Part 12
»Nein, Herr Justizrat«, erwiderte der Schreiber, gekränkt -- »die kenn' ich doch auch, die Dame aus Strelenwalde, nicht wahr? Aber die Dame draußen, das ist überhaupt noch keine Dame, das ist höchstens ein Mädel von vierzehn Jahren.«
Dem Justizrat fiel der Kneifer auf den Schreibtisch: »So alt erst -- taxieren Sie sie? Und sie behauptet, sie heißt Prutz?«
Herr Rudorff verbiß sich das Lachen: »Jawohl. Dagegen kann man ja nichts machen.«
»Nein, nein -- selbstverständlich nicht -- der Name kommt ja öfters vor -- hm ... Na, lassen Sie sie eintreten. Oder warten Sie mal -- in zehn Minuten -- ich habe hier noch was -- -- sie möchte sich noch zehn Minuten gedulden!«
Der Schreiber ging in das Vorzimmer zurück. Was war denn mit dem Alten heute? So hatte er ihn noch nie gesehen.
Viktor Schwarz lief in seinem Zimmer umher. Jetzt überstürzte sich sein altgewohnter Monolog. Er spürte einen heimtückischen Angriff. Und jetzt gerade, wo er in Berlin den Gipfel erstieg -- wo er in der Philharmonie vor dem ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹ sprechen wollte ... Da kam ihm dieses Wesen? ... Aber es konnte ja auch ein Zufall sein. Der Name Prutz war durchaus nicht einzigartig. Wer wußte, welche harmlose Sache das fremde Mädel zu ihm führte? Er hatte sich wohl wieder einmal umsonst aufgeregt.
Jedenfalls war es unklug von ihm, daß er sie vorließ. Doch eine Abweisung konnte erst recht auffallen. Rudorff wußte, daß er jetzt nicht beschäftigt war. Eine Klientin unmotiviert fortschicken? Das war unmöglich. Er mußte es wagen. Gewaltsam stellte er seine kalte Ruhe her. Es konnte ja gar nicht sein. Diskret war Liese und vor allem: sie fürchtete ihn. Der Major war noch schlimmer als der Baron. Entschlossen ging er auf die Tür zu: »Bitte sehr!«
Das Mädchen stand in seinem Zimmer. Es erschien ihm zuerst sehr kindlich. Dann aber sah er ihm ins Gesicht und erkannte, daß es älter war, ja gerade so alt, wie er unwillkürlich nachrechnete. Es war ein hübsches Ding -- das freute ihn irgendwie. Im nächsten Augenblick ärgerte er sich über seine Freude.
»Nehmen Sie bitte Platz. Womit kann ich Ihnen dienen, Fräulein?«
Bertas Gedankenflucht stockte. Sie mußte jetzt ihr pochendes Herz bezwingen. -- »Herr Justizrat,« stammelte sie, indem sie ihn mit kindlicher Andacht ansah -- »ich heiße nämlich Prutz ...«
»Das weiß ich. Davon habe ich schon Kenntnis genommen.«
»Ja und eben -- ich wohne nämlich bei Frau Grunow -- der ihr Pflegekind bin ich ...«
Viktor Schwarz trommelte nervös: »Aha -- so, so ... Und was hat dieser Umstand -- verzeihen Sie, liebes Kind -- mit Ihrer Angelegenheit zu schaffen?«
»Oh, viel -- denn sehen Sie, Herr Justizrat, Frau Grunow ist nämlich die Schwester von Herrn Tübbeke ...«
Der Justizrat zuckte: »Von meinem Bureauvorsteher?«
»Ja, freilich -- deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«
»Hm ... So ... Sie sind also die Pflegetochter? Er erwähnte es mir einmal. Es freut mich jedenfalls, daß Sie sich an mich wenden. Freilich -- Sie sind doch wohl noch minderjährig?«
»Ich bin sechzehn Jahre.«
»Sechzehn ... hm. Nun, das macht ja nichts. Mit dem Vormund kann ich mich ja später in Verbindung setzen. Wer ist Ihr Vormund?«
»Fräulein Ottilie Sanftleben in Strelenwalde, Herr Justizrat.«
Berta glaubte, daß dem nervösen Herrn diese Vormundschaft nicht recht war. Warum zuckte er so? Sie fügte schnell hinzu: »Ich kenne sie übrigens kaum.«
Viktor Schwarz schneuzte sich: »Das macht ja nichts ... Das macht garnichts ... Hm. Darf ich jetzt fragen, wie Ihre Frau Mutter heißt? Denn es handelt sich doch wohl um Ihre Frau Mutter?«
»Eigentlich auch um meinen Vater, Herr Justizrat. Aber den kenn' ich nicht. Ich weiß nicht mal, wie er heißt, und wo er wohnt. Meine Mutter kann ich jetzt leider auch nicht besuchen. Aber ich kenne sie, und sie heißt jetzt Frau von Rotkraut, Frau Major von Rotkraut. Sie wohnt auch in Strelenwalde.«
Berta hatte das letzte mit einem gewissen Stolz auseinandergesetzt. Es tat ihr doch wohl, daß sie keine so Hergelaufene war.
