Part 13
Immerhin -- die Hoffnung auf Viktor Schwarz war erloschen. Sie durfte nicht das Letzte verlieren, nicht von Onkel und Tante verachtet werden. Vielleicht war es doch sehr frech von ihr gewesen, ohne Erlaubnis zu handeln. Außerdem -- was hatte sie von dem Herrn Justizrat erfahren? So gut wie nichts. Wenn sie an sein glattes Lächeln zurückdachte, schwand auch ihre Hoffnung, jemals etwas von ihm erfahren zu können.
Sie ballte die Fäuste und bezwang sich. Aber der Frühling draußen lauerte. Er kam und wuchs. Mit heißem Kopf saß Berta in der Handelsschule. An den Vater dachte sie nicht mehr; aber indem sich ihr kindlicher Schoß zusammenkrampfte, und die brennenden Füße an der Diele pochten, sah sie noch einmal ins Licht des Mutternamens. Sie schrieb Zahlen in ein Kontobuch, sie achtete wie sonst auf den schönen Schwung ihrer Schrift; aber was sie sah, war eine Frau Baronin, ihre hohe, blonde schöne Mutter in der herrschaftlichen Küche. Es war unmöglich -- sie konnte sich nicht von ihr trennen lassen. Die Zusammenhänge mußten tiefer sein. Vielleicht betrog man sie doch.
So beschloß sie es plötzlich: noch einmal handelte sie gegen den Willen derer, von denen sie abhing. Es half nichts -- der Drang in ihrem Herzen brachte sie sonst um.
Da kam ihr ein gemeinsamer Ausflug der Handelsschülerinnen nach Potsdam wie gerufen. Scheinbar nahm Berta daran teil -- man gab ihr zu Hause jetzt gern die Erlaubnis. In Wahrheit aber nützte sie den Tag, um nach Strelenwalde zu fahren. -- --
Liese hatte stille Jahre in der alten Heimat hinter sich. Still für den betrachtenden Blick -- von dem, was sie einsam durchgekämpft, wußte sie nur. Mit ihrer Jugend fertig zu werden, war ihr schwerer geworden als mit dem Philistergeist der Umgebung. Sie hatte erkennen müssen, daß ihr Leben an einem Absterbenden gebunden war. Hermann Rotkraut erlag in Strelenwalde den allzu starken Anforderungen des Glücks. Ein Schlaganfall lähmte den ohnehin Verstümmelten -- er blieb an sein Zimmer gefesselt. Hier hatte Liese einst als Mädchen gewohnt. Nun ging sie als stille Pflegerin darin umher. Sie konnte Schmerzen lindern, Langeweile scheuchen -- ihre Sinne mußten verzichten. Sie war aber noch immer eine junge, vollblütige Frau. Im Grunde hatte sie sich niemals ausgelebt. Erst Viktor Schwarz, der trügerische Rausch -- dann August Bassenried, der welke Lebemann -- nun Hermann Rotkraut.
Äußerlich blieb sie auf der Höhe. Sie war eine vorbildliche Geschäftsfrau geworden. Ihr schweres Schicksal aber schützte sie davor, daß böser Wille Steine nach ihr warf. Man hatte unter die Vergangenheit ein Strich gemacht, man denunzierte sie nicht, man ließ ihren alten Invaliden in Ruhe. Wenn die Damen über gewisse Dinge flüsterten, sagte auch immer eine: Hut ab, hier ist ein tapferer Mensch! Liese verstand es, sich keine Feinde zu machen. Sogar den alten Konkurrenten ›Mohrenkopp‹ versöhnte sie, indem sie ihm Aufträge zuschob. Die häßliche Adele Schörg aber, die doch keine Stelle fand, nahm sie wieder als Bedienung auf. Adele mußte sich ganz nach ihr richten und blieb demütig, da sie ein trauriges Sklaventum bei ihrem Vater fürchtete.
Wunderlich genug sah es freilich in der alten Prutzschen Konditorei aus. Unvorbereitete Gäste konnten erschrecken, denn wenn sie sich niedergelassen, kam von der einen Seite ein hinkendes Fräulein auf sie zu und von der anderen ein baumlanger Neger, dessen schwarzer Kopf effektvoll von dem weißen Anzug abstach. Doch was die beiden brachten, war immer gut und besser noch als früher. Man gewöhnte sich an alles, weil man so gut aufgehoben war.
