von Rotkraut hielt die Zeitung in der Konditorei, aber mehr ihrer selbst als der Gäste wegen, denn sie wollte mit Berlin in Zusammenhang bleiben. Wenn sie täglich von der Weltstadt las, wurde ihr die Strelenwalder Einförmigkeit weniger drückend. Noch eifriger aber las Adele Schörg die Berliner Zeitung, und besonders die Familiennachrichten studierte sie, als ob es sich um lauter Bekannte handelte. Verlobte beneidete sie, Verheiratete weckten ihre Schadenfreude, und wenn recht viele gestorben waren, seufzte sie befriedigt. Adele war noch immer Ladenfräulein in der Prutzschen Konditorei. Sie hatte sich nun doch unentbehrlich gemacht, denn Liese mußte sich ihrem Gatten widmen.
Simba liebte Adele ohne Erhörung jahraus, jahrein. Täglich stand er stundenlang im Laden und beobachtete sie. Sie kostete seine Leidenschaft aus. Diesen schwarzen Riesen beherrschte ihre Koketterie, die jedem weißen Manne gleichgültig. Sie brauchte vor ihm ihre Häßlichkeit nicht zu scheuen, und wenn sie die bunte seidene Bluse trug, die er ihr geschenkt hatte, strahlte er.
Eines Tages sprang Adele plötzlich auf, stieß Simba zur Seite und hinkte zu Liese hinüber. -- »Na, was ist denn?« fragte die Frau Konditor mißmutig.
Adele zeigte mit leuchtenden Augen auf ein Inserat: ›Statt jeder besonderen Meldung: Ihre Vermählung beehren sich Freunden und Bekannten hierdurch ergebenst anzuzeigen Johann Peter Rietschel, Inhaber der Kunowschen Schreibwarenhandlung, Zimmerstraße 69, und Berta Rietschel, geb. Prutz.‹
Liese starrte bestürzt auf diese Zeilen. Sie konnte nichts sagen.
»Ich weiß, wer das ist!« frohlockte Adele.
»Aber halt deinen Mund,« flüsterte die schwächer gewordene, rasch ergraute Frau.
»Aber ja! Sie meinen wohl wegen Herrn Major? Ich weiß doch! So dumm bin ich doch nicht! Aber sagen Sie bloß, liebe Frau Liese -- da war doch mal vor ein paar Jahren so'n kleines Mädel bei uns, so'n nettes, winziges Fräulein -- erinnern Sie sich nicht? Sie kamen dann vom Schlafen 'runter, und ich mußte mich drücken -- dann haben Sie mit ihr allein geredet -- na, das wissen Sie doch noch?«
Liese war rot geworden. Scheu sah sie sich nach Simba um -- aber der war in die Backstube gegangen. »Was meinst du denn eigentlich? Was willst du denn?«
»Na, wegen dem Namen Prutz! Und Berta -- so hieß doch das Kind -- das weiß ich doch noch!«
»Also -- du bist doch ganz schrecklich, Adele -- also damit du mich endlich in Ruhe läßt -- ja -- das war sie. Und nun hat sie sich verheiratet. Übrigens sehr gut -- das Kunowsche Schreibwarengeschäft kenne ich -- da hab' ich oft gekauft. Na, mich beruhigt das eigentlich. Lieber Gott, so'n armes, verwaistes Geschöpf!«
Es funkelte wirr in Adeles Augen. Sie strich sich mit zitternder Hand das Haar zurück: »Wie mag das nur gekommen sein?? Geld hat sie nicht, und winzig sieht sie man aus -- und nun heiratet sie doch!«
»Der Mann wird sie eben liebhaben.«
»Ja, wie kommt denn das?«
Jetzt mußte Liese lachen: »Frage doch nur nicht so albern, Adele.« -- Dann stand sie mit schweren Füßen auf, faltete seufzend die Zeitung zusammen und stieg zu ihrem alten Invaliden ins obere Stockwerk.
Adele aber stand, von einem sonderbaren Krampf geschüttelt, allein im Laden. Plötzlich kam ihr ein Entschluß -- sie eilte zur Backstube. -- »Simba!« rief sie. »Wo steckst du denn? Ich bitte mir aus, daß du vorhanden bist, wenn ich rufe!«
Der lange Neger stolperte, glühend von der Ofenhitze, vor sie hin. Fragend starrte er in ihr verwandeltes Gesicht. Was war das? Sie bot sich ihm? Endlich? Die Mauer war fort?
»Willst du mich heiraten, Simba?« flüsterte Adele.
Da schrie der Schwarze wie ein krankes Raubtier auf.
»Um Gottes willen! Bist du verrückt? Das hören sie oben!«
Er aber fragte nach niemand. In seinem wahnsinnigen Jubel packte er sie und hob die Zappelnde empor und überstürzte sie mit seinen Küssen.
Bald zeigten sie sich Arm in Arm den überraschten Strelenwaldern. Liese aber ging an dem sonderbaren Paar vorüber zu Tante Sanftleben. Die war nun uralt. Liese fand sie in dem Lehnstuhl am Fenster, wo sie selbst einst als Wöchnerin gesessen hatte. Sie mußte sehr laut sprechen, aber die Tante verstand sie noch. Ihr zitterndes Köpfchen konnte alles erfassen.
»Berta,« sagte sie mit ihren guten, glanzlosen Augen -- »Berta hat sich verheiratet. -- Nun siehst du doch, Liese, daß es sich gelohnt hat, für sie zu leiden.«