Viktor Schwarz rieb seine kalten Füße an dem Bärenfell, das unter dem Schreibtisch lag. Er wollte jetzt endgültig sichergehen: »War der Mädchenname ihrer Mutter Prutz? Stammt Ihre Mutter vielleicht aus Strelenwalde?«
»Jawohl, Herr Justizrat. Sie kennen sie doch? Sie sind doch ihr Rechtsbeistand? Oder nennt man's nicht so?«
»Doch -- freilich, liebes Kind -- so nennt man's ... Hm ... Ja -- nun hab' ich doch mal die Tochter vor mir! ... Freut mich sehr! Freut mich wirklich!«
Er versuchte einen launig gutherzigen Ton anzuschlagen. Ganz gelang es ihm nicht. Berta hatte scharfe Ohren. Sie spürte verwundert seine Erregung. Dann geschah etwas Sonderbares: Viktor Schwarz hatte den Kneifer abgenommen und setzte ihn wieder auf. Sofort zogen sich seine schwarzen, kurzsichtigen Augen hinter den scharfen Gläsern zusammen. Das erinnerte Berta an eine eigene Eigenschaft, die ihr zum Mißgeschick zu werden drohte. Sie wurde rot und senkte den Blick. Diese Regung verstand er nicht. Er fühlte sich sicherer mit seinem Kneifer und sagte im bewährten Brustton: »Nun haben Sie mal volles Vertrauen zu mir, liebes Kind. Nun sagen Sie mir rückhaltlos, um was es sich handelt.«
Berta zwang sich, ihm wieder in die Augen zu sehen: »Ach, Herr Justizrat -- es wird Ihnen wohl ein bißchen komisch vorkommen --«
»Komisch? Aber durchaus nicht!«
»Es ist nämlich -- ich habe nämlich keinen Menschen auf der Welt.«
Sie ärgerte sich, weil ihre Stimme brach -- sie wollte nicht weinen. Mit einer energischen Bewegung, die ihn merkwürdig an Liese erinnerte, fuhr sie fort: »Frau Grunow ist ja sehr nett und gut zu mir -- und Onkel Tübbeke auch --«
Bei diesem Namen dachte Viktor Schwarz: ›Der alte Schuft! Der hat mir das Balg verheimlicht! Den Schleicher werde ich mir mal kaufen!‹ Aber er nickte Berta aufmunternd zu.
»Es ist nur -- die Leute verstehen einen eben nicht. Das sind eben keine gebildeten Leute. Ich gehe auf die Handelsschule, ich lerne Französisch und Englisch, ich will Buchhalterin und Korrespondentin werden.«
»Brav, brav«, sagte Viktor Schwarz.