Allmählich gewann auch das Groteske einen Reiz. Kein Fremder versäumte es, die merkwürdige Konditorei zu besuchen.
Seltsamerweise liebte Simba Adele, nicht sie ihn. Sie vertrugen sich aber ganz gut. Ihrer Herrschaft zu Gefallen mieden sie jeden Zusammenstoß. Simba, der Götzenanbeter, erfuhr von der frommen Adele, wie hoch die christliche Moral stand; sie aber gewann den Einblick in seine wilde, kindliche Art. Daß der erste Mann, der sie nicht häßlich fand, ein Neger war, empfand sie bitter, aber er rührte sie auch zuweilen, und sie ließ sich seinen treuen Dienst gefallen. Wahrscheinlich erinnerte sie ihn an irgendeine sonderbare Gottheit seiner Heimat. Seine Schönheitsbegriffe waren nun einmal anders als die der guten Europäer von Strelenwalde. --
Liese verließ kaum noch ihr Haus. Entweder war sie bei dem Kranken, oder sie schaffte in der Konditorei. Nur zu Tante Sanftleben, die nun schon recht klapprig geworden, kam sie zuweilen, und unterwegs trat sie bei Herrn Breitkopf ein. Der war nun ihr Verehrer. Er fühlte sich Liese doppelt verpflichtet; denn der echte Neger, den sie nach Strelenwalde gebracht hatte, hatte ihm endlich den fatalen Spitznamen »Mohrenkopp« abgenommen. --
Plötzlich aber wurde diese doch noch einmal aus ihrem herben Frieden gerissen. Ein Brief kam aus Berlin, der erste nach versunkener Zeit. Viktor Schwarz hatte ihr noch einmal geschrieben:
›Liebe, verehrte Frau Major!
Gestatten Sie mir, Ihnen in alter Freundschaft einen dringenden Rat zu erteilen: Handeln Sie besser und -- klüger an der kleinen Berta. Sie könnte sonst eine ernste Gefahr für Sie werden und nicht nur für Sie. Sie werden mich sogleich verstehen. Ich kam vor kurzem in folgende Situation: Ein junges Mädchen wurde mir gemeldet, das Ihren Namen trug und in einer geradezu bemitleidenswerten Verfassung Bekenntnisse hervorstammelte. Die Mutter, für die das Mädchen trotz aller Entbehrungen eine treue Zuneigung bewahrt, zeige ihr seit den letzten Jahren eine abweisende, ja feindselige Haltung. Da auch sein Wunsch, den Vater zu kennen, für immer unerfüllt bleibe, klammere es sich doppelt an die Mutter. Ich, von dem es in Erfahrung gebracht, daß ich als Ihr Rechtsbeistand fungiere, solle ihm raten und helfen! Es war eine ganz sonderbare und außerordentlich peinliche Situation, das können Sie sich vorstellen; aber ich zog aus ihr die Lehre: Erstens ist es mir willkommen, daß ich wirklich wieder einmal als Ihr Rechtsbeistand zu Ihnen sprechen kann, und zweitens muß ich Ihnen aufs dringlichste raten, handeln Sie anders an Ihrem Kinde, Sie handeln ~ganz falsch~ an ihm. Völlig ausgestoßen -- seelisch meine ich -- das ist unmöglich. Das hat das Kind auch nicht um Sie verdient. Was aber das wichtigere und entscheidende ist: Sie dürfen keinesfalls sich selbst ~und denen, die mit Ihrem gegebenen Wort~ rechnen, einen gefährlichen Gläubiger züchten. Berta hat ein fanatisches Gemüt, das unter Umständen verzweifelt um das Recht der Geburt kämpfen wird. Ich jedenfalls, das erkläre ich Ihnen heute schon, ich bin keinesfalls gewillt, mir von ihr meine Kreise stören zu lassen. Der Blitz muß einen Ableiter haben, es ist die höchste Zeit, und der Ableiter sind Sie, der ist selbstverständlich die Mutter. Ich kann mir wohl vorstellen, was Sie zu Ihrer schroffen Stellungnahme veranlaßt: Sie fürchten einen Willen, der den letzten Hafen für Sie bedeutet. Er ist sicherlich stark, aber nicht stärker als Ihre Mutterpflicht. Auf eine Heimlichkeit mehr oder weniger braucht es Ihnen ja nicht mehr ankommen. Das ist eben die eigentliche Erfahrung, die das Leben mit sich bringt. Also, ich glaube mich verständlich gemacht zu haben. Beruhigen Sie und stützen Sie das Kind, und vor allem versperren Sie ihm für immer den Weg zu mir, denn sonst -- Sie wissen, daß ich meinen Weg zu Ende gehe!