»Nur immer bloß arbeiten -- daraus besteht ja das Leben nicht, Herr Justizrat. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke. Man möchte auch sozusagen was fürs Herz. Ich meine -- Gott, nun lachen Sie mich gewiß gleich aus. Um Jungens kümmere ich mich natürlich nicht. Das tun die andern. Aber mit Mutter ist es so traurig -- erst war sie so nett zu mir -- aber dann, wie sie den Herrn Major geheiratet hat, da ist sie ganz kalt gegen mich geworden. Ich kriege sie nie mehr zu sehen. Tante Grunow sagt, ich darf nie zu ihr nach Strelenwalde kommen.«
»Hm ... So ... Weshalb denn? Das versteh' ich eigentlich nicht. Ich kann ja mal mit Ihrer Frau Mutter darüber reden.«
»Ach, ja, Herr Justizrat! Ach, bitte! Denn sehn Sie -- ich kann doch eigentlich nichts dafür, nicht wahr? Ich bin doch nicht schuld, daß ich auf der Welt bin? Das sind doch ganz andre Leute! Und Schande mach' ich meiner Mutter wahrhaftig nicht. Ich hab's immer so schwer gehabt, Herr Justizrat -- ich weiß, was arbeiten heißt und sein Brot verdienen! Und bitter bin ich auch nicht geworden -- im Gegenteil.«
Viktor Schwarz versenkte sich jetzt so in ihren Anblick, daß Berta unwillkürlich zurückwich. Dann aber faßte sie es als wachsendes Interesse auf und sprach in erwachender Beredsamkeit weiter: »Ich dräng' mich auch nicht auf! Nein, wirklich -- das ist gar nicht meine Art! Ich will bloß, was mir zukommt! Aber darauf hat doch, glaub' ich, jeder Mensch ein Recht -- nicht wahr, Herr Justizrat? Es dauert gar nicht mehr lange, dann steh' ich auf eigenen Füßen und brauche nach keinem Menschen mehr zu fragen! Jedenfalls, wenn meine Mutter sich wegen mir geniert -- schön -- das muß sie wissen. Aber man hat ja nicht bloß eine Mutter auf der Welt, sondern auch einen Vater, Gott sei Dank, und deshalb bin ich eben zu Ihnen gekommen, Herr Justizrat!«
Der freundliche Justizrat lehnte sich jetzt in seinem Sessel zurück. Er verfärbte sich, es schien ihm plötzlich nicht ganz wohl zu sein. Doch als er Bertas betroffenen Blick sah, winkte er lächelnd ab: »Fahren Sie nur fort, liebes Kind. Es interessiert mich alles sehr, was Sie mir sagen.«
»Na, das freut mich aber! Gott, Sie sind ja auch der einzigste auf der Welt, mit dem ich darüber reden kann!«
»Und -- warum, liebes Fräulein?«
»Na, weil Sie doch der Rechtsbeistand von meiner Mutter sind! Ich will Ihnen nämlich sagen: Sie stecken alle gegen mich zusammen! Ich bin noch nicht dahintergekommen, wie es zusammenhängt, aber aus keiner Menschenseele krieg' ich 'raus, wer mein Vater ist! Wie 'ne Blinde tapp' ich 'rum! Dabei glaub' ich ganz bestimmt, daß meine Leute zu Hause es wissen! Sie sagen zwar das Gegenteil, aber Gott weiß, wie die geschmiert worden sind!«
Viktor Schwarz schneuzte sich. Das Taschentuch verbarg jetzt seine Züge -- so sagte er gleichsam hinter einem Vorhang: »Und was versprechen Sie sich eigentlich davon, wenn Sie den Aufenthalt Ihres Vaters wüßten? Wäre es Ihre Absicht, sich mit ihm in Verbindung zu setzen?«
Berta wartete erst ab, bis er wieder zum Vorschein kam -- dann rief sie: »Aber selbstverständlich! Was Besseres kann ich doch nicht haben auf der Welt!«
»Kind, Kind -- da kann ich Ihnen wirklich nicht recht geben. Ihr Herr Vater ist doch, wie ich aus Ihren Mitteilungen entnehme, ein vollkommen fremder Mann für Sie, der nur seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommt -- oder ist das etwa auch nicht der Fall?«
»Doch, doch, Herr Justizrat. Er hat immer für mich bezahlt. Aber nun tut er das auch nicht mehr, weil ich doch jetzt sechzehn Jahre bin, und weil nun jede Verbindung mit ihm aus ist, darum will ich um jeden Preis versuchen --«
»Aha, jetzt kann ich mich schon in Ihren Gedankengang hineinversetzen. Ich persönlich würde Ihnen ja entschieden abraten, die Bekanntschaft Ihres Erzeugers zu suchen. Aber der instinktive Vorgang in Ihnen ist mir natürlich klar, und --«
Berta unterbrach den würdigen Herrn zum erstenmal. Sie fühlte, daß es sich nicht schickte, aber jetzt ging das Temperament mit ihr durch: »Warum raten Sie mir ab? Warum, Herr Justizrat?«
»Weil ich Ihnen ziemlich sicher eine schwere Enttäuschung prophezeien kann. Ihr Vater mag sein, wie er will -- eine Jugendtorheit wird man ihm jetzt nicht mehr als Verbrechen anrechnen dürfen -- aber die Stimme der Natur ist nicht in ihm, das steht doch fest -- er fühlt sich nicht als Ihr Vater, und deshalb wird er es niemals sein können!«
Der Justizrat sprach mit solchem Nachdruck, daß seine Worte zuerst niederschmetternd auf Berta wirkten. Dann aber regte sich ein trotziges Gefühl in ihr: Erst wollte sie doch wissen, mit welchem Recht er so sprach. Erst wollte sie klar sehen, was er von ihrem Vater wußte.
»Herr Justizrat -- Pardon -- ich meine doch -- es könnte doch auch ganz anders kommen! ... Das denken sich vielleicht Herr Justizrat bloß so --«
»Oho, liebes Kind! Ich pflege überhaupt nur zu sagen, was ich mir denke! Wenn Sie etwas anderes von mir erwartet haben, wären Sie besser nicht zu mir gekommen!«
Bertas Augen füllten sich mit Tränen: »Ach Gott -- ich bin ja so dumm -- ach, werden Sie man bloß nicht böse, Herr Justizrat! Ich bin ja so unglücklich!«
Jetzt weinte sie doch. Er fühlte sein Übergewicht und sagte tröstend: »Beruhigen Sie sich, liebes Fräulein. Tränen führen hier zu garnichts. Von Bösewerden ist bei mir keine Rede. Wenn ich kein Interesse für Sie hätte, würde ich Sie nicht anhören. Darum zur Sache: Was hoffen Sie von mir in Ihrer Angelegenheit? Welchen Dienst soll ich Ihnen eigentlich erweisen?«
Sie sah ihn ringend an: »Ach, Herr Justizrat -- ich denke mir: Als Rechtsbeistand von meiner Mutter wissen Sie doch, wer mein Vater ist? Sie kennen ihn doch ganz bestimmt?«
Sie war nahe an ihn herangerückt. Jetzt stand Viktor Schwarz plötzlich auf und ging ohne ernstlichen Grund zum Fenster. -- »Nein, ich kenne ihn nicht«, sagte er dort. Seine Stimme klang in diesem Augenblick so eigentümlich, daß Berta etwas Gespenstisches zu hören glaubte. Aber sie sah ihn ja vor sich, wie sonst.
»Ist das möglich?« flüsterte sie mit flackerndem Blick. »Hat denn meine Mutter nie über Vater mit Ihnen gesprochen?«
Er stand dem Fenster zugewendet: »Das wohl. Aber persönlich hatte ich natürlich gar kein Interesse. Ich hatte nur als Jurist zu tun. Und als solcher habe ich mein Amtsgeheimnis zu wahren. Das möchte ich Ihnen zunächst doch sagen, liebes Kind. Ich ~darf~ über Angelegenheiten meiner Klienten keine Auskunft erteilen.«
»Auch -- mir gegenüber?«
»Auch Ihnen gegenüber!«
Berta senkte den Kopf: »Das hab' ich nicht gewußt.« -- Nach einer Weile fragte sie: »Aber er lebt doch?«
»Vermutlich.«
»Und wo? Und wie er heißt?« -- Noch einmal entbrannte ihre flehende Sehnsucht.
Viktor Schwarz zuckte die Achseln -- dann wandte er sich zu ihr: »Ich kann Ihnen wirklich nichts darüber sagen. So leid es mir tut. Aber einen Fingerzeig will ich Ihnen geben: Ich glaube nicht, daß Ihr Herr Vater für Sie erreichbar ist. Ich vermute ihn irgendwo im Auslande. Er steckt in Interessen, die mit Ihnen nicht das mindeste zu tun haben, Hand aufs Herz: viel mehr könnte ich Ihnen auch nicht sagen, wenn ich dürfte. Genügt Ihnen das?«
Berta erhob sich langsam. Sie nickte stumm, machte einen ungeschickten Knicks und ging zur Tür. »Vielen Dank, Herr Justizrat«, flüsterte sie dort noch -- dann war sie schon auf der Treppe. Klare Überlegung kam ihr nicht. Die Enttäuschung war zu überwältigend. Nur zwei sonderbare Empfindungen wurden ihr allmählich bewußt: Sie konnte nicht verstehen, warum der Justizrat so plötzlich zum Fenster gegangen war, und dann das zweite war noch seltsamer: sie sah immer einen Aal vor ich, den Tante Grunow einmal in ihrer Gegenwart auf dem Markt gekauft hatte. Das Tier war bezahlt, aber soviel man sich auch mühte: immer wieder entglitt es den Händen seines Käufers.