In alter Hochschätzung Viktor Schwarz.‹
Liese stand ganz verdonnert vor diesem Brief. Die erschreckende Tatsache ließ sie die verkappte Unverschämtheit übersehen. Ihr erster Zorn richtete sich gegen Frau Grunow. Bald aber mußte sie sich sagen: ›Es war ja ganz unmöglich -- dort hatte niemand Berta zu dem Justizrat geschickt.‹ Das Kind mußte von selbst auf die tolle Idee gekommen sein. Ahnungslos hatte es den eigenen Vater nach der Mutter gefragt. Vielleicht auch -- das stand nicht in dem Brief, aber es war immerhin möglich -- hatte es sogar vom Vater seinen Vater erfahren wollen! Viktors Verlegenheit ließ Liese kalt, aber eine jagende Besorgnis konnte sie nicht unterdrücken: wenn Berta wirklich so geworden, wie er sie schilderte, ließ sie auch nicht ab. Schwarz konnte brutal werden. Dann rächte er sich. Dann ging er selbstverständlich ›seinen Weg zu Ende‹. Für Liese aber hieß das noch einmal scheitern, noch einmal vielleicht auf der Straße stehen. Wer dem alten Invaliden die Ehre anrührte, nahm ihm die Besinnung. Er glaubte Lieses Lebensweg zu kennen, ein uneheliches Kind kam nicht über seine Schwelle. Schande ertrug er nicht.
Man war ja wieder in Strelenwalde.
Ratlos ging Liese umher. Tante Sanftleben konnte und mochte sie nicht befragen. So schrieb sie zunächst einen gefaßten und beruhigenden Brief an Viktor Schwarz. Sie versprach ihm, was sie selbst nicht auszuführen wußte. Dann, als sie den Brief zur Post getragen, fühlte sie sich sehr erschöpft. Sie kam in den Laden zurück und sagte zu Adele: »Jetzt schlaf' ich 'ne Stunde. Bitte nicht wecken.«
Adele nickte und setzte sich mit einem Roman hinter den Ladentisch. Wie immer, ließ sie sich von Simba betrachten. Der lange Neger stand in der Tür der Backstube. Es schimmerte in seinen melancholischen Tieraugen. -- »Jetzt ist Mondfest bei uns in Afrika«, sagte er plötzlich. »Da tanzen die Mädchen, und die Männer fangen sie und freuen sich mit ihnen.«
Adele zitterte unter dem Klang seiner Worte: »Das muß ja ein ganz merkwürdiges Fest sein.«
»So komm mit mir -- wir fahren nach Afrika!«
Adele wandte sich heftig ab und starrte in das Buch. Eigentlich war sie schon nahe daran, sich in Simbas schwarze Arme zu werfen. Elendes Leben. Wenn er ahnte ...
Da öffnete sich die Ladentür -- ein Gast erschien. Adele sah ein junges, kindlich wirkendes Mädchen kommen. Sie näherte sich ihm: »Guten Tag. Was darf ich Ihnen bringen, Fräulein?«
Bertas Blick irrte zu dem großen Mohren hinüber. Sie war auf ihn vorbereitet, aber der wilde Ausdruck, den Simba jetzt hatte, erschreckte sie. Von Adele wurde sie nicht befremdet -- zu Gebrechlichen fühlte sie sich immer hingezogen. Die Sympathie schien gegenseitig zu sein, denn Adele nahm ihr mit zärtlicher Sorgfalt Schirm und Mantel ab.