FÜNFZEHNTES KAPITEL
Viktor Schwarz trat in das Vorzimmer, als sein Sprößling verschwunden war. »Wann kommt Herr Tübbeke zurück?« fragte er streng.
Schreiber Rudorff spitzte die Ohren. Es klang, als ob auch der Bureauvorsteher etwas ausgefressen hätte: »Seine Schwester hat telephoniert, höchstens drei Tage, Herr Justizrat, dann ist er wieder da.«
Der Gestrenge nickte und zog sich zurück. Sein Verhalten dem alten, abhängigen Manne gegenüber war ihm schon klar. Nun aber galt es die Hauptsache. Viktor Schwarz gab sich keiner Selbsttäuschung hin. Der unverhoffte Zwischenfall hatte, wie man ihn auch ansah, Bedeutung. Er konnte unter Umständen eine ernsthafte Störung seiner Laufbahn bringen. Bei dem ersten Einfall, den ›Rechtsbeistand der Mutter‹ zu besuchen, blieb es natürlich nicht. Berta Prutz zeigte ein seltsames Gemisch von Naivität und Beharrlichkeit. Auch fürchtete der Mann, der nichts unbewußt tat, die Macht des Instinktes. Er hatte sich nicht verraten, aber die Kleine konnte von dem Zusammenhang des Blutes gepackt werden.
Vor allen Dingen mußte er an die nächste Zukunft denken. Der ›Allgemeine Bund zur ethischen Fortbildung‹ war ihm gelungen. Was nach einigen Jahren daraus wurde, konnte ihm gleichgültig sein -- da war er gewiß schon von einer neuen Mode abgelöst. Jetzt aber sollte ihm der Bund zu einem Reichstagsmandat verhelfen. Erste Bedingung blieb: moralische Unantastbarkeit. Der Schein mußte unbedingt gewahrt bleiben. Eine aufdringliche, kleine Proletarierin aber zerriß diesen Schein. Dazu hatte er wirklich nicht auf Heller und Pfennig die Alimente bezahlt. Ja, wenn es ein ganz besonderes Kind gewesen wäre! Mit hervorstechenden Talenten! Man hätte sich mit ihr zeigen, unter Umständen an die Vorurteilslosigkeit der Berliner appellieren können. Talent war ein Freibrief. Aber hier lauerte nur der triviale Durchschnitt. Das Mädchen war ganz hübsch, wenn auch körperlich zurückgeblieben, doch seine notwendige Entwicklung hielt es unrettbar im Gewöhnlichen.
Nein, er wurde jetzt schon ruhiger. Ins Bockshorn jagte man ihn nicht. »Nie!« flüsterte er, während er vor den Spiegel trat und seine Vatermiene betrachtete. »Nie!« wiederholte er dumpf noch einmal.
»Was denn?« fragte eine frische, etwas spöttische Stimme hinter ihm. Er drehte sich schnell um und sah die Frau, die er seine einzige Freundin nannte. Gusti Bernhardi war ihm unentbehrlich -- ihr heller Verstand, ihr sicherer Geschmack konnten ihm immer raten und helfen. Mit wienerischer Leichtigkeit beflügelte sie sein preußisches Strebertum -- sie glaubten sich gegenseitig nicht viel.
Viktor Schwarz wurde von einer Erkenntnis befallen: Dieser Frau mußte er alles sagen. Sie hatte ihm schon oft bewiesen, daß sie das Leben fester anzupacken wußte als er. Sein Vorteil war außerdem der ihre -- deshalb war sie verschwiegen.
Sie hörte ihn an. Was wirklich in ihr vorging, konnte er nicht erkennen. Eine stille, ironische Heiterkeit war in ihr, eine Schadenfreude fast -- sie gönnte ihm den Überfall. Dann zog sie ihn zu sich auf das Sofa und sagte: »Ja, lieber Schatz, mir scheint, die einzige Schuld bei der Sache hat die Frau Major. Sie ist diskret, ja, ja -- du brauchst nicht zu fürchten, daß das Mädel von ihr die Wahrheit hört -- aber mit den Nerven eines Menschen kann man nie rechnen. Ich mein' jetzt die Kleine. Wie du sie mir geschildert hast -- sie kann einem schon leid tun. Es ist ein schrecklicher Unsinn, daß sie so ganz vereinsamt. Wenn das so weitergeht, wird sie noch närrisch, und dann wirst du sie überhaupt nimmer los. Nein, nein, die Mutter hätt' sich ihrer annehmen müssen. Du bleibst selbstverständlich aus dem Spiel, aber das geht nur, wenn das Kind wenigstens eine Mutter hat. Frau von Rotkraut kann doch froh sein, daß es so noch mit ihr gekommen ist. Ihren alten Krüppel kriegt sie schon herum. Wenn das Mädel erst eine Mutter findet, wird ihr der Vater egal. Und dann bist du sie auch los.«
Viktor Schwarz nickte nachdrücklich: »Gusti, ich danke Gott, daß ich dich habe. Nein, lache nicht -- alles, was du mir gesagt hast, unterschreibe ich. Das arme Kind kann einem wirklich leid tun. Ich werde an Frau von Rotkraut schreiben und ihr mal energisch den Standpunkt klarmachen.« -- Er stand auf und küßte Gustis Mund, der immer ein wenig rot gefärbt war. »Du kannst doch alles«, sagte er bewegt.
»Hüte garnieren! Du kannst mehr!« --
Als Herr Tübbeke wieder zum Dienst erschien, wurde er alsbald zum Herrn Justizrat gerufen. Der Bürovorsteher sah einen schweren Tag vor sich, denn Schreiber Rudorff hatte ihm schon Bertas Streich mitgeteilt. Zorn und Mitleid stritten in Onkel Tübbeke. Er sagte sich zwar, daß Berta keinesfalls den Vater erkannt haben konnte -- das hätte man ihr schon angemerkt. Aber der Justizrat konnte ihn unter Umständen für einen Intriganten halten, und das war er wirklich nicht.
»Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer das Pflegekind Ihrer Schwester ist?« fragte Viktor Schwarz mit undurchsichtiger Miene.
Der Alte war ganz betroffen. Er wußte nicht, wie die Frage gemeint war. Bezog der Justizrat sie auf sich oder nur auf Liese Prutz? Er mußte sehr vorsichtig sein: »Ach Gott, Herr Justizrat -- darüber hab' ich eigentlich noch garnicht nachgedacht ...«
»Das hätten Sie aber sollen. Das Mädchen gehört zu den Akten Prutz, die Sie zu verwalten haben. Ich brauche Ihnen doch nicht mehr zu sagen, was die Pflicht eines Beamten ist. Na -- ich will mich nicht weiter dabei aufhalten. Gewesenes ist gewesen -- wir wollen der Zukunft ins Auge sehen. Und da lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, Tübbeke: Nur für den Fall, daß ich Ihrer sicher bin, kommt die in Aussicht gestellte Pension in Frage. Ich sage Ihnen das klar und kalt. Für Ihre Schwester et cetera sind Sie mir verantwortlich. Sie haben mich hoffentlich verstanden? Und nun an die Arbeit. Übrigens, wenn Sie etwas Kräftigung brauchen -- kaufen Sie sich eine Flasche Portwein. Da, mein Lieber« -- --
Berta trug es stumm in sich herum, das Fragen und Forschen, die Gespenster, die sie seit der Stunde bei Justizrat Schwarz verfolgten. Noch war er der Rechtsbeistand ihrer Mutter für sie -- aber er mußte auch noch etwas anderes sein. Klar wurde ihr nichts, Gefühle verdichteten sich kaum zu Ahnungen -- sie fühlte nur das eine: es durfte nicht ihr einziger Besuch bei Justizrat Schwarz bleiben. Trotz Onkel Tübbeke -- sie mußte es noch einmal wagen.