Mit Mühe verbarg Berta ihre Erregung. Nun war sie der Mutter so nahe. Im nächsten Augenblick konnte die Ersehnte eintreten. Berta trank Kaffee und aß Kuchen. All' das diente ihr nur, die Zeit zu verbringen. Es war ja unglaublich -- sie hatte es wirklich gewagt -- sie saß jetzt mitten in Strelenwalde, in der Prutzschen Konditorei, und bei Grunows glaubte man sie mit der Handelsschule in Potsdam. Aber ewig Kaffee trinken und Kuchen essen konnte sie auch nicht. Es hieß jetzt zahlen oder einen Vorstoß wagen. Simba war in die Backstube gegangen -- das fremde Mädchen störte ihn. Berta sah sich mit Adele allein -- sie wandte sich, im Augenblick unbeherrscht, zu ihr: »Ach, Fräulein ...«
»Bitte sehr?«
»Ach, bleiben Sie doch sitzen. Ich wollte nur -- ich möchte nur fragen: Ist Frau Prutz nicht zu Hause? Die Frau Konditor -- ich wollte sagen die Frau Major?«
Adele lächelte: »Die ist schon zu Hause. Oben in der Wohnung ist sie. Möchten Sie sie sprechen?«
»Furchtbar gern ...«
Adele sah Berta betroffen an. Eben wollte sie das Schlummerstündchen der Frau Major erwähnen, da knarrte oben schon die Tür, und Liese trat ein.
Alpdruck hatte sie aus dem Schlaf gescheucht. Sie kam mit verstörtem Blick. Nun glaubte sie noch zu träumen, denn sie erkannte Berta. Aus ihren geheimen Ängsten stieg diese Gestalt in die Wirklichkeit. Liese wich zurück. Bleich und mit verzerrtem Lächeln erhob sich Berta.
»Guten Tag ... Guten Tag, Frau Major ... Sie kennen mich doch noch? ... Ich habe Ihnen Grüße zu bestellen -- aus Berlin -- --«
Krampfhaft faßte sich Liese. Ihr Sorge galt jetzt nur der Lauscherin. Sie kämpfte um den Rest ihres Glücks. Nie und nimmer ließ sie sich überrumpeln.
»Ach ja,« sagte sie, indem ein falsches Lächeln auf ihre vergilbte Miene kam -- »ich erinnere mich. Das ist ja sehr nett von Ihnen, Fräulein. Behalten Sie doch Platz. Ich setze mich zu Ihnen. Adele, es ist hohe Zeit, daß du im Hof die Wäsche 'runternimmst. Geh nur gleich, sonst wird der Herr Major noch böse.«
Ungern gehorchte Adele, aber sie verschwand. Kaum war sie aus Hörweite, als Liese schon schnell auf die erschrockene Berta zuschritt und mit gedunsener Miene flüsterte: »Was fällt dir denn ein?! Wie kannst du mich in solche Situation bringen?!«
»Aber Mutter,« würgte Berta -- »Sie sind doch -- du bist doch -- --«
»Was ich bin, ist eine Sache für sich! Das geht hier keinen Menschen was an! Ich wußte schon, wie du dich benimmst, und offen gestanden hatte ich von dir was anderes erwartet! Jawohl! Ein bißchen mehr ~Dankbarkeit~! Du kannst dir doch vorstellen, warum ich nicht anders handeln kann! Du bist doch kein Kind mehr! Ich werde so gehetzt und gefoltert -- mein ganzes Leben verfluch' ich!«
»Aber Mutter -- Mutter -- was hab' ich dir denn getan?!«
»Zu meinem Rechtsanwalt bist du gelaufen -- der Mann hat sich bei mir beschwert, und jetzt willst du mich hier blamieren -- hier, im Hause meines Mannes, in diesem Klatschnest!«
Berta starrte leichenblaß vor sich hin: »Blamieren will ich dich nicht, Mutter.«
»Es ist aber nichts Anderes! Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern! Ein für allemal! Es liegt in den Verhältnissen! Das Leben geht weiter! Daß ich das Meinige an dir getan habe, das weißt du doch! Laß es dir endlich genug sein, hab' doch Erbarmen und geh' mir aus dem Wege! Ich ersticke ja!!«
Rastlos stand Berta vor diesem Ausbruch. War das noch ihre Mutter?
»Um Gottes willen,« flüsterte sie -- »Sie haben mich mißverstanden ... Es liegt mir selbstverständlich fern ... Ich dachte bloß, meine Mutter ... Ich bin doch schließlich auch ein Mensch. Ich kann doch nichts dafür, daß ich auf der Welt bin.«
Jetzt starrte Liese wie erwachend auf das gebeugte junge Geschöpf. Namenloses Mitleid entbrannte in ihr, nicht Mutterliebe. Aber sie fand noch diese Worte: »Kind, ... Du mußt mir nicht so böse sein -- du mußt versuchen, mich zu verstehen. Ich weiß, daß du es schwer hast, aber das gerade wird dir auch die Kraft geben, durchzukommen. So ist das Leben. Sieh mal, was nützt es dir denn, wenn der Mann, von dem ich jetzt abhänge -- wenn du dem noch den letzten Frieden nimmst? Er darf es ja nicht wissen, daß du auf der Welt bist -- er versteht so was nicht, er ist zu alt und zu krank. Und darum versprich mir --«
»Was denn?«
»Versprich mir, daß wir uns nicht mehr begegnen werden, nie mehr, solange er lebt --«
»Wenn du das willst, Mutter --«
»Es muß sein -- sonst machst du mich wieder unglücklich.«
»Dann sage mir doch wenigstens, wer mein Vater ist.«
»Das darf ich ja auch nicht, Berta. Frage nicht, warum. Es ist ein Verhängnis. Wenn ich es dir sage, dann stellst du ihm nach, und dann rächt er sich an mir -- ich muß es ausbaden.«
»Kann ich ihn denn überhaupt -- erreichen?«
Liese wandte sich ab. -- »Nein -- du kannst ihn auch nicht erreichen.«
»Ist er so weit weg? Vielleicht in Amerika?«
»Ich weiß es nicht. Ich kann dir das alles nicht sagen. Aber du mußt mir jetzt versprechen -- so wahr du mein Kind bist --, daß du auch nach deinem Vater nicht mehr fragst. Tu's, Berta, -- tu's aus Mitleid mit deiner Mutter!«
»Also -- ganz alleine wollt ihr mich lassen?«
»Das ist nicht so traurig, wie du jetzt denkst. So steht der Mensch auf eigenen Füßen, Berta.«
»So steht der Mensch --«
»Versprichst du mir?«
»Ja, Mutter. Wie du willst.«
»Gib mir die Hand!«
Sie berührte nur mit ihren kalten, leblosen Fingerspitzen die Hand der Mutter und lief dann aus dem Laden. Drei Stunden hockte sie noch zwischen schwatzenden und lachenden Menschen auf dem Bahnhof. Endlich fuhr sie nach Berlin zurück.
SECHZEHNTES KAPITEL
»Sie wird ein hübsches, aber ein trauriges Ding«, sagte Fräulein Milchner, die Lehrerin.
»Ja, ja.« -- Frau Grunow stimmte düster bei. -- »Sie ist 'ne Zimmerpflanze. Übrigens, hoffen tu' ich doch drauf, daß sie mal einen findet. Es gibt doch Männer, zu denen so was paßt. Außerdem hat sie's in sich. Das Blut von die Mutter -- Sie können sich schon denken. Tanzen tut sie wie der Deibel.«
»Ein Fehltritt wäre jedenfalls zu bedauern«, meinte Fräulein Milchner. »Leider bietet sich ja die Versuchung in Berlin auf Schritt und Tritt.« --
Fräulein Milchner hatte recht, aber Berta wußte es noch besser. Sie war nun achtzehn Jahre alt und steckte schon in der kleinen Welt, die aus der großen Freude und Inhalt sog. Lange war sie von ihren geheimen Kämpfen umdüstert geblieben und schlich unbeachtet zwischen den Kameradinnen der Handelsschule. Sie wollte nicht gefallen. Immer trug sie seit dem Tage in Strelenwalde die scharfe Brille, und wenn sie ihre kleine Gestalt im Spiegel betrachtete, glaubte sie ernstlich an einen Buckel. Gezeichnet war sie, wie das arme Fräulein in der Konditorei. Sie trug es nur schwerer und tiefer -- sie hatte die Last im Gemüt.