Als sie eben überlegte, wie sie es durchführen könnte, wurde sie von Tante Grunow in die Küche gerufen. Tübbeke hatte seiner Schwester alles gesagt, aber die Worte des Justizrats wirkten in ihm nach -- mit drohender Zähigkeit gab er der alten Frau seine Weisungen. Berta war jetzt eine unheimliche Macht -- man mußte streng und konsequent sein, aber man durfte sie nicht reizen.
Unter dem Eindruck dieser Vorschriften sprach Frau Grunow mit ihrem Pflegekinde: »Ich muß dir mal was sagen, Berta -- was sehr Ernstes --«
»Es wird schon Frühling, Tante.«
Bertas dunkle Augen hatten etwas wirr Verschwimmendes.
»Ja, ja -- davon reden wir jetzt nicht. Sei mal vernünftig. Von Vorwürfemachen ist keine Rede -- ich will bloß, daß wir beide einig sind. Also laß dir gesagt sein -- Onkel und ich -- wir wissen alles.«
»Ich möchte mir einen kleinen Hund kaufen -- dann hat man doch wenigstens was. Bei Lütkes nebenan sind junge Teckel.«
»Hast du'n Vogel, sage mal? Verstehst du kein Deutsch mehr? Onkel und ich, wir wissen, daß du bei Herrn Justizrat warst! -- Aber, wie gesagt, wir wollen ganz vernünftig drüber reden --«
Berta ging hastig durch die Stube: »Ich konnte nicht anders, Tante! Ich hab's nicht mehr ausgehalten!«
»Ja, ja -- das verstehen wir ja -- man immer ruhig Blut! 'n Kind wie du -- das kommt eben auf so'ne Ideen. Du tust uns ja leid -- Du meinst immer, daß du uns nicht leid tust --«
Berta starrte die Tante an. Was war das für ein neuer Ton? Aber sie traute ihm nicht: »Ich weiß bloß, daß ich aus lauter Angst zu ihm hingelaufen bin. Ihr sagt mir ja doch nichts. Ja, wenn ~ihr~ mir mal was sagen tätet ...«
»Was denn? Erlaube mal -- was sollen wir dir eigentlich sagen?«
»Na, wer mein Vater ist! Das wißt ihr doch!«
Sie hatte es herausgeschrien. Eine schwere Pause kam, dann war Tante Grunow gefaßt: »Du hast Ideen im Kopp -- es ist unglaublich. Also an so was denkst du? Nee, mein Kind. -- Dein Vater geht uns garnichts an. Von dem haben wir keine blasse Ahnung. Für den interessieren wir uns nicht im Mindesten.«
»Sei nicht böse, Tante, aber das halt' ich doch für ganz unmöglich!«
Frau Grunow wandte sich ab -- nun stieg doch eine fatale Röte in ihr fahles Gesicht. Nein, lügen war vor diesen Augen schwer. Sie biß lieber ihre Autorität heraus: »Wenn Du glaubst, daß deine alte Tante dir was vormacht -- das ist deine Sache. Eines aber laß dir jetzt gesagt sein: du hast auch Rücksichten zu nehmen! Ich kenn' dich durch und durch, Berta -- daß du Fehler hast, weiß ich -- aber daß du ein anständiges Mädchen bist, daran darfst du mich nicht irremachen!«
Ihre Stimme zitterte. Jetzt hatte sie den richtigen Ton getroffen. Angstvoll sah Berta sie an. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke, daß man sie für unanständig halten könnte. Hier lag ja der Halt ihres Lebens -- sie wollte im Recht bleiben und Unrecht dulden.
»Was meinst du, Tante?« stammelte sie.
»Ich meine -- daß du mal hinter unserm Rücken zu dem Herrn Justizrat gelaufen bist, das lassen wir dir hingehn -- aber das zweitemal wär' unanständig! Onkel hängt von dem Mann ab, Onkel kann seine Stellung verlieren, wenn der Mann sich weiter über dich ärgert! So ist es doch nun mal im Leben! Unsereiner muß kuschen! Der Mann ist der Rechtsanwalt von deiner Mutter, und gerade darum darfst ~du~ ihm nicht auf der Pelle sitzen! Verstehst du denn das noch immer nicht?«
Berta nickte. In Wahrheit hatte sie es nicht verstanden. --