So sah sie es in trüber Verachtung mit an, wie die Mädchen um sie her erhaschten, was auf dem ungeheuren Markt erreichbar war. Man hatte sie gern, weil man sie für sehr anständig hielt, man bedauerte sie auch, aber es fand sich keine Freundin zu Berta. Der Arbeitstag war lang, der freie Abend des Genusses kurz. -- Niemand wollte sich von einer ›Unbegabten‹ aufhalten lassen.
Aber man tat ihr unrecht. Sie verkannte ihn nicht, den Tanz der Motten um das große Licht. Eigentlich spürte auch sie da drüben ein Vergessen, die Entschädigung für alles, was an ihr gesündigt worden. Aber eine Überzeugung, die sie nirgends aussprach, hielt sie auf dem reinen, dunklen Wege. Gerade die Rechtlosigkeit gab ihr den Mut, das Recht zu suchen. Erst wenn sie es hatte, glaubte sie leben zu dürfen.
So störte und kränkte sie es fast, als das männliche Geschlecht nicht ihrer Meinung blieb, daß sie eine Mißratene war. Trotz ihrer Brille wurde sie immer wieder betrachtet, und es kamen deutliche Zeichen, daß sie mehr gefiel als lebenslustige Kameradinnen. Ihr voller Mädchenmund, der nach dem ersten Kuß zu dürsten schien, lockte. Die Energie ihrer Züge und die dunklen, etwas krankhaften Augen versprachen mehr als Dutzendmädchen. Sie trug ein Zeichen, von dem sie noch nichts gewußt: sie war ein Kind der Liebe.
Als sie ihre Wirkung auf das andere Geschlecht spürte, wurden ihre Wege zur Flucht. Kopfschüttelnd sah man sie mit finsterm Blick vorbeistolpern. Sie galt bei den Mädchen für etwas verrückt. Der Teufel in der männlichen Jugend aber beschloß eben, eine Hetze auf sie zu veranstalten, als die Rettung von einer lichten Stelle kam, die Berta noch gar nicht gesehen hatte. Sie lebte aber schon lange in ihr -- ihr ratloses Gemüt wurde für die Kunst empfänglich.
Alfons Grunow verhalf ihr endlich zu einem wirklichen Trost. Er sah zwar auch in der Kunst nur Tendenz -- er war Mitglied eines sozialdemokratischen Volksbühnenvereins und ließ sich von der Bühne predigen. Doch Berta empfand ›Kabale und Liebe‹ ganz anders als er. -- Auch ›Die Weber‹ rührten sie tief und wühlten mehr ihre Verlassenheit auf, als daß sie die Anklage des Kapitalismus hörte. Bei der Musik aber ließ Alfons, ihr Begleiter, sie noch mehr allein. Sie wußte keinen Wunsch zu äußern, und so führte er sie dorthin, wo es ihm gefiel. Zum Glück handelte es sich auch um die populären Konzerte in der Philharmonie, zuweilen sogar um Richard-Wagner-Abende. Hier konnte man rauchen und Bier trinken -- Alfons spendierte Berta einen Heringssalat. Sie wurde aber von dem gemischten Programm verwirrt. Gern hätte sie einmal mehr von einem gewissen Beethoven gehört. Doch Alfons fuhr ihr über den Mund und achtete nur auf Ouvertüren und Solistenstücke.
Immerhin, es war ein Tappen in besserer Luft. Versöhnung kam mit dunklen Leiden, Begegnung mit hohen Gefühlen. Berta ließ zu Alfons' Arger immer ihr Bier stehen, da sie wirklich zuhörte. Sie liebte auch allmählich die Menschen mehr, da sie ihre musikalische Andacht sah. Irgendwo mußte auch sie noch geliebt werden. Vater und Mutter konnten nicht ganz fern sein. Wie edle Schemen zogen sie im Rausch der Töne vorbei.
Mit einem jungen Mann, der in der Philharmonie neben ihr saß, kam sie eines Abends ins Gespräch. Er hatte blondes Haar und eine kühne Nase -- seine blauen Augen leuchteten. Berta fand ihn schön -- zum erstenmal stellte sie das bei einem Manne fest. Er sprach zwar einen drolligen Dialekt, aber er überraschte sie durch die freimütigsten Äußerungen. Alfons hörte nicht zu. Der junge Mann hatte vermutlich keine politischen Interessen -- außerdem war er ihm zu bürgerlich. Berta aber staunte über die musikalischen Kenntnisse des Fremden. Da der Zigarrenrauch ihr beizend in die Augen stieg, nahm sie plötzlich die Brille ab. Da sah ihr Nachbar sie ganz betroffen an und sagte: »Lasse Sie doch bitt' scheen die Brill' da drunte, Frailein. Jetzt sieht man ja erscht, was für scheene Auge Sie habe.«
Berta wurde sehr rot und erwiderte lächelnd: »Ich bin aber schrecklich kurzsichtig. Ich bin halb blind ohne Glas -- besonders auf der Straße.«
Da sagte er mit einem Ausdruck, dessen Anmut sie nie vergaß: »Lieber möcht' ich Sie für immer fihre, als jemals wieder die abscheuliche Brill' auf Ihrem Gesicht sehe.«
Berta zitterte, sie hätte ihren Kopf auf seine schmalen Hände legen mögen. Nun wechselten sie kein Wort mehr. Nach dem Konzert empfahl sich der junge Mann. Berta fühlte, daß sie ihn nicht wiedersehen würde. Aber von nun an trug sie keine Brille mehr. Heimlich kaufte sie sich ein Lorgnon mit langem Stil, wie Onkel Tübbeke es ihr schon angeboten hatte. Man spottete über sie, aber sie kümmerte sich nicht darum.
Bei dem Jubiläum der Handelsschule sollte ein Festakt mit lebenden Bildern aufgeführt werden. Lehrer Hupfer, der Dichter des Spieles, wählte die Schönheiten unter den Schülerinnen aus. Berta dachte keineswegs in Betracht zu kommen, aber sie drückte sich für alle Fälle in die letzte Reihe, um nicht beachtet zu werden. Ein seltsamer Schreck befiel sie aber, als der scharf blickende Herr Hupfer rief »Bitte, Fräulein Prutz, warum verkrümeln Sie sich? Man immer 'ran zum Dienst der guten Sache! Wir brauchen schöne Figuren -- das ist die Hauptsache! Sie sind zwar eine ~kleine~ Tanne, aber eine Tanne sind Sie doch, eine richtige Edeltanne!«
Unter gutmütigem Gelächter wurde die Verlegene hervorgezogen. Sie mußte eine Elfe von des Dichters Gnaden übernehmen. Das hatte sie nie für möglich gehalten. Sie machte aber ihre Sache bei der Aufführung so gut, daß der eigentliche Erfolg des Abends ihr zufiel.
Diese Erfahrung stärkte ihr Selbstbewußtsein mehr als alles andere. Der Ernst ihrer sehnsüchtigen Vereinsamung war nicht von ihr genommen, aber er verband sich jetzt mit der Koketterie eines Mädchens, das von seiner Anziehungskraft wußte. Oft wurde Berta auf der Straße nun angesprochen, aber sie haßte solche Angriffe unter dem Mantel der Dunkelheit -- jeder Mann, der so vorging, erschien ihr feig und gewöhnlich. Sie hörte auf keinen -- trotzig schritt sie weiter.
Freilich waren die meisten Mädchen anderer Art. Man dachte ans Vergnügen, nicht an Sitte. Wer sich abkehrte, versäumte seine Jugend. Berta erkannte nun erst, da sie selbst mitzählte, die naive Verderbtheit ihrer Kameradinnen. Alles lebte um sie her in eitler Hast, im Nichtversäumenwollen. An den Hafen der Ehe glaubte man nicht, und wenn es dazu kam, glich es dem Abschied von der goldenen Freiheit. Man kroch unters Joch, um ›versorgt‹ zu sein.
Berta hatte sich die arbeitenden Frauen anders vorgestellt. Ein ödes Tagespensum wurde für den abendlichen Genuß erledigt. Sie ließ sich allmählich mitziehen, stutzte aber noch vor wirklicher Gefahr. Es geschahen schlimme Dinge um sie her -- ein frisches, junges Ding starb an Abtreibung, und ein anderes kam als Kindesmörderin vor Gericht. Zum erstenmal wurde Berta vom Grauen gepackt, jetzt sah sie die eigentliche Gewalt des Lebens. Ihre Sehnsucht nach Vater und Mutter verblaßte dagegen. Es gab eine Rechtlosigkeit, die viel vernichtender